nordpol : 23.01 UTC — Clara, ein Nashorn, welches vor langer Zeit als lebendes Schaustück durch Europa reiste, soll im Jahr 1751 zur Zeit des Karnevals auch in Venedig zu sehen gewesen sein. 1720 bereits wurde das Café Florian am Rande des Markusplatzes eröffnet. Man stelle sich einmal vor, wie das ausgewachsene Nashorn wiederkäuend in einem der mit Feingold verzierten Kaffeehausabteile steht und etwas vom Heu nascht, während es begafft wird. Man kann leichter Hand sehr viele Geschichten erfinden, wenn man mit Wasserbussen selbstvergessen durch Venedig reist, man könnte die ein oder andere Wirklichkeit mit einer weiteren Wirklichkeit verweben. An einem Nachmittag folgte ich einer Gruppe betagter Chinesinnen durch jene Gässchen, da sich Glaswarenmotive tausendfach reproduzieren. Ich dachte noch, ich sei von Vögeln umgeben, zwitschernde Stimmen. Plötzlich deutete eine der alten Frauen, sie trug gelbe Turnschuhe und schlohweißes Haar auf dem Kopf, nach einem Schriftzug, der auf der Rückseite einer Miniaturtheatermaske von Plastik zu lesen war: Made in China, diese Freude. Wie wunderbar die Küchen der Zwergköche, deren Räume da und dort sichtbar werden in der Dunkelheit schmaler Gassen. Einmal begegnete ich an einem späten Abend einem Mädchen, das leuchtete. — stop

Aus der Wörtersammlung: mittag
s.alvise
nordpol : 15.55 UTC — Heute Morgen ist mir etwas Seltsames mit mir selbst passiert. Ich war nämlich Einkaufen in einem Supermarkt. Eine alte Dame, sehr freundlich, weckte mich, in dem sie mir erklärte, wo genau ich Plastikhandschuhe finden könne, um Apfelsinen oder Melonen in meine Hände nehmen zu dürfen. Ich muss mich schlafend nach Handschuhen erkundigt haben oder aber habe Äpfel und Birnen barhändig berührt. Die alte Dame war sehr fürsorglich und leise, als ob sie seit Jahrhunderten mit schlafenden Menschen im Supermarkt Umgang pflegte. Ich kaufte für zwei Tage Obst, Krabben und Linsen, und auch etwas Wasser und Kaffee, trat dann aus dem Supermarkt hinaus in die warme, helle Sonne, ein Vaporetto fuhr in wenigen Metern Entfernung an mir vorbei, und ich sah sehr deutlich mich selbst an Bord des Schiffchens stehen, wie ich vielleicht gerade die Echolote einer Twitternachricht beobachtete, welche ich eine Stunde zuvor gesendet hatte. Eine Eidechse flitzte über uraltes Pflaster landeinwärts, zwei junge Seemöwen warteten pfeifend auf die Ankunft ihrer Eltern, und das Wasser zu meinen Füßen blinkte, als sendete es Botschaften irgendwohin. Nachmittags dann war ich spazieren im Cannaregio. Ich glaube, ich habe ein Haus entdeckt, das über keinerlei Türen verfügt, oder aber vielleicht über eine Tür auf dem Dach, eine Dachtür. Ob vielleicht in dieser merkwürdigen Stadt Menschen existieren, die zu fliegen, in der Lage sind? — stop

herzwanderung
charlie : 0.01 UTC — Entdeckte gestern Nachmittag ein Notizkärtchen, auf dem ich einmal vor langer Zeit das Wort Herzwanderung notierte. Ich glaube, ich habe von diesem Kärtchen bereits erzählt. Ich schrieb das Wort auf das Kärtchen, kurz nach dem ich einen jungen Mann in einem Präpariersaal beobachtet hatte, wie er mit einem kleinen rosafarbenen Herzen, das er zuvor unter Anleitung eines Assistenten aus dem Brustkorb einer alten Frau operierte, durch den Saal eilte, um es unter kaltem Wasser zu waschen. Unmittelbar hinter ihm wartete ein Kollege. Auch er hielt ein Herz in Händen. Dieses Herz schien vergleichsweise das Herz eines Riesen gewesen zu sein, und es war dunkel, fast schwarz. Als der junge Mann mit der Waschung des kleinen rosafarbenen Herzen fertig geworden war, drehte er sich um. Für einige Sekunden standen sich die zwei Männer gegenüber und betrachteten je das Herzpräparat des anderen. — stop
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von bestien
