kilimandscharo : 0.58 — Die wirklich kleinen Dinge dieser Welt sind dem menschlichen Auge nicht sichtbar. Sie befinden sich in Räumen des Ahnens, des Wünschens, des Erfindens. Niemand könnte je sagen, ob man von dort aus betrachtet wird. Wenn ich nun ein Papiertierchen ganz für sich allein belichte, dann erkenne ich zunächst, seine Gestalt ist rund. — stop

Aus der Wörtersammlung: gestalt
suspense
ginkgo : 0.55 — Im forschenden Gespräch mit Taini*. Vor einiger Zeit hatte sie auf meine Frage hin, ob sie sich jetzt, da sie schon viele Jahre in Europa lebt, als Europäerin wahrnehmen würde, geantwortet, sie sei doch eher noch immer eine Indianerin und das würde sich wohl niemals ändern, schon deshalb nicht ändern, weil ihre Gesichtszüge, weil das tiefe Schwarz ihres Haares und ihre äußerst zierliche Gestalt sie an ihren Ursprung täglich erinnerten. Ich sehe mich, sagt sie, ja, ich sehe mich! Wie sie jetzt lachend erzählt, dass sie einst schleichend ihre Sprache verloren habe, die verbotene Sprache ihrer Kindheit, und dass sie nun die Sprache jener Männer denken und sprechen würde, vor welchen sie sich als Mädchen in die Bäume flüchten musste. Langsam formuliert sie, Wort für Wort, betrachtet auch dann, wenn ich sie nicht ansehe, mein Gesicht, indem ich notiere, was sie erzählt. Selten wirft sie einen Blick auf das Notizbuch, das neben der Tonbandmaschine auf dem Tisch zwischen uns liegt, macht manchmal eine Kopfbewegung, die bewirkt, dass ich mein Werkzeug herumdrehe, damit sie sehen kann, was ich aufgeschrieben habe. Deine Schrift ist nicht zu lesen, bemerkt sie und schüttelt amüsiert den Kopf, vielleicht weil ich noch immer nicht gelernt habe, so zu schreiben, dass sie meine Gedanken entziffern könnte. Also lese ich ihr vor, zum Beispiel die Frage, wie Ameisen schmecken oder das Stichwort Schule. Kannst Du Dich noch an Deinen ersten Schultag erinnern? Ihr Schweigen. Eine anmutige, in sich suchende Erscheinung. Du musst eine spannende Geschichte daraus machen, sagt sie einmal. Ihr Blick, als ich sie frage, was sie denn unter einer spannenden Geschichte verstehen würde. — stop
* Name geändert
![]()
wortklangstempel

![]()

echo : 0.06 — Da war ein i am frühen Morgen, vielleicht weil ich nach einer langen Traumnacht noch nicht ganz wach gewesen, in das Wort Lebende hineingeraten, sodass das Wort Leibende entstand. Im Zusammenhang einer blühenden Regenkäfergeschichte eigentlich kein verrücktes oder schlampiges Wort, und doch eine merkwürdige Sache, weil ich den kleinen Text zwei- oder dreimal, ehe ich ihn veröffentlichte, prüfte, ohne das nachdrücklich umgestaltende i entdeckt zu haben. Ich spiele nun mit dem Verdacht, dass ich Texte, die ich notiere und kurz darauf wieder lese, zunächst einem Nahzeitspeicher meines Gehirns entnehme, in welchem Wörter oder ganze Sätze eines Textes als scheinbar korrekte Klangstempel im Moment der Zeile erinnert werden. Und dann gehe ich schlafen oder spazieren, beobachte einen Film oder unterhalte mich mit einem Freund oder einer Freundin, Zeit vergeht, in welcher die Stempel meines erfundenen Textes wieder zu Buchstaben, zu isolierten Tönen zerfallen, so dass ich meine Gedanken, meine Wörter und Sätze genau so zu lesen oder zu hören vermag, als wären sie von einem anderen Menschen notiert. Ja, so könnte das sein, so wollen wir das zunächst einmal annehmen. — Noch zu tun in dieser Nacht: Dimensionen der Papiertiere erspüren / µm = 10–6 m = 0,000.001 m. — stop
![]()
windstille
![]()
~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : WINDSTILLE
Es war Mittwoch, lieber Jonathan, trauriger Tag, mein letzter Fisch ist von mir gegangen. Als ich ihn besuchen wollte, ruhte er seitwärts auf sandigem Boden, eine scheinbar schlafende Gestalt. Das Gewicht seines Körpers kurz darauf in meiner Hand, nicht erwartete Kühle und die Rauheit seines Kopfes, den ich nie zuvor berührt hatte, ein seltsamer, ein bewegender Moment. Sie werden, lieber Kekkola, meine leise Trauer nach Jahren gemeinsamen Lebens verstehen, Sie ganz gewiss! — Sagen Sie, wie geht es Ihren Lungen, haben Ihre Atemflügel den Winter gut überstanden, ist alles so wie gewünscht, oder sind Sie vielleicht Stunden oder Tage ins Wasser zurückgekehrt, um Luft zu holen in vertrauter Art und Weise? Eine kuriose Vorstellung, wie mir scheint, Mr. Kekkola tauchend unter der Eishaut eines nordamerikanischen Sees. Ich darf Ihnen sagen, dass ich mich ein wenig vor Ihnen fürchte! Trotzdem hoffe ich, Sie haben sich bereits auf südöstlichen Kurs begeben. Ein wolkenloser Himmel sollte Sie erwarten, Windstille bei 17° Celsius, dort, wo ich Sie lebend vermute. – Ihr Louis, ahoi!
