Aus der Wörtersammlung: erfahrung

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valletta : west street

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nord­pol : 2.54 — Ges­tern Abend erreich­te mich eine E‑Mail von Geor­ges. Er schreibt: Mein lie­ber Lou­is, wie ich durch die Stadt Val­let­ta schlen­der­te, bemerk­te ich in der West Street nahe St. Lucia eine klei­ne Werk­statt. Sie war düs­ter, aber gera­de noch hell genug, dass ich ein Mäd­chen erken­nen konn­te, das an einem Tisch saß, sie schien Haus­auf­ga­ben zu machen. Ich rich­te­te mei­ne Kame­ra auf das Mäd­chen, um es zu foto­gra­fie­ren, da hob sie den Kopf und sah mich an, mit einem freund­li­chen Blick. Ich frag­te, ob ich ein­tre­ten dür­fe. Es war ein wirk­lich düs­te­rer Ort, das Licht der Stra­ße erreich­te gera­de noch den Tisch, auf dem das Schul­heft des Mäd­chens lag, und es war kühl, und es ging ein leich­ter Wind. In der Tie­fe des Rau­mes erkann­te ich einen wei­te­ren Tisch, der von einer Glüh­bir­ne beleuch­tet wur­de, die ohne Schirm von der Decke bau­mel­te. Hin­ter dem Tisch hock­te ein dun­kel­häu­ti­ger, alter Mann mit wei­ßem Haar. Ich grüß­te auch in sei­ne Rich­tung. Als ich mich gera­de her­um­dre­hen woll­te, um auf die Stra­ße zurück­zu­keh­ren, schal­te­te der Mann einen glä­ser­nen Leucht­glo­bus an. Ein schö­nes blau­es und gel­bes Licht von Mee­ren und Wüs­ten strahl­te in den Raum, vor des­sen Wän­den Rega­le bis zur Decke rag­ten. Dort war­te­ten wei­te­re Erd­ku­geln, es waren eini­ge Hun­dert bestimmt. Ich bemerk­te, dass der Mann auf dem Tisch Gläs­chen mit Far­be zu einer Rei­he abge­stellt hat­te, er selbst hielt einen fei­nen Pin­sel und ein Mes­ser mit einer win­zi­gen Klin­ge in der Hand. Außer­dem ruh­te der Glo­bus vor dem Mann auf dem Kopf, viel­leicht des­halb, weil er ein­mal aus sei­ner Fas­sung genom­men und augen­schein­lich her­um­ge­dreht wor­den war, der Süd­pol befand sich im Nor­den, der Nord­pol im Süden der leuch­ten­den Kugel, an wel­cher der Mann mit sei­nen Werk­zeu­gen arbei­te­te. Es war eine Arbeit für ruhi­ge Hän­de. In dem Moment, als ich näher gekom­men war, nah­men sie gera­de die Ent­fer­nung des Schrift­zu­ges Cape Town vor, der selbst auf dem Kopf ste­hend in das Blau des Mee­res jen­seits des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nen­tes reich­te. Aus nächs­ter Nähe nun beob­ach­te­te ich, wie der alte Mann die Spu­ren, die die Radie­rung des Schrift­zu­ges erzeugt hat­te, mit blau­er Far­be füll­te. Immer wie­der prüf­te er indes­sen den Ton der Pig­men­te, in dem er eine Lupe in sein lin­kes Auge klemm­te. Er schien weit­ge­hen­de Erfah­rung in die­ser Arbeit gesam­melt zu haben, sei­ne Hän­de beweg­ten sich schnell, es roch nach Ter­pen­tin, und der Mann hauch­te gegen das Meer, wohl um sei­ne Trock­nung zu beschleu­ni­gen. Dann begann er zu schrei­ben, er schrieb Cape Town, er schrieb die Wör­ter so, dass sie rich­tig her­um vor unse­ren Augen erschie­nen. Ich erin­ne­re mich an ein Motor­rad, das auf der Stra­ße vor­bei knat­ter­te. Das Mäd­chen hat­te sei­ne Schul­hef­te geschlos­sen und war ins Licht der Son­ne getre­ten. Plötz­lich war es ver­wun­den. — stop
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database