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lima : 15.42 UTC – Was für ein wunderbarer Nachmittag. Sonne scheint ins Arbeitszimmer, Magnolien blühen, und die Luft duftet nach Fröschen und Zimt. Hörte Charlie Parkers Summertime, während ich im Echokammerthread auf Position Twitter pfundweise Drehorgelsätze über Gutmenschen lese, die man gern aufhängen würde, wenn man doch endlich einmal aufräumen dürfte. Das Wort aufräumen ist ein sehr begehrtes Wort in der Kammer. Auch heute wieder geht Europa, geht Deutschland unter, und alle, die anderer Ansicht sind, lügen. Würden sie, die Andre88 heißen, Rebell77, Ausbilder Schmidt, Werwolf, Deutschrose, würden sie, die in dieser Weise heißen, tun, wovon sie reden, hätten wir viele lustvolle Bestien überall auf den Straßen, in den Parks, den Hinterhöfen. Auch Eichhörnchen, unsere lieben mitteleuropäischen Eichhörnchen, würden dann, von Menschenvorbildern geleitet, mit gefletschten Zähnen zugereiste Nutrias im Teich des botanischen Gartens bis zu ihrem bitteren Ende jagen. — stop
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im dunkel
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romeo : 12.05 UTC – Plötzlich war Dunkel geworden, der Himmel bedeckt, Strom ausgefallen, stockfinster. Viele Stunden Zeit vergingen. Ich saß auf einem Stuhl, den ich ertastet hatte, und wartete, dass das Licht zurückkehren möge. Es muss bald Vormittag geworden sein, aber noch immer dunkel, eine Dunkelheit, als wäre sie gemalt. Auch im Kühlschrank kein Licht. Ich weiß, nicht, wie ich auf die Idee gekommen war, im Kühlschrank könnte noch etwas Licht zu finden sein. Ich öffnete das Eisfach, Wasser stürzte heraus und etwas Weiches, daran mochte ich nicht denken, also machte ich den Kühlschrank wieder zu und kroch zurück zum Stuhl. Ich dachte, dass ich unbedingt sofort etwas Licht finden müsste, um sicher zu sein, dass ich nicht erblindet war. Auf den Knien arbeitete ich mich in Richtung der Wohnungstür, erreichte das Treppenhaus, hörte eine Stimme. — stop![]()
waldbus
delta : 18.01 UTC — Einmal spazierte ich an einem frostigen Tag im Schnee unter dem Papierlichthimmel, als ich auf einer Lichtung im Wald stehend im Unterholz einen Bus von gelber Farbe entdeckte. Der Bus war da und dort von Moos bedeckt, auch von Blättern der Buchen, die in seiner Nähe wuchsen. Auf der Haube des Motors lag ein halber Meter Schnee, in der Mitte dieser Mütze von Schnee ein kreisrundes Loch, dessen Rand vereist zu sein schien. In dem Moment als ich mich gerade herumdrehen wollte, um weiterzugehen, beobachtete ich eine Blaumeise, die sich dem Bus näherte, sie verschwand im Schnee. Kurz darauf landeten ein Rotkehlchen sowie ein Dompfaff auf der Motorhaube des Busses und tauchten auf demselben Wege wie die Blaumeise unter. Ich ging zurück und spähte in das Innere des Busses, ein erstaunlicher Anblick. Es war an einem späten Nachmittag gewesen. — stop
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eine schreibmaschine : tasten
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delta : 8.26 UTC – Vor langer Zeit beobachtete ich meinen Vater, wie er seine mechanische Schreibmaschine zerlegte, um sie zu säubern und zu ölen. Gestern habe ich diese Scheibmaschine in einem Regal wiederentdeckt. Das war ein intensiver Moment des Vormittages gewesen, nachmittags hörte ich in einem Zug eine fremde Sprache, ich verstand kein einziges Wort, und doch schien mir die fremde Sprache vertraut zu sein, als hätte ich sie einmal gekonnt. Sind mechanische Schreibmaschinen für jede existierende oder gewesene Sprache dieser Welt vorstellbar? — stop
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vor dem telefon
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nordpol : 0.05 — Als ich die alte Dame im Haus der alten Menschen besuchte, war sie schon wach und bekleidet gewesen. Sie saß in einem Rollstuhl, trug Turnschuhe an ihren Füßen, das Haar war gekämmt, rosige Wangen. Anstatt mich zu begrüßen, sagte sie: 7805355, wir müssen uns kümmern, ich telefoniere die ganze Nacht, aber es geht niemand dran, es geht einfach niemand dran, 7805355. Die alte Dame wiederholte diese Nummer 7805355 in hoher Frequenz, sie hörte nicht auf, diese Nummer immer wieder vor sich herzusagen. Wir verließen ihr Zimmer, ich schob sie durch Flure des Hauses der alten Menschen. Wir waren zunächst im Garten, dann im Park, dann auf einem Weg unter Apfelbäumen. Vögel zwitscherten. Die Luft war warm vom Licht der tief stehenden Sonne. Wenn ich anhielt, um nachzusehen, wie es der alten Dame ging, bemerkte ich, dass sie immer noch die Nummer eines Telefons vor sich hin murmelte, als ob sie eine Schallplatte in sich abspielte, die aufhörte, weil sie das Ende ihrer Spur verlor, einen Ausgang. Auch am Nachmittag, die alte Dame hatte geschlafen, wurde unentwegt von genau jener Telefonnummer gesprochen, die schon die Nummer des Morgens gewesen war. Bald wurde Abend. — stop