gesendet am
18.03.2010
4.38 MESZ
1132 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
![]()
meerestee
charlie : 0.03 — Jedes Wort als winziges Tier betrachten, mit einer je sehr langen Lebensgeschichte. Das Wort Himmel, zum Beispiel, ein feines Wesen, seine vielfältige Gestalt in den Sprachen dieser Welt, Zeichenmäntel, irrlichterndes Plankton in einer Tasse Meerestee. Und so fliegen die Wörter in Herden durch Luft und Raum um den halben Erdball herum von einem Menschen zu einem anderen Menschen in Sekundenschnelle. Hier werden sie gelesen, ein Tier nach dem anderen Tier, behutsam, scheu. — Gute Nacht und guten Morgen!
![]()
vom verschwinden
delta : 0.15 — Einmal, an einem Spätsommernachmittag, erzählte mir eine ältere Frau von einer seltsamen Erfahrung, die sie gemacht hatte, nachdem ihre Schwester unerwartet gestorben war. Zwei Jahre lag dieser schwere Verlust damals zurück. Die Schwester hatte sich kurz nach ihrem Tod, auf eigenen Wunsch hin, in ein anatomisches Präparat verwandelt. Ich erinnere mich an den wilden Blick der Frau, an ihre zierliche Gestalt, wie sie vor mir steht und vom Trauern und vom Warten berichtet, das heißt, genauer, davon berichtet, dass sie um ihre Schwester bisher nicht trauern konnte, so wie sie sich das Trauern gewünscht hatte, weil der Körper ihrer Schwester gegenwärtig, noch in dieser Welt gewesen sei. Manchmal habe sie daran gedacht, ihre geliebte Schwester zu besuchen, sie noch einmal zu berühren. Wir standen vor einer Kirche. Um uns herum fröhliche, von Last und Anforderung befreite Studenten. Sie hatten ihren anatomischen Präparierkurs an diesem Tag abgeschlossen, und den Menschen, die ihre Körper spendeten, betend gedankt. Auch die alte Frau schien nun leichter geworden zu sein, entschlossen. — Wie sie sagt, sie könne ihre Schwester jetzt endlich beerdigen. — Und wie sie kurz darauf durch die Menge junger Menschen verschwindet, ein Wölkchen schlohweißen Haares. — stop

fotografieren
echo : 0.52 — Dieses kleine Stück hier, zur Vollmondnacht, handelt von einer Frau, die mir vor wenigen Stunden nach langer Zeit der Abwesenheit wieder begegnet ist, weil ich den silbergrauen Mond am wolkenlosen Abendhimmel bemerkt hatte, und aus diesem heiteren Luftraum heraus, war sie dann plötzlich zu mir hereingefallen, selbst ihre Stimme, eine außerordentlich leise Stimme, ist nun so gegenwärtig als wäre kaum Zeit vergangen seit unserer Unterhaltung im Präpariersaal der Münchener Anatomie. Ich hätte sie damals beinahe übersehen, eine kleine Gestalt, die präparierend auf einem Schemel kniete und merkwürdige Bewegungen mit den Augen machte. Sie betrachtete den Körper vor sich auf dem Tisch mit einem ruhigen, mit einem festen Blick für je einige Sekunden, dann schloss sie die Augen für etwa dieselbe Zeit, die sie geöffnet gewesen waren, und so wiederholte sich das Stunde um Stunde. Einmal setzte ich mich neben sie an den Tisch und erzählte, dass ich ihre Augen, ihren Blick beobachtet haben würde und den Eindruck gewonnen, sie mache Bewegungen mit ihren Augen, die der Linsenbewegung eines Fotoapparates ähnlich seien. Richtig, antwortete die Frau, ich schließe meine Augen und schaue mir im Dunkeln an, was ich gespeichert habe. — Eine seltsame Stimme. Sehr hell. Und scheu. Ein Zittern. Wie durch einen Kamm geblasen. — stop

engelgeschichte für geraldine
