Aus der Wörtersammlung: mund

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Geraldines Sommerhut

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ulys­ses

~ : geraldine
to : louis
sub­ject : MEIN SOMMERHUT

Ahoi, Mr. Lou­is! Heu­te ist ein ganz beson­de­rer Tag. Ich füh­le mich wie neu­ge­bo­ren. Ja, wie neu­ge­bo­ren. Als ich ges­tern erwach­te, saß der Dok­tor an mei­nem Bett. Ich hör­te sei­ne Stim­me. Er sag­te, ich glau­be Geral­di­ne wird wach. Und als ich die Augen geöff­net habe, lach­te der Dok­tor und Mama lach­te auch. Sie erzähl­ten mir, dass ich zwei Tage geschla­fen habe und ich weiß nicht, war­um ich so lan­ge Zeit geschla­fen habe. Wenn Sie mich jetzt doch nur sehen könn­ten, Mr. Lou­is, wie ich in mei­nem Korb­stuhl am Bug des Schif­fes sit­ze und das hel­le Haar schäu­men­den Was­sers betrach­te, das wir hin­ter uns her zie­hen. Ich tra­ge mei­nen Som­mer­hut, den ich so lie­be und ich hof­fe, dass er mir nicht davon­flie­gen wird. Es ist heu­te sehr win­dig, müs­sen Sie wis­sen. Wie ich die­sen Wind doch mag, sei­nen Duft. Aber das Schöns­te ist, dass ich ganz bunt bin im Gesicht. Mama hat mich geschminkt und jetzt sit­ze ich da und ver­su­che mei­nen Mund nicht zu bewe­gen, damit mir die fei­ne rote Far­be nicht ver­rutscht. Viel­leicht wol­len Sie wis­sen, war­um ich mich geschmückt habe? Das will ich Ihnen ger­ne erzäh­len. Ich habe vor, mei­nen klei­nen Ste­ward heu­te noch nach sei­nem Namen zu fra­gen. Immer­hin weiß er mei­nen Namen und des­halb habe ich wohl das Recht, auch sei­nen Namen zu wis­sen. Ich kann ihn sehen, wäh­rend ich die­sen Brief an Sie schrei­be. Er arbei­tet auf dem Unter­deck und ich sit­ze hier oben und schaue mit pochen­dem Her­zen zu ihm hin und bewun­de­re sei­ne fei­nen, klei­nen Schrit­te, wie er auf den Wel­len tanzt. Manch­mal den­ke ich, dass ich viel zu alt für ihn bin, aber das stimmt natür­lich nicht, weil er 25 Jah­re alt sein muss und ich bin nur 20, wie sie wis­sen. Und doch füh­le ich, dass ich etwas schwe­rer bin an Zeit als er, den ich doch so lie­be. Ich glau­be, er hat mich schon bemerkt, er wird bald kom­men, er tut nur so, als wür­de er mich nicht sehen. Ich muss jetzt auf­hö­ren, Mr. Lou­is, ich bin so schreck­lich auf­ge­regt! Ist das nicht wun­der­bar, Mr. Lou­is? — Ich grü­ße Sie herz­lich. Ihre Geral­di­ne auf hoher See.

notiert im Jah­re 1962
an Bord der Queen Mary
auf­ge­fan­gen am 22.01.2009
20.12 MEZ

geral­di­ne to louis »

