Aus der Wörtersammlung: rom

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josephine auf dem bildschirm

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echo : 15.07 — Ges­tern Abend habe ich zum ers­ten Mal mit Jose­phi­ne, einer alten Dame, die in Brook­lyn wohnt, ein Gespräch über Sky­pe geführt. Ich weiß nicht genau, wie lan­ge Zeit ich benö­tig­te, sie davon zu über­zeu­gen, dass das Tele­fo­nie­ren mit­tels eines Com­pu­ters nicht gefähr­lich sei, viel­mehr ange­nehm, weil man ein­an­der sehen kön­ne, wenn­gleich etwas in der Zeit ver­zö­gert. Ich glau­be, es waren Mona­te gewe­sen. Ich muss­te ihr zuletzt hoch und hei­lig ver­spre­chen, kei­ne Foto­gra­fien von ihrem Abbild zu machen, oder nur dann, wenn sie mir das Foto­gra­fie­ren aus­drück­lich gestat­ten wür­de. — Frü­her Nach­mit­tag in Brook­lyn, die Son­ne schien noch, genau die Son­ne, die bei mir längst unter­ge­gan­gen war. Jose­phi­ne hat­te eine Lese­bril­le auf­ge­setzt, ihr rotes Haar schim­mer­te im hel­len Licht, das von den Fens­tern her auf sie fiel. Aber das Zim­mer, in dem sie saß, lag im Schat­ten. Ich konn­te eine Lam­pe erken­nen, die neben jenem Schreib­tisch stand, vor dem Jose­phi­ne Platz genom­men hat­te, um genau in die­sem Moment mein Gesicht auf einem Bild­schirm zu betrach­ten. Wir waren uns schon ein­mal per­sön­lich begeg­net, aber nicht in die­ser Wei­se, ich konn­te sehen, dass sie sich geschminkt hat­te und ein wenig ner­vös war, ver­mut­lich des­halb, weil sie nicht wie üblich im Gespräch mit ihrem Tele­fon auf und ab lau­fen konn­te. Wie geht es Ihnen, erkun­dig­te sie sich. Ich ant­wor­te­te, dass es mir gut gehen wür­de, eine leich­te Erkäl­tung viel­leicht, nichts Erns­tes. Es soll kalt wer­den in den kom­men­den Tagen, sag­te Jose­phi­ne. Sie sprach lang­sam, über­legt, wie immer, wenn sie in deut­scher Spra­che for­mu­lier­te, und sie lach­te und stand kurz dar­auf vor dem Com­pu­ter auf, sodass sie für mich unsicht­bar wur­de. Sie frag­te, ob ich sie noch hören kön­ne, das Bild, das ich auf dem Schirm mei­nes Com­pu­ters sehen konn­te, wackel­te jetzt, weil sich der Com­pu­ter der alten Dame selbst zu bewe­gen schien. Tat­säch­lich hat­te sie ihr Net­book vom Tisch geho­ben und war mit ihm zum Fens­ter gelau­fen, hat­te die klei­ne Maschi­ne auf das Fens­ter­sims gestellt, sodass ich einen Aus­blick hat­te auf die Brook­lyn Heights Pro­me­na­de, auf das duns­ti­ge Meer, es war ein wun­der­ba­rer Moment gewe­sen. Ich konn­te Men­schen erken­nen, die unter Regen­schir­men spa­zier­ten, es schien win­dig zu sein, Kin­der spiel­ten im Gar­ten des Hau­ses, unter des­sen Dach Jose­phi­ne seit Jahr­zehn­ten lebt, Laub wir­bel­te her­um, ein paar Läu­fer kreuz­ten durch das Bild, am Pier 5 anker­ten zwei Schlep­per. Es war ein bei­na­he ver­trau­ter Aus­blick gewe­sen. Und wie­der wackel­te das Bild und das Meer ver­schwand und Jose­phi­ne wur­de erneut sicht­bar. Kön­nen Sie mich sehen, woll­te sie wis­sen, kön­nen Sie mich wirk­lich sehen? — stop

