echo : 2.10 — Ludwig schickte mir einen Wecker, der es in sich hat. Als würden fünf oder sechs Bienen im Weckergehäuse ihre Runden drehen, solch ein Geräusch kommt aus dem Wecker. Eigentlich sieht der Wecker aus wie jeder andere Wecker seiner Art, etwas altmodisch in der Gestaltung. Er ruht auf drei Beinchen, und sein Zifferblatt ist rund und mit einer Zeichnung geschmückt, irgendwelche Blumen, Blüten, weiß, rot und blau. Oben auf dem Wecker sitzen zwei metallene Schirme fest, zwischen ihnen ruht ein Kegel, damit könnte der Wecker sich verständigen, wenn man ihn dazu auffordern sollte. Natürlich handelt es sich bei diesem Wecker, den Ludwig mir schickte, um einen besonderen Apparat, der nicht nur die Zeit messen, sondern angeblich auch Zeiträume auslöschen kann, in dem er jedes menschliche Wesen, das sich in seiner Nähe aufhält, in den Schlaf zu schicken vermag. Ja, tatsächlich, kein Irrtum. Man habe, hörte ich, Ludwigs Geliebte Sophia unlängst aufgefunden, wie sie vor einem Wecker saß, genau so einem Wecker, wie Ludwig ihn mir schickte. Lange Zeit war sie verschwunden gewesen. Als man ihre Wohnung gewaltsam öffnete, war nichts zu hören als ein Radio, das leise spielte. Sophia saß in der Küche vor dem Küchentisch, ihr Kopf war etwas geneigt von der Schwerkraft, ihre Hände lagen im Schoss, ein Glas, das Wasser darin weitgehend verdunstet, stand neben dem Wecker auf dem Tisch. Sie wirkte friedvoll, schien zu lächeln, vermutlich hatte sie bis zuletzt geschlafen. Schmal war sie geworden und blass, ihre Haut fühlte sich an, als wäre sie von Papier. Die Luft im Raum muss schwer gewesen sein, und süß und scharf in gleicher Weise. Alle, die sich dem Wecker auf dem Tisch näherten, schliefen auf der Stelle ein, sodass man sich nicht anders zu helfen wusste, als auf den Wecker zu schießen. — stop
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Aus der Wörtersammlung: gestalt
ein zeppelinkäfer
echo : 2.54 — Wann war es, dass ich zum ersten Mal bemerkte, wie meine Briefe kleiner und kleiner wurden? Wesen von wirklichem Papier, Bögen in Umschlägen, mit einem Postwertzeichen, das zuletzt die Anschriftenseite meines Schreibens vollständig bedeckte. Im Postamt werde ich seither ernst genommen. Vor einigen Wochen kaufte ich sinnvollerweise ein handliches Mikroskop und einen Satz Bleistifte von äußerster Härte. Ich spitzte das Schreibwerkzeug eine Viertelstunde lang, dann legte ich einen Bogen Papier in das Licht einer Linse mittlerer Stärke. Ich näherte mich mit bebenden Fingern. Man sollte mich in diesem Moment gesehen haben. Bei jedem Wort, das ich auf das kleine Blatt notierte, hielt ich die Luft an. Tatsächlich habe ich in meinen Leben noch nie zuvor in einer derart sorgfältigen Weise geschrieben. Ich brauchte drei Stunden Zeit, um das Papier, das nicht größer gewesen war als eine Briefmarke von 1,5 cm Kantenlänge, vollständig zu beschriften. Ich schrieb folgende Zeilen an einen Freund: Lieber Stanislaw, Du wirst es nicht glauben, nach 1 Uhr heute Nacht schwebte ein Zeppelinkäfer einer nicht sichtbaren, schnurgeraden Linie über den hölzernen Fußboden meines Arbeitszimmers entlang, wurde in der Mitte des Zimmers von einer Luftströmung erfasst, etwas angehoben, dann wieder zurückgeworfen, ohne allerdings mit dem Boden in Berührung zu kommen. – Ein