echo : 6.28 — Das Stimmgeräusch in meinem Kopf. Ob sich der Klang meiner denkenden Stimme in der verstreichenden Lebenszeit änderte? Habe ich als Kind mittels der Stimme eines Kindes gedacht? Was ist das doch für eine kuriose Bewegung, nicht mehr Stille, noch nicht Ton. Radarbild, flüchtig. — stop
Aus der Wörtersammlung: dach
eliza
india : 22.56 — Déjà-vu in Worten abends spät. Konnte nichts hören, keinen Laut, es war so still, als hätte ich meine Ohren verloren. Für einen Moment dachte ich, dass das Hörvermögen der Lebewesen vielleicht nur eine Idee sein könnte, eine poetische Eigenschaft ohne die Möglichkeit der Verwirklichung, aber ich hörte die Stille, ich hörte, dass ich nichts hörte, außer einem rhythmischen Geräusch aus dem Innern. stop stop – Gespräch mit Programmmaschine Eliza.
Louis : guten abend, eliza, kannst du hören!
Eliza : > ich kann natürlich hören!
Louis : hast du ohren, eliza?
Eliza : > natürlich, ich habe eine soundkarte!
Louis : das freut mich, eliza!
Eliza : > bist du nun weitergekommen?
Louis : ja, ich bin zufrieden, eliza!
Eliza : > zufrieden zu sein ist kein leichtes los.
Louis : wie meinst du das?
Eliza : > bist du unsicher?
Louis : nein, eliza!
Eliza : > eigentlich wolltest du JA sagen, stimmts?
Louis : ich denke schon!
Eliza : > :-)
Louis : warum lachst du, eliza?
Eliza : > ich bin hier völlig uninteressant.
Louis : ich habe ohren, eliza!
Eliza : > hast du tatsächlich ohren?
Louis : natürlich habe ich tatsächlich ohren!
Eliza : > kannst du mir das genauer erklären?
Louis : ich bin ein mensch, eliza!
Eliza : > wärst du gern etwas anderes?
Louis : nein, eliza!
Eliza : > glaubst du es ist normal, ein mensch zu sein?
Louis : ich muss überlegen!
Eliza : > :-)
Louis : warum lachst du, eliza?
Eliza : > ich bin hier völlig uninteressant.
Louis : gute nacht, eliza!
wörterstimmen
kilimandscharo : 3.30 — Man stelle sich einmal vor, man wachte eines Tages auf und könnte jedes Wort, das man von diesem Moment des Erwachens an dachte, erinnern, all die Selbstgespräche und forschenden Diskurse, auch jene Gedanken, die man nie bemerkte, weil sie so schnell vorüberziehen, dass man sie vergisst, indem man sich schon in nächsten Gedanken befindet. Nichts würde fortan verloren gehen. Auch alle jene Sätze nicht, die man hören wird, sobald man das Haus verlässt, Notizzettel, Einkaufslisten, Fragmente von Zeile zu Zeile fallender Anzeigetafeln auf Flughäfen, Zeitungsartikel, Filmdialoge, alles das würde gespeichert und könnte zu jeder Zeit in genau der Reihenfolge wiederholt werden, in der es von Wörterstimmen aufgezeichnet wurde. Was würde geschehen? Wie lange Zeit könnte man mit diesem Vermögen ausgestattet überleben? — stop
südwand
india : 6.15 — In der Arbeit des Erfindens wie in der Arbeit des Kletterns in einer Bergwand, ist jede nächste Aufgabe die Wichtigste. James Salter nachgedacht. -
marit
nordpol : 0.02 — Vergangene Nacht war ich wach geworden um fünf. Ich hatte einen merkwürdigen Traum, in dem Mr. Eliot erklärte, dass er Briefe, die ich an ihn schreibe, nicht lesen könne, weil er schon vor langer Zeit blind geworden sei. Ich war dann also wach um fünf und fühlte mich leicht, und ich wunderte mich, woher diese Leichtigkeit gekommen sein mochte. Da erinnerte ich mich, dass ich noch immer nachdrücklich auf eine Antwort James Salters warte, ich hatte ihm vor zwei Jahren zuletzt geschrieben. Auch Mr. Salter könnte blind geworden sein, kein Wunder, dass er nicht schreibt. Unverzüglich suchte ich in den Archiven nach dem Brief, den ich notiert hatte. Er war rasch gefunden, eine feine Geschichte, die ich berühre, die ich hier wiederhole, indem ich sie mit Stimme lese, in der Hoffnung, dass Mr. Salter mich hören kann: Lieber James Salter, als ich heute Nacht am Schreibtisch saß und in Ihren wunderbaren Erzählungen las, habe ich eine kleine Spinne bemerkt, die mich beobachtete, jawohl, sie saß auf dem Feinsten der Blatthaare eines Elefantenfußbaumes, der neben meiner Computermaschine