jose­phi­ne

ping

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eine sprechende maschine

pic

reming­ton : 6.52 — Vor weni­gen Tagen hat­te ich von der Ent­de­ckung eines Muse­ums der Nacht­häu­ser erzählt, das sich am Shore Bou­le­vard nörd­lich der Hell Gates Bridge befin­det, die den Stadt­teil Queens über den East River hin­weg mit Ran­di­lis Island ver­bin­det. Es ist noch immer ein recht klei­nes Haus, rote Back­stei­ne, ein Schorn­stein, der an einen Fabrik­schlot erin­nert, ein Gar­ten, in dem ver­wit­ter­te Apfel­bäu­me ste­hen, der Fluss so nah, dass man ihn rie­chen kann. Heu­te liegt der Gar­ten tief ver­schneit. Ich ste­he unter einem der Apfel­bäu­me, die ohne Blät­ter sind. Die­ser Baum trägt sei­ne Som­mer­früch­te so, als ob er sie fest­hal­ten wür­de, sie sind etwas klei­ner gewor­den, vol­ler Fal­ten, aber sie leuch­ten Rot und sie duf­ten. Der jun­ge Mann, der mich bereits ein­mal durch das Muse­um geführt hat­te, kommt in die­sem Moment auf mich zu. Er freut sich, dass ich wie­der­ge­kom­men bin. Eine Wei­le ste­hen wir uns gegen­über, es ist zum Erbar­men kalt, wir tre­ten von einem Bein aufs ande­re, wäh­rend der jun­ge Mann eine Ziga­ret­te raucht, dann ist es fast dun­kel und wir tre­ten wie­der in das Muse­um ein. Er möch­te mir eine klei­ne Maschi­ne zei­gen, die im ers­ten Stock seit vie­len Jah­ren in einer wei­te­ren Vitri­ne sitzt. Auf den ers­ten Blick scheint es sich um eine ähn­li­che Appa­ra­tur zu han­deln, wie jene von der ich berich­te­te. Ein Gecko von Metall, der in der Lage ist, sich zum Zwe­cke pro­tes­tie­ren­der Kom­mu­ni­ka­ti­on Wän­de hin­auf an die Decke eines Zim­mers zu bege­ben, um sich dort fest­zu­sau­gen. Aber anstatt eines oder meh­re­rer Schlag­in­stru­men­te, mit wel­chen gegen die Decke getrom­melt wer­den könn­te, ver­fügt die­ses klei­ne Wesen über einen Laut­spre­cher, der wie ein Mund gestal­tet ist, und des­halb her­vor­ra­gend geeig­net zu sein scheint, hef­ti­ge Geräu­sche des Spre­chens zu erzeu­gen. Bei die­ser Appa­ra­tur, sagt der jun­ge Ange­stell­te, han­delt es sich um den ers­ten Decken­spre­cher der Geschich­te, ein äußerst sinn­vol­les Gerät. Er for­dert mich auf, näher­zu­tre­ten. Sehen Sie genau hin, sehen Sie, er ist ver­beult! Tat­säch­lich war der klei­ne eiser­ne Gecko von zahl­rei­chen Schlä­gen so ver­letzt, dass er viel­leicht kaum noch in der Lage gewe­sen war, sei­ner Auf­ga­be nach­zu­kom­men. Denk­bar ist, dass er in einer Nacht der Tag­men­schen der­art wir­kungs­voll gear­bei­tet haben könn­te, dass man ihn fan­gen woll­te, wes­halb man in die Woh­nung des Nacht­men­schen ein­ge­bro­chen war, um ihn zum Schwei­gen zu brin­gen. Als man das ram­po­nier­te Gerät vie­le Jah­re spä­ter öff­ne­te, ent­deck­te man eine Ton­band­spu­le, auf wel­cher Lite­ra­tur von Bedeu­tung fest­ge­hal­ten war. Ein Bruch­stück der his­to­ri­schen Auf­nah­me war noch vor­han­den gewe­sen, und jetzt, in die­ser Nacht, spielt mir der jun­ge Mann vor, was der Appa­rat gespro­chen hat­te. Eine äußerst lau­te, schep­pern­de Stim­me ist zu ver­neh­men: Zuerst woll­te er mit dem unte­ren Teil sei­nes Kör­pers aus dem Bett hin­aus­kom­men, aber die­ser unte­re Teil, den er übri­gens noch nicht gese­hen hat­te und von dem er sich kei­ne rech­te Vor­stel­lung machen konn­te, erwies sich als zu schwer beweg­lich; es ging so lang­sam; und als er schließ­lich, fast wild gewor­den, mit gesam­mel­ter Kraft, ohne Rück­sicht sich vor­wärts stieß, hat­te er die Rich­tung falsch gewählt, schlug an dem unte­ren Bett­pfos­ten hef­tig an, und der bren­nen­de Schmerz, den er emp­fand, belehr­te ihn, dass gera­de der unte­re Teil augen­blick­lich viel­leicht der emp­find­lichs­te war. — Hier endet die Spu­le, ums sofort wie­der von vorn zu begin­nen. — stop