merkwürdiger Auftritt. – Und dieser großartige Ballon von opakem Weiß! Ein Licht, das kaum noch merklich flackerte, als ob eine offene Flamme in ihm brennen würde. Ich habe mich zunächst gefürchtet, dann aber vorsichtig auf Knien genähert, um den Käfer von allen Seiten her auf das Genaueste zu betrachten. – Folgendes ist nun zu sagen. Sobald man einen Zeppelinkäfer von unten her besichtigt, wird man sofort erkennen, dass es sich bei einem Wesen dieser Gattung eigentlich um eine filigrane, flügellose Käfergestalt handelt, um eine zerbrechliche Persönlichkeit geradezu, nicht größer als ein Streichholzkopf, aber schlanker, mit sechs recht langen Ruderbeinen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebrapferde. Fünf Augen in graublauer Farbe, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erdboden gerichtet. Als ich bis auf eine Nasenlänge Entfernung an den Käfer herangekommen war, habe ich einen leichten Duft von Schwefel wahrgenommen, auch, dass der Käfer flüchtet, sobald man ihn mit einem Finger berühren möchte. Ein Wesen ohne Laut. Dein Louis, herzlichst. — Es war eine wirklich harte Arbeit, all diese Zeichen zu notieren. Dann faltete ich das Blatt Papier einmal kreuz und quer. Ich arbeite mit zwei Pinzetten wiederum unter starkem Licht, steckte den Brief in ein Couvert, dessen Herstellung noch mühevoller gewesen war als das Schreiben des Briefes selbst, und machte mich auf den Weg in das nächste Postamt. Dort wurde ich unverzüglich an den Schalter für besondere Briefformate weitergeleitet, wo mein Brief, den ich mit einer Pinzette auf den Tresen befördert hatte, von einer weiteren Pinzette entgegengenommen wurde. Ich war sehr glücklich. Ich beobachtete, wie der Beamte eine Briefmarke von der Größe eines Reiskorns behutsam auf meinen Brief legte und mittels eines Stempels, der vor meinen bloßen Augen kaum noch sichtbar gewesen war, entwertete. Dann ging mein Brief auf Reisen. Er flog sehr weit durch die Luft, und ich habe ihn für kurze Zeit vergessen. Nun aber, vor wenigen Stunden, wurde mir von einem Sonderboten der Post ein Brief von derart leichter Gestalt übergeben, dass ich zunächst die Anweisung erhielt, alle Fenster meiner Wohnung zu schließen. Dieser Brief, eine Depesche meines Freundes, ruht vor mir auf dem Tisch. Es ist ein kleines Kunstwerk. Auf seiner Briefmarke sollen sich zwei Paradiesvögel befinden, die ihre Schnäbel kreuzen. Ich werde das gleich überprüfen. — Es ist Freitag! Guten Morgen! — stop / fürs mariechen
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ein gewehr für kinder
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delta : 6.16 — Irgendwann einmal muss ich davon gehört haben, dass es in Amerika möglich ist, Gewehre für Kinder zu kaufen. Diese Gewehre sind ihrer Gestalt nach den Gewehren der Erwachsenen äußerst ähnlich, aber sie sind kleiner und bonbonfarben und vermutlich auch leichter. Das Seltsame ist, dass diese Kindergewehre ebenso wirkungsvoll sind, wie die Gewehre der Erwachsenen. Wenn ein Kind mit einem Kindergewehr einen Schuss auf ein anderes Kind abfeuern will, zum Beispiel auf dessen Kopf, oder versehentlich ein Schuss sich lösen sollte, wird das schießende Kind bemerken, dass das beschossene Kind zu Boden fällt und heftig blutet, vermutlich aus einem Loch, das sehr plötzlich in seiner