Aus der Wörtersammlung: warten

///

nachtvogel

14

 

 

nord­pol

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : NACHTVOGEL

Eine merk­wür­di­ge Novem­ber­nacht neigt sich dem Ende zu. Ich habe, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, in den ver­gan­ge­nen Stun­den mehr­fach den Ver­such unter­nom­men, einen Vogel von blau­em Gefie­der, der ein paar Run­den durch mei­ne Woh­nung geflo­gen war, auf­zu­fan­gen, das heißt, mei­ne Hän­de in einer Wei­se dar­zu­bie­ten, dass der Vogel auf ihnen lan­den konn­te, ohne auf den Boden zu fal­len. Ich dürf­te eine kurio­se Erschei­nung gewe­sen sein, wie ich mich ver­renk­te, wie ich dem Vogel folg­te, wie ich Geräu­sche mach­te, als könn­te ich in der Spra­che der Vögel spre­chen. Und jetzt ist es bald fünf Uhr und der Vogel ist immer noch hier. Er flat­tert her­um, ein aus­dau­ern­des Geschöpf von der Grö­ße eines Ten­nis­bal­les, oran­ge­far­be­ne Augen, gel­ber Schna­bel, ein sehr beson­de­res Wesen, weil es sich um einen Vogel ohne Füße han­delt. Sicher wer­det Ihr Euch fra­gen, wie es mög­lich sein kann, dass der Vogel ohne sei­ne Füße über­le­ben konn­te, dass er nicht längst in irgend­ei­ner Ecke zer­schell­te, und über­haupt, wie es dazu gekom­men war, dass der Vogel sei­ne Füße ver­lor. Das alles liegt noch völ­lig im Dunk­len. Ich habe kei­ne Ahnung, nicht die gerings­te Vor­stel­lung, sodass ich nun war­ten muss, solan­ge war­ten, bis mir etwas ein­fällt, das noch fehlt, um voll­stän­dig wer­den zu kön­nen. Wie geht es Euch über­haupt? Denkt Ihr noch an die Fra­ge, die ich Euch unlängst stell­te? Ich woll­te wis­sen, ob Ihr dort Oben für die Ewig­keit noch immer leib­lich mit­ein­an­der ver­wach­sen seid? – Euer Lou­is, sehr herz­lich, wünscht einen guten Tag!

gesen­det am
11.11.2010
5.05 MESZ
1512 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

ping

///

lippenstille seidenherz

2

del­ta : 7.28 — Es gebe, notiert René Char in sei­ner Gedicht­samm­lung Lob einer Ver­däch­ti­gen, nur zwei Umgangs­ar­ten mit dem Leben: ent­we­der man träu­me es oder man erfül­le es. In bei­den Fäl­len sei man rich­tungs­los unter dem Sturz des Tages, und grob behan­delt, Sei­den­herz mit Herz ohne Sturm­glo­cke. — Bald ein­mal zwei oder drei Tage schwei­gen, um den Kopf­stim­men stum­mer Men­schen nach­zu­spü­ren. Ich könn­te mich kurz vor Beginn des Silen­ti­ums ver­ab­schie­den von Freun­den: Bin tele­fo­nisch nicht erreich­bar! Oder einen Block besor­gen, Fra­gen zu ver­zeich­nen, sagen wir so: Füh­ren sie in ihrem Sor­ti­ment Hör­ge­rä­te für Engel­we­sen fin­ger­groß? Eine Kärt­chen­samm­lung zu erwar­ten­der Wie­der­ho­lungs­sät­ze wei­ter­hin: Habe vor­über­ge­hend mein Ton­ver­mö­gen ver­lo­ren! — Dass einer, der nach einer trau­ma­ti­schen Erfah­rung ohne Stim­me ist, in drin­gen­den Fäl­len kopf­seits zu brül­len beginnt, dass er in der Lip­pen­stil­le mit den Ohren noch nach gerings­ten Spu­ren eines Geräu­sches sucht. — stop
ping

///

luftzeitpumpen

pic

~ : louis
to : Mr. eliot
sub­ject : LUFTZEITPUMPEN

Mein lie­ber Eli­ot! Ich habe mir heu­te gedacht, man müss­te Bei­zei­ten ein­mal mit einer höhe­ren Instanz dar­über ver­han­deln, ob nicht Lebens­zeit durch Lese­zeit ver­län­gert wer­den könn­te. — Woll­te Dir schon lan­ge schrei­ben. Ich neh­me an, Du wirst vor Mona­ten zunächst Dein War­ten, dann mei­nen Namen ver­ges­sen haben. Oder war es etwa umge­kehrt gewe­sen? Nun, hier bin ich wie­der, Dein Lou­is, jener Lou­is, der in sei­ner Vor­stel­lung Luft­zeit­pum­pen ver­such­te. Um Him­mels­wil­len, ich wer­de doch nicht ganz und gar ver­lo­ren sein, ein selt­sa­mer Gedan­ke, dass ich mei­ner Arbeit nach­ge­gan­gen sein könn­te, ohne bemerkt zu haben, dass mei­ne Exis­tenz in Dei­nem Leben ende­te, ein fer­ner Tod, mein eige­ner. Sam­melst Du wei­ter­hin Her­zen Dei­ner Rechen­ma­schi­nen? Wie geht’s Dei­ner Gelieb­ten? Was macht das Chro­mo­som No 1, hast Du’s bald aus­ge­druckt? — Zwerg­see­ro­sen segeln durch die Luft. Ant­wor­te rasch! Dein Louis