ping

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jennifer 7

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romeo : 6.25 — Ges­tern am spä­ten Abend erreich­te mich eine E‑Mail von einer Per­son namens Jen­ni­fer 7. Ich wun­der­te mich, dass die­ses Schrei­ben nicht sofort in einem Spam­ord­ner ver­schwun­den war, immer­hin ken­ne ich nie­man­den, der die­sen Namen trägt. Aber ich bin nun doch sehr froh, dass mich der klei­ne Brief aus der Fer­ne erreich­te. Er war in eng­li­scher Spra­che ver­fasst, und ich sit­ze noch immer vor ihm und über­le­ge, was zu tun ist, was ich notie­ren soll, weil, das ist ganz sicher so, dass ich Jen­ni­fer 7 ant­wor­ten soll­te, mor­gen oder über­mor­gen. Viel­leicht wer­de ich ihr eine Fra­ge stel­len, wo genau sie denn wohnt, in wel­cher Stadt, in wel­chem Haus, wie das Haus beschaf­fen ist, wel­cher Art Men­schen in die­sem Haus woh­nen Tür an Tür. Jen­ni­fer 7 schrieb so: Lie­ber Mr. Lou­is, ich bin sehr müde, ich habe über eine gan­ze Woche lang kaum geschla­fen, weil ich in einer Miet­woh­nung lebe im 22. Stock, was noch kein Grund ist nicht zu schla­fen, aber ich arbei­te nachts in einem Kran­ken­haus und tra­ge sehr viel Ver­ant­wor­tung und muss schla­fen am Tag. Neu­er­dings kann ich nicht schla­fen, weil man mich nicht schla­fen lässt. Wenn es den 23. Stock nicht geben wür­de, dann wäre dort nichts als ein Dach, auf dem ein paar Tau­ben sit­zen wür­den und ich könn­te schla­fen, weil Vögel lei­se, behut­sa­me, kul­ti­vier­te Tie­re sind. Nun aber ist das so, dass in den 23. Stock ein Mann und eine Frau ein­ge­zo­gen sind, Men­schen­per­so­nen, die sich nicht küm­mern um den Lärm, den sie machen. Und so kann ich, das ist der Grund, nicht schla­fen. Vor­ges­tern war ich zum ers­ten Mal dort oben im 23. Stock, um mich vor­zu­stel­len. Ich habe mich gefürch­tet. Der Mann war nicht zu sehen, dafür aber die Frau, sie stand auf Schu­hen, mein Gott waren die wuch­tig. Sie sag­te, dass ich Pech haben wür­de, weil sie im Moment nicht arbei­te, des­halb wür­de ich ihre Schrit­te hören und alles Wei­te­re. Pech, sag­te die Frau, Pech. Und so kann ich nicht schla­fen. Ich höre ihre Schrit­te. Stünd­lich las­sen sie irgend­et­was fal­len auf den schö­nen höl­zer­nen Boden, oder sie schrei­en sich an, obwohl sie noch jung und frisch ver­hei­ra­tet sind. Das ist ein wirk­li­ches Unglück, Mr. Lou­is, ich bin fast schon ver­zwei­felt und so habe ich an Sie gedacht, weil Sie doch so schö­ne Käfer erfin­den, die in Ohren woh­nen, damit man nichts hören muss. Ob Sie mir wohl hel­fen, Mr. Lou­is! – stop

