dämmerschritte

2

kil­i­mand­scharo : 6.26 — Tief­seeele­fan­ten, wo auch immer sie sich befind­en, schlafen gemein­sam zur sel­ben Zeit. Sie gehen dann langsam, step by step, träu­mend rück­wärts über den Meeres­bo­den hin. — Selt­same Sache. – An diesem frühen Mor­gen denk ich noch etwas anderes von Schlafes­din­gen. Ger­ade öffnet Berfin die Tür ihrer Woh­nung. Sie kommt von ein­er Nachtschicht zurück. Fünf Stun­den Arbeit. Jet­zt wird sie noch eine halbe Stunde schlafen, dann auf­ste­hen, ihre Kinder, drei Mäd­chen, mit Küssen auf kleine heiße Ohren weck­en, Früh­stück bere­it­en und sie zur Schule brin­gen. Berfin schläft 21 Stun­den pro Woche. Sie lacht gern. Ein zartes Gesicht. Augen, die viel Krieg gese­hen haben. Meis­tens pla­gen sie Kopf­schmerzen. Müde bin ich, sagt sie, dafür gibt’s kein Wort.
ping

auf dem viktualienmarkt

2

oli­mam­bo : 2.10 — Ein Eich­hörnchen am Nach­mit­tag, wie es durch den war­men Schnee springt. Immer wieder hält das Tierchen an, dreht sich nach mir um, betra­chtet mich, als ob es meine Gedanken ahnen würde. Ein­mal sage ich leise zu ihm hin: Fürchte Dich nicht! Ich jage nur mit dem Kopf. – Das war auf dem Münch­en­er Vik­tu­alien­markt gewe­sen vor weni­gen Stun­den. Die Tage nun länger, bald wird Früh­ling und Men­schen und das Bier und der Kaf­fee wer­den in Strö­men fließen. Wieder, wie so oft schon, wenn ich von Bude zu Bude laufe und meine Nase in den Gewürzwind stecke, schau ich nach dem Achtern­busch, Her­bert. Würd’ gern ein­mal ein paar Worte mit ihm wech­seln. Gestern war von im nichts zu sehen gewe­sen, weshalb ich ganz ein­fach an ihn gedacht habe, an eine Film­se­quenz, deren Besich­ti­gung mich um ein Haar das Leben gekostet hätte. Her­bert Achtern­busch in einem Tier­haus des zool­o­gis­chen Gartens Hellabrunn. Er ste­ht unter einem Fault­i­er, das unbe­weglich, und zwar sehr lange Zeit, an einem Ast hängt. Der Dichter bewun­dert die Klauen des Tieres und auch die Natur, was sie so macht. Kurz zwinkert das Fault­i­er mit den Augen. Und Achtern­busch ruft: Ja, da schau her, du bist ja ein Schein­schlafti­er! – Guten Mor­gen, gute Nacht!

animals

14

hibiskus

~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekko­la
sub­ject : ANIMALS

Gestern, stellen Sie sich vor, habe ich die erste Fotografie eines Papiertierchens ent­ge­gengenom­men. Sie zeigt das kleine Wesen, wie es sich durch die Luft eines abge­dunkel­ten Labors bewegt. Bin voller Freude, habe den hal­ben Tag herumge­tanzt, sollte langsam zur Ruhe kom­men. Eine Kopie der Auf­nahme ist für Sie beige­fügt. Sieht das nicht kraftvoll aus, eine Per­sön­lichkeit, ein Wun­der! Ich komme meinen Träu­men nun endlich näher, meinen Wün­schen, meinen Geschicht­en in der Wirk­lichkeit. Nehmen wir ein­mal an, lieber reisender Fre­und, ein Bogen leben­den Papiers in der Größe 15 x 30 Zen­time­ter würde aus 750 Tausend Tieren beste­hen, ja, und nehmen wir ein­mal an, dieses Papi­er würde schon jet­zt in unser­er Welt existieren, dann wür­den vor uns auf einem Schreibtisch 750 Tausend kleine Herzen schla­gen. Da muss doch irgen­dein Geräusch wahrzunehmen sein, so viele Herzen in näch­ster Nähe auf eng­stem Raum. Auch einen Hauch von Luft wird man wohl spüren, eine Strö­mung, weil sie alle durcheinan­der atmen. — Ahoi! Ihr Louis