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feldX ∣ 285 ∣
echo : 17.12 UTC — Wie viele Arbeitsschritte, die von Zufallsgeneratoren gesteuert sind, werden im Zahlenkörper eines Algorithmus notwendig sein, um sein Handeln bei längerer Beobachtung als Verhalten eines komplexen Lebewesens wahrnehmen zu können? Eine seltsame Frage vielleicht. Ich habe an diesem Nachmittag bemerkt, dass das Erfinden diffiziler Fragen Freude bereitet, gerade auch dann, wenn ich sicher sein kann, dass ich eine erfundene Frage selbst niemals zu beantworten vermag. — Später Nachmittag: Lust auf eine Flasche kühler Tibetluft. — stop
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von wasserläufern
nordpol : 20.25 UTC — Heute Nachmittag habe ich eine lustige Geschichte mit mir selbst erlebt. Ich sass vor einem See in einem Garten und beobachtete sehr kleine Tiere, wie sie sich nahe oder auf der Oberfläche des Wassers bewegten. Da waren unter anderem Fliegen, die im Wasser des Sees badeten, und Schatten der Libellenlarven, die sich den badenden Fliegen nährten, auch Wasserläufer, die einander jagten im Spiel. Plötzlich fragte ich mich, ob ich eventuell in der Lage wäre, das Verhalten der Wasserläufer vorherzusagen, ob sich ein bestimmter Wasserläufer eher in östliche oder eher in westliche Richtung fortbewegen würde. Eine Weile folgte ich dem von mir gewählten Tier mit meinen Augen, dann zeichnete ich seinen Weg auf ein Blatt Papier. Wolken spiegelten sich im Wasser, der Himmel hier unten war grün, er schimmerte. Eine Unterwasserschnecke passierte mein Beobachtungsfeld sehr langsam, und ich notiere: Schnecke. In diesem Augenblick bemerkte ich fünf Goldfische, die sich in einem Halbkreis im Wasser vor mir versammelt hatten. Sie bewegten sich kaum merklich und ich hatte plötzlich den Eindruck, sie würden mich betrachten. Tatsächlich fühlte ich mich von einer Sekunde zur anderen Sekunde selbst beobachtet. Das war ein merkwürdiger Augenblick gewesen, ein Moment auch von Verlegenheit, weshalb ich mich wieder einem Gespräch auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine zuwendete, das ich mit einem Computerprogramm namens ELIZA in englischer Sprache vor langer Zeit einmal geführt und kurz darauf in die deutsche Sprache übersetzt hatte. Ich, der ich Louis gewesen war, fragte Eliza: guten abend! wie geht es dir, eliza? Eliza : > gut! und dir? Louis : prächtig. Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann das problem? Louis : ich habe heute abend kein problem, eliza! Eliza : > wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : darf ich dir eine frage stellen? Eliza : > sicher! Louis : was bedeutet das wort liebe? Eliza : > hast du schmetterlinge im bauch? Louis : eliza! bitte! was bedeutet das wort liebe! Eliza : > lass uns das eine weile zurückstellen. Louis : warum, eliza? Eliza : > du musst mich nicht mit namen rufen, ich bin immer bei dir. Louis : das ist beruhigend, eliza! Eliza : > erzähl weiter! Louis : eliza! liebe? Eliza : > hast du schon andere gefragt? Louis: aber natürlich! Eliza : > schön zu hören. wo liegt dann dein problem? Louis : ich habe heute abend kein problem, eliza! Eliza : > wenn du dein problem nicht kennst, bist du hier genau richtig! Louis : warum? Eliza : > ich sehe, du bist ein schwieriger fall. Louis : warum bin ich ein schwieriger fall, eliza? Eliza : > scherz beiseite, kommen wir zur sache. — stop
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