ping

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georges perec

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tan­go : 22.01 — Fol­gen­des. Immer gegen 8 Uhr in der Früh bre­chen wir auf, Geor­ges und ich. Wir gehen ein paar Schrit­te über die Rue de Javel, neh­men die 6er-Metro durch den Süden, stei­gen dann um in Rich­tung Por­te Dau­phin, fah­ren mal unter, mal über der Erde im Kreis her­um, bis es Abend oder noch spä­ter gewor­den ist. So kann man gut sit­zen, zufrie­den, durch­ge­schüt­telt, Sei­te an Sei­te für vie­le Stun­den, und Men­schen betrach­ten, wie sie her­ein­kom­men, Fahr­gäs­te, wie sie im Wag­gon Platz neh­men, wie sie beschaf­fen sind, davon legen wir Ver­zeich­nis­se an, Geor­ges ein Ver­zeich­nis, und ich ein Ver­zeich­nis. Weil es aber sehr schwer ist, ein Ver­zeich­nis aller Erschei­nun­gen eines Rau­mes anzu­le­gen, der nicht gera­de erfun­den wird, eines Rau­mes, der sich fort­be­wegt, der betre­ten und ver­las­sen wird von Men­schen im Minu­ten­takt, das Ver­zeich­nis eines Rau­mes, des­sen Fens­ter sich von Sekun­de zu Sekun­de neu bespie­len, weil es also unmög­lich ist, das Ver­zeich­nis eines wirk­li­chen Rau­mes anzu­le­gen, machen wir das so: in der ers­ten Stun­de des Rei­se­ta­ges notie­ren wir ein Ver­zeich­nis der zuge­stie­ge­nen Kra­wat­ten, in der zwei­ten ein Ver­zeich­nis der Schu­he und der Strümp­fe, ein Ver­zeich­nis, sagen wir, der Geh­werk­zeu­ge und ihrer Beklei­dung, dann ein Ver­zeich­nis der Haar­trach­ten, der Taschen, der Metho­den sich im fah­ren­den Zug einen siche­ren Stand zu ver­schaf­fen, der Gesprächs­ge­gen­stän­de, der Art und Wei­se sich zu küs­sen, zu strei­ten, oder aber ein Ver­zeich­nis absei­ti­ger Gestal­ten, ein Ver­zeich­nis der Die­be, der Bett­ler, der Posau­nis­ten, der Ver­wirr­ten ohne Ziel, je ein Ver­zeich­nis der Spra­chen und klei­ner Geschich­ten, die wir aus der all­ge­mei­nen Bewe­gung zu iso­lie­ren ver­mö­gen. Von Zeit zu Zeit, wäh­rend wir so fah­ren und notie­ren, höre ich neben mir ein Lachen. Wenn Geor­ges lacht, hört sich das an, als habe er einen Vogel ver­schluckt, als lache er nur des­halb, weil er Made­moi­sel­le Moreau wie­der frei­las­sen wol­le. Dann weiß ich, Geor­ges hat etwas gefun­den, das er mir abends in irgend­ei­nem Café, wenn wir fer­tig, wenn Papier und Strom zu Ende sind und unser bei­der Köp­fe so voll, dass sich nichts mehr in ihnen auf­be­wah­ren lässt, vor­tra­gen wird, – „Auf Kra­wat­te gelb, zehn­zwei, leben­de Amei­se, argen­ti­nisch, kreuz und quer. Der Code­na­me Ser­vals war Lou­viers“, sagt Geor­ges und hebt sein Glas. Fünf Glä­ser Pas­tis, fünf Glä­ser Was­ser, – dann sind wir wie­der leicht gewor­den, und weil die Luft warm ist, weil Mai ist, neh­men wir den letz­ten Über­land­zug nach Nor­den oder den 11er nach Süden, dort­hin, wo die Feu­er­nel­ken blühn, und wenn es end­lich Mor­gen gewor­den ist, stei­gen wir um, öff­nen die Fens­ter und fah­ren nach Wes­ten in unse­rer Wind­ma­schi­ne spa­zie­ren. Der Regen schlägt uns ins Gesicht und wir sehen Gewit­ter auf­stei­gen und Schwe­fel vom Him­mel kom­men und wei­ßes Licht, das die Land­schaft ent­zün­det. So haben wir schon sehr schö­ne Gedan­ken über das Feu­er gefan­gen und über das Schlag­zeug in die­sem gewal­ti­gen Raum, der über uns hängt, einem Raum, des­sen zen­tra­les Ver­zeich­nis von nicht mensch­li­chen Maßen ist, sodass wir bald nur schwei­gen und auf ent­fern­te Men­schen schau­en, auf Sze­nen im rasen­den Vor­über­kom­men, auf Fil­me, die in unse­ren Hin und Her has­ten­den Augen der­art kur­ze Fil­me sind, dass sie einer Foto­gra­fie sehr nahe kom­men, nicht mehr Film sind und noch nicht voll­stän­dig unbe­wegt. Es ist so, als wür­den wir an einer gewal­ti­gen Auf­nah­me der Zeit vor­über kom­men, an einer Foto­gra­fie, deren Gegen­wart wir nicht berüh­ren, weil wir nicht aus­stei­gen kön­nen, ohne das Leben zu ver­lie­ren, weil wir zu schnell, weil wir in einer ande­ren Zeit sind. — stop / kof­fer­text