Schädeldecke entstanden ist. Es liegt dann bebend einfach so da auf dem Teppich eines Zimmers oder im Garten unter einer blühenden Magnolie oder auf einer Straße, die von weinroten Blättern bedeckt ist, weil der tödliche Schuss zur Herbstzeit abgefeuert wurde. Verwundert, vielleicht schon weinend, wird das Kind, das die Folgen des Schusses betrachtete, in die Küche oder ins Schlafzimmer stürmen, wo die Mutter einerseits schläft oder andererseits gerade das Mittagessen zubereitet. Vielleicht hat die Mutter den Schuss selbst gehört und kommt ihrem bitteren Kind entgegen, beide haben ihre Augen weit geöffnet. Das Kind, das an den Bauch der Mutter stürmt, will vermutlich getröstet werden, es ist ja noch nicht einmal zehn Jahre alt, es braucht diesen Trost sehr sicher, weil das andere Kind nicht wieder aufstehen will, weil das gefallene Kind in einer Weise blutet, die nicht üblich ist. Wie dann die Mutter ihrem weinenden Kind folgen wird, wie beide den Ort des Geschehens erreichen, wie die Mutter zu Boden sinkt, wie sie weint und klagt, wie sie mit zitternden Händen den schwer versehrten Leichenkörper betastet, wie sie den Himmel anruft, wie sie selbst kaum noch atmet, hinter ihr stehend das überlebende Kind, das die geliebte Mutter beobachtet. Wie es jetzt zögernd näher kommt, ganz leise, weil es um Himmelswillen die Reparaturarbeiten der Mutter nicht stören will. – stop

mr. charles brown
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sierra : 6.28 — Mitten in der Nacht entdecke ich, dass Charles Brown tatsächlich existierte. Er war Engländer gewesen, sammelte Uhren und trug diese Uhren am eigenen Körper. Nicht etwa eine Uhr nach der anderen Uhr, wie man meinen möchte, vielmehr einige Uhren oder sehr viele Uhren zur gleichen Zeit. Ich bin natürlich äußerst begeistert, öffne zunächst das Fenster, lass frische Luft in die Wohnung, kehre vor den Bildschirm zurück, er ist immer doch da, Mr. Charles Brown oder ein Mann, der vorgab, Mr. Charles Brown gewesen zu sein, ein Mann, der Uhren sammelte, der Uhren beobachtete. Er soll Uhren an seinen Fingern getragen haben, Uhren am Revers, Uhren in der Gestalt von Manschettenknöpfen. Ich stelle mir vor, dass ein feines Zeitrauschen von ihm ausgegangen sein muss. Ist es nicht wunderbar, stundenlang an ein Geräusch wie dieses Rauschen der Zeit zu denken? — 3 Uhr und 10 Minuten. Ich habe heute nichts weiter zu tun, als wach zu bleiben, bis es hell werden wird. — stop / ps. Bemerkt zunächst bei Peter Glaser

silent sentry
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echo : 2.55 — Wird es vielleicht bald einmal möglich sein, menschliche Körper, präzise formuliert, die Oberfläche menschlicher Körper, derart zu gestalten, dass sie in unbekleidetem Zustand von aktiven Radartechnologien nicht zu erfassen sind, Menschengestalten demzufolge, die in der Begegnung weder Licht noch Geräusche emittieren? Welcher Art wäre die Lichtspur einer Bewegung ihres Körperraumes durch eine perzeptibele Menschenmenge? Und wären diese seltsamen Menschen in ihren eigenen Augen überhaupt noch sichtbar? Würden sie sich selbst eventuell noch wahrnehmen durch die Konzentration auf eine Vorstellung: Hier, vor mir auf dem Tisch, das weiß ich, weil ich ihn dorthin abgelegt habe, ruht mein Arm, so würde er sich in meinen Augen darstellen, wenn er für mich sichtbar wäre. All diese Fragen. – stop