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sier­ra : 0.08 — Immer wie­der die­sel­be selt­sa­me Erfah­rung. Sobald ich mit­tels einer Hilfspro­gramm­ma­schine die Daten­bank mei­ner Par­ti­cles­denk­be­we­gung halb auto­ma­tisch von Bal­last befreie, die Emp­fin­dung, tat­säch­lich, ich selbst, kör­per­lich leich­ter gewor­den zu sein: Con­gra­tu­la­ti­ons, your data­base is com­ple­tely opti­mi­zed! — stop
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koffer

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tan­go : 23.59 — Mit die­ser Minu­te endet Lou­is’ 18868. Lebens­tag. Ich habe an die­sem Tag eine selt­sa­me Erfah­rung gemacht. Vor einer Stun­de unge­fähr bemerk­te ich, dass ich mein Notiz­buch, in wel­ches ich hand­schrift­lich Wör­ter notie­re, mit schein­bar ande­ren Augen als noch am frü­hen Mor­gen betrach­te­te. Ich dach­te, bei die­sem klei­nen Heft hier han­delt es sich um mei­nen ein­zig ver­blie­be­nen Raum, in dem ich Gedan­ken auf­zeich­nen kann, die nur für mich bestimmt sind. Ja, so könn­te es gekom­men sein. Alle Wör­ter, die ich mit­tels mei­ner elek­tri­schen Schreib­ma­schi­ne, die mit dem Inter­net ver­bun­den ist, notie­re, sind oder sind mög­li­cher­wei­se öffent­li­che Wör­ter, weil sie einem kom­mu­ni­ka­ti­ven Sys­tem ver­bun­den sind, wel­ches jeder­zeit aus­ge­le­sen und gespei­chert wer­den kann auf unbe­stimm­te Zeit. Es exis­tie­ren dem­zu­fol­ge auf­ge­zeich­ne­te Wör­ter einer­seits, die tat­säch­lich so lan­ge pri­vat sind, wie ich den Kof­fer, in dem ich sie auf­be­wah­re, nicht ver­lie­re, ande­rer­seits auf­ge­zeich­ne­te Wör­ter, die sich außer­halb die­ses Kof­fers befin­den. — stop

ping

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jean paul

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char­lie : 3.08 — Wäh­rend eines Gesprä­ches im Gehen erzähl­te ich Mut­ter, dass ich vor Jah­ren ein­mal fürch­te­te, ihr Leben könn­te vor dem Leben mei­nes Vaters enden. In Bruch­tei­len einer Sekun­de ant­wor­te­te sie, dass Vater ihr in die­sem Fal­le unmit­tel­bar nach­ge­stor­ben wäre. Ich war sofort ste­hen geblie­ben, das Wort nach­ster­ben irri­tier­te. Ich mein­te die­ses Wort noch nie zuvor gehört zu haben, und über­leg­te, ob Mut­ter das Wort viel­leicht erfun­den haben könn­te, ein Wort also für eine Situa­ti­on, die sie sich selbst vor­ge­stellt haben moch­te. Eini­ge Stun­den spä­ter such­te ich nach dem Wort in der digi­ta­len Sphä­re. Tat­säch­lich exis­tiert die­ses Wort bereits seit lan­ger Zeit. Ich war nun ein altes Kind gewe­sen, das Wör­ter lernt, in dem es Geräu­sche von den Lip­pen sei­ner Mut­ter liest. Habe auf der Suche nach den Spu­ren jenes Wor­tes eine fei­ne Beob­ach­tung Jean Pauls ent­deckt: Außer­halb des Traums kom­men uns Emp­find­bil­der öfter von Tönen als von Reden und Schäl­len vor; nach einer Musik­nacht kann die beweg­te See­le sich will­kür­lich die Melo­dien, aber nicht die Gesprä­che wie­der­klin­gen las­sen; denn wie sehr der Musik­ton, die Poe­sie des Klan­ges, so tief mehr in uns als um uns zu spie­len und unter allen Emp­fin­dun­gen von uns mehr geschaf­fen als emp­fan­gen zu wer­den scheint, bewei­set die schon ange­führ­te Erfah­rung, daß wir an einem Sin­gen und Flö­ten, das in immer wei­te­re Fer­ne ver­fließt, gera­de mit dem gespann­tes­ten Ohre die letz­ten aus­ster­ben­den Töne von Außen nicht von den nach­ster­ben­den von Innen son­dern kön­nen. — stop. Drei Uhr. stop. Heu­te Nacht pfeift ein Vogel im Dun­keln, obwohl es noch lan­ge Zeit nicht hell wer­den wird. Das ist selt­sam. Er scheint mich im Auge zu behal­ten. Ich ste­he am Fens­ter und bewe­ge einen Arm und eine Hand, als wür­de ich win­ken. Die­se Ges­te lässt den Vogel ver­stum­men, war­um? — stop
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+1 (212) 439–5XXX