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dos passos’ lesebrille

9

del­ta : 22.01 — In dem Moment, da ich beim Augen­op­ti­ker mei­nen Wunsch nach einer Lese­bril­le vor­ge­tra­gen hat­te, war ich etwas ver­le­gen gewe­sen, als ob ich plötz­lich uralt gewor­den sei und etwas an Bedeu­tung ver­lo­ren hät­te. Ich sag­te nun zu dem Mann, der hin­ter dem Tre­sen stand: Hören Sie, ich benö­ti­ge eigent­lich noch kei­ne Bril­le. Ich sehe, glau­be ich, noch gut nach nah und fern. Aber ich möch­te ger­ne die­ses Buch hier lesen. Ich leg­te John Dos Pas­sos’ Roman Man­hat­tan Trans­fer auf den Tre­sen ab, genau­er gesagt, Dos Pas­sos’ Roman in der deut­schen Taschen­buch­aus­ga­be des Rowohlt Ver­la­ges, ein Buch, dem sofort anzu­se­hen ist, dass man Papier spa­ren woll­te, eine ehren­wer­te Hand­lung, um Urwäl­der vor der Ver­nich­tung zu bewah­ren, das ist denk­bar. Man kann sich das so vor­stel­len: Die Zei­chen, die im Kör­per des Buches zu fin­den sind, sind äußerst klein gera­ten, alle Zei­len lie­gen dicht zuein­an­der und span­nen sich tat­säch­lich fast voll­stän­dig vom lin­ken bis zum rech­ten Rand der Sei­te. Es ist ein dicht bedruck­tes Buch, eine bei­na­he dunk­le Erschei­nung. Kön­nen Sie mir even­tu­ell mit einer pas­sen­den Bril­le wei­ter­hel­fen, frag­te ich den Opti­ker vor­sich­tig. Wis­sen Sie, wie ich bereits erwähn­te, ich benö­ti­ge eigent­lich noch kei­ne Bril­le! Der Opti­ker nahm also das Buch in die Hand, wog es hin und her, öff­ne­te es, warf einen kur­zen Blick auf die ers­te Sei­te des Romans und lächel­te, ich soll­te ihm fol­gen. Im Maga­zin, – es war ein gro­ßes, erheb­li­ches, ja ein bedeu­ten­des Waren­la­ger -, führ­te er mich Schub­la­den­wän­de ent­lang, die bis unter die Decke reich­ten, es roch sehr gut, etwas nach Alko­hol und etwas nach fei­nen Motor­ölen. Nach einer Wei­le blieb er ste­hen und deu­te­te auf eine der Schub­la­den. Dort stand, gleich­wohl in sehr klei­ner Schrift geschrie­ben: Dos Pas­sos / Man­hat­tan Trans­fer. Wie er nun die Schub­la­de öff­ne­te, lagen dicht an dicht eini­ge schö­ne Lese­bril­len in ver­schie­de­nen Far­ben und Grö­ßen und For­men. Über Dos Pas­sos’ Bril­len­schub­la­de war ein Fach mit der Beschrif­tung: Samu­el Beckett / Gesam­mel­te Roma­ne zu erken­nen. Gleich rechts davon lager­ten Ulys­ses’ Bril­len. – stop

ping

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anton voyls fortgang

2

del­ta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : ANTON VOYLS FORTGANG
date : nov 10 12 10.08 p.m.