eine funkuhr
sierra : 7.01 — Wenige Stunden nachdem mein Vater im April des vergangenen Jahres gestorben war, überreichte mir meine Mutter eine Uhr. Sie sagte, ich, der älteste Sohn der Familie, solle sie tragen. Vielleicht meinte sie, ich solle die Uhr meines Vaters bewahren und damit die Zeit meines Vaters behüten. Ja, genau so könnte das gewesen sein, denn die kleinen und die großen Uhren der Menschen, die gestorben sind, bleiben nicht sofort stehen, auch die Uhr meines Vaters, die ich in diesem Moment an meinem linken Unterarm trage, zeigt unermüdlich weiter die vorrückende Zeit. Sie knistert, wenn ich sie an mein Ohr lege. Das Geräusch ist so leise, dass ich nicht sagen kann, ob das Werk der Uhr knistert oder mein Ohr in der Begegnung mit dem kühlen Gehäuse. Viele Tage und Wochen lang habe ich die Uhr meines Vaters nicht getragen, sie ruhte auf meinem Schreibtisch. Manchmal, indem ich sie beobachtete, hatte ich den Eindruck, sie warte. Immer wieder einmal hob ich sie in die Luft, um die genaue, die wirkliche Zeit angezeigt zu bekommen. Bei der Uhr meines Vaters handelt es sich nämlich um eine Funkuhr, die zu jeder Zeit auf die Sekunde genau die allgemeingültige Zeit anzuzeigen vermag. Ihr Zifferblatt ist übersichtlich gestaltet, ein großer Kreis für Halbtageszeit und kleiner Kreis in der unteren Hälfte, in dem der Sekundenzeiger sich um Minutenzeit fortbewegt. Diese Uhr und ihre drei Zeiger ist nun meine Uhr. Am vergangenen Sonntag setzte ich mich mit ihr auf mein Sofa. Es war kurz vor zwei Uhr zur Nachtzeit. Um genau zwei Uhr beschleunigte der Minutenzeiger wie von Geisterhand, drehte sich schnell einmal im Kreis herum, dann war Sommer geworden, ein seltsamer Moment, weil ich für einen Augenblick den Eindruck hatte, mein Vater selbst bewegte den Zeiger der Uhr, die seine letzte gewesen ist, weil er auf mich und meine Zeit achtet. — Gestern habe ich mir einen Hut gekauft. — stop

auf der roseninsel
india : 5.15 — Ich habe etwas Lustiges geträumt. War nachts mit einem Zug nach Possenhofen gefahren. Ein harter Winter, ich schlenderte am Ufer des Starnberger Sees. Manschetten von Eis umsäumten Steine und Hölzer, die im Niedrigwasser sichtbar geworden waren. Ich erinnere mich, dass ich versuchte Wörter zu finden für Geräusche, die meine Schritte auf dem gefrorenen Boden erzeugten. Ich hatte viel Zeit, ich war auf dem Weg zur Roseninsel. Eichhörnchen flitzten durchs Unterholz, auf Bänken, welche ich passierte, saßen gefrorene Menschen, das war seltsam, weil sie alle lächelten, als wäre das Erfrieren ein angenehmer Vorgang gewesen. Außerdem konnten sie leise sprechen. Wenn ich ihnen eine Frage stellte, nämlich, ob ich auf dem richtigen Weg zur Roseninsel sei, antworteten sie, ja ja, ihre Stimmen kamen aus den Ohren der gefrorenen Gestalten heraus, sodass ich den Eindruck hatte, in den menschlichen Körpern würden weitere Körper sitzen. Auch Fische spazierten im Traum herum, auf Füssen, an welchen sie Wanderschuhe trugen. Dann war ich irgendwann angekommen und wartete am Ufer, ob mich jemand holen würde. Das Wasser an dieser Stelle leuchtete, ein Licht, das sich bewegte. Plötzlich tauchte ein kleines U‑Boot aus dem Wasser. Es hatte die Form einer Zigarre und war durchsichtig und