Aus der Wörtersammlung: art

///

animals

9

india : 10.02 – Ein leben­des Blatt Papier, nach wie vor hei­ter, wel­ches aus Mil­lio­nen mobi­ler Ein­hei­ten oder Per­sön­lich­kei­ten bestehen wür­de, könn­te immer dann als eine Rechen­ma­schi­ne betrach­tet wer­den, wenn jedes der zu dem Blatt gehö­ren­den Indi­vi­du­en für sich imstan­de wäre, zwei oder wei­te­re Zustän­de, zum Bei­spiel hell oder nicht hell, anzu­neh­men und den Sta­tus die­ser Selbst­ver­fas­sung mit­tels einer Spra­che an benach­bar­te Indi­vi­du­en wei­ter­zu­ge­ben. Ja, das ist denk­bar, eine Rechen­ma­schi­ne, die sich vor­sätz­li­cher Wei­se in Luft auf­lö­sen und wie­der aus der Luft her­aus ver­ei­nen könn­te. — stop
ping

///

andrea faciu — touching the city

2

hibis­kus : 18.02 — Fan­gen wir noch ein­mal von vorn an. Wie das ist, eine Stadt zu berüh­ren, tou­ch­ing the city. Die Hand einer Frau, gefilmt von einer Kame­ra, die sich in einer wei­te­ren Hand, der zwei­ten Hand der­sel­ben Frau befin­det, streicht über Häu­ser­wän­de, Klin­gel­knöp­fe, Brief­käs­ten, Namens­schil­der. Film­par­ti­kel, in einen ver­dun­kel­ten Raum getra­gen, wo sie sich wie­der­ho­len, ver­win­kelt zu zar­ten, beben­den Geräu­schen des Lichts. — In Flo­renz, an einem herbst­li­chen Abend, erzählt die Künst­le­rin Andrea Faciu der­art span­nend von ihrer Arbeit, dass ich einen Tag spä­ter mei­ne eige­nen Hän­de beob­ach­te, indem sie die Stadt Flo­renz berüh­ren. Die­se Hän­de nun tas­te­ten in New York nach der sil­ber­nen Haut eines Sub­way-Wag­gons, Ges­ten der Begrü­ßung viel­leicht. Da war eine mühe­voll gehen­de Frau gewe­sen, ich erin­ne­re mich, eine India­ne­rin unter einem Pon­cho, gebeugt von der Last einer Chris­tus­fi­gur, die sie durch einen Tun­nel nahe dem Times Squa­re schlepp­te. Ihre mur­melnd beten­de Stim­me. Chris­tus blink­te. — stop
ping

///

singende rosen

14

hima­la­ya

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
sub­ject : SINGENDE ROSEN

Mein lie­ber, lie­ber Jona­than Kek­ko­la, wie ich mich freue über Ihre spä­te Nach­richt! Stolz bin ich und voll Bewun­de­rung, indem ich sehe, wie weit Sie gekom­men sind. Ich habe ges­tern Ihre Eltern besucht, und wir stu­dier­ten gemein­sam eine Kar­te Ihrer gro­ßen Wan­de­rung dem ame­ri­ka­ni­schen Süden zu. Das Was­ser war kühl, ihre Mut­ter schien zu frös­teln, und Ihr Vater schweb­te auf dem Kopf, sodass mir etwas schwin­de­lig wur­de, weil ich oben und unten für Momen­te nicht unter­schei­den konn­te. Ich hat­te auf Sie gewar­tet, mein Lie­ber, saß mit einer Melo­ne im Sand und schau­te aufs Meer hin­aus. Ein­mal glaub­te ich, Sie gese­hen zu haben. Ein Mann wink­te mir zu, er stand bis zum Hals im Was­ser, plötz­lich war er ver­schwun­den. Nun, am Ende die­ses merk­wür­di­gen Tages, will ich Ihre Fra­ge beant­wor­ten. Ja, sie sind gekom­men, unse­re Geschöp­fe, Ele­fan­ten, sie sind gekom­men, so wie wir sie vor­aus­ge­se­hen haben. Ein glück­li­cher Moment vol­ler Demut. Ich konn­te sie hören, ihr lei­ses Gespräch, Trom­pe­ten­mu­sik, den Gesang der Rosen, der von der wan­dern­den Luft in Wel­len an Land getra­gen wur­de. Als in der Däm­me­rung der Wind auf­frisch­te, fuhr ich zurück in die Stadt, eine stun­den­lan­ge Rei­se unter Stra­ßen bis rauf nach Wood­lawn und wie­der zurück. — Alles Gute, alles Lie­be! Ihr Lou­is. Ahoi!