gesen­det am
04.10.2010
23.12 MESZ
887 zeichen

///

quentin crisp

2

romeo : 18.12 — Sams­tag. Regen. Knis­tern­de Fens­ter. Beob­ach­te­te die Film­bio­gra­fie des homo­se­xu­el­len Schrift­stel­lers Quen­tin Crisp vor und zurück. Gegen Ende sei­nes Lebens fol­gen­de Sät­ze: Beharr­lich­keit ist Ihre stärks­te Waf­fe. Es liegt in der Natur von Bar­rie­ren, dass sie fal­len. Ver­su­chen Sie nicht so zu wer­den wie Ihre Wider­sa­cher. Sie tra­gen die Bür­de und haben die gro­ße Freu­de, Außen­sei­ter zu sein. Jeder Tag, den Sie leben, ist eine Art Tri­umph, dar­an soll­ten Sie immer fest­hal­ten. Sie soll­ten sich nicht bemü­hen und ver­su­chen, sich der Gesell­schaft anzu­schlie­ßen. Nein, blei­ben Sie stets da, wo Sie sind. Geben Sie Ihren Namen und Ihre Seri­en­num­mer und war­ten Sie dar­auf, dass die Gesell­schaft sich um Sie her­um bil­det. Denn das wird sie höchst­wahr­schein­lich tun. Schau­en Sie nie­mals nach vorn, wo es die Zwei­fel, und nie­mals zurück, wo es das Bedau­ern gibt. Nein, schau­en Sie immer nach Innen, und fra­gen Sie sich nicht, ob es in der Außen­welt etwas gibt, was Sie wol­len, son­dern ob es Innen irgend­et­was gibt, das Sie noch nicht aus­ge­packt haben. / zitiert nach der Ton­spur des Films “An Eng­lish­man in New York”

///

radare

2

gink­go : 20.58 — Pal­men­gar­ten. Die Son­ne geht gegen sechs Uhr unter, Enten gehen schla­fen. Der Schirm ihrer Augen, der sich regel­mä­ßig öff­net, als wür­den sich in ihren klei­nen Köp­fen Halb­scha­len von Perl­mutt­haut lang­sam dre­hen. Gehen und Kom­men, Wie­der­ho­lung, Rhyth­mus, Rada­re. Trans­fe­rier­te in der Däm­me­rung hand­schrift­li­che Tex­te aus Notiz­bü­chern in die Schreib­ma­schi­ne, das kann man jetzt dru­cken, die Bewe­gung der Sub­way­zü­ge, die sich in den Zei­chen zur Unle­ser­lich­keit fort­setz­te, ver­schwun­den. — Wie spre­chen, wie erzäh­len? — Erin­ner­te mich an den Moment, da ich erfah­ren habe, dass Buckel­wa­le zur Paa­rungs­zeit über eine Spra­che ver­fü­gen, die ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähn­lich ist. Seit­her, von Zeit zu Zeit, die Wie­der­ho­lung der Fra­ge, was ich unter einer ein­fa­chen mensch­li­chen Spra­che ver­ste­hen soll­te, die atem­lo­se Spra­che der Lust viel­leicht oder die Spra­che der Chat­räu­me? Ob eine die­ser mensch­li­chen Spra­chen viel­leicht geeig­net wäre, sich mit­tels einer Pro­ze­dur der Über­set­zung von Wal zu Mensch zu ver­stän­di­gen? Wir könn­ten uns vom Land und von der Tief­see erzäh­len. Eine gran­dio­se Vor­stel­lung, auf hoher See Luft per­lend vor einem Wal zu schwe­ben und zu war­ten und zu wis­sen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder sin­gen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine wei­te­re Fra­ge: Wie heißt Du, mein Freund? — Oder: Ich hör­te von Bäumen!
ping

