Aus der Wörtersammlung: ecke

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flugglas

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nord­pol : 22.05 — Lag nach­mit­tags unter Son­ne vor Amei­sen­stadt. Beob­ach­te­te, wie Bewoh­ner, nein, Kon­struk­teu­re der knis­tern­den Metro­po­le, Käfer, Spin­nen, Flie­gen, Rau­pen, Rosen­blät­ter, auch mensch­li­che Papie­re ins Wohn­ge­häu­se trans­por­tier­ten. Was, frag­te ich mich, wird mit einer getö­te­ten oder einer gelähm­ten Flie­ge, mit schla­fen­den Käfern und schla­fen­den Spin­nen gesche­hen hin­ter der Fich­ten­na­del­haut? Viel­leicht ein­mal mit einer sehr klei­nen Kame­ra ein­tau­chen und schau­en. Ich wür­de wohl auf eine Hal­le tref­fen, auf einen Ort der Zer­le­gung, des Tran­chie­rens am lau­fen­den Band. Hier also wer­den Pracht­flie­gen zer­teilt und dort noch leben­de Spin­nen fein sor­tiert. In tie­fer gele­ge­nen Arse­na­len dann die Kam­mer der Flug­ge­rä­te, die Kam­mer der Fliegen‑, der Libel­len­flü­gel, bit­ter duf­ten­de Luft, leich­tes Flug­glas bis unter die Decke geschich­tet. In einer wei­te­ren Höh­lung sind je nach Län­ge und Stär­ke Spin­nen­bei­ne sor­tiert und auf­ein­an­der­ge­legt, Baum­stäm­me, haa­rig, noch immer in zit­tern­der Bewe­gung. Stun­den wer­de ich in Maga­zi­nen schil­lern­der Augen ver­wei­len, ein begeis­ter­ter Zeu­ge in Fabri­ken gefan­ge­ner Spin­nen. Man hat ihnen die Bei­ne abge­nom­men, aber sie leben und sin­gen feins­te Sei­de. Wer­den sie müde, wer­den sie an Sol­da­ten ver­füt­tert. — Kurz nach elf Uhr. Abend. Gera­de eben hör­te ich vom Tod des rus­si­schen Schrift­stel­lers Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn. — stop

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ein kind

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marim­ba : 6.16 — In der Schnell­bahn vom Flug­ha­fen wie­der ein merk­wür­di­ges Kind beob­ach­tet. Das Kind saß auf dem Schoß der Mut­ter, hat­te einen Schnul­ler im Mund und betrach­te­te Fahr­gäs­te, die dort in sei­ner nächs­ten Nähe saßen oder stan­den. Alle waren sie müde, ein Lang­stre­cken­flug von New York her über den Atlan­tik lag hin­ter ihnen, das Kind aber schien gut geschla­fen zu haben. Es hat­te blitz­blan­ke Augen von dun­kel­brau­ner Far­be, und mit die­sen Augen nun arbei­te­te es sich von einem Erwach­se­nen­ge­sicht zum nächs­ten. Wenn die Augen des Kin­des ein Gesicht erreich­ten, ver­weil­ten sie eine gewis­se Zeit lang, als ob sie sich das Gesicht für immer ein­prä­gen, oder aber als ob sie in dem Gesicht etwas fin­den woll­ten, nach dem gesucht wer­den muss­te. Wenn das Kind mit der Beob­ach­tung eines Gesichts fer­tig gewor­den war, hüpf­ten sei­ne Augen auf das nächs­te Gesicht, und so wei­ter und so fort. Nie, ich mei­ne, nie, solan­ge ich das Kind und sei­ne Augen beob­ach­te­te, kehr­te sein Blick zu einem Gesicht zurück, das es bereits ein­mal besucht hat­te, sodass ich behaup­ten möch­te, dass sei­ne Augen, das heißt, das Gehirn des Kin­des, den Raum des Zuges sys­te­ma­tisch unter­such­te. Für eine Sekun­de hat­te ich den Gedan­ken, dass das Kind viel­leicht ein uralter Mensch gewe­sen war, der rück­wärts leb­te, für den sich die Zeit umge­kehrt hat­te, der bald den Anfang sei­ner Exis­tenz wie­der errei­chen wür­de, der noch ein­mal alles ansah, mit Kin­der­au­gen, aber viel­leicht einem uralten Gehirn. Wer aber, wenn ich die­ses Gefü­ge wei­ter­den­ke, war die­se müde Frau gewe­sen, auf des­sen Schoss das Kind ruh­te und schau­te? – Weit nach Mit­ter­nacht. Habe den Ver­dacht, die­se Geschich­te schon ein­mal erzählt zu haben. Ein Déjà-vu. Wer­de mir sofort zur Beru­hi­gung eine klei­ne Ente bra­ten. — stop

