nordpol : 1.32 — In der vergangenen Nacht habe ich eine E‑Mail notiert. Es war kurz nach drei Uhr. Die Frau, an die ich schrieb, lag vermutlich in einem Bett und schlief. Dass ich an Menschen schreibe, die in dem Moment, da ich notiere, schlafen, ist für mich nicht ungewöhnlich, weil ich immerhin wache, während alle anderen in meiner europäischen Umgebung schlafen. Gestern aber hatte ich ein seltsames Gefühl. Ich meinte, mit der schlafenden Frau unmittelbar sprechen zu können, in dem ich notierte. Ich wusste, dass sie bald aufstehen würde, weil sie gegen 4 Uhr einer wichtigen Aufgabe nachzugehen hatte. Ich notierte: Liebe H., es ist kurz nach drei Uhr. Leider musst Du bald aufstehen. Aber das weißt Du vermutlich gerade noch nicht. – In diesem Moment hörte ich auf zu schreiben, ich war mir nicht sicher, ob ich nicht vielleicht gerade Unsinn notierte. Plötzlich die Frage, ob man davon sprechen kann, dass man im Schlaf etwas weiß, obwohl man gerade daran nicht denken kann, weil man von etwas Anderem träumt? Ich dachte: Lieber Louis, aber natürlich weißt Du, dass in Deiner Küche Scheiben einer Entenbrust darauf warten, verzehrt zu werden. Du weißt das genau seit zwei Stunden, obwohl Du Dich seither in Gilles Leroys Roman Zola Jackson vertieftest. Ja, so dachte ich. Auch erinnerte ich mich an eine Winterfliege, die seit gestern Morgen durch meine Wohnung brummt. Vor drei Minuten habe ich von ihrer Existenz scheinbar nichts gewusst, weil ich mich nicht erinnerte, als wäre sie niemals anwesend gewesen. Irgendetwas ist seltsam hier. — stop
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Aus der Wörtersammlung: warten
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alpha : 22.08 — Ich besitze zwei Schreibmaschinen, eine kleine, flache und eine größere, schwere Schreibmaschine. Nun ist das so: In dem Moment, da ich beide Schreibmaschinen als Lebewesen betrachte, meine ich differenzierend davon sprechen zu können, dass es sich bei jener kleineren, reisenden Schreibmaschine einerseits, um eine nervöse Maschine handelt, die kaum jemals zur Ruhe kommt, während meine zurückbleibende Schreibmaschine andererseits, ein vornehmlich stationäres, ein gelassenes, schlafendes Leben führt. Seit einigen Wochen bereits, bei Tag und bei Nacht, kommunizieren beide Schreibmaschinen über größere oder kleinere Entfernungen hinweg. Meine reisende Schreibmaschine erzählt der schlafenden Schreibmaschine beispielsweise Geschichten, die wiederum ich selbst mit Händen notierte. Das ist deshalb möglich geworden, weil meine schlafende Schreibmaschine nicht wirklich schläft, sondern halb schlafend darauf wartet, angesprochen, das heißt, geweckt zu werden. Zu diesem Zweck wendet sich meine reisende Schreibmaschine zunächst an zwei entfernte Servermaschinen, an eine mir unbekannte, geheime Maschine, sowie an eine mir vertraute Maschine, die sich nahe der Stadt San Francisco unter weiteren halb schlafenden Maschinen befinden soll, um meine Geschichte dort abzulegen, sodass diese Geschichte von der Sekunde ihrer Übertragung an vierfach existiert, auch eben dort, wo sie zunächst erzählt worden war, sehr flüchtig in meinem Kopf. Nun ereignet sich folgendes, dass nämlich jene Servermaschine nahe San Francisco unverzüglich mit meiner stationären, mit meiner halb schlafend wartenden Schreibmaschine telefoniert, um meine Geschichte dort in einer fünften Version einzulagern, so dass meine reisende Schreibmaschine der zurückgebliebenen Schreibmaschine in Minutenfrist wieder sehr ähnlich geworden ist. Eine Routine, deren Vollzug ich mir in diesen Tagen gerne vorstelle, wie im Dunkeln eines weit entfernten Zimmers das Gespräch der Maschinen sichtbar wird im Flackern eines Diodenlichtes, und hörbar gleichermaßen in der summenden Bewegung eines magnetisch schreibenden Stiftes. – Sonntag. — stop. — Guten Abend. — stop

tabak