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mrs. callas pfeift

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echo : 3.15 — Man stel­le sich das ein­mal vor, Mrs. Cal­las kann pfei­fen. Sie war zu Besuch gekom­men und hat­te eine beson­de­re Foto­gra­fie ent­deckt. Auf die­ser Foto­gra­fie sitzt sie unter Men­schen an einem Tisch, den sie nicht erin­nern konn­te, und dar­über war sie ver­wun­dert oder beun­ru­higt, also mach­te sie merk­wür­di­ge Geräu­sche mit dem Mund. Wer sind die­se Leu­te, woll­te sie wis­sen. Wann war das gewe­sen? Woher haben Sie die­se Foto­gra­fie? — Wir gin­gen dann noch spa­zie­ren um kurz nach Mit­ter­nacht. Ange­neh­mes Papier­licht, die Son­ne war nicht unter­ge­gan­gen, strahl­te etwas schläf­rig am Him­mel her­um. Noch immer leich­ter See­gang, aber zwei schö­ne Stun­den hei­te­rer Gesprä­che. Wie ich mich freu­te, Mrs. Cal­las stau­nen zu sehen. Ich habe kei­ne Kin­der, nein, nein, ich habe kei­ne Kin­der. Doch, doch sag­te ich, Sie haben Kin­der gebo­ren, sie sind eine fabel­haf­te Mut­ter. Sie­ben Töch­ter, jawohl, sie­ben sehr selt­sa­me Töch­ter, Sie wer­den sich doch um Him­mels­wil­len an ihre Töch­ter erin­nern, an Sven­ja, Mar­le­ne, Bob­by, Lyd­wi­en, Vass­il­li­ki, Eleo­no­re, Bumu­bai. Soll ich Ihnen von Ihren Gebur­ten erzäh­len, Mrs. Cal­las? – Kaum zurück, leg­te sie sich aufs Sofa und ver­tief­te sich wie­der in jenes Bild, das von ihr, wie sie glaub­te, abge­nom­men wor­den war. Manch­mal näher­te sie sich mit einem Fin­ger, flüs­ter­te, oh, ich glau­be, da ist etwas, die­sen Herrn ken­ne ich viel­leicht, ja, das könn­te ein Musi­ker sein, ein Bas­sist, nein, das ist einer, der Cel­lo spielt. — Seit Stun­den nun liegt sie so her­um. Sie hat etwas von einer Kat­ze, ganz ohne Zwei­fel. Ich weiß, sie wird sich bald erhe­ben, und sie wird zu mir her­über­kom­men, wird die Foto­gra­fie auf den Schreib­tisch legen und sagen: Irgend­et­was stimmt hier nicht, Mr. Lou­is! Ich glau­be, ich wer­de jün­ger. Ich glau­be, die Zeit geht falsch her­um. Was haben Sie dazu zu sagen? Spre­chen Sie!

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eisblumen

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nord­pol : 8.05 — Ich muss eine bemer­kens­wer­te Erschei­nung gewe­sen sein. Stand vor dem Schreib­tisch, hat­te mei­nen rech­ten Arm senk­recht in die Luft gestreckt, übte mit dem Zei­ge­fin­ger die krei­sen­de Bewe­gung eines Pro­pel­lers. Beob­ach­te­te das sub­ku­ta­ne Spiel der Mus­keln, bemerk­te wei­te­re Bewe­gung unter dem Hemd, krem­pel­te das Hemd bis zum Ellen­bo­gen hoch. stop. Die klei­ne uralte Nar­be am Dau­men. stop. Spur einer gro­ßen Geschich­te. stop. Der Geschmack von Honig im Mund. Das Sum­men der Bie­nen. Die nack­ten Bei­ne eines Mäd­chens. Ihre hei­ße Hand, die mei­nen schwel­len­den Dau­men unter­sucht. Atem, der kühl ist. Eine hel­le Stim­me, so vie­le Jah­re alt. Som­mer­blu­men. Wol­ken. Schlaf. Das schmel­zen­de Eis auf mei­ner Stirn. — stop

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glücklicher brief an vladimir nabokov : propeller

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marim­ba

~ : louis
to : Mr. vla­di­mir nabokov
sub­ject : PROPELLER

Lie­ber Mr. Nabo­kov, ges­tern Abend, nach einem lan­gen Spa­zier­gang und dem Besuch einer Bar, in der ein paar halb­wegs betrun­ke­ne Freun­de saßen, hab’ ich mich an ihre Vor­le­sung über Franz Kaf­kas Ver­wand­lung erin­nert, an Ihre lie­be­vol­le und akri­bisch genaue Unter­su­chung des Tex­tes, an ihre Käfer­zeich­nun­gen von eige­ner Hand, mit wel­chen Sie ver­such­ten eine Vor­stel­lung zu gewin­nen von Wesen und Gestalt jener Hül­le, in die Gre­gor Samsa ein­ge­schlos­sen wor­den war. Ja, die Genau­ig­keit, mit der man sich erfin­dend einem Gegen­stand nähert oder die Genau­ig­keit, mit der man einen erfun­de­nen Gegen­stand sezie­ren kann, immer wie­der begeg­ne ich wäh­rend mei­ner Arbeit Ihren Unter­su­chun­gen, Ihrer Metho­de. Vor­ges­tern hat­te ich bei einer ers­ten Annä­he­rung an eine Geschich­te, die von leben­den Papie­ren erzäh­len wird, das Wort Pro­pel­ler­flü­gel in den Mund genom­men, ohne zu ahnen, dass Pro­pel­ler in der Welt leben­der Orga­nis­men nur sehr schwer zu ver­wirk­li­chen sind, weil ein Pro­pel­ler sich doch frei bewe­gen muss, dre­hend in einer Fas­sung, die ihn lose hält, sodass ein leben­der Orga­nis­mus aus einem wei­te­ren Kör­per bestehen müss­te, der ganz zu ihm gehö­ren wür­de und doch nicht ganz zu ihm gehö­ren kann. Nun habe ich beschlos­sen, die Vor­stel­lung der Pro­pel­ler­flü­gel nicht so ohne Wei­te­res auf­zu­ge­ben. Ich habe mir gedacht, dass ein Pro­pel­ler, der aus orga­ni­schen Mate­ria­li­en bestehen wird, viel­leicht auf ato­ma­rer Ebe­ne einem flug­fä­hi­gen Kör­per ver­bun­den sein könn­te, ver­bun­den durch Mole­kü­le, die im Moment einer Flug­be­we­gung, den Rotor von Haut und Kno­chen einer­seits anzu­trei­ben in der Lage sind und ande­rer­seits je für einen kur­zen Moment in die Frei­heit ent­las­sen. Und jetzt bin ich glück­lich und hof­fe, dass sie an mei­nem Ent­wurf Gefal­len fin­den wer­den. – mit aller­bes­ten Grü­ßen, Ihr Louis