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himmelbahn

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romeo : 1.15 — Über­leg­te, was wäre, wenn ich ein­mal mei­ne Spra­che ver­lo­ren haben wür­de, wenn eine Amei­se vor einer nun­mehr sprach­lo­sen Per­son über einen Tisch spa­zier­te? Was wür­de ich noch den­ken, wenn ich die­ses Tier sehe, aber kein Wort für sei­ne Erschei­nung in mei­nem Kopf ent­de­cken könn­te? Ich müss­te viel­leicht ein Wort erfin­den in die­sem Moment, um das Amei­sen­tier wahr­zu­neh­men, das heißt, über das Tier nach­den­ken zu kön­nen. Viel­leicht wür­de ich mich an das Wort Eisen­bahn erin­nern. Viel­leicht wür­de ich sagen, das ist eine klei­ne Eisen­bahn, die über den Him­mel lau­fen kann. — stop

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taucher

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hima­la­ya : 0.12 — Men­schen, die tele­fo­nie­rend in U‑Bahnen sit­zen, machen Geräu­sche, als funk­ten sie aus einer ande­ren Zeit her­über, als wären sie Kon­ser­ve, als wür­de eine uralte Schall­plat­te abge­spielt, als wür­den sie in einem U‑Boot lang­sam sin­ken, krei­schen­de, knis­tern­de, kra­chen­de Töne aus ton­nen­schwe­rer Tie­fe, aus dem Infer­no spie­len­der Kra­ken Stim­men, die Frag­men­te flüs­tern, sodass man nur noch ver­damm­te letz­te Din­ge ant­wor­ten kann. Dann aber Stil­le. Ein wei­te­res Ende. Man steht her­um, man weiß nichts zu tun, man öff­net die Tür, Salz stürzt die Trep­pe her­auf, und Luft, eine Wel­le feuch­ter Luft, vom Was­ser gehetzt, das bereits um die Ecke don­nert. Kaum hat man einen Gedan­ken gefasst, ist alles geflu­tet, der Flur, das Bad, die Lun­ge. Jetzt trei­ben sie her­ein, schwe­ben in der Küche her­um, machen Zei­chen und Sät­ze, berich­ten von klei­nen Schreib­tisch­krie­gen, Kom­man­dan­ten der Tage. — stop

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schreibmaschine

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echo : 0.03 — Ein Mann. Der Mann sitzt auf einer Stra­ßen­kreu­zung vor einer schwe­ren Schreib­ma­schi­ne. Lang­sam, Zei­chen für Zei­chen, notiert er einen Text, in dem er für jeden Buch­sta­ben, den zu schrei­ben er sich vor­ge­nom­men hat, weit aus­holt und sei­ne Hand mit Kraft auf die Tas­ta­tur nie­der­sau­sen lässt. Als ich näher kom­me, ent­de­cke ich, dass der Mann eine Erzäh­lung Her­man Mel­vil­les notiert. WAS! ruft der Mann, Sie haben von die­sem Buch noch nie gehört! Na, dann kom­men sie wie­der in zwei Tagen und acht Minu­ten, dann wird alles fer­tig sein und sie kön­nen das Buch mit­neh­men und lesen und wei­ter­schrei­ben, sobald sie wach gewor­den sind. — stop

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yanuk : lichtmaschine

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india

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : FROGS
date : june 1 08 8.15 p.m.

Lie­ber Mr. Lou­is, seit acht Tagen Regen. Ver­brach­te zuletzt sechs Stun­den an den Stamm mei­nes Bau­mes gefes­selt, um nicht vom Sturm in die Tie­fe geris­sen zu wer­den. Ges­tern, sehr früh in der Mor­gen­däm­me­rung, dann auf Höhe 152 zurück­ge­kehrt. Das Lager, ram­po­niert. Ein paar Affen, Tama­ri­ne, haben sich breit gemacht, muss­te kämp­fen, ehe sie die Platt­form räum­ten. Habe mei­ne Vor­rä­te zum Trock­nen aus­ge­brei­tet, Nüs­se, vor­wie­gend Nüs­se, und ein paar Fleisch­kon­ser­ven sind da noch und etwas Brot, das hof­fent­lich nicht schim­meln wird. Bin jetzt ohne Licht­ma­schi­ne, der Sturm hat sie mit sich fort­ge­ris­sen. Aber die Amei­sen sind zurück, Du erin­nerst Dich, trä­ge Amei­sen­tie­re, die nach Lan­gus­ten schme­cken. Des­halb ohne Furcht, habe Trink­was­ser im Über­fluss. Wer­de mor­gen wei­ter zu den Frö­schen spre­chen. Wie selt­sam, mei­ne Stim­me aus ihren Schall­beu­teln zu ver­neh­men. So deut­lich flüs­tern sie mir nach, als ob kei­ne ande­re, als die mensch­li­che Spra­che, ihnen je zu Ohren gekom­men wäre. Erstaun­li­che Ent­de­ckung. Wel­chen Namen, fra­ge ich Dich, soll ich ihrer Gat­tung geben? — Yanuk

ein­ge­fan­gen
20.57 UTC
1231 Zeichen

yanuk to louis »