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echo : 5.26 — Kurz nach Mit­ter­nacht euro­päi­scher Zeit führ­te ich ein Gespräch mit Herrn Hiko Aoi, des­sen Tele­fon­num­mer ich nicht bekannt geben darf, weil er andern­falls jede wei­te­re Unter­re­dung mit mir für immer ver­mei­den wür­de. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis im Haus 818, Lex­ing­ton Ave­nue, mein Anruf ent­ge­gen­ge­nom­men wur­de. Eine ver­zerrt klin­gen­de Stim­me mel­de­te sich, es war die Stim­me einer Frau, die sich erkun­dig­te, wer ich sei und was ich von Herrn Aoi wis­sen wol­le. Ich gab mei­nen Namen zu Pro­to­koll, wei­ter­hin, dass ich drin­gend eine Fra­ge an Herrn Aoi rich­ten müs­se, deren Beant­wor­tung für mich drin­gend sei, und zwar noch in die­ser Nacht. Ich ahn­te, dass ich zunächst lan­ge war­ten wür­de, es han­delt sich bei Herrn Aoi um einen hoch­be­tag­ten Mann, der sich sehr vor­sich­tig durch sei­ne Woh­nung bewegt. Wie er sich dem Tele­fon­ap­pa­rat näher­te, hör­te ich sei­nen Atem, ein feuch­tes, ras­seln­des Geräusch, um mich dann freund­lich zu begrü­ßen. Ich stell­te mir vor, dass er viel­leicht lächel­te. Was gibt’s, Lou­is? frag­te er. Ich erkun­dig­te mich zunächst nach dem Wet­ter: Wie ist das Wet­ter bei Euch drü­ben? Nun, las­sen wir das, ich erklär­te, dass ich eine Fra­ge haben wür­de, eine quä­len­de Fra­ge, dass ich näm­lich drin­gend in Erfah­rung brin­gen müs­se, ob er, Mr. Hiko Aoi, sich für Flie­gen­tie­re inter­es­sie­re, für die Art und Wei­se wie sie sich durch die Luft bewe­gen, wie sie lan­den, und wie sie schla­fen. Ist es denk­bar, dass Sie sich viel­leicht für flie­gen­de Tie­re erwär­men könn­ten? Herr Aoi lach­te. Ich hör­te ihn tat­säch­lich lachen, ein gleich­falls feuch­tes, heu­len­des Geräusch. Der alte Mann bat mich um die Mög­lich­keit eines Rück­ru­fes. Ich war­te­te drei Stun­den, mach­te nichts in die­ser Zeit als ein­mal einen Kopf­stand. Gegen vier Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit klin­gel­te das Tele­fon. — stop

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erzählende physik eines fallendes radios