nordpol : 5.52 — Saß am Strand, schleuderte Steine ins Wasser. Für jeden der geschleuderten Steine kletterte ein Mensch aus dem Wasser, es waren ungefähr zwanzig Steine, die ich warf, also zwanzig Menschen. Diese Menschen waren von leichter Gestalt, Menschen, deren Haut aus Pergament zu bestehen schien, sie raschelten, indem sie sich bewegten. In der Nähe eines Waldes, der den Strand zum Landesinneren begrenzte, knieten sie nieder und begannen einander aus der Haut zu helfen. Sie gingen sehr behutsam vor und sie summten und wurden immer leiser, denn unter ihrer trockenen Haut, einer ersten Schicht, lag eine weitere, auch diese Schicht legten sie ab, und immer so fort, bis sie kaum noch zu sehen waren. Zuletzt konnte ich nur noch eine einzelne tabakfarbene Gestalt erkennen, die die Häute der verschwundenen Menschen sorgfältig aufeinanderschichtete und mit Steinen beschwerte. Dann setzte sie sich neben mich. Sie schien zu warten. Ich wachte auf. — stop

ein seltsames buch
echo : 1.18 — Seit zwei Stunden beobachte ich ein Buch, das kein gewöhnliches Buch ist, sondern ein seltsames Buch. Dass es sich um ein seltsames Buch handelt, ist dem Buch zunächst nicht anzusehen, weil es seiner äußeren Gestalt nach, ein übliches Buch zu sein scheint. Dieses hier auf meinem Tisch ist von einer blauen Farbe. Sobald man das blaue Buch in die Hände nimmt, wird man aber spüren, dass das Buch atmet, weil an seiner Rückseite durch feine Lamellen warme Luft auszutreten scheint. Das ist deshalb so, weil sich in dem Buch eine Recheneinheit befindet, ein winziger Computer, der sich mit dem Text oder mit der Geschichte, die sich in dem Buch befindet, beschäftigt. Es handelt sich bei dem Buchkörper bei genauer Betrachtung nämlich um eine Versammlung hauchdünner Bildschirme, auf welchen sich Zeichen befinden, Bildschirme, die man umblättern kann. Was zunächst zu sehen ist, gleich auf welcher Seite das Buch aufgeschlagen wird, sind eben erwähnte Buchstaben oder Ziffern, die sich rasend schnell bewegen, sodass man nicht lesen, vielmehr nur ahnen wird, was sich dort befinden könnte. Es ist dies der Moment, da der Computer des Buches jenen Text, den man mit eigenen Augen gerne sofort lesen würde, zu entschlüsseln beginnt. Ein möglicherweise aufwendiges, zeitraubendes Verfahren. Als ich das Buch kaufte, konnte mir der Händler der verschlüsselten Bücher nicht sagen, wie lange Zeit ich warten müsse, bis der Text des Buches für mich sichtbar werden würde. Es bereitete ihm Freude, ich bin mir sicher, auszusprechen, was ich längst dachte, dass die Entschlüsselung des Textes eine Stunde, einen Tag oder zweihundert Jahre dauern könnte, das sei immerhin das Prinzip, weshalb man ein Buch dieser Art erwerben wollte, dass man ein Buch besitzt, von dem man nicht sagen könne, ob es jemals lesbar werden wird. — Kurz nach Mitternacht. — stop

capote
nordpol : 1.22 — Gegen sechs Uhr rief ich bei Lions Writers Support Services an. Guten Abend, sagte ich, ich benötige dringend einen Capote zum Spazieren am kommenden Samstag. Haben Sie vielleicht einen für mich frei, den Sie mir leihen könnten von 3 Uhr am Nachmittag bis in die Nacht irgendwann? Das Fräulein am anderen Ende der Leitung antwortete: Einen Capote? Bitte warten Sie einen Moment. Also wartete ich. Ich wartete ungefähr fünf Minuten, hörte, wie sie mit irgendwelchen Leuten diskutierte. Ich glaube, sie bedeckte, während sie sprach, mit einer Hand die Mikrofonmuschel ihres Telefonhörers zu. Nach einigen Minuten kehrte sie zurück: Ja, sagte sie, wir haben einen Capote frei am kommenden Samstag. Wo wollen sie ihn treffen? Ich antwortete, dass ich unbedingt am Strand von Coney Island spazieren müsse, Treibgut sammeln, Sturmzeichen notieren, das Meer betrachten, mit Truman über das Wasser sprechen, über digitale Schreibmaschinen, Funkbücher und alle diese Dinge. Treffpunkt also Brighton Beach