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wasseruhr

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marim­ba : 0.01 — Träum­te, mit einem Stück Holz unter Kraft­an­wen­dung einen Käfer getö­tet zu haben, der ein Schne­cken­haus auf dem Rücken trug, das der Käfer bewohn­te, wie Ein­sied­ler­kreb­se Muschel­häu­ser bewoh­nen. Wie ein Beses­se­ner durch und durch schlug ich auf den gepan­zer­ten Rücken des klei­nen Tie­res ein. Kurz dar­auf sit­ze ich vor dem Schreib­tisch mit Werk­zeu­gen der Uhr­ma­cher und ver­su­che das Tier zu repa­rie­ren, wäh­rend das Was­ser in mei­nem Zim­mer steigt. – Acht Uhr zwölf in Ran­gun, Bur­ma. — stop

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nachtmensch

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romeo : 0.08 – Man­che Men­schen, zum Bei­spiel, wenn ich ihnen nachts auf der Stra­ße begeg­ne, grü­ßen mich, als wür­den wir uns gera­de im Hoch­ge­bir­ge oder in einer ande­ren Wild­nis befin­den. Wir set­zen uns dann auf die nächs­te Bank, tau­schen ein wenig Pro­vi­ant und die letz­ten Nach­rich­ten aus, und füh­len ein­an­der ver­bun­den, sagen wir, durch den Man­gel an Licht. Ande­re Men­schen wie­der­um fürch­ten sich vor mir, wie jene uralte Dame mit ihrem noch älte­ren Hund, sie fletscht die Zäh­ne, sobald sie mich sieht gegen drei Uhr auf dem Ador­no­platz. Viel­leicht gehört sie bereits in den her­an­rü­cken­den Mor­gen, ist Tag­mensch, nicht Nacht­mensch, hält mich für licht­scheu­es Gesin­del. Obwohl ich ihr längst in mei­ner gan­zen Harm­lo­sig­keit bekannt sein müss­te, doch stets die­sel­be urmensch­lich dro­hen­de Hal­tung. Viel­leicht ist sie halb­wegs schon blind gewor­den. Oder aber ich wer­de ver­ges­sen, immer wie­der ver­ges­sen, ein­mal um die eige­ne Ach­se gedreht, und schon bin ich zu wei­te­rem tau­fri­schen Schre­cken geworden.
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doppelhelix

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echo : 0.01 — Eine Foto­gra­fie, die James Wat­son und Fran­cis Crick vor ihrem Modell einer DNA-Dop­pel­he­lix zeigt. Der Ein­druck, Wat­son wür­de einen an der Zim­mer­de­cke lun­gern­den Trom­pe­ten­kä­fer betrach­ten, des­sen Gat­tung zum Zeit­punkt der Auf­nah­me sich bereits abzu­zeich­nen beginnt.

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Viel­leicht soll­te ich sagen, dass Trom­pe­ten­kä­fer rein pneu­ma­ti­sche Arbei­ter sind, wäh­rend Posau­nen­kä­fer sowohl pneu­ma­ti­sche als auch mecha­ni­sche Ver­fah­ren der Ton­erzeu­gung in sich ver­ei­ni­gen. Drum­mer knal­len elek­trisch. Bas­sis­ten ver­fü­gen über einen Kör­per von unge­wöhn­li­cher Län­ge, über ein Gehäu­se, wel­ches von feins­ten Lamel­len­kno­chen aus­ge­bil­det sein wird. Gera­de die­se wohl­klin­gen­den Wesen wer­den eines Tages mit Zigar­ren leicht zu ver­wech­seln sein. Das Erstaun­li­che an musi­zie­ren­den Käfer­we­sen ist, dass sie den Musi­ker sowohl als auch ein Instru­ment, das von Men­schen erfun­den wur­de, mit sich füh­ren, dass sie also sym­bio­ti­sche Wesen sind. — stop
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amplitude

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tan­go : 18.15 — Ver­gan­ge­ne Nacht sechs Stun­den Schlaf auf­ge­zeich­net. Selt­sa­me Span­nung, wäh­rend ich die Datei in das Ton­be­ar­bei­tungs­pro­gramm lade, um nach Aus­schlä­gen zu suchen. Zunächst das Hupen eines Auto­mo­bils, eine hef­ti­ge Ampli­tu­de. Nach einer wei­te­ren Stun­de der Abdruck einer Feu­er­wehr­si­re­ne. Kurz dar­auf das Rascheln der Bett­de­cke. Gegen 3 Uhr das Geräusch einer Tür. Kann mich nicht erin­nern, spa­ziert zu sein. — stop
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