Es ist gekom­men, wie ich es erwar­tet habe. Noe schweigt. Wir haben ihm Geor­ge Perecs Roman Anton Voyls Fort­gang in die Tie­fe geschickt. Es han­delt sich in unse­rer Ver­suchs­an­ord­nung um das Unter­was­ser­buch No 282, ein Buch, in dem der Buch­sta­be E auf 320 Sei­ten nicht erschei­nen wird. Kurz nach­dem Noe sei­ne Lek­tü­re mit fes­ter Stim­me auf­ge­nom­men hat­te, ver­such­ten wir vor­her­zu­se­hen, wie lan­ge Zeit Noe lesen wür­de, ehe er das voll­stän­di­ge Feh­len eines bedeu­ten­den Buch­sta­bens im Text bemerkt haben wür­de. Er las etwa 10 Minu­ten, dann hör­te er auf, sei­ne Stim­me wur­de zunächst lei­ser, er dehn­te die Wor­te, sag­te, dass ihm etwas merk­wür­dig vor­kom­men wür­de, er kön­ne bis­her nicht sagen, was genau ihm merk­wür­dig erschei­ne, er müs­se nach­den­ken. Wir sit­zen jetzt alle vor den Laut­spre­chern und Bild­schir­men und war­ten. Im Schein der Lam­pe, die Noe und das Buch, das er in sei­nen schwe­ren Hän­den hält, beleuch­tet, sehen wir, dass er sich lang­sam bewegt. Er scheint im Buch zu blät­tern. Er scheint über­haupt noch immer, nach 656 Tagen in einer Mee­res­tie­fe von 820 Fuß schwe­bend, ein guter Beob­ach­ter zu sein, obwohl es nichts zu sehen gibt als etwas Däm­me­rung, wenn Tag gewor­den ist, und ein paar Fische, die ihn von Zeit zu Zeit besu­chen. Ich neh­me an, Noe wird oft an uns den­ken. Er hört uns zu, hört, was wir spre­chen, auch dann, wenn wir unter uns sind, wenn wir ver­ges­sen haben, das Mikro­fon aus­zu­schal­ten. An der Art und Wei­se wie wir atmen, ver­mag Noe zu unter­schei­den, ob Lin, Eric, Mar­tin, Tom, Lil­ly oder ich vor dem Mikro­fon Platz genom­men haben. Gera­de eben beginnt er wie­der zu lesen, er scheint an den Anfang des Buches zurück­ge­kehrt zu sein: In Roca­ma­dour gabs Mund­raub sogar am Tag: man fand dort Thun­fisch, Milch und Scho­ko­bon­bons im Kilo­pack. Und wie­der schweigt Noe. Es ist spä­ter Abend. Sams­tag. Ein Fracht­schiff, hell beleuch­tet, lun­gert am Hori­zont. Ahoi, lie­ber Lou­is. Dein OE SOM

gesen­det am
10.11.2012
1856 zeichen

oe som to louis »