gesendet am
06.02.2010
23.55 MEZ
1088 zeichen

louis to jonathan
noe kekko­la »


copy & paste

2

romeo : 2.56 — Vor weni­gen Stun­den noch wollt ich vom Abend ein­er Ameise unter som­mer­lichem Feigen­baum erzählen. Kaum ange­fan­gen, beobachtete ich, dass in dem Text, den ich wün­schte aufzuschreiben, Wörter enthal­ten sein wer­den, die bere­its vor mein­er Textzeit von anderen Men­schen in weit­eren Tex­ten ver­wen­det wor­den sind. Das wohlk­lin­gende Wort Him­mel, ich hab’s nicht erfun­den, auch nicht das Wort Herzbeutelchen oder das Wort Sinus­knoten. Alle diese Wörter, geliehene Wörter. Ich leg sie mir in den Mund unter meine schreiben­den Fin­ger, Tag für Tag und Nacht um Nacht, als ob sie mir, Geschicht­en gle­ich, die aus der Luft zu stür­men scheinen, allein gehörten. Aber dann das elek­trische Knis­tern meines Gehirns, in dem es die Ent­deck­ung im Schlaf zu feinen Wirk­lichkeit­snet­zen ver­webt. – Weit nach Mit­ter­nacht. Eis­luft vor den Fen­stern, im Zim­mer warten Feigen und Bäume. Hab jet­zt einen kleinen Knoten im Kopf.
ping

transkriptionen

2

alpha : 0.05 — Ein Daten­spe­ich­er, in dem alle je von Men­schen­hand geschriebe­nen Zeichen­sätze ver­sam­melt sein wer­den. Meine Schreib­mas­chine, ein Alp­traum, kön­nte mit diesem frei schweben­den Gedächt­nis in Verbindung ste­hen. Und während ich nun notiere, würde unverzüglich angezeigt, ob der ger­ade eingedachte Satz bere­its aufgeschrieben wurde oder nicht. — Schneeflock­en, Früchte, leise­le­icht, die aus Nacht­bäu­men fall­en.
ping

hydra No 2

2

lima : 22.55 — Es schneit ange­blich, mag es schneien. Über dem Schnee und seinen Wolken scheint der Mond. — Was haben wir heute eigentlich für einen Tag, Son­ntag vielle­icht oder Mon­tag? Abend jeden­falls, einen schwieri­gen Abend. Würde ich aus mein­er Haut fahren, sagen wir, oder mit einem Auge meinen Kör­p­er ver­lassen und etwas in der Zeit zurück­reisen, dann kön­nte ich mich selb­st beobacht­en, einen Mann, der gegen sechs Uhr in der Küche ste­ht und spricht. Der Mann spricht mit sich selb­st, während er Tee zubere­it­et, er sagt: Heute machen wir das, heut ist es richtig. Ein Bün­del von Melisse zieht durchs samtigheiße, flim­mernde Wass­er. Jet­zt trägt er seine dampfende Tasse durch den Flur ins Arbeit­sz­im­mer, schal­tet den Bild­schirm an, sitzt auf einem Garten­stuhl vor dem Schreibtisch und arbeit­et sich durch elek­trische Ord­ner in die Tiefe. Dann ste­ht er, ste­ht zwei Meter vom Bild­schirm ent­fer­nt, ein Men­sch kni­et dort auf dem Boden, ein Men­sch, der sich fürchtet. Da ist eine Stimme. Eine schrille Stimme spricht schep­pernd Sätze in ara­bis­ch­er Sprache, unerträglich diese Töne, so dass der Mann vor dem Schreibtisch einen Schritt zurück­tritt. Er scheint sich zur Betra­ch­tung zu zwin­gen. Zwei Fin­ger der recht­en Hand bilden einen Ring. Er hält ihn vor sein linkes Auge, das andre Auge geschlossen, und sieht hin­durch. So ver­har­rt er, leicht vorge­beugt, bewe­gungs­los, zwei Minuten, drei Minuten. Ein­mal ist sein Atmen heftig zu hören. Kurz darauf ste­ht er wieder in der Küche, lehnt mit dem Rück­en am Kühlschrank, denkt, dass es schneit und spürt eine Unruhe, die lange Zeit in dieser Heftigkeit nicht wahrzunehmen gewe­sen war. Ein Men­sch, Daniel Pearl, wurde zur Ansicht getötet. – Was machen wir jet­zt?
ping