kam sehr nah an das Ufer heran. Eine Luke öffnete sich. Robert De Niro winkte und er sagte, ich solle zu ihm ins Boot steigen. Wir tauchten dann rüber zur Insel, es war Tag als wir angekommen waren, Sommer. Auf einer Bank saß mein Vater, er las in einer Zeitung. Hier, in seiner Nähe, wachte ich auf, weil mein Wecker klingelte. Ich nahm den Wecker in die Hand, und als ich drei Stunden später wieder einmal wach geworden war, hatte ich den Wecker noch immer der Hand, so wie es sein muss, mit den Weckern, wenn man sie träumt. — stop

Louis / XD5878682-NOE06 24.11.10~24.11.2015
nordpol : 5.04 — Denkbar, dass irgendwann einmal Warenhäuser existieren werden für Ohren, Nasen, Augen, Läden also für Kopfes Zubehör. Auch Geschäfte für Nieren, Knochen, Sehnen, Haut und weitere Materialien eines menschlichen Körpers sind wahrscheinlich geworden. Man wird, sofern man über ausreichend finanzielle Mittel verfügt, wesentliche anatomische Substanzen der eigenen Existenz in zentralen Magazinen voll ausgewachsen vorrätig halten, um in der Not ohne Verzögerung handeln zu können. Fernreisende führen dann Behälter mit sich, in welchen sich tiefgekühlte Lungen und Herzen befinden. Ein anatomischer Eisschatten könnte unsere Lebenszeit begleiten, solange man nicht in der Lage ist, eine komplette, eine durchblutete, willenlose Gestalt, eine Kopie der eigenen Person in nächster Nähe in Bereitschaft zu halten. Diese Person könnte über Reisepapiere verfügen, über persönliche Kleidung, über einen Schrankkoffer zum Schlafen, über einen Stuhl zum Sitzen, über etwas Personal, welches das doppelte Wesen füttern und baden und spazieren führen wird im Garten. Jedes fünfte Jahr würde das Wesen erneuert werden. In den Papieren meines Schattens könnte folgende Signatur zu entdecken sein: Louis / XD5878682-NOE06 24.11.10~24.11.2015. − stop

sarajevo
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ginkgo : 6.38 — Ich habe diese Geschichte gestern Abend selbst erlebt. Wenn sie mir jemand anderes als ich selbst erzählt haben würde, hätte ich sie vielleicht nicht geglaubt, weil sie schon ein wenig verrückt ist. Die Geschichte beginnt damit, dass ich in einem Café sitze und auf einen jungen Mann warte, der mir etwas erzählen will. Ich bin frühzeitig gekommen, bestelle einen Cappuccino und schalte mein kleines Handkino an, beobachte eine Dokumentation der Arbeit Maceo Parkers in New York, mitreißende Musik, soeben umarmt die Sängerin Kym Mazelle den Posaunisten Fred Wesley, als der junge Mann, den ich erwartete, plötzlich neben mir sitzt. Er schaut wie ich auf den kleinen Bildschirm. Sofort kommen wir ins Gespräch. Ich frage ihn, welche Musik er gehört habe, als Kind in der belagerten Stadt Sarajevo. Jedenfalls nicht solche Musik, antwortet er, und lacht, no Funk, wir hatten keinen Strom. Avi ist heute Anfang dreißig, dass er noch lebt ist ein Wunder. Tatsächlich steht ihm jetzt Schweiß auf der Stirn, wie immer, wenn er von der Stadt Sarajevo erzählt. Einmal fragte ich ihn, was er empfunden habe, als er von Karadzics Verhaftung hörte. Anstatt zu antworten, perlte in Sekundenschnelle Schweiß von Avis Stirn. Heute schwitzt er schon, ehe er überhaupt zu erzählen beginnt, weil er weiß, dass er gleich wieder berichten wird von den Straßen seiner Heimatstadt, die nicht mehr passierbar waren, weil