déjà vu

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gink­go : 1.28 – Wie sich die Dinge wieder­holen. Okto­ber. Ich hat­te vor ein­er Stunde noch meine Fen­ster weit geöffnet. Kurz darauf segelte ein Nacht­fal­ter durchs Arbeit­sz­im­mer. Das Tier war so müde und so schwach, dass es nach­gab und sich der Luft anver­traute. Bald hock­te der Fal­ter auf dem Boden. Ich hob ihn auf und set­zte ihn behut­sam an eine Wand. Er scheint in dieser Minute zufrieden, wenn nicht glück­lich zu sein. Ein paar Dio­den­lichter glühen zu mir herüber. Ob ich den Fal­ter nicht vielle­icht füt­tern sollte, über den Win­ter brin­gen? Er kön­nte 250 Jahre alt, er kön­nte ein Licht­en­bergfal­ter sein. stop. Ein déjà vu. stop. Noch zu tun: stop. Nach anatomis­chen Geräuschwörtern lauschen. stop. Tsching. Tsching. stop

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abschnitt neufundland

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ABSCHNITT Neu­fund­land meldet fol­gende gegen Küste gewor­fene Arte­fak­te : Wrack­teile [ Seefahrt – 1824, Luft­fahrt — 6532, Auto­mo­bile — 53778], Grußbotschaften in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahrhun­dert — 6, 19. Jahrhun­dert – 77, 20. Jahrhun­dert – 1563 , 21. Jahrhun­dert — 548 ], phys­i­cal mem­o­ries [ bespielt — 722, gelöscht : 87 ], Ton­scheiben [ Ben Sidran : Gar­cia Lor­ca 2 ], Öle [ 0.8 Ton­nen ], Prothe­sen [ Herz — Rhyth­mus­beschle­u­niger – 22, Kniege­lenke – 36, Hüftkugeln – 567, Brillen – 563 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 2056 , Größen 38 — 45 : 2317 ], Kühlschränke [ 101 ], Tief­see­tauchanzüge [ ohne Tauch­er – 2, mit Tauch­er – 8 ], Engel­szun­gen [ 17 ] | stop |

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schneelicht

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delta : 0.14 – Von ein­er Reise him­mel­wärts geträumt. Suchte auf Bild­schirm nach Fährschif­fverbindun­gen Athen – San­tori­ni und stieß auf eine selt­same Offerte. Der Text zu ein­er Fotografie, die eine For­ma­tion wilder Gewit­ter­wolken zeigte, lautete in etwa so: Tages­reise ins Jen­seits. Buchen sie noch heute. Flüge ab Lon­don Madrid München, auch an Son­nta­gen, stündlich. Unverzüglich flog ich los. Eine äußerst kurze Reise, ein Wim­pern­schlag nur und das Flugzeug lan­dete in einem schneeweißen Raum ohne jede Begren­zung. Ich erin­nere mich, dass ich eine Flug­be­glei­t­erin, die nahe der Gang­way wartete, fragte, ob es an diesem Ort jemals dunkel wer­den würde, ich könne im Hellen nicht schlafen. Sie antwortete lächel­nd: Wenn Sie hier ein­mal für immer angekom­men sein wer­den, müssen sie nie wieder schlafen. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Ein Buch Julio Lla­mazares’ liegt vor mir auf dem Schreibtisch. Ich habe das Buch geöffnet, um nach einem zärtlichen Satz zu sehen. Der Satz ist auf Seite 4 ein­er feinen Samm­lung erzäh­len­der Stumm­film­szenen zu find­en. Er geht so: Für meine Mut­ter, die schon Schnee ist. — stop
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am mekong

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alpha : 0.01 – An den Ufern des Mekong, zu Kam­bod­scha, soll der Preis je entk­ern­ter Rat­te auf 20 Euro­cent gestiegen sein.
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zeichen 88

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nord­pol : 6.25 – Heftiges Schnee­treiben [ 30 Minuten ] : 567 Zeichen. stop Ver­such über die Stille [ 3 Vari­a­tio­nen ] : 2587 Zeichen. stop Eich­hörnchen [ 2 Wesen, liebkosend ] : 88 Zeichen. stop 1 gelun­gene Nacht. stop Guten Mor­gen! stop
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existenz