delta : 0.03 — Vor langer Zeit habe ich eine kleine Geschichte geschrieben, die von Engeln erzählt. Ich kann nicht genau sagen warum, ich habe diese Geschichte bereits zweimal aus dem Licht der Öffentlichkeit zurückgezogen, sie aber nie gelöscht. Als ich gestern nun über die Kindheit eines Mädchens nachdachte, das in einer vornehmen Gegend Manhattans aufgewachsen ist, fiel mir die Geschichte wieder ein und ich habe nach ihr gesucht. Ich werde sie jetzt für Geraldine an dieser Stelle endgültig notieren. Liebe Geraldine, wo auch immer Du sein magst, diese folgende Geschichte gehört Dir. Hör zu: Einmal, immer nur einmal im Jahr, kommen die Engel der Stadt New York in einer Kirche zur großen Versammlung geflogen. Die steinernen Engel kommen von den Friedhöfen her, die hölzernen Engel aus den Gartenlauben, kostbare Porzellanengel öffnen ihre Vitrinen und segeln über den Hudson durch die kühle Abendluft. Auch von den Tapeten steigen Engel auf, verlassen ihre Postkartenzimmer, Bücher und Zeilen, in welchen sie vermerkt worden sind Zeichen für Zeichen. Sie steigen aus den Träumen der Kinder, der Mütter, der Väter, wie Menschen aus Straßenbahnen steigen sie aus. Sobald sie Luft unter ihren Schwingen fühlen, werfen sie ihre Goldstaubmäntel von den Schultern, springen aus Badewannen, stark schon unterm Wasser geschmolzen, löschen das Licht, das auf ihren Köpfen flackert, umflattern noch einmal kurz die Häupter der steinernen Marien, auf deren Händen sie um ein weiteres Jahr gealtert sind. Es ist kaum richtig Nacht geworden, da kann man es in den Kellern schon ächzen hören, wenn sie sich mit vereinten Kräften gegen die schweren Deckel der Truhen stemmen, in denen sie aufgehoben sind von Fest zu Fest. Man muss sich, sofern man ein Mensch ist, nur im Dezember in Manhattan, Queens oder Brooklyn am richtigen Tag zur richtigen Stunde vor einen Engel setzen. Sobald es dunkel geworden ist, setzt man sich hin und wartet. Man wartet nicht lange, man wartet eine Stunde oder zwei und plötzlich ist der Engel fortgeflogen. Nach Süden ist er geflogen, oder nach Norden, auf kürzestem Weg vorbei an bebenden Vögeln zur größten Kirche der Stadt. Dort nimmt der Engel unter Engeln Platz. Überall sitzen sie inzwischen bis unter die Gewölbe, auf der Kanzel, den Betstühlen, den heiligen Figuren, auch auf den Mosaiken des Bodens, den Chören, dem Altar, den Verstrebungen der Kreuze, den Knochenfiguren, ja, auf Christus selbst haben sie Platz genommen. Sie sind alle sehr leicht. Im Grunde wiegen sie nichts. Sie sind von der Schwere eines Wunsches und sprechen in einer von keinem Forscher erschlossenen Sprache. Fröhliche Engelgestalten, jawohl. Sie lachen, das Lachen der Engel, wie tolle Fledermäuse lachen sie, so hell. Dann, kurz nach Mitternacht ist’s geworden, kommt einer der drei großen Engel, immer kommt nur einer von ihnen und immer kommt er zu spät, wurde aufgehalten im Auftrag befindlich, einmal ist es Gabriel, dann Raphael, dann Michael. Sehr langsam, ein Künstler des Fliegens, schwebt er herein, nimmt Platz auf den Stufen, schlägt die Beine übereinander und leuchtet. Ruhig sieht er unter die Versammlung, während er seine gewaltigen Schwingen hinter dem Rücken faltet. Jetzt werden die kleinen Engel andächtig und still. Vereinzelt kommt noch ein vergesslicher Kundschafter durchs Kirchenschiff gerast, da und dort trudelt ein betrunkenes Federwesen von höherer Stelle. Ist dann alles schön geordnet, erhebt der Erzengel seine Stimme. Es ist ein Singen, ein wunderbarer Altsopran, eine unerhört schöne Sprache. Er sagt: Guten Abend, Engel.