Scharfschützen sie ins Visier genommen hatten. Man schleuderte Papiere, Zigaretten, Brote, Wasserflaschen in Körben von einer Seite der Straße zu anderen. Diese Körbe wurden nicht beschossen, aber sobald ein Mensch auch nur eine Hand aus der Deckung hielt, ja, aber dann. Avi war ein kleiner Junge. Er war so klein, dass er nicht verstehen konnte, was mit ihm und um ihn herum geschah, auch dass ein Holzsplitter sein linkes Auge so schwer verletzte, dass er jetzt ein Glasauge tragen muss, das so gut gestaltet ist, dass man schon genau hinsehen muss, um sein künstliches Wesen zu erkennen. Er sagt, er könnte, wenn ich möchte, das Auge für mich herausnehmen. Aber das will ich nicht. Ich erzähle ihm, dass ich damals, als er klein gewesen war, jeden Abend Bilder aus Sarajevo im Fernsehen beobachtet habe. Was das für Bilder gewesen seien, will Avi wissen. Ich sage: Das waren Bilder, die rennende Menschen zeigten. Avi schwitzt. Und er lacht: Das Fernsehen kann nicht gezeigt haben, was geschah, weil es immer schnell und überall passierte. Und diese Geräusche. Plötzlich nimmt der junge Mann mein kleines Kino in die Hand zurück, setzt sich die Kopfhörer in seine Ohren ein, hört Maceo Parker, Kim Macelle, Fred Wesley, Pee Wee Ellis, nickt im Rhythmus der Musik mit dem Kopf. Ein Wispern. — stop

ein kleines tier von luft
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marimba : 3.10 — Es ist richtig, ich bin begeistert. Seit zwei Tagen schwebt eine merkwürdige Gestalt durch meine Wohnung. Es handelt sich um ein Lungenballontier, nichts weiter, um eine Kreatur von kühler, sandfarbener Haut in der Größe einer Honigmelone. Wenn ich sage, dass es sich bei diesem Wesen um ein Lungenballontier handelt, dann deshalb, weil das Tier in seiner derzeitigen Erscheinung vorwiegend aus Luft zu bestehen scheint. Es war nämlich nicht sehr groß gewesen, als es mir am Samstag von einem Briefboten in einer flachen Schachtel übergeben worden war. Wie es dort lag, sah es zunächst noch aus wie ein Taschentuch, sorgfältig gebügelt und gefaltet. Genau in seiner Mitte war ein winziger Kopf zu erkennen, ein Mund und eine Nase und Augen, die geschlossen waren, als würde das Tier schlafen. Kaum aber aus seinem Reisebehälter gehoben, holte das kleine, gefaltete Tier Luft und begann langsam zu wachsen. Es war in diesem Vorgang des Wachsens nichts zu hören, als ein äußerst leises Pfeifen, dessen Ursprung ich nicht erkennen konnte. Eine Stunde verging und eine weitere Stunde, bis das Tier sich vollständig entfaltet hatte. Es war rund geworden, nach wie vor aber noch faltig, und es wuchs weiter, und es begann sich von dem Tisch zu lösen, auf dem es die ersten Stunden in Freiheit verbracht hatte. Seither bewegt es sich langsam wie ein Zeppelin durch meine Zimmer. Zunächst war es ins Bad geflogen, dann in die Küche, durch den Flur zurück ins Wohnzimmer, und von dort ins Arbeitszimmer, wo es vor dem Fenster eine Weile verharrte, obwohl draußen tiefe Nacht herrschte. Das Tier hatte inzwischen seine Augen geöffnet, kein Wunder, es schien auch an mir selbst zunehmend interessiert zu sein, wie genau in diesem Moment, da ich notiere. Gerade kommt es wieder zurück aus der Küche, es nähert sich, es ist nun ohne Falten und es schimmert, und noch immer pfeift es leise vor sich hin. — stop



