Aus der Wörtersammlung: ende

///

fingersträußchen

pic

del­ta : 6.22 — Über Nacht war alles wie­der nach­ge­wach­sen. Mei­ne Hän­de blüh­ten. Ich mach­te mich auf den Weg süd­wärts durch Man­hat­tan zu den Fäh­ren hin. Am Tre­sen einer Schiffs­kan­ti­ne war­te­te bereits Mr. Mel­ro­se, über­reich­te mir einen Becher Kakao. Als  er mei­ne blü­hen­den Hän­de ent­deck­te, füt­ter­te er mich höchst­per­sön­lich mit­tels eines Tee­löf­fels. Schenk­te ihm zum Dank einen mei­ner Fin­ger, mach­te mich dann auf mei­nen täg­li­chen Weg über das Hur­ri­ka­ne­deck, sprach all die war­ten­den Pend­ler­men­schen freund­lich an, zeig­te ihnen mei­ne Hän­de, die als sol­che nicht zu erken­nen waren, weil sie Fin­ger­sträuß­chen ähnel­ten. Man muss sich das vor­stel­len, an jeder Hand trug ich 20 bis 30 Fin­ger­ex­em­pla­re, die meis­ten waren Mit­tel­fin­ger, Dau­men waren kei­ne dar­un­ter. Sobald ich an einem der Fin­ger zog, lös­te er sich, so dass ich ihn wei­ter­rei­chen konn­te. Für jeden Fin­ger bekam ich 5 Dol­lar. Ich erin­ne­re mich nicht, je Schmerz emp­fun­den oder geblu­tet zu haben. Viel­mehr emp­fand ich Ver­gnü­gen, Freu­de, Lust. – Die­ser Traum wur­de so oder ähn­lich geträumt, kurz vor vier Uhr in der ver­gan­ge­nen Nacht. — stop

ping

///

abschnitt neufundland

picping

Abschnitt Neu­fund­land mel­det fol­gen­de gegen Küs­te gewor­fe­ne Arte­fak­te : Wrack­tei­le [ See­fahrt – 1001, Luft­fahrt — 755, Auto­mo­bi­le — 40231], Gruß­bot­schaf­ten in Glas­be­häl­tern [ 18. Jahr­hun­dert — 6, 19. Jahr­hun­dert – 321, 20. Jahr­hun­dert – 886 , 21. Jahr­hun­dert — 77 ], phy­si­cal memo­ries [ bespielt — 386, gelöscht : 6 ], Win­ter­flie­gen LH77 [ Ske­lett­tei­le : 5 ], Öle [ 0.3 Ton­nen ], Pro­the­sen [ Herz — Rhyth­mus­be­schleu­ni­ger – 8, Knie­ge­len­ke – 32, Hüft­ku­geln – 22, Bril­len – 761 ], Schu­he [ Grö­ßen 28 – 39 : 175, Grö­ßen 38 — 45 : 2351 ], Kühl­schrän­ke [ 57 ], Tief­see­tauch­an­zü­ge [ ohne Tau­cher – 3, mit Tau­cher – 18 ], Engels­zun­gen [ 5 ] | stop |

ping

///

schrödingers katze

pic

nord­pol : 5.18 — Wie Sor­ge nach und nach lei­se ein Haus betritt, in wel­chem Men­schen leben, die alt gewor­den sind. Sie erscheint als ein Tier, das nicht sicht­bar ist, feins­tes Gewe­be in Bewe­gun­gen der Haus­be­woh­ner, in der Art, wie sie mit­ein­an­der spre­chen oder wovon sie nicht spre­chen. Vater, der an sei­nem Tisch sitzt im Wohn­zim­mer. Sein leicht geneig­ter Kopf. Und die­ser Blick, spre­chen­des Licht. Bin ich nicht viel­leicht viel zu lang­sam gewor­den? Kann ich noch wirk­lich ver­ste­hen, was ihr mir zu sagen habt? Wer bin ich über­haupt? Bin ich noch der, für den Ihr mich hal­tet? Was erzählt ihr Euch über mich? Habt Ihr Geheim­nis­se vor mir, die mich betref­fen? Ich bin so müde, wie kann man nur so müde sein, wie kann man nur immer­zu so ger­ne schla­fen. – Die Hand mei­nes Vaters, die nicht mehr schrei­ben kann, nicht mehr so wie frü­her schrei­ben, die­se klei­nen genau kal­ku­lier­ten Zei­chen auf begrenz­ter Flä­che der Papie­re. Und die­ser Com­pu­ter, der macht, was er will. Und all die­se Bücher, die noch ein­mal zu lesen sind, über den Urknall, sol­che Bücher, über Ägyp­ten, über das Leben, Schrö­din­gers Kat­ze. – stop