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atolle

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oli­mam­bo : 8.10 — Ein Gedan­ke zunächst, dann ein Wort, ein ers­tes Wort, ein Satz, ein ers­ter Satz. Dort her­um wach­sen wei­te­re Gedan­ken, lang­sa­me Tage des Sam­melns, lang­sa­me Näch­te des War­tens, Land ent­steht, Land, auf dem sich’s leben und erzäh­len lässt. Zei­chen für Zei­chen, das Wach­sen eines Koral­len­mun­des. — stop

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ein gelungenes gespräch

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echo : 15.12 – Das Mäd­chen steht im Zug neben mei­nem Kof­fer, der sie über­ragt. Gera­de noch hat sie den Him­mel betrach­tet. Der Him­mel bewegt sich heu­te schnel­ler als sonst. Aber jetzt sieht sie mich an, lächelt, sagt, sie hei­ße Nadi­ne. Das ist ein wun­der­schö­ner Name, ant­wor­te ich, wie alt bist Du denn, Nadi­ne? Rasch schaut das Mäd­chen zu sei­ner Mut­ter hin, schaut nach, ob alles in Ord­nung ist. Dann hebt sie die lin­ke Hand und dort einen Fin­ger und noch einen Fin­ger und noch einen Fin­ger, ihre zwei­te Hand kommt hin­zu und ein wei­te­rer Fin­ger, sodass Nadi­ne bald schon 7 Jah­re alt gewor­den ist. Als sie den ach­ten Fin­ger hebt, hält das Mäd­chen inne. Sie sieht jetzt sehr unglück­lich aus, viel­leicht weil sie bemerkt, dass sie wei­ter zäh­len kann, als die Zeit in Jah­ren, die sie bereits lebt. Ja, sie sieht mich an und ich erken­ne an ihren Augen, dass sie gleich wei­nen wird. Also hebe ich bei­de Hän­de und zei­ge mit mei­nen Fin­gern die Zahl 8. Kurz dar­auf kniet ein Fin­ger nie­der und ich zei­ge die Zahl 7, und Nadi­ne macht mei­ne Bewe­gung nach, und weil sie bereits ein sehr waches Kind gewor­den ist, sin­ken zwei wei­te­re Fin­ger und ich mache es ihr gleich und wir las­sen bei­de unse­re rech­ten Hän­de sin­ken. Nadi­ne wird fünf, dann vier, dann drei. Als Nadi­ne zwei Jah­re alt gewor­den ist, bemerkt sie, die­ses Mal mit Trotz im Gesicht, dass etwas nicht stimmt, weil noch immer drei, nicht zwei mei­ner Fin­ger auf­recht zu sehen sind, und sie betrach­tet den Him­mel, der sich schnel­ler bewegt als sonst, und sie betrach­tet mein Gesicht und zunächst die Augen, dann den Mund ihrer Mut­ter und jetzt bewegt sie ihre Hand und sie sagt, nein, soviel, und zeigt mir das Ergeb­nis ihrer Arbeit und lächelt und leuch­tet, nein, glüht vor Glück, als auch ich mei­nen vier­ten Fin­ger in Bewe­gung setze.