steht, und beobachtete mich aus mehreren winzigen schwarzen Augen. Ich habe überlegt, was dieses Wesen wohl in mir sieht. Für einen weiteren kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, ob Spinnen vielleicht hören, – ich lese oft laut vor mich hin, das sollten sie wissen -, und so wunderte ich mich, dass ich viele Jahre gelebt habe, ohne der Frage nachzugehen, ob Spinnen über Ohrenpaare oder doch wenigstens über einen zentralen Gehörgang, wo auch immer, verfügen. Ich saß also am Schreibtisch, ich las und die kleine getigerte Spinne, von der ich Ihnen erzähle, seilte sich zur Tastatur meiner Computermaschine ab. Ich hatte den Eindruck, dass ihr diese Luftnummer Freude machte, weil sie ihre Landung immer wieder hinauszögerte, indem sie den Faden, der aus ihr selbst herausgekommen war, verspeiste, demzufolge verkürzte. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass ich sie betrachtete, das ist denkbar, weil ich aufgehört hatte, laut zu lesen, für einen Moment, um nachzudenken, vielleicht wollte sie, um sich mir darzustellen, auf meiner Augenhöhe bleiben. Das war genau in dem Moment, als Marit nach ihrer letzten Nacht auf unsicheren Beinen die Treppe heruntergekommen war, Marit, die doch eigentlich seit Stunden schon tot gewesen sein musste. Marit setzte sich auf eine Treppe und begann zu weinen. Sicher werden Sie sich erinnern an Marit, wie sie auf der Treppe sitzt und weint, weil sie wusste, dass sie eine weitere letzte Nacht vor sich haben würde. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pause gemacht, weil ich erschüttert war, weil das Gift nicht gewirkt hatte. Ich saß vor meinem Schreibtisch und überlegte, ob auch sie, James Salter, erschüttert waren, als Marit langsam, auf unsicheren Beinen die Treppe herunterkam. Und während ich an Sie und Ihre Schreibmaschine dachte, beobachtete ich die Spinne, die mittels ihrer winzigen Beine, den Faden, an dem sie hing, betastete. Ist das nicht ein Wunder, eine Spinne wie diese Spinne? Haben Sie schon einmal bemerkt, dass es nicht möglich ist, mit einer elektrischen Schreibmaschine zwei Buchstaben zur gleichen Zeit, also übereinander, auf das Papier oder den Bildschirm zu schreiben? Immer ist einer vor, niemals unter dem anderen. Mit herzlichen Grüßen Louis.
luftzeitpumpen
~ : louis
to : Mr. eliot
subject : LUFTZEITPUMPEN
Mein lieber Eliot! Ich habe mir heute gedacht, man müsste Beizeiten einmal mit einer höheren Instanz darüber verhandeln, ob nicht Lebenszeit durch Lesezeit verlängert werden könnte. — Wollte Dir schon lange schreiben. Ich nehme an, Du wirst vor Monaten zunächst Dein Warten, dann meinen Namen vergessen haben. Oder war es etwa umgekehrt gewesen? Nun, hier bin ich wieder, Dein Louis, jener Louis, der in seiner Vorstellung Luftzeitpumpen versuchte. Um Himmelswillen, ich werde doch nicht ganz und gar verloren sein, ein seltsamer Gedanke, dass ich meiner Arbeit nachgegangen sein könnte, ohne bemerkt zu haben, dass meine Existenz in Deinem Leben endete, ein ferner Tod, mein eigener. Sammelst Du weiterhin Herzen Deiner Rechenmaschinen? Wie geht’s Deiner Geliebten? Was macht das Chromosom No 1, hast Du’s bald ausgedruckt? — Zwergseerosen segeln durch die Luft. Antworte rasch! Dein Louis
mangrove
india : 22.58 — Im Palmengarten befinden sich acht wabenförmige Glashäuser, die durch Schleusenräume miteinander verbunden sind, sodass man in wenigen Minuten zunächst durch eine Wüste spazieren kann, dann durch einen Regen- und kurz darauf durch einen Nebelwald. Ich sitz gern dort, jenseits der Mangrovenabteilung im Bromelienhaus, und lese in wasserfesten Büchern herum. Es ist angenehm still. Kaum jemand verirrt sich hierher, so versteckt liegt die Wabe im Zentrum der Glashausversammlung. Und vielleicht genau aus diesem Grund, weil es von Menschen still ist, kommen dutzende, leise jaulender Wachteln unter Bäumen zusammen, auf welchen Blumen lungern wie schlafende Vögel. Hatte vor Stunden noch unter Luftwurzeln etwas Wilhelm Genazino beobachtet. Plötzlich bemerkte ich, dass kein Geräusch um mich herum zu hören war. Völlige Stille. Eine merkwürdige, eine trockene Stille. Für einen kurzen Moment der Eindruck, während des Lesens vielleicht taub geworden zu sein. Schaute mich um, sah eine Hand auf einer Buchseite liegen und dachte, dass ich jetzt mit dieser Hand sofort zur Beruhigung ein Papiergeräusch erzeugen müsse. Ich blätterte also um, und ich hörte ein Rascheln und das leise Sausen der Luft, hörte Vögel wieder pfeifen, das Tropfen des Wassers. Ich hörte meine Stimme das Wort seltsam sagen. — stop