![]()
regenschirmtiere vol.2
tango : 22.28 — Seit einigen Tagen denke ich, sobald ich lese, begeistert an Neurone, Synapsen, Axone, weil ich hörte, dass ich mittels Gedanken, die Anatomie meines Gehirns zu gestalten vermag. Vorhin, zum Beispiel, ich folgte der Ankunft eines Schiffes in New York im Jahre 1867, überlegte ich, was nun eigentlich geschieht in diesem Moment der Lektüre dort oben hinter meinen lesenden Augen, ob man verzeichnen könnte, wie für das Wort M a r y, das in dem Buch immer wieder aufgerufen wird, frische Fädchen gezogen werden, indem sich das Wort schrittweise mit einer unheimlichen Geschichte verbindet. Oder der Regen, der Regen, was geschieht, wenn ich schlafend, Stunde um Stunde, Geräusche fallenden Wassers vernehme? In der vergangenen Nacht jedenfalls habe ich wieder einmal von Regenschirmtieren geträumt, sie scheinen sich fest eingeschrieben zu haben in meinen Kopf, vielleicht deshalb, weil ich sie schon einmal nachtwärts gedacht und einen kleinen Text notiert hatte, der wiederum in meinem Gehirn zu einem bleibenden Schatten geworden ist. Natürlich besuchte ich meinen Schattentext und erkannte ihn wieder. Trotzdem das Gefühl, Gedanken einer fernen Person wahrgenommen zu haben. Die Geschichte geht so: Von Regenschirmtieren geträumt. Die Luft im Traum war hell vom Wasser, und ich wunderte mich, wie ich so durch die Stadt ging, beide Hände frei, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spazierte. Als ich an einer Ampel warten musste, betrachtete ich meinen Regenschirm genauer und ich staunte, nie zuvor hatte ich eine Erfindung dieser Art zu Gesicht bekommen. Ich konnte dunkle Haut erkennen, die zwischen bleich schimmernden Knochen aufgespannt war, Haut, ja, die Flughaut der Abendsegler. Sie war durchblutet und so dünn, dass die Rinnsale des abfließenden Regens deutlich zu sehen waren. In jener Minute, da ich meinen Schirm betrachtete, hatte ich den Eindruck, er würde sich mit einem weiteren Schirm unterhalten, der sich in nächster Nähe befand. Er vollzog leicht schaukelnde Bewegungen in einem Rhythmus, der dem Rhythmus des Nachbarschirms ähnelte. Dann wachte ich auf. Es regnete noch immer. Jetzt sitze ich seit bald einer halben Stunde mit einer Tasse Kaffee vor meinem Schreibtisch und überlege, wie mein geträumter Regenschirm sich in der Luft halten konnte. Ob er wohl über Augen verfügte und über ein Gehirn vielleicht und wo genau mochte dieses Gehirn in der Anatomie des schwebenden Schirms sich aufgehalten haben. — stop
![]()
dorothy parker
india : 23.12 — Ein seltsamer Traum. Als ich erwachte, stolperte ich unverzüglich zum Schreibtisch und notierte: Mit Dorothy Parker spaziert. Manchmal frage ich mich, wie meine Träume entstehen, wie ich dazu komme, mir Geschichten zu erzählen, die von kosmischer Ferne sind, obwohl ich doch selbst in ihnen enthalten bin. Vor dem Hotel im Traum, 37. Straße West, wartete eine uralte, strahlend schöne Frau, die nach meinem rechten Arm verlangte, ohne ein Wort zu sprechen, eine geschmeidige, eine unwiderstehlich reizende Geste, und schon waren wir auf dem Weg dem Süden zu. Winterzeit, die Straßen dampften. Schweigend gingen wir nebeneinander her. Die alte Frau trug einen schweren, dunklen Pelzmantel, feine Lederhandschuhe von weißer Farbe und einen roten Hut, auf den ich herabsehen konnte, weil die Gestalt an meiner Seite sehr zierlich gewesen war. Ich kann mich nicht erinnern, wer nun wen durch Manhattan führte, jedenfalls passierten wir den Broadway, die Bowery, die Brooklyn Bridge. Wir mussten lange Zeit unterwegs gewesen sein, weil Mrs. Dorothy Parker, die sich selbst im Traum nicht zu erkennen gab, sehr, sehr langsam ging. Einmal hob ich sie hoch und trug sie eine Weile und sie schlief in meinen Armen ein. Dann erreichten wir den Prospect Park, eine Gegend, die mir bekannt zu sein schien. Da war eine Kreuzung. Und da war Harvey Keitel, der fotografierte. Er kam auf mich zu und betrachtete das Gesicht der alten Frau und lächelte und erkundigte sich, ob ich denn wüsste, wen ich da in den Armen halten würde. — Und jetzt ist wieder Nacht geworden und ich habe gute, sehr gute Laune und funkende Lust traumwärts weiterzuerzählen. Wie nur komme ich über den Atlantik hinweg genau an den Ort meiner kleinen Schlafgeschichte zurück?
![]()