Avenue Ecke 3th Street! Wird gemacht, bestätigte das Fräulein, Sie wissen schon, Capotes sind nicht ganz billig? Oh, ja, sagte ich, das will ich gerne glauben. Wie viel, fragte ich, was habe ich zu erwarten? — 150 Dollar die Stunde, antwortete das Fräulein. Sie machte eine kurze Pause, um bald hinzuzusetzen, dass sie etwas weniger berechnen würde, weil jener Capote, der für mich reserviert war, bereits für eine Freitagsparty gebucht worden sei. Er wird nicht ganz frisch am Samstag vor Ihnen erscheinen, sagen wir 120 Dollar, wäre das in Ordnung? — Aber natürlich wäre das in Ordnung, ich jubilierte, ein verkaterter Capote, eventuell leicht betrunken, wundervoll! Ich quittierte 1200 Dollar für zehn Stunden und notierte: Spaziergespräch mit Truman Capote. Samstag, 18. Mai, 15 Uhr. Das war also gestern gewesen. Vor wenigen Minuten wurde mir per Kurier eine Gebrauchsanweisung für Herrn Truman Capote übermittelt. Ein Handbuch. 15 Seiten. — stop
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+1 (212) 439–5XXX
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echo : 5.26 — Kurz nach Mitternacht europäischer Zeit führte ich ein Gespräch mit Herrn Hiko Aoi, dessen Telefonnummer ich nicht bekannt geben darf, weil er andernfalls jede weitere Unterredung mit mir für immer vermeiden würde. Es dauerte nicht lange, bis im Haus 818, Lexington Avenue, mein Anruf entgegengenommen wurde. Eine verzerrt klingende Stimme meldete sich, es war die Stimme einer Frau, die sich erkundigte, wer ich sei und was ich von Herrn Aoi wissen wolle. Ich gab meinen Namen zu Protokoll, weiterhin, dass ich dringend eine Frage an Herrn Aoi richten müsse, deren Beantwortung für mich dringend sei, und zwar noch in dieser Nacht. Ich ahnte, dass ich zunächst lange warten würde, es handelt sich bei Herrn Aoi um einen hochbetagten Mann, der sich sehr vorsichtig durch seine Wohnung bewegt. Wie er sich dem Telefonapparat näherte, hörte ich seinen Atem, ein feuchtes, rasselndes Geräusch, um mich dann freundlich zu begrüßen. Ich stellte mir vor, dass er vielleicht lächelte. Was gibt’s, Louis? fragte er. Ich erkundigte mich zunächst nach dem Wetter: Wie ist das Wetter bei Euch drüben? Nun, lassen wir das, ich erklärte, dass ich eine Frage haben würde, eine quälende Frage, dass ich nämlich dringend in Erfahrung bringen müsse, ob er, Mr. Hiko Aoi, sich für Fliegentiere interessiere, für die Art und Weise wie sie sich durch die Luft bewegen, wie sie landen, und wie sie schlafen. Ist es denkbar, dass Sie sich vielleicht für fliegende Tiere erwärmen könnten? Herr Aoi lachte. Ich hörte ihn tatsächlich lachen, ein gleichfalls feuchtes, heulendes Geräusch. Der alte Mann bat mich um die Möglichkeit eines Rückrufes. Ich wartete drei Stunden, machte nichts in dieser Zeit als einmal einen Kopfstand. Gegen vier Uhr mitteleuropäischer Zeit klingelte das Telefon. — stop

paris
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sierra : 5.25 — In der Morgendämmerung komme ich an, es ist die Stadt Paris gewesen, Gare de l’Est. Im Zug hatte eine Frau von monströsen Ausmaßen neben mir Platz genommen, presste mich gegen eine Wand des Abteils, ich konnte kaum atmen, und wie ich den Bahnhof verlasse, folgt sie mir. Ich gehe westwärts Richtung Montparnasse. Plötzlich sitze ich in einem Café, in dem alle Gegenstände von Holz sind. Der Boden, die Wände, Stühle, Tische, auch die Teller, Servietten, Tassen und die Blumen in ihren hölzernen Gefäßen, das Wasser der Vasen, der Kaffee, selbst die Frau, am Nachbartisch, die sich freundlich nach einer Zigarette erkundigt, scheint zu größeren Teilen aus Holz zu bestehen, Hals, Stirn, Wangen, Arme und Hände, eines ihrer Augen. Auf dem Tisch vor mir sitzt eine Ameise. Sie bewegt sich kaum. Ich weiß, dass sie zu mir gehört, ich habe sie gekauft. Der Mann, der mir die Ameise verkaufte, steht auf der Straße vor dem Café