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sier­ra : 6.32 — Von der Berech­nung des Luft­wi­der­stan­des, dem ein Kör­per begeg­net, wenn er sich im frei­en Fall befin­det, wuss­te ich bis kurz nach Mit­ter­nacht nichts. Auch die Berech­nung der wach­sen­den Geschwin­dig­keit, mit der sich ein stür­zen­der Kör­per dem Erd­mit­tel­punkt nähert, war mir bis­her nicht mög­lich, weil ich noch nie gut gewe­sen bin in der Mathe­ma­tik der Phy­sik. Ich habe also nach­ge­le­sen und bin in die­ser Lek­tü­re auf einen wun­der­ba­ren Text gesto­ßen, den der Phi­lo­soph Lukrez bereits im Jahr 55 vor Chris­tus notiert haben soll. Er schreibt: Wer nun etwa ver­meint, die schwe­re­ren Kör­per, die senk­recht rascher im Lee­ren ver­sin­ken, ver­möch­ten von oben zu fal­len auf die leich­te­ren Kör­per und dadurch die Stö­ße bewir­ken, die zu erre­gen ver­mö­gen die schöp­fe­risch täti­gen Kräf­te: Der ent­fernt sich gar weit von dem rich­ti­gen Wege der Wahr­heit. Denn was immer im Was­ser her­ab­fällt oder im Luft­reich, muss, je schwe­rer es ist, umso mehr sein Fal­len beei­len, des­halb, weil die Natur des Gewäs­sers und leich­te­ren Luft­reichs nicht in der näm­li­chen Wei­se den Fall zu ver­zö­gern imstand ist, son­dern im Kamp­fe besiegt vor dem Schwe­re­ren schnel­ler zurück­weicht: Dahin­ge­gen ver­möch­te das Lee­re sich nie­mals und nir­gends wider irgend­ein Ding als Halt ent­ge­gen­zu­stel­len, son­dern es weicht ihm bestän­dig, wie sei­ne Natur es erfor­dert. Des­halb müs­sen die Kör­per mit glei­cher Geschwin­dig­keit alle trotz unglei­chem Gewicht durch das ruhen­de Lee­re sich stür­zen. — Eine wei­te­re Stun­de spä­ter hat­te ich eine recht prä­zi­se Vor­stel­lung von der Beschleu­ni­gung, die ein Tran­sis­tor­ra­dio erfährt, wenn es aus 1,60 Meter Höhe von einem Bar­tisch aus zu Boden fällt. Das ist eine wich­ti­ge Erfah­rung, um eine Geschich­te erzäh­len zu kön­nen, die sich dem Ver­hal­ten eines fal­len­den Radi­os gemäß ent­wi­ckeln könn­te. Weil sich das Radio zunächst lang­sam, dann schnel­ler wer­dend durch die Luft bewegt, wür­den sich auch die Wör­ter der Geschich­te zunächst lang­sa­mer ereig­nen, eine gerin­ge Men­ge Wör­ter für ein erzähl­tes Par­tic­le der Geschich­te, wohin­ge­gen zuletzt, kurz vor dem Auf­prall des Radi­os sich sehr vie­le Wör­ter ereig­nen wer­den, um ein erzähl­tes Par­tic­le zu erzeu­gen. Eine inter­es­san­te Vor­stel­lung, die ich para­do­xer­wei­se in mei­nem Gehirn her­um­zu­dre­hen ver­mag. Weil sich das Radio zunächst lang­sam bewegt, ist viel Zeit, um vie­le Wör­ter zu notie­ren. Ste­tig wer­den die Wör­ter weni­ger, weil sich die Zeit ihrer Auf­füh­rung ver­kürzt. Alles das ist für eine extre­me Zeit­lu­pe aus­ge­dacht. Und jetzt habe ich einen klei­nen Kno­ten im Kopf. Guten Mor­gen. — stop