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oli­mam­bo

~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekko­la
sub­ject : EXISTENZ

Wie weit Sie wohl gekom­men sind, mein lieber Kekko­la? Sie soll­ten New Hamp­shire längst erre­icht haben. Nach wie vor ersehne ich eine Nachricht, obwohl ich mir ungezählte Male vorgenom­men habe, nie wieder in einem Zus­tand von Erwartung zu leben. Und doch ist das jet­zt so gekom­men, dass ich mich sorge, weil Sie kein Zeichen, nicht das ger­ing­ste Leben­sze­ichen über­mit­teln. Ein Satz, mein Fre­und, eine leere Email würde genü­gen, ich wäre zufrieden, weil ich doch wüsste, dass Sie in der Lage sind, zu lesen, was ich für Sie notiere. Stellen Sie sich vor, in der ver­gan­genen Nacht habe ich mir über­legt, ob Sie nicht vielle­icht reine Erfind­ung sind und Ihre Briefe an mich nur aus­gedacht. Mein lieber Kekko­la, wo auch immer Sie sich aufhal­ten mögen, nehmen Sie wahr, dass ich an Sie denke. Unlängst, das soll­ten Sie wis­sen, stellte ich noch die Frage, wie Tief­seeele­fan­ten hören, was sie miteinan­der sprechen, da doch die Sprechgeräusche ihrer Rüs­sel sehr weit von ihren Ohren ent­fer­nt jen­seits der Wasser­ober­fläche zur Welt kom­men und rasch in alle Him­mel­srich­tun­gen ver­schwinden. Ihr Louis, hof­fend.

gesendet am
10.10.2009
22.38 MESZ
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louis to jonathan
noe kekko­la »


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oktobermond

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marim­ba : 7.12 – Okto­ber­licht, das vom Boden her kom­mend den Him­mel gold­en bemalt. Spazierende Riesen­schat­ten. Vor einem Kiosk sitzt eine afrikanis­che Frau am Bor­d­stein, spricht luftwärts in selt­samen Sprachen, als würde sie mit längst ver­lore­nen Men­schen tele­fonieren. — Ich werde die Rück­seite des Mon­des nie mit eige­nen Augen sehen.
skelette

peter bichsel : lesen macht arbeitsunfähig

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marim­ba : 3.28 – Ich habe der Film­stimme eines Schweiz­er Schrift­stellers zuge­hört, den ich seit vie­len Jahren sehr gerne lese, weil seine Sätze in meinem Kopf ein Gefühl von Klarheit, Frei­heit und angenehmer Küh­le bewirken. Ich weiß, dass das natür­lich Unsinn ist, weil ich mit meinem Gehirn unmit­tel­bar keine Tem­per­a­turen wahrzunehmen ver­mag, und doch immer wieder der Ein­druck polar­er Luft, ein Knis­tern. Der Mann, von dem ich spreche heißt Peter Bich­sel. Er fährt gern ziel­los in Zügen herum, weil er in Zügen sehr gut notieren kann. Ich stelle mir vor, wie die Men­schen des Zuges, Land­schaften, Schienen, Schwellen, Abteile, unmerk­lich zu Teilen ein­er beson­deren Schreib­mas­chine wer­den. Als Kind, erzählt Peter Bich­sel, habe er sich darauf gefreut, ein alter Mann zu sein. Er habe damals nicht gewusst, dass ein Groß­vater nicht ewig ein Groß­vater bleibe, son­dern das Leben noch älter wird, und dass der Groß­vater dann stirbt.
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liu xiaobo und liu xia