und spricht mit jener Frau, die mir folgt. Er trägt einen Hut, eine Melone, die Frau scheint weiterhin zu wachsen. Beide schauen in meine Richtung, sie lachen. Dann kommt der Mann zurück. Er schüttet eine Handvoll Sultaninen auf den Tisch, sagt, dass ich die Früchte in Scheiben zerlegen solle, weil Ameisen, gerade diese Ameise, die zu meinem Eigentum geworden ist, Sultaninen bevorzugt verzehren würden. Das kleine Tier ist sehr kostbar. Es ist eine Ameise, die ihr Leben heimlich mit Samuel Beckett geteilt haben soll, ich habe das schriftlich, eine Ameise mit einem wundervollen Gehirn, sie ist sehr alt, verfügt über Ohren und spricht mit den Fühlern. Ich weiß nicht, wie ich die Ameise transportieren soll, deshalb wache ich auf und wundere mich, weil ich kein Licht sehe. Aber ich spüre die Schritte einer Ameise auf meinem Bauch. Sie läuft kreuz und quer, bald sitzt sie unterhalb meines linken Auges. Das Tier scheint zu warten. — stop

fingergeschichte
india : 6.14 — Nehmen wir einmal an, irgendwann in den kommenden Jahrzehnten würde es möglich sein, einen Laden zu betreten wie man heute eine Apotheke betritt, um sich einen sechsten Finger für die rechte Hand zu bestellen. Oder ein drittes Ohr, oder ein fünftes Auge, eines, mit dem man schlafen könnte, während alle weiteren Augen das Geschehen in der nächsten Umgebung überwachen. Was darf es denn bitte sein, wird man gefragt. Man antwortet unverzüglich: Guten Abend, ich hätte gerne einen Finger, sagen Sie, wann könnte der Finger einer rechten Hand frühestens fertig ausgewachsen sein? Und schon ist man wieder auf die Straße getreten. Man ist zufrieden, ja glücklich, weil man sich schon lange Zeit einen sechsten Finger wünschte, sie sind nicht ganz billig zu haben, man muss sich einen sechsten Finger sehr wohl überlegen. Aber wenn man den Finger dann verbindlich bestellt haben wird, ist alles ganz einfach geworden. Ein oder zwei Wochen, nicht länger wird man warten, bis man den Finger in sich wachsen fühlt. Es ist ein schmerzloser Vorgang, eine lang erprobte Sache, man hat schon viel vom Wachsen der Finger gehört. Der ein oder andere Freund verfügt bereits über Füße, auf welchen man sehr viel besser stehen kann, als noch zuvor. Auch sind Menschen, die über Ohren gebieten, mit welchen man von den Schultern aus die Welt belauschen kann, längst keine Seltenheit. Irgendwo im Norden soll eine Frau existieren, die fliegen kann, ein Wunsch vielleicht, Legende, aber nehmen wir doch einmal an, es würden bald Läden existieren für fliegende Menschen, oder Läden für moderne Kiemenwesen, wenn doch das Wasser weltweit gegen die Küsten steigt. — Früher Morgen. Dieser kleine Text wurde in einer Straßenbahn notiert. Die Straßen dampfen. Ich bin sehr schön wach geworden, weil ich durchgeschüttelt worden bin. Um mich herum schlafen noch ein paar sehr müde Menschen. Es ist eine sehr alte Straßenbahn. Über uns leuchtet Glühbirnenlicht. — stop
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von den eisbriefen
kilimandscharo : 6.28 — Für ein oder zwei Minuten war ich wild entschlossen gewesen, ein Gründer zu werden, und zwar gestern Abend um kurz nach 22 Uhr. Ich war zum Briefkasten gelaufen, der nicht weit entfernt vom Haus, in dem ich lebe, an einer Wand befestigt ist. Ein Eichhörnchen, natürlich, begleitete mich. Es war sehr kalt, und plötzlich habe ich wahrgenommen, dass ich, wenn es mir möglich wäre, gern Briefe von Eis verschicken würde, hauchdünne Blätter gefrorenen Wassers, die man in kühlende Kuverts stecken und in alle Welt verschicken könnte. Eine wunderbare Vorstellung nachgerade, wie ein Mensch, dem ich einen Eisbrief gesendet habe, in der Küche vor seinem Eisschrank sitzt und meinen Brief für Sekunden studiert, um ihn dann rasch wieder in die Kälte zurückzulegen, damit er nicht verschwindet in der warmen Luft. Ich sollte also bald einmal jene