formel

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matrjoschka

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romeo : 6.28 — Seit mei­ner Kind­heit besit­ze ich eine Pup­pe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babusch­ka ken­nen­ge­lernt. Die­ser Name war so lan­ge gül­tig gewe­sen, bis mir eine rus­si­sche Bekann­te erzähl­te, dass es sich eigent­lich um eine Matrjosch­ka­pup­pe han­deln wür­de. Man kann die­se Pup­pe öff­nen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch der­art ent­zweit, dass sie tat­säch­lich aus zwei Tei­len mit exakt geschnit­te­nen Rän­dern besteht, einem unte­ren Teil mit Füs­sen, die in Far­be auf das hel­le Holz auf­ge­tra­gen sind, und einem obe­ren Teil mit einem gezeich­ne­ten Kopf. Mit die­ser Tren­nung geht die Gestalt der Pup­pe jedoch nicht wirk­lich ver­lo­ren, weil sie in einer klei­ner gewor­de­nen Aus­ga­be, die sich in der grö­ße­ren Pup­pen­form ver­steck­te, wei­ter­hin vor­liegt. Sie ver­fügt über das glei­che Gesicht, wie ihre Hül­le, über einen etwas klei­ne­ren Mund, und gleich­falls gerö­te­te Wan­gen und klei­ne­re Augen, und sie drückt in die­ser Erschei­nung nichts ande­res aus als: Ich bin nur eine Hül­le, ich tra­ge mein eigent­li­ches Inne­res in mir, mein Wesen, öff­ne mich! Und so wei­ter und so fort. Ges­tern nun habe ich einen Brief gele­sen, in dem von der Gat­tung der Babusch­ka­pup­pen die Rede war. Ich hat­te den Brief noch nicht zu Ende stu­diert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm mei­ne Pup­pe seit vie­len Jah­ren zum ers­ten Mal wie­der in die Hand und öff­ne­te sie. Tat­säch­lich habe ich sofort ein inten­si­ves Gefühl wahr­ge­nom­men, eine Emp­fin­dung mei­ner Kind­heit, zugleich in der Zeit weit ent­fernt und nah und ver­traut. Hier der Brief, der mir mei­ne Pup­pe von Holz in Erin­ne­rung geru­fen hat­te. Miri­am erzählt von Erfah­run­gen des Prä­pa­rier­saa­les: Zuerst also haben wir die Haut ent­fernt und dann das Fett. Das war wie ein zwei­ter Man­tel gewe­sen, und dann kamen die Mus­keln dran, und plötz­lich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an die­se Babusch­ka­pup­pen gedacht. Die wer­den ja auch immer klei­ner, wenn man eine geöff­net hat und danach die nächs­te. Aber dann waren auf dem Tisch plötz­lich nur noch Arme und Bei­ne und ein Kopf, der aus zwei Tei­len bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hin­ge­legt habe, als wäre der Rumpf noch da, solch eine Ord­nung habe ich ver­sucht. Das sah also aus wie ein Strich­männ­chen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­ne­re mich in die­sem Moment sehr gut an eine merk­wür­di­ge Geschich­te aus der Anfangs­zeit des Kur­ses. Ich war schon sehr früh am Mor­gen im Prä­pa­rier­saal des Insti­tu­tes. Ich hat­te schlecht geschla­fen wegen einer leich­ten Grip­pe, und so war ich eine der ers­ten Stu­den­tin­nen gewe­sen, die an die­sem Tag die Arbeit an ihrem Leich­nam auf­ge­nom­men haben. Ich prä­pa­rier­te an einem der Arme, eine recht kom­pli­zier­te Ange­le­gen­heit war das gewe­sen, und ich dach­te immer wie­der, dass mei­ne Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so fei­ne Auf­ga­be aus­zu­füh­ren. Ich fluch­te also ein wenig vor mich hin und dann ent­schul­dig­te ich mich plötz­lich. Ganz im Ernst. Ich ent­schul­dig­te mich bei dem Leich­nam für mei­ne unfreund­li­chen Wor­te. Ich höre das jetzt noch. Ich höre mich sagen: Sor­ry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nach­dem mir bewusst gewor­den war, dass ich zur Lei­che gespro­chen hat­te, noch ein wenig so wei­ter­ge­macht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Mono­log. One way! Aber gut. — stop