///

ventilatorpocken

2

nord­pol : 9.16 — Däm­me­rung des Mor­gens. In den blau­grau­en Schat­ten der Häu­ser­spit­zen, die sich über Kreu­zun­gen bewe­gen, scheint die Zeit schnel­ler zu wer­den. Ein Wasch­bär has­tet Rich­tung Cen­tral Park geduckt der Bord­stein­kan­te ent­lang. Am sia­me­si­schen Hydran­ten hält er kurz an, trinkt, dreht sich immer wie­der nach mir um, unsi­cher viel­leicht, weil er bemerk­te, dass ich ihm fol­ge durch die See­wind­luft, die noch kühl ist von der Nacht. Das Rau­schen der Ven­ti­la­tor­po­cken an den Häu­ser­wän­den, sanft. Ver­ein­zel­tes Hupen. Eine Minu­ten­ge­schich­te im War­ten auf Uwe John­sons Wör­ter­licht, die Soh­le der Lex­ing­ton Ave­nue noch ver­schat­tet. — stop
ping

///

juli 14

2

romeo : 22.38 — Stun­de um Stun­de auf Fähr­schif­fen zwi­schen Sta­ten Island und der süd­li­chen Spit­ze Man­hat­tans hin und her. Ein schau­keln­der Ort. Ein Ort, der im Moment mei­ner ers­ten Begeg­nung schon ver­traut gewe­sen war, als ob ich vor lan­ger Zeit gebo­ren wur­de auf einer der brum­men­den Bän­ke, ein frü­her Blick, Schat­ten rie­si­ger Möwen hin­ter Schei­ben, auf wel­chen Salz­kris­tal­le fun­kel­ten, der Klang der Nebel­hör­ner, und wie­der oder immer noch seit­her die­ser rote Ball, den die Bewe­gung des Mee­res über das unte­re Deck der Fäh­re spielt. Heiß und sti­ckig, der Tag mei­ner Notiz, auch über der Upper Bay ruh­te bewe­gungs­los die Luft, bereit zu sin­ken. Lun­ger­te mit Rei­se­schreib­ma­schi­ne auf den Knien hechelnd, Luv­sei­te, her­um und war­te­te. — stop

///

jonglieren

2

romeo : 0.25 — Stand in einer Schlan­ge war­ten­der Men­schen, mach­te Rechen­übun­gen im Kopf. Nach fünf oder zehn Minu­ten kon­zen­trier­ter Arbeit war ich dann so weit gekom­men, ein­zu­se­hen, dass jene Zah­len­grö­ßen, die ich jon­glier­te, mein Denk­ver­mö­gen deut­lich über­for­der­ten. Rech­ne­te bald in mei­nem Notiz­buch notie­rend, mit Blei­stift­zah­len wei­ter vor­an: Ers­tens / Ein Papier­tier­chen, sobald es sei­ne Arme streckt, misst 0,087 mm von Ost nach West. Zwei­tens / 2413 Papier­tier­chen säu­men den Rand eines beschreib­ba­ren leben­den Papiers an sei­ner schma­len Sei­te, 3218 Papier­tier­chen des­sel­ben Papiers an sei­ner län­ge­ren Sei­te. Drit­tens / 7765034 Papier­tier­chen sind Tei­le einer Struk­tur, der ich einen Namen zu geben habe. — Wun­der­ba­re, frü­he Nacht. Ein gro­ßer Frie­den in ange­neh­mer Span­nung. Alle sind sie jetzt da, sit­zen an mei­nen Zim­mer­wän­den und rüh­ren sich nicht. — Guten Morgen!

///

fliegende berge

2

india : 2.24 — Im Schlaf eine inter­es­san­te Erfah­rung der Zeit. Das war ges­tern, nach­dem ich mir vor­ge­nom­men hat­te, eine Zug­fahrt nach Montauk zu träu­men. Statt­des­sen, fei­ne Sache, träum­te ich, Sta­nisław Lem habe mir einen Brief geschrie­ben. Und weil ich die klei­ne Geschich­te nun ganz genau erzäh­len möch­te, muss ich an die­ser Stel­le notie­ren, dass Herr Lem im Nacht­ge­sche­hen kei­nen unmit­tel­ba­ren Kon­takt auf­zu­neh­men ver­moch­te, dass viel­mehr ein geheim­nis­vol­les Büro den ers­ten und ein­zi­gen Buch­sta­ben einer Nach­richt mit dem Hin­weis über­mit­tel­te, ich müs­se mich fort­an gedul­den, da die Zeit der jen­seits Leben­den sehr viel lang­sa­mer ver­ge­hen wür­de, als die Zeit der dies­seits leben­den Men­schen. Mit einem wei­te­ren Zei­chen, einem zwei­ten Zei­chen des Brie­fes, sei im Juni, und zwar doch im Juni des lau­fen­den Jah­res, zu rech­nen. Ich wach­te dann auf und war fröh­lich und mach­te mich unver­züg­lich an die Beob­ach­tung eines Nach­rich­ten­schat­tens, den flie­gen­de vul­ka­ni­sche Mikro­ge­bir­ge der­zeit über Euro­pa erzeu­gen. – Abwar­ten. stop. Tee­trin­ken. — stop
ping



ping

ping