ping

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hurricane

14

char­lie

~ : louis
to : dai­sy und vio­let hilton
sub­ject : HURRICANE

Es wird Win­ter, nicht wahr, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, es wird Win­ter. Habe Pull­over, Män­tel, Hand­schu­he, Hüte, Schals auf mein Bett gebrei­tet, alles ist jetzt geprüft, ich bin gerüs­tet. Nicht viel ist zu erzäh­len zur Zeit, viel­leicht, dass ich ges­tern am spä­ten Abend die Lek­tü­re eines Romans von Ray Lori­ga auf­ge­nom­men habe, der von der Erfin­dung Man­hat­tans han­deln soll, ein ange­nehm leicht­fü­ßig erzähl­ter Text. Wäh­rend ich las, erin­ner­te ich mich an ein Gespräch, das ich mit einem Matro­sen der Sta­ten Island Fäh­ren noch im Janu­ar führ­te. Er berich­te­te, wie er mit einem der Schif­fe, es war die Andrew J. Bar­be­ri gewe­sen, den Hud­son auf­wärts fuhr, um das Schiff vor dem Hur­ri­kan Ire­ne in Sicher­heit zu brin­gen. Es sei eine unheim­li­che Rei­se gewe­sen, Not­be­leuch­tung an Bord, Möwen waren mit strom­auf­wärts gefah­ren, unbe­wegt saßen sie auf den Hand­läu­fen der Reling, hun­der­te Vögel, als hät­ten sie das Flie­gen ver­lernt. Ein Lot­se, nicht der Kapi­tän, führ­te Kom­man­do über das Schiff. Er selbst habe sich zum ers­ten Mal in sei­nem Leben land­ein­wärts von der Küs­te fort­be­wegt. Ich erin­ne­re mich gern an die­sen klei­nen Mann, der in Brook­lyn groß gewor­den war. Manch­mal trug er eine blin­ken­de Kopf­be­de­ckung, die den Strah­len­rin­gen der Frei­heits­sta­tue nach­emp­fun­den wor­den war. Heu­te, an die­sem Abend, wird er viel­leicht wie­der unter­wegs sein, mit sei­nem Schiff den Hud­son auf­wärts, es geht nun um San­dy, und es geht um Barack Oba­ma. Ich fra­ge mich, lie­be Dai­sy, lie­be Vio­let, wen, wenn ihr noch in heim­li­chen Wahl­re­gis­tern ver­zeich­net sein soll­tet, wür­det Ihr wäh­len? Euer Lou­is, sehr herz­lich, wünscht eine gute Nacht!

ps. Mr. Sal­ter hat sei­ne Dro­hung wahr gemacht. Im Hof, ver­packt in meh­re­re Kis­ten, war­tet das Eisen­bahn­ab­teil eines Pull­man­wa­gens dar­auf aus­ge­packt, und in mei­ner Woh­nung mon­tiert zu wer­den. Es ist angeb­lich mög­lich, dass ich mich in das Abteil setz­ten und dort arbei­ten könn­te. Land­schaf­ten, die ich frei wäh­len kann, sol­len an Fens­tern vor­über­zie­hen. Stim­men sind zu hören, das ist sicher, Stim­men aus Nach­bar­ab­tei­len, die nicht exis­tie­ren. Und die Bewe­gung eines wirk­li­chen Zuges unter mei­nen Hän­den. — stop

gesen­det am
28.10.2012
5.16 MEZ
2145 zeichen

lou­is to dai­sy and violet »

MELDUNGEN / ENDE

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funkstille

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marim­ba

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : FUNKSTILLE
date : oct 17 12 8.15 p.m.

Ja, war­um ant­wor­ten Sie denn nicht, ver­dammt, wenn wir ihnen schrei­ben? Rom. Das ist doch kein Grund, sich nicht zu mel­den. Kaum aus­zu­den­ken, wenn wir das so machen wür­den wie Sie. Fran­kie haben wir jeden­falls wie­der­ge­fun­den. Fünf Tage war er nicht zu fin­den gewe­sen, kein Signal, kein Fran­kie im Cen­tral Park, wie vom Erd­bo­den ver­schluckt. Man stel­le sich das ein­mal vor, wir wür­den Frankie’s Spur ver­lo­ren haben, wenn es ein­mal wirk­lich ernst gewor­den ist. Wir dach­ten, die Brenn­stoff­zel­len sei­nes Sen­ders könn­ten aus­ge­fal­len sein. Es war an einem Sams­tag, da war Fran­kie plötz­lich fort, Höhe 76. Stra­ße. Gera­de noch kau­er­te er neben einer Eiche. Wir waren müde, glau­be ich, es war Abend, wir saßen in Sicht­wei­te auf einer Bank, viel­leicht sind wir kurz ein­ge­schla­fen. Natür­lich haben wir sofort die Suche nach Fran­kie auf­ge­nom­men. Haben jede Unter­füh­rung geprüft und jedes der Abfluss­roh­re, die Fran­kie zum Ver­häng­nis gewor­den sein könn­ten. Grau­en­vol­le Tage, wir irr­ten ziel­los her­um. Jedes Eich­hörn­chen, dem wir uns näher­ten, konn­te Fran­kie gewe­sen sein. Das war ein Alb­traum, eine  unge­heu­re Sache, wie ähn­lich sie sich doch sind. Matt wur­de mehr­fach in die Hand gebis­sen, wir tra­gen jetzt Leder­hand­schu­he. Und dann kam Fran­kie zurück. Es war wie­der Abend gewor­den und Fran­kie tauch­te genau dort, wo wir ihn ver­lo­ren hat­ten, wie­der auf. Lang­sam kam er auf uns zu, sein Schwanz zit­ter­te, sein fes­ter Kör­per beb­te, er mach­te den Ein­druck, als woll­te er uns begrü­ßen. So nah kam er her­an, dass wir ihn berüh­ren konn­ten. Ich habe mir gedacht, dass Fran­kie ver­dammt genau den Ein­druck mach­te, als hät­te er nach uns gesucht wie wir nach ihm, und dass er froh gewe­sen war, uns end­lich gefun­den zu haben. Das ist schon eine selt­sa­me Geschich­te. Gera­de sitzt Fran­kie auf einer Bank neben uns. Er knackt Erd­nüs­se, die wir im schenk­ten. Eine Art Bestechung viel­leicht. Der Sen­der piepst. Alles scheint wie­der in Ord­nung zu sein. Ihr Mal­colm – stop / code­wort : lilienthal