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lufträume

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bamako : 6.30 — Der Stuhl mei­nes Vaters im Zim­mer vor den Bäu­men. Sobald ich mich set­ze, spü­re ich sei­ne Gegen­wart, als wäre er gera­de erst auf­ge­stan­den, um kurz in ein ande­res Zim­mer zu gehen. Genau die­ser Ort, ja, die­ser Raum, so vie­le Jah­re, so vie­le Stun­den lang hat­te mein Vater an die­ser Stel­le ver­bracht, dass er nur sehr lang­sam wei­chen kann in der Wahr­neh­mung sei­nes Soh­nes. Da ist sei­ne Schub­la­de, sein Licht­mess­ge­rät, sein Brief­öff­ner, sein Radier­gum­mi, sein Blei­stift, sei­ne Lupe, sein Foto­ap­pa­rat. Und das hier ist sei­ne Aus­sicht auf den win­ter­li­chen Gar­ten, auf den Com­pu­ter­bild­schirm, auf die Tas­ta­tur sei­ner Schreib­ma­schi­ne, auf sei­ne Lam­pe, die noch immer war­mes Licht ins Zim­mer sen­det, Licht, das mein Vater sich wünsch­te. Es ist eine selt­sa­me Erfah­rung, dass sich mit den Spu­ren eines Men­schen spür­ba­re Gegen­wart ver­bin­det. Das Geräusch einer Zei­tung, die raschelt. Eine Tür, die sich öff­net. Vor weni­gen Tagen noch hör­te ich mei­ne Mut­ter davon erzäh­len, wie sehr ihr mein Vater feh­le. Und weil die Wor­te nicht aus­reich­ten, die­ses Feh­len zu beschrei­ben, mach­te sie eine seh­nen­de Ges­te, als wür­de sie einen unsicht­ba­ren Mann umar­men, einen Raum, der nur noch Erin­ne­rung ist, einen Raum, der weder mit Hän­den noch Lip­pen berührt wer­den kann. — stop
polaroidunterwasserblume