ping
ping
ping

alpha : 0.02 — Zwei Gedanken simul­tan kann ich nicht denken. Bin ein ein­spuriges Wesen. — stop

ping

vom verschwinden

2

delta : 0.15 — Ein­mal, an einem Spät­som­mer­nach­mit­tag, erzählte mir eine ältere Frau von ein­er selt­samen Erfahrung, die sie gemacht hat­te, nach­dem ihre Schwest­er uner­wartet gestor­ben war. Zwei Jahre lag dieser schwere Ver­lust damals zurück. Die Schwest­er hat­te sich kurz nach ihrem Tod, auf eige­nen Wun­sch hin, in ein anatomis­ches Prä­parat ver­wan­delt. Ich erin­nere mich an den wilden Blick der Frau, an ihre zier­liche Gestalt, wie sie vor mir ste­ht und vom Trauern und vom Warten berichtet, das heißt, genauer, davon berichtet, dass sie um ihre Schwest­er bish­er nicht trauern kon­nte, so wie sie sich das Trauern gewün­scht hat­te, weil der Kör­p­er ihrer Schwest­er gegen­wär­tig, noch in dieser Welt gewe­sen sei. Manch­mal habe sie daran gedacht, ihre geliebte Schwest­er zu besuchen, sie noch ein­mal zu berühren. Wir standen vor ein­er Kirche. Um uns herum fröh­liche, von Last und Anforderung befre­ite Stu­den­ten. Sie hat­ten ihren anatomis­chen Prä­pari­erkurs an diesem Tag abgeschlossen, und den Men­schen, die ihre Kör­p­er spende­ten, betend gedankt. Auch die alte Frau schien nun leichter gewor­den zu sein, entschlossen. — Wie sie sagt, sie könne ihre Schwest­er nun endlich beerdi­gen. — Und wie sie kurz darauf durch die Menge junger Men­schen ver­schwindet, ein Wölkchen schlo­hweißen Haares. — stop

amerikafahrt

2

marim­ba : 0.02 — Sekun­den­brief­marke aus dem Jahr 1959, zu ein­er Zeit notiert, da ich selb­st, auch als Idee, noch nicht geboren war: Das Taxi war groß wie eine Loko­mo­tive. Und es war grell­gelb angestrichen wie ein deutsch­er Briefkas­ten. Auf seinem Dach funk­te es blau­rote Lichtsig­nale, sie ähnel­ten dem blitzen­den wach­samen Auge der Polizei, und für eine Weile hat­te ich das Gefühl, ein Ehren­gast zu sein, der esko­rtiert und ohne Berührung mit Land und Leuten an ein Ziel gebracht wer­den soll. Die Pol­ster des Wagens waren hart, und der nack­te Stahlbo­den war schmutzig; man bot dem Fahrgast den Trans­port, man bot ihm nicht mehr. Andauernd erre­icht­en den Wagen­lenker durch die Luft gesandte Botschaften; Unsicht­bare sprachen zu ihm, beschworen ihn, quäl­ten ihn, het­zten ihn. Zuweilen antworte der Mann den Stim­men der befehlen­den Luft­geis­ter. Wolf­gang Koep­pen A m e r i k a f a h r t
ping

vorstellung

2

zoulou : 20.02 — Die vielle­icht zärtlich­ste Weise, einen Men­schen zu berühren : eine Bewe­gung der Vorstel­lung, eine Bewe­gung des Ein­füh­lens.
ping

meldung

picping

MELDUNG. Man­hat­tan, Chelsea Hotel, 7. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 2068 [ Mar­mor, Car­rara : 12.06 Gramm ] vol­len­det.

Top