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delta : 0.02 – Mit­ter­nacht vorüber. Gle­ich, in weni­gen Minuten, werde ich das Haus ver­lassen und ein wenig spazieren gehen, rüber zu den Wächtern, die vor dem Frank­furter Mes­se­turm Stände anti­quar­isch­er Büch­er umsor­gen. Vielle­icht haben sie schon offenes Feuer in ein­er Tonne entzün­det. — Wie gut die Luft heut riecht! — Gebratene Tauben segeln durch die Nacht und die Straßen­bah­nen fahren jen­seits der Gleise wie sie wollen. Es schneit, aber es schneit rück­wärts, der Schnee fällt zum Him­mel hin­auf. Eine gute Stunde ist das, Schritt für Schritt im Kreis herum zu laufen und an jene Men­schen zu denken, die nicht anwe­send sind, weil sie nicht anwe­send sein kön­nen, weil sie ver­haftet oder weil sie in ihren Häusern arretiert wor­den sind.
lliiuu

ohrlilie

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echo : 5.10 – Dass weib­liche Trompe­tenkäfer fed­er­le­ichte, trans­par­ente Wesen sein soll­ten, die über Ohren ver­fü­gen, welche größer sind als der zen­trale Kör­p­er ihrer selb­st — ein äußerst angenehmer Gedanke ein­er­seits, merk­würdig ander­er­seits. Warum?
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srebrenica

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marim­ba : 14.05 – Zur Zeit unser­er ersten Begeg­nung war Anisha zwanzig Jahre alt gewe­sen, hat­te ger­ade ihr Medi­zin­studi­um aufgenom­men und ging gern spazieren, während ich Fra­gen stellte, zum Beispiel, ob es für sie, eine Mus­li­ma, nicht schwierig sei, men­schliche Kör­p­er zu zer­gliedern. Ich erin­nere mich, auch im Prä­pari­er­saal lief sie gern herum, immerzu musste ich nach ihr suchen und ich suchte gerne, weil sie oft feinsin­nige Gedanken in mein kleines Ton­bandgerät dik­tierte. Ein­mal standen wir in einem Waren­haus vor Fernse­hgeräten. Ein Doku­men­tarfilm wurde gezeigt, Sre­breni­ca, wie die Bürg­er der Stadt an ser­bis­che Trup­pen aus­geliefert wur­den. Eine Weile schaute Anisha schweigend zu. Dann erzählte sie in kurzen Sätzen eine schw­er­wiegende Geschichte. Das dig­i­tale Auf­nah­megerät lief weit­er, während ich ihr zuhörte, weswe­gen ich ihre Stimme bald darauf mit mir nehmen kon­nte, und ich notierte ihre Bemerkun­gen so genau wie möglich. Gestern Abend nun las ich Anisha per­sön­lich vor, was ich damals einge­fan­gen hat­te. Ein selt­samer Moment. Der Ein­druck, dass erst jet­zt, sehr viel später, mit jedem gele­se­nen Wort mein Text authen­tisch wurde. Die Geschichte geht so: Stell Dir Män­ner vor, die Aprikosen­bäume rauchen. Wenn Abend wird zün­den wir Kerzen an, die wir aus dem Öl der Fis­chkon­ser­ven fab­rizieren. Und dann ist Nacht. Mut­ter ste­ht am Fen­ster. Und dann ist Mor­gen und die schw­eren Män­tel, die wir als Nachthem­den tra­gen, sind kalt gewor­den. Anstatt der Hähne unseres Dor­fes, die wir längst gefressen haben, krähen uns Schüsse an. Ich sehe die dür­ren Fin­ger meines Vaters, die in seinem Gesicht nach Auswe­gen graben. Sie kom­men über eine graue Wolldecke spaziert und putzen mir den Ruß von der Nase. Mut­ter ste­ht immer noch am Fen­ster. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich trage einen Kof­fer, der groß ist wie ich. Auf ein­er Wiese bren­nen Kühe.
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balance

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alpha : 10.02 – all of old. noth­ing else ever. ever tried. ever failed. no mat­ter. try again. fail again. fail bet­ter. — Samuel Beck­ett 1981
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weitrufend