///

shakespears garden

2

lima

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : BALCONY
date : aug 11 12 10.08 p.m.

Seit Tagen bereits sehen wir Fran­kie in stän­di­ger Bewe­gung. Das Eich­hörn­chen scheint zu einer Per­sön­lich­keit gewor­den zu sein, die ohne jeden Schlaf aus­zu­kom­men ver­mag. Wir haben das so nicht erwar­tet. In den ver­gan­ge­nen Tagen und Näch­ten wan­der­te Fran­kie 180 Mei­len durch den Cen­tral Park. Wir dach­ten zunächst, dass Frankie’s Unru­he sich ent­fal­tet haben könn­te, weil es reg­ne­te. Aber Fran­kie läuft noch immer und es hat schon lan­ge auf­ge­hört. Der Him­mel an die­sem Abend ist wol­ken­los. Wir befin­den uns nahe der Base­ball­fel­der Höhe 61. Stra­ße. Es ist denk­bar, dass es gleich rauf bis zur 68. Stra­ße gehen wird ohne Pau­se, eine Fra­ge der Zeit bis wir auf­ge­ben müs­sen, weil wir das Ende unse­rer Kräf­te erreicht haben wer­den. Ent­we­der wir bekom­men bald eine Ablö­sung oder es ist Schluss! Manch­mal fra­gen wir uns, war­um das not­wen­dig ist, ein Wesen zu beob­ach­ten, das über einen Sen­der ver­fügt, den wir jeder­zeit anpei­len könn­ten, um das Gespenst wie­der­zu­fin­den. Nein, es ist nicht immer leicht zu ver­ste­hen, was hier vor sich geht. Ges­tern, Frei­tag, haben wir von 2 bis 4 Uhr fol­gen­de Posi­tio­nen hin­ter uns gelas­sen > Turt­le Pond : Gre­at Lawn Soft­ball Field : Bridge No 24 : East 96th Street Play­ground : North Mea­dow : Har­lem Meer : Glen Span Arch : Sene­ca Vil­la­ge Site : Shake­spears Gar­den : Bal­c­o­ny Bridge. Ihr Mal­colm — stop / code­wort : ligu­ri­en

emp­fan­gen am
11.08.2012
1288 zeichen

mal­colm to louis »

ping

///

nachtfalter

pic

alpha : 0.25 — Kurz nach Mit­ter­nacht stürz­te ein Fal­ter auf mei­nen Schreib­tisch. Ich hat­te die Fens­ter geöff­net, küh­le und doch wür­zi­ge, feuch­te Luft von drau­ßen und eben der Fal­ter, der plötz­lich vor mir auf dem Rücken lag und sich nicht mehr rühr­te, als wäre er wäh­rend sei­nes Nacht­flu­ges tief und fest ein­ge­schla­fen. Und da war nun eine selt­sa­me Fra­ge. Wie wecke ich einen schla­fen­den Fal­ter, ohne ihn in Angst und Schre­cken zu ver­set­zen? Ich könn­te mit mei­nem Atem etwas Wind erzeu­gen oder aber ich könn­te nach einem fei­nen Pin­sel suchen. Ich könn­te ande­rer­seits vor­ge­ben, als wäre der Fal­ter nicht wirk­lich. Ich muss das nicht sofort ent­schei­den. stop. Cole­man Haw­kins Quin­tet South. — stop