gesen­det am
12.05.2010
22.24 MESZ
1716 zeichen

lou­is to jonathan
noe kekkola »

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

MELDUNGEN : LOUIS TO MR. JONATHAN NOE KEKKOLA / ENDE

///

eine kleine physik

2

char­lie : 0.02 — Zunächst Bil­der, dann Klän­ge. Die Erin­ne­rung des Gehörs scheint lang­sa­mer zu spie­len, als die Erin­ne­rung der Augen. Wie sich all­ge­mei­ne phy­si­ka­li­sche Geset­ze der Außen­welt in mei­nem Gehirn beru­hi­gend wie­der­fin­den. — Stel­len Sie sich vor, ich habe den gest­ri­gen Nach­mit­tag unter einem Regen­schirm zuge­bracht. So im Gehen im Was­ser, die Suche nach kleins­ten Par­ti­keln einer gro­ßen Stadt. Bin ich Ang­ler, bin ich Jäger, bin ich ein Domp­teur? Ob Eich­hörn­chen mit­tels Zun­gen­stim­men zuein­an­der spre­chen? — stop
ping

///

winde

2

sier­ra : 0.02 — Ver­gan­ge­ne Nacht ein fei­ner Traum. Pen­del­te unter rie­si­ger Stadt in einem U‑Bahnzug. Kost­bar geschmück­te saßen zwi­schen zer­lump­ten Men­schen. Amei­sen pro­zes­sier­ten, kreis­run­de Papie­re in ihren Zan­gen, ein zer­teil­tes Buch durchs Abteil. Kin­der spiel­ten mit Ping­pong­bäl­len, feder­lo­se Täub­chen fackel­ten über offe­nen Koh­le­feu­ern. Und da waren Libel­len von vor­neh­mer Grö­ße, bit­ter duf­ten­de, blau­häu­ti­ge Tie­re, sie schweb­ten mit der rei­sen­den Luft. Nie wur­de Dun­kel im Zug, Jah­re fuh­ren wir so dahin, ohne je ein­mal anzu­hal­ten. Eine Laut­spre­cher­stim­me, schep­pernd, pfei­fend. Immer wie­der der­sel­be Satz: It was a wrong num­ber that star­ted it. – stop. — Mein Hand­no­tiz­com­pu­ter, so lei­se, so lei­se, dass ich mich zu ihm nei­ge, um sei­nen Wind wahr­neh­men zu kön­nen. — stop
ping

///

jonglieren

2

romeo : 0.25 — Stand in einer Schlan­ge war­ten­der Men­schen, mach­te Rechen­übun­gen im Kopf. Nach fünf oder zehn Minu­ten kon­zen­trier­ter Arbeit war ich dann so weit gekom­men, ein­zu­se­hen, dass jene Zah­len­grö­ßen, die ich jon­glier­te, mein Denk­ver­mö­gen deut­lich über­for­der­ten. Rech­ne­te bald in mei­nem Notiz­buch notie­rend, mit Blei­stift­zah­len wei­ter vor­an: Ers­tens / Ein Papier­tier­chen, sobald es sei­ne Arme streckt, misst 0,087 mm von Ost nach West. Zwei­tens / 2413 Papier­tier­chen säu­men den Rand eines beschreib­ba­ren leben­den Papiers an sei­ner schma­len Sei­te, 3218 Papier­tier­chen des­sel­ben Papiers an sei­ner län­ge­ren Sei­te. Drit­tens / 7765034 Papier­tier­chen sind Tei­le einer Struk­tur, der ich einen Namen zu geben habe. — Wun­der­ba­re, frü­he Nacht. Ein gro­ßer Frie­den in ange­neh­mer Span­nung. Alle sind sie jetzt da, sit­zen an mei­nen Zim­mer­wän­den und rüh­ren sich nicht. — Guten Morgen!

///

morsen

2

echo : 0.25 — Ges­tern, am spä­ten Abend, eine ers­te Zei­le in mei­nen Bogen leben­den Papiers ein­ge­tra­gen, einen Satz, den Wal­ter Ben­ja­min vor lan­ger Zeit ein­mal unter dem Begriff Kak­tus­blü­te ver­zeich­ne­te. Die­ser Satz geht so: Der wah­re Lie­ben­de freut sich, wenn der gelieb­te Mensch strei­tend im Unrecht ist. — Zärt­lich, ohne zu atmen, arbei­te­te ich Zei­chen für Zei­chen vor­an. Und als ich fer­tig gewor­den war mit einem schlie­ßen­den Punkt, lehn­te ich mich zurück und war­te­te. Ich war­te­te lan­ge. Ich war­te­te so lan­ge, bis ich ein­ge­schla­fen war. Dann wach­te ich auf und staun­te. Sicher ist nun, dass sich Papier­tier­chen mit­tels einer Spra­che ver­stän­di­gen, die mor­sen­den Zei­chen ähn­lich ist. Sie ver­fü­gen dem­zu­fol­ge über Ohren und ihre Stim­men sind hell, sind Fle­der­mäu­sen, Walen und Del­fi­nen nur ver­nehm­bar. — stop
ping