besonderen Eispapiere, ihre Fabriken und Läden erfinden, und Kuverts, und Briefkästen, die wie Kühlschränke funktionieren. Wo man die Briefe sortiert, in einem Postamt, würde man in tiefgekühlten Räumen arbeiten, und alle diese Automobile, nicht wahr, die vereiste Briefware über das Land befördern. Ein Unternehmen dieser Art, wäre eine wirkliche Herausforderung, eine gute und sehr verrückte Sache, so dachte ich am gestrigen Abend. Kaum war ich wieder in meine Wohnung zurückgekehrt, war aus der Gründerzeit bereits eine Erfinderzeit geworden. Und wie ich in diesem Augenblick voller Freude im polaren Zimmer vor meinem Schreibtisch sitze, dampfender Atem, Stift in der Hand, Stift, der mit kaum noch hörbaren Pfeifen Zeichen in schimmernde Eispapierbögen fräst. Ich schreibe: Mein lieber Theodor, ich wollte Dir schon lange einmal einen Eisbrief notieren. Hier nun, wie versprochen, ist er endlich bei Dir angekommen. Ich hoffe, Du hast es schön kühl bei Dir. Wenn nicht, dann ist es sicher schon zu spät und Du kannst nicht lesen, was ich Dir aufgeschrieben habe, dass ich nämlich den Wunsch habe, bald einmal zwei oder drei Tage zu schweigen, um den Kopfstimmen stummer Menschen nachzuspüren. Ich könnte mich kurz vor Beginn meiner Stille verabschieden von Freunden: Bin telefonisch nicht erreichbar! Oder einen Notizblock besorgen, um Fragen für den Alltag zu verzeichnen, sagen wir so: Führen sie in ihrem Sortiment Hörgeräte für Engelwesen fingergroß? Eine Kärtchensammlung zu erwartender Wiederholungssätze weiterhin: Habe vorübergehend mein Tonvermögen verloren! – Es ist eine angenehme Nacht, lieber Theodor. Ich erinnerte einen Satz René Chars, den er in seiner Gedichtsammlung »Lob einer Verdächtigen” notierte. Er schreibt, es gebe nur zwei Umgangsarten mit dem Leben: entweder man träume es oder man erfülle es. In beiden Fällen sei man richtungslos unter dem Sturz des Tages, und grob behandelt, Seidenherz mit Herz ohne Sturmglocke. Dein Louis, ganz herzlich! — stop

von den regenschirmtieren
india : 2.05 – Gestern ist etwas Merkwürdiges passiert. Ich hatte einem Bekannten, den ich lange Zeit nicht gesehen habe, eine E‑Mail gesendet. Kaum war die kleine elektrische Botschaft auf den Weg gebracht, kam eine Antwort zurück. Ich war sehr erstaunt gewesen, ich hatte angenommen, dass sich mein Bekannter viel Zeit nehmen würde, mir zu antworten, immerhin war ich etwas nachlässig, zögerlich darin, ihm zu schreiben. Ich hatte sogar einmal das Gefühl, er könnte vielleicht längst nicht mehr am Leben sein, weiß der Teufel, warum. Die Antwort, die ich erhielt, war folgende gewesen: Guten Tag! Ich habe Deine Nachricht erhalten, bin gerade in Tasmanien, ich werde so bald wie möglich antworten. Um Dir die Zeit bis dahin zu vertreiben, schicke ich Dir eine Geschichte, die Dir vielleicht Freude bereiten wird. Es handelt sich um eine Traumgeschichte, die davon erzählt, dass ich wieder einmal von Regenschirmtieren träumte. Die Luft im Traum war hell vom Wasser, und ich wunderte mich, wie ich in dieser Weise, beide Hände frei, durch die Stadt gehen konnte, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrachtete ich meinen Regenschirm genauer und staunte, weil ich nie zuvor eine Erfindung dieser Art zu Gesicht bekommen hatte. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schimmernden Knochen aufgespannt war, Haut von der Art der Flughaut eines Abendseglers. Sie war durchblutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließenden Regens deutlich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrachtete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unterhalten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schaukelnde Bewegungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nachbarschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es war kurz nach Mitternacht. Es regnet noch immer. — stop