///

stimmen zu st. georg

pic

echo : 0.28 — Ein Spa­zier­gang über den alten Münch­ner Fried­hof St. Georg. Ich stand vor Liesl Karl­stadts Grab, plötz­lich hör­te ich ihre Stim­me, die von irgend­wo her aus den Kas­ta­ni­en­bäu­men in nächs­ter Nähe zu kom­men schien. Oran­ge­far­be­ne Blü­ten, Fuchs­köp­fen ähn­lich, lun­ger­ten auf dem klei­nen Karl­stadt­hü­gel. Blaue Füh­ler­kä­fer hetz­ten über san­di­gen Boden. Wald­bie­nen, Moo­shum­meln, Rau­pen­flie­gen, es sirr­te und brumm­te in allen mög­li­chen Tönen. Auf dem Gedenk­stein für Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der hock­te ein Mari­en­kä­fer von Holz, der Schirm eines Fächer­ahorns spen­de­te Schat­ten. Auch an Fass­bin­ders Stim­me konn­te ich mich sofort erin­nern, ohne einen kon­kre­ten Satz aus sei­nem Mun­de zu ver­neh­men. Es war ganz so, als wür­den die Stim­me in mei­nem Kopf eine Stim­me simu­lie­ren. Erich Käst­ner aller­dings war mir ent­we­der abhan­den­ge­kom­men oder ich habe sei­ne Stim­me tat­säch­lich noch nie in mei­nem Leben gehört. Aber den Sedl­mayr, Wal­ter, erin­ner­te ich unver­züg­lich und auch die ange­nehm war­me Stim­me Bernd Eichin­gers, der so plötz­lich gestor­ben war. Som­mer­fä­den schweb­ten durch die Luft. Das Rascheln der Eich­hörn­chen unter dem Efeu. Über mir ein blau­grau­er, blit­zen­der Him­mel. Es duf­te­te nach Zimt, war­um? Irgend­wo in mei­nem Kopf, ich spür­te das genau, muss eine Erin­ne­rung an die Stim­me Oskar Maria Grafs zu fin­den sein. Und wenn ich nun noch zwei oder drei Stun­den auf mei­nem Sofa sit­ze und lau­sche in die­ser stil­len Nacht, wird sie viel­leicht hör­bar wer­den. — stop

ping

///

lichtprobe

pic

hima­la­ya : 3.10 — Ein Minu­ten­aus­schnitt aus der fürch­ter­li­chen Wirk­lich­keit eines Bür­ger­krie­ges. Im Film­do­ku­ment, das ich vor zwei Tagen beob­ach­tet habe, sind in der syri­schen Stadt Alep­po Män­ner zu sehen, sehr jun­ge, bei­na­he kind­lich wir­ken­de und etwas älte­re Män­ner, sie erschie­ßen wei­te­re Män­ner, die teil­wei­se kaum noch beklei­det waren und offen­sicht­lich von Schlä­gen ver­letzt. In einer Art Rausch, so neh­me ich das aus gro­ßer Ent­fer­nung wahr, wur­de getö­tet, auf­ge­nom­men von Han­dy­ka­me­ras. Kurz dar­auf waren die­se Hand­lun­gen auf Ser­ver­ma­schi­nen gela­den und sind seit­her von jedem Ort die­ser Welt, der über einen Inter­net­zu­gang ver­fügt, für unbe­stimm­te Zeit abruf­bar. Man kann den einen oder ande­ren der schie­ßen­den Män­ner für Sekun­den eben­so gut erken­nen wie jene Män­ner, die durch Schüs­se getö­tet wur­den. Hun­der­te, wenn nicht Tau­sen­de die­ser Doku­men­te lie­gen vor. Was wird mit die­sen Doku­men­ten gesche­hen? Wer­den Sie bereits gesi­chert? In die­ser Minu­te viel­leicht? Und vom wem und in wel­cher Absicht? – stop