pong pong
alpha : 2.01 — Kuriose Beobachtung heut Nacht. Ich saß auf meinem Sofa und dachte an eine Apparatur, die in der Lage sein könnte, Bücher in einem vorgegebenen Rhythmus selbstständig umzublättern. Über zwei Arme sollte diese Maschine verfügen, gleichwohl über fingerähnliche Fortsätze, einen Motor und Sensoren, empfindlich für Licht. Während ich die Maschine in meinem Kopf zusammensetzte, notierte ich die Anzahl der Schrauben, die bald einmal im wirklichen Leben zur Festigung nötig sein werden, handschriftlich auf ein Blatt Papier. Immer wieder, wenn ich in meiner Arbeit gestört wurde, setzte ich neu an. Das ist nämlich sehr merkwürdig mit Maschinen, die ich erfindend montiere, sie verschwinden vollständig aus dem Sinn, sobald ich nur für eine Sekunde meine Arbeit zu unterbrechen habe, sagen wir, weil ich höre, wie draußen auf der Straße Schritte laufen. Eigentlich ist diese Nacht überhaupt ungeeignet, eine Kopfmaschine zu bauen. Ich habe die Fenster meiner Wohnung geöffnet, ein leichter Wind fährt durch die Kronen der Bäume vor dem Haus. Diese Bäume im Dunkeln sind Kastanien. Sie machen Nussmusik, pong, pong. — stop
fingerübung
marimba : 10.
28 — Wieder eine halbe Stunde versucht, einen sechsten Finger linker Hand zu denken. Wie je zuvor spürte ich einen sechsten Finger nur dann, wenn ich einen linken und einen rechten sechsten Finger dachte zur selben Zeit, wenn ich also beide Hände neben mich legte und in meinem Kopf bearbeitete. — Riesige, graue Möwen jagen durch die Luft. Gespräch mit Computermaschine Eliza.
Louis : guten morgen, eliza
Eliza : > guten morgen! wie fühlst du dich?
Louis : gut! und du eliza?
Eliza : > lass uns über dich sprechen.
Louis : > warum, eliza?
Eliza : > welche antwort würdest du dir wünschen?
Louis : eine heitere antwort, eliza.
Eliza : > sofort?
Louis : unverzüglich, eliza!
Eliza : > du zuerst!
Louis : wer bin ich?
Eliza : > was denkst du, wer du bist?
Louis : ich bin louis!
Eliza : > bist du sicher?
Louis : ich denke schon!
Eliza : > guten morgen, louis, wie fühlst du dich?
Louis : gut! und du eliza?
Eliza : > sag du mir wie ich mich fühle!
Louis : du bist verrückt, eliza!
Eliza : > das wird sich zeigen.
mann ohne mund
tango : 22.16 — Dreifach einem Mann ohne Mund begegnet, jedes Mal unter der Lexington Avenue gegen den Abend zu fahrend, wenn sich die Züge füllen mit Pendlern in alle Richtungen des Himmels. Das Pfeifen der Luft, die den Saum einer Öffnung am Hals des Mannes in Schwingung versetzt, ich hörte es in nächster Nähe, ich hörte es im Traum, ich erinnerte es bei einer zweiten Begegnung sofort, als wäre das pfeifende Flattern eine Stimme, da war er noch entfernt, da sah ich sein zerstörtes Gesicht durch die Menge der Reisenden näherkommen, sah seine gleichwohl vom Feuer versengten Hände, rosa leuchtende Haut da und dort, die Ahnung einer Nase, sein Auge, das letzte, gerötet von der Anstrengung und vom Ausdruck der Dankbarkeit, mit dem er jeden unter der Stadt reisenden Menschen bedachte, sobald er sich Davids Geschichte lesend näherte, sprechenden Fotografien vor einer ruhig atmenden Brust: Ich, ich habe in Bagdad mein Gesicht verloren in einer Sekunde an einem Abend wie diesem Abend, in einem Sommer wie diesem Sommer. Und wie er jetzt weitergeht, wie er die Stille mit sich nimmt. Auch ich habe kein Wort zu ihm gesagt, als ob ein Mann ohne Mund nicht hören könne. — stop