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PRÄPARIERSAAL : feuerherz

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nord­pol : 7.07 — In der ver­gan­ge­nen Nacht habe ich in mei­nen Ver­zeich­nis­sen nach einem E‑Mailbrief gesucht, den mir eine jun­ge Frau, Lid­wi­en, vor eini­gen Jah­ren notiert hat­te. Ich konn­te den Brief nicht fin­den, kei­ne mei­ner Such­ma­schi­nen, weil ich den Brief ver­se­hent­lich ohne Namen abge­legt hat­te. Ich erin­ne­re mich noch gut an Lid­wi­en. Sie war eine zier­li­che, freund­li­che und ziel­be­wuss­te Per­son, die mit einem leicht fran­zö­si­schen Akzent for­mu­lier­te. Ich hat­te sie ein­mal beob­ach­tet, wie sie im Prä­pa­rier­saal mit ihren Hän­den in einem Säck­chen wühl­te, um kurz dar­auf inne­zu­hal­ten und die Augen zu schlie­ßen. In dem Säck­chen, das von schwar­zem, licht­un­durch­läs­si­gem Stoff gewe­sen war, befan­den sich Kno­chen einer Hand. Es war die Auf­ga­be Lid­wi­ens gewe­sen, unter den Kno­chen einen bestimm­ten Kno­chen zu fin­den und durch rei­nes Tas­ten ein­deu­tig zu iden­ti­fi­zie­ren. Ich beob­ach­te­te die jun­ge Frau, wie sie wäh­rend ihrer Suche in dem strah­lend hel­len Licht des Saa­les ste­hend die Augen schloss, als ob sie in die­ser Wei­se mit ihren Fin­ger­spit­zen in der Dun­kel­heit des Säck­chens bes­ser sehen könn­te. Ein Gespräch folg­te über Bil­der, die der Saal in Lid­wi­ens Geist erzeug­te. Kurz dar­auf erhielt ich einen Brief, in dem sie ihre Gedan­ken prä­zi­sier­te. Genau die­sen Brief such­te ich ver­geb­lich, dann erin­ner­te ich mich an den Titel eines Films, von dem die jun­ge Frau berich­tet hat­te, und schon war der Brief in mei­nen Archi­ven auf­zu­spü­ren gewe­sen. Lid­wi­en notier­te unter ande­rem Fol­gen­des: Wis­sen Sie, auf die Fra­ge, ob die Bil­der aus dem Saal in mei­nen All­tag hin­über­glei­ten, kann ich mit einem total auf­rich­ti­gen NEIN ant­wor­ten. Ich habe über­legt, wie das über­haupt sein kann, da muss ein Fil­ter sein und ich fin­de die­sen Fil­ter in mei­nem Gehirn wirk­lich fas­zi­nie­rend. Neu­lich habe ich ein Inter­view mit einer ehe­ma­li­gen Kin­der­sol­da­tin aus dem Sudan gese­hen, die eine Bio­gra­fie mit dem Titel FEUERHERZ geschrie­ben hat­te. Dra­ma­ti­sche Din­ge muss sie erlebt und für uns nahe­zu unvor­stell­ba­re Bil­der gese­hen haben. Auf die Fra­ge, wie sie mit die­sen grau­sa­men Bil­dern umging, ant­wor­te­te sie: Ich habe die­se Bil­der nicht beson­ders ver­ar­bei­tet, denn ES WAR UNSER ALLTAG UND WIR WAREN ES NICHT ANDERS GEWOHNT. Ich habe die­se Aus­sa­ge mit mei­nen Erfah­run­gen in Bezie­hung gesetzt. Von dem Moment an, da ich die Prä­pa­ri­er­hal­len regel­mä­ßig betre­te und vie­le Stun­den des Tages dar­in ver­brin­ge, wer­den all die toten Kör­per, all die Prä­pa­ra­te, die man auf unge­wohn­te und selt­sa­me Wei­se mit den eige­nen Hän­den bewirkt, ja gera­de zu erschafft, und der bei­ßen­de Geruch des For­mal­ins, zu mei­nem All­tag. In die­sem All­täg­li­chen, in der Rou­ti­ne, ver­lie­ren mensch­li­che Emo­tio­nen und die dazu­ge­hö­ri­gen Bil­der an Gewicht und Pola­ri­tät: Aus lei­den­schaft­li­cher Lie­be wird Freund­schaft und Zusam­men­halt, und aus Angst und Furcht wird Fata­lis­mus und Gelas­sen­heit. – Und des­halb blei­ben mei­ne Bil­der im Saal und ich las­se sie dort, wenn ich nach Hau­se zu mei­ner Fami­lie gehe. — stop

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tan­go : 3.55 — Aus guten Grün­den wie­der einen Selbst­ver­such im Atmen oder Nicht­at­men unter­nom­men. Ich saß zur Vor­sicht auf mei­nem Sofa, in der lin­ken Hand eine Uhr mit Sekun­den­zei­ger, in der rech­ten Hand ein Blei­stift, mit wel­chem ich Stri­che auf ein Blatt Papier zeich­ne­te, je einen Strich für 60 Sekun­den Zeit, ohne Atem geholt zu haben. Von 2 Uhr bis 2 Uhr 30 habe ich mir nun die Berech­ti­gung für 16 Strich­zei­chen die­ser Bedeu­tung erar­bei­tet. Dem­zu­fol­ge habe ich inner­halb eines Zeit­rau­mes von 30 Minu­ten 16 Minu­ten nicht geat­met, also von Luft­re­ser­ven gelebt. Fol­gen­de Erfah­rung: Zu Beginn jeder Atem­pau­se konn­te ich den­ken, was ich woll­te. Aber bereits nach 30 Sekun­den wil­lent­li­chen Atem­still­stan­des wur­de aus der Wei­te ein Fla­schen­hals. — Das Wort Luft­ho­len ist ein fas­zi­nie­ren­des Geräusch. — stop
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