///

buenos aires

pic

oli­mam­bo : 6.42 — Ich stel­le mir eine Maschi­ne vor, die flie­gen kann, eine klei­ne Maschi­ne, nicht grö­ßer als eine Mur­mel in Kin­der­hand. Zar­tes­te Räd­chen und Schrau­ben und Gewin­de sind in ihrem Innern zu fin­den, Bat­te­rien von der Grö­ße eines Berg­schne­cken­her­zens wei­ter­hin, sowie eine äußerst fili­gra­ne Funk­an­ten­ne, ein Lin­sen­au­ge und Mikro­fo­ne oder Ohren, die in der Nähe des Auges der­art mon­tiert wor­den sind, dass sie in der Lage sein könn­ten, eben genau jene Geräu­sche auf­zu­zeich­nen, die sich vor dem Auge des Flug­we­sens ein­mal abspie­len wer­den. Viel­leicht darf ich ver­ra­ten, dass es vor­neh­me Auf­ga­be der Maschi­ne sein wird, zu schau­en und eben zu flie­gen. Man fliegt mit­tels Pro­pel­lern, die sich so schnell bewe­gen, dass kein mensch­li­ches Auge sie wahr­neh­men kann. Ein hel­les Sum­men oder Pfei­fen ist in der Luft, und ich dach­te, man könn­te sich viel­leicht an Mos­kit­o­f­lie­gen erin­nert füh­len, sobald sich eine der klei­nen Maschi­nen näher­te, obgleich sie nie­mals ste­chen, nur Licht­pro­ben neh­men. Dar­über hin­aus gehend stell­te ich mir Läden vor, die sich wie Stütz­punk­te für Flug­ma­schi­nen beneh­men, Maga­zi­ne, die über­all in unse­rer Welt exis­tie­ren wer­den. Für drei oder vier Dol­lar die Stun­de könn­te ich mir von mei­nem Com­pu­ter aus ein flie­gen­des Auge lei­hen, um an einem schö­nen Som­mer­abend, im Novem­ber zum Bei­spiel, in Bue­nos Aires durch die Luft zu spa­zie­ren. – stop

ping

///

kühle augen

pic

nord­pol : 6.32 — Ges­tern am spä­ten Abend wohn­te ich via Inter­net einer Hin­rich­tung bei. Fünf Män­ner wur­den erschos­sen, und zwar in Alep­po auf offe­ner Stra­ße. Es waren Rebel­len, die das Feu­er auf Gefan­ge­ne eröff­ne­ten. Sie rie­fen: Gott ist groß! Gott ist groß! Als die Per­so­nen, es sol­len Ange­hö­ri­ge einer berüch­tig­ten, mor­den­den und fol­tern­den, regie­rungs­treu­en Miliz gewe­sen sein, längst tot gewe­sen waren, wur­de noch immer auf sie geschos­sen, als woll­te man die Kör­per vor der Haus­wand zu Staub zer­le­gen, den der Wind mit sich fort­tra­gen könn­te. Rechts neben dem gera­de erwähn­ten Film­do­ku­ment von zwei Minu­ten Län­ge, war die Exis­tenz wei­te­rer Fil­me in Vor­schau zu sehen, dar­un­ter der Bericht eines nord­ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­sen­ders über die chir­ur­gi­sche Rekon­struk­ti­on eines schwer ver­letz­ten Gesich­tes. Ein Kan­ni­ba­le hat­te im Staa­te Loui­sia­na Nase, Mund und Augen eines Man­nes ver­speist. Der arme Mann war kurz dar­auf noch am Leben gewe­sen und wur­de nun von zwei Schwes­tern behut­sam über den Flur eines Kran­ken­hau­ses geführt. Auch die­sen Film habe ich mit küh­len Augen betrach­tet. Dann war Mit­ter­nacht vor­über und ich spa­zier­te ein wenig durchs Vier­tel. Kat­zen waren unter­wegs, die mit ihren Schein­wer­fern nach mir leuch­te­ten. Im Park um die Ecke wur­den Fei­gen und Dat­teln gebra­ten. Ein süßer, mil­der Nebel­duft hing in der Luft. Ich saß eine hal­be Stun­de auf einer Bank und beob­ach­te­te Bäu­me, ob sie viel­leicht nacht­wärts arbei­ten, der ein oder ande­re. – stop



ping

ping