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sier­ra

~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekko­la
sub­ject : RADAR

Mein lieber Jonathan. Noch immer kein Zeichen. Aber ich weiß, ich spüre, dass Sie am Leben sind. Deshalb schreibe ich weit­er, über­mit­tle meine Nachricht­en an Sie in der Hoff­nung, dass irgend­wann ein­mal eine Antwort ein­tr­e­f­fen wird. – Vor zwei Tagen von ein­er kleinen Reise zurück­gekom­men, bin ich noch etwas müde, aber froh und voller Zuver­sicht. Ich habe in einem Saal vor Men­schen aus einem Text vorge­le­sen, den Sie bere­its ken­nen. Ich kon­nte meine Zuhör­er nicht sehen, weil mein Gesicht beleuchtet war. Und weil ich sie so wenig hören wie ich sie sehen kon­nte, dachte ich für einen Moment, dass sie vielle­icht aufge­hört haben zu atmen oder ganz ver­schwun­den sind, ohne dass ich ihre Flucht bemerk­te. Ich beobachtete meine Stimme während ich las. Sie war zunächst eine fremde, öffentliche Stimme gewe­sen, ent­fer­nt, aber dann, Wort für Wort, kam sie zu mir zurück. Ja, wie ich langsamer wurde, weil mein Herz sich langsamer, ruhiger bewegte. Wie jene Wörter, in ein­er weit­eren Zeile als der ger­ade beschall­ten Zeile, bere­its hör­bar waren in meinem Kopf. Ihre besän­fti­gende Gegen­wart, mein lieber Jonathan! Und nun bin ich also zurück und denke nach und schreibe Ihnen in der Hoff­nung, dass Sie lesen wer­den, was ich für sie notiere. Ich habe von Ihnen erzählt, wis­sen Sie! Ich habe erzählt, dass ich mich um Sie sorge. Und ich war stolz, von dem ersten Men­schen bericht­en zu kön­nen, der sich mit kün­stlichen Lun­gen verse­hen, in die nor­damerikanis­che Wild­nis wagte. Ja, mein lieber Kekko­la, ich weiß, dass Sie noch am Leben sind. — Ihr Louis

gesendet am
28.10.2009
23.58 MESZ
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louis to jonathan
noe kekko­la »


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wüstenwanderung

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india : 1.15 – In Indi­en, der Regen, der nicht fall­en will, nehme sich jede 8. Sekunde ein Baum­wolle­bauer das Leben. – Ist das eine Nachricht?
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die privatheit der engel

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echo : 0.28 – Wovon ich nicht berichtet habe, am Mittwoch bere­its ist mir ein Fieberen­gel zuge­flo­gen. Jet­zt kom­men sie schon im Okto­ber angereist, wollen getröstet, wollen unter­hal­ten wer­den. Der Engel, von dem ich ger­ade spreche, lungert seit zwei Tagen in mein­er näch­sten Nähe auf Kissen herum. Ein Anblick, der mich nicht ein­schlafen lässt, das Beben seines Gefieders, Herb­st­laub­far­ben, die über einen blassen Kör­p­er stür­men. Durch hohe Tem­per­a­turen, die in seinem Inneren bren­nen, ist der kleine Engel so matt gewor­den, dass ich ihn in eine Hand leg­en, dass ich ihn wiegen kon­nte. Eine leichte Per­son, 80 g, sitzt in diesen Minuten, da ich meinen Text notiere auf mein­er Schul­ter links nicht ohne Grund. Ich hat­te meine Par­ti­cle­sar­beit betont und dass ich dort von sein­er Gegen­wart erzählen würde. Man ahnt ja nichts von der Wild­heit ihres Wesens. Meinen Namen soll­test Du nicht erwäh­nen! Ich warne Dich, flüsterte der Engel. Er saß im Moment sein­er Dro­hung auf dem Stiel eines Löf­fels in mein­er Küche, steck­te die Spitze ein­er Fed­er in war­men Honig und dozierte von Geheimnis­sen, die Engel und Men­schen umgeben. Du und ich! So sitzt er also und beobachtet, was ich ger­ade notiere. Ich weiß, ich kön­nte, ein Wort zuviel, sofort in Flam­men aufge­hen, also hör ich bess­er auf. — Eine halbe Stunde nach Mit­ter­nacht, der let­zte Tag des Okto­bers ist ange­brochen. – Gute Nacht!
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