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langustenfliege

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india : 6.20 — Früh­mor­gens im Pal­men­gar­ten spa­ziert. Ich ging ein­hun­dert Schrit­te nord­wärts, dann zwei­hun­dert Schrit­te süd­wärts, lag bald in einer Wie­se her­um und dach­te, hier schla­fe ich zwei Tage, hier genau an die­ser Stel­le schla­fe ich zwei Tage unterm Zirp­gril­len­schirm. Wenn man so in einer Wie­se liegt, kommt man aus dem Stau­nen nicht her­aus, man kann nicht schla­fen, weil man Natur beob­ach­ten und sich wun­dern muss, wie das alles mög­lich gewor­den ist. Habe auf einer schwarz und weiß gestreif­ten Blu­me ein Lie­bes­paar beob­ach­tet, ein merk­wür­di­ges Gebil­de, ein oder zwei Mil­li­me­ter hoch, nicht höher, ganz gewiss. Eine sehr beson­de­re Vari­an­te war das gewe­sen, zwei Hai­fi­sche [Kopf], zwei Lan­gus­ten [Schwanz] und zwei Flie­gen [Flü­gel und Bei­ne], deli­kat inein­an­der gesetzt, volu­mi­nö­se Augen­paa­re auf beweg­li­che Stäb­chen mon­tiert, die sich im Spiel zärt­lich betas­te­ten, als ob sich vier sehen­de Mund­wer­ke küss­ten. Das alles war sehr schön, auch in der Far­be gestal­tet, je ein leuch­tend gel­ber Kopf, zwei feu­er­ro­te Brüs­te und Hin­ter­tei­le von einem Umbr­ab­lau, wie ich es so präch­tig noch nie zuvor gese­hen habe. Genau dort hat­te hef­ti­ges Pum­pen ein­ge­setzt, wäh­rend das Flü­gel­werk schil­ler­te im feins­ten Pris­men­licht. Selt­sam, auch bei die­sen sehr klei­nen, wil­den Wesen war nichts zu hören, nicht das min­des­te Geräusch, da war Bewe­gung, nur Bewe­gung. Und ich dach­te noch, sehr ele­gant, wie das dort an einem frü­hen Frei­tag­mor­gen schon gemacht wird, ohne sich von den Augen eines Rie­sen stö­ren zu las­sen. Es ist jetzt 5 Uhr und drei­ßig Minu­ten. Es sind Spin­nen, die mor­gens das Nacht­was­ser von den Wie­sen sau­fen. — stop

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lucie

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sier­ra : 6.02 — Das sind lus­ti­ge Tage, Tage wie die­ser hier nach durch­ar­bei­te­ter Nacht. Noch immer, drin­nen wie drau­ßen, sehr war­me und feuch­te Hit­ze. In der Däm­me­rung schloss ich die Fens­ter. Auf das Bett waren leich­te Tücher gelegt, das luf­tigs­te Mate­ri­al, das zu fin­den gewe­sen ist, die Fens­ter ver­dun­kelt, alles bereit, den begin­nen­den Tag sofort zur Nacht zu machen. Ich lag bald unterm Buch, das mir den Kopf müde mach­t. Ich dach­te, dass ich nichts den­ken soll­te, schau­te nach Lich­tern, die unter den Lidern in Schlaf­au­gen wan­dern. Fast war ich weg­ge­kom­men, als eine Flie­ge auf mei­ner Schul­ter lan­de­te und sofort mit dem Munds­tem­pel nach Salz und ande­ren Din­gen zu for­schen begann. Ich sag­te, bit­te, bit­te nicht, Lucie, heu­te bit­te nicht, ich muss schla­fen. Und so erhob sich Lucie in die Luft und ich hör­te, wie sie eine lang­sa­me, trau­rig sum­men­de Run­de links­her­um durch mein Zim­mer flog. Dann schlief ich ein und träum­te zwei blaue Schne­cken. Sie waren von küh­ler Tem­pe­ra­tur und hat­ten sich wie Polar­füch­se in einer Schnee­höh­le, in mei­ne Augen­höh­len gelegt. Als ich wach wur­de, als ich zunächst wach gewor­den war, wie immer mit geschlos­se­nen Augen, hör­te ich Gewit­ter­don­ner, dann ent­deck­te ich Lucie in nächs­ter Nähe. Sie hat­te sich, wäh­rend ich träum­te, vor­sich­tig auf den Rücken mei­ner lin­ken Hand gesetzt und ihre Bei­ne ange­zo­gen, sodass sie nicht saß, viel­mehr auf mir lag. Ja, ist es denn Flie­gentieren mög­lich, die Augen zu schlie­ßen? — stop