///

fliegende berge

2

india : 2.24 — Im Schlaf eine inter­es­san­te Erfah­rung der Zeit. Das war ges­tern, nach­dem ich mir vor­ge­nom­men hat­te, eine Zug­fahrt nach Montauk zu träu­men. Statt­des­sen, fei­ne Sache, träum­te ich, Sta­nisław Lem habe mir einen Brief geschrie­ben. Und weil ich die klei­ne Geschich­te nun ganz genau erzäh­len möch­te, muss ich an die­ser Stel­le notie­ren, dass Herr Lem im Nacht­ge­sche­hen kei­nen unmit­tel­ba­ren Kon­takt auf­zu­neh­men ver­moch­te, dass viel­mehr ein geheim­nis­vol­les Büro den ers­ten und ein­zi­gen Buch­sta­ben einer Nach­richt mit dem Hin­weis über­mit­tel­te, ich müs­se mich fort­an gedul­den, da die Zeit der jen­seits Leben­den sehr viel lang­sa­mer ver­ge­hen wür­de, als die Zeit der dies­seits leben­den Men­schen. Mit einem wei­te­ren Zei­chen, einem zwei­ten Zei­chen des Brie­fes, sei im Juni, und zwar doch im Juni des lau­fen­den Jah­res, zu rech­nen. Ich wach­te dann auf und war fröh­lich und mach­te mich unver­züg­lich an die Beob­ach­tung eines Nach­rich­ten­schat­tens, den flie­gen­de vul­ka­ni­sche Mikro­ge­bir­ge der­zeit über Euro­pa erzeu­gen. – Abwar­ten. stop. Tee­trin­ken. — stop
ping

///

feuerblume

2

marim­ba : 6.28 — Kurz nach Mit­ter­nacht. Hun­der­te gestran­de­ter Men­schen lie­gen, Flug­ha­fen­ter­mi­nal 2, auf Feld­bet­ten, schla­fen unter grau­en Decken, still, als sei­en sie ohne Träu­me, bewe­gungs­los, ver­puppt. Saß auf einer Bank in nächs­ter Nähe, war­te­te, notier­te: Die Augen der Papier­tier­chen befin­den sich im Zen­trum ihrer Kör­per­schei­be, eines erha­ben auf­wärts, das ande­re erha­ben abwärts gerich­tet. Licht und Schat­ten, Bewe­gung und Still­stand, so ist ihre Welt beschaf­fen. stop – Nie wer­den die­se Augen sehen, was ich in ver­gan­ge­nen Stun­den mit mensch­li­chen Augen auf dem Bild­schirm mei­nes Com­pu­ters beob­ach­te­te. Foto­gra­fien einer Feu­er­blu­me aus dem Eis, ihr tief­schwar­zer Atem, das Blut der Erde, ursprüng­lichs­te Kraft. — Bleibt noch, mit den Win­den zu sprechen.

///

trommeln

2

papa : 22.58 — In dem Moment, da Sie die­se Zei­len lesen, sehen Sie mich ver­wun­dert, stau­nend, ja, sagen wir’s ruhig, glück­lich. Das ist so dar­um, ich habe gera­de bemerkt, wie kleins­te Din­ge, Lebe­we­sen, die eigent­lich nicht sicht­bar sind, sicht­bar wer­den, sobald ich sie mit Gedan­ken berüh­re. Auch Geräu­sche, die so lei­se und zart, dem­zu­fol­ge klein sind, dass ein mensch­li­ches Ohr sie nie­mals ver­neh­men könn­te, wer­den hör­bar durch ein ein­zel­nes Wort, das sie behaup­tet. Systo­li­sche Fre­quen­zen, hel­les Trom­meln, 250 Pul­se, kein Wort exis­tiert für jene Musik heim­li­cher Her­zen, als die Sum­me der Pfa­de, die sich um Annä­he­rung bemü­hen. Und ihre Augen, ihre Augen, jawohl, sie haben Augen, wo wer­den ihre Augen sein? — stop
ping



ping

ping