 

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ein kind

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marim­ba : 6.16 — In der Schnell­bahn vom Flug­ha­fen wie­der ein merk­wür­di­ges Kind beob­ach­tet. Das Kind saß auf dem Schoß der Mut­ter, hat­te einen Schnul­ler im Mund und betrach­te­te Fahr­gäs­te, die dort in sei­ner nächs­ten Nähe saßen oder stan­den. Alle waren sie müde, ein Lang­stre­cken­flug von New York her über den Atlan­tik lag hin­ter ihnen, das Kind aber schien gut geschla­fen zu haben. Es hat­te blitz­blan­ke Augen von dun­kel­brau­ner Far­be, und mit die­sen Augen nun arbei­te­te es sich von einem Erwach­se­nen­ge­sicht zum nächs­ten. Wenn die Augen des Kin­des ein Gesicht erreich­ten, ver­weil­ten sie eine gewis­se Zeit lang, als ob sie sich das Gesicht für immer ein­prä­gen, oder aber als ob sie in dem Gesicht etwas fin­den woll­ten, nach dem gesucht wer­den muss­te. Wenn das Kind mit der Beob­ach­tung eines Gesichts fer­tig gewor­den war, hüpf­ten sei­ne Augen auf das nächs­te Gesicht, und so wei­ter und so fort. Nie, ich mei­ne, nie, solan­ge ich das Kind und sei­ne Augen beob­ach­te­te, kehr­te sein Blick zu einem Gesicht zurück, das es bereits ein­mal besucht hat­te, sodass ich behaup­ten möch­te, dass sei­ne Augen, das heißt, das Gehirn des Kin­des, den Raum des Zuges sys­te­ma­tisch unter­such­te. Für eine Sekun­de hat­te ich den Gedan­ken, dass das Kind viel­leicht ein uralter Mensch gewe­sen war, der rück­wärts leb­te, für den sich die Zeit umge­kehrt hat­te, der bald den Anfang sei­ner Exis­tenz wie­der errei­chen wür­de, der noch ein­mal alles ansah, mit Kin­der­au­gen, aber viel­leicht einem uralten Gehirn. Wer aber, wenn ich die­ses Gefü­ge wei­ter­den­ke, war die­se müde Frau gewe­sen, auf des­sen Schoss das Kind ruh­te und schau­te? – Weit nach Mit­ter­nacht. Habe den Ver­dacht, die­se Geschich­te schon ein­mal erzählt zu haben. Ein Déjà-vu. Wer­de mir sofort zur Beru­hi­gung eine klei­ne Ente bra­ten. — stop

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mund ohne zunge

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marim­ba : 5.15 — Schon immer bin ich ein Träu­mer gewe­sen, saß auf Bäu­men, kam zu spät zur Schu­le oder zum Mit­tag­essen, Fuß­ball­spie­le ende­ten ohne mich, Züge fuh­ren in die fal­sche Rich­tung mit mir davon. Ein­mal küss­te ich ein Mäd­chen so lan­ge ich konn­te, das heißt, sie küss­te mich so lan­ge sie woll­te, weil die Zeit, von der ich erzäh­le, eine Zeit gewe­sen war, in der die Mäd­chen sich die Jun­gen zum Küs­sen hol­ten, weil die Jun­gen noch mit Eisen­bah­nen oder ande­ren Jun­gen spiel­ten. Wäh­rend sie ihren sehr küh­len Mund auf mei­nen sehr klei­nen Mund press­te, sah sie auf die Uhr und manch­mal lach­ten wir, ohne die Lip­pen von­ein­an­der zu lösen, weil die Win­de aus unse­ren Nasen sich über unse­ren Wan­gen kreuz­ten. Bald sag­te sie, eine Minu­te, und dann sag­te sie, zwei Minu­ten, und so eil­ten wir von Rekord zu Rekord, zit­tern­de Wesen ohne Zun­gen. Schon damals trug ich eine inne­re Uhr mit mir her­um. Ich hat­te eine genaue Vor­stel­lung, wo die­se Uhr zu fin­den sein muss­te. Nicht im Kopf, nicht in der Nähe mei­ner Ohren, dort wäre ihr Zähl­werk zu hören gewe­sen. Und ich wuss­te, dass man sich auf inne­re Uhren, auf Kör­per­uh­ren, nicht ver­las­sen konn­te, nicht wenn man gera­de noch von einem Mund geküsst wor­den war.

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