emp­fan­gen am
18.10.2012
1512 zeichen

mal­colm to louis »

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rom : taschen

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marim­ba : 22.05 — Man wird viel­leicht nicht sofort bemer­ken, dass man sich in einem Jagd­ge­sche­hen befin­det. Nein, von Jägern ist auf der Piaz­za Navo­na zunächst nichts zu sehen und nichts zu hören. Ein zau­ber­haf­ter Platz, läng­lich in der Form, drei Brun­nen, eine Kir­che, und Cafés, eines nach dem ande­ren, klei­ne­re Läden, in wel­chen wir Pas­ta in allen mög­li­chen For­men und Far­ben ent­de­cken, Wei­ne, Schin­ken, Käse. Am Abend flie­gen beleuch­te­te Pro­pel­ler durch die Luft. Maler, wel­che ent­setz­li­che Bil­der pro­du­zie­ren, erwar­ten ame­ri­ka­ni­sche Kun­den, sie sit­zen auf Klapp­stüh­len im Licht ihrer Glüh­lam­pen, die sie mit­tels Bat­te­rien mit Strom ver­sor­gen. Stra­ßen­mu­si­kan­ten sind da noch, mit ihren Ban­do­ne­ons, Gei­gen, Kon­tra­bäs­sen, und Ange­stell­te der Müll­ent­sor­gung, Frau­en, jün­ge­re Frau­en in wein­ro­ten Over­alls, ihre Hän­de sind gepflegt, ihre Fin­ger­nä­gel rot lackiert. Aber jetzt, wenn man in Rich­tung jener schwarz­häu­ti­gen jun­gen Män­ner blickt, die vor einem der Brun­nen den Ver­such unter­neh­men, ihre Arbeit zu ver­rich­ten, wird es ernst. Sie haben Hand­ta­schen in allen mög­li­chen For­men auf den Boden vor sich abge­stellt, je zwei Rei­hen, Behäl­ter von Pra­da, Picard, Cha­nel, Grif­fe der­art aus­ge­rich­tet, dass man sie mit je einer Hand­be­we­gung alle­samt sofort ergrei­fen und flüch­ten kann. Eine typi­sche Ges­te, sind doch jene arm­se­lig wir­ken­den Händ­ler der Luxus­ta­schen mehr oder weni­ger flüch­ten­de Wesen. Kaum haben sie ihre Anord­nung im Fla­nier­be­zirk mög­li­cher Kun­den sorg­fäl­tigst auf­ge­baut, raf­fen sie ihre Ware wie­der zusam­men und rasen in eine der Sei­ten­stra­ßen davon, um nach weni­gen Minu­ten wie­der her­vor­zu­kom­men, wie in einem Spiel, wie auf­ge­zo­gen. Am ers­ten Abend mei­ner Beob­ach­tun­gen auf der Piaz­za Navo­na, waren nur Flüch­ten­de zu sehen, nicht aber die Jäger, eine eigen­ar­ti­ge Situa­ti­on, aber schon am zwei­ten Abend war eine jagen­de Gestalt vor mei­nen Augen in Erschei­nung getre­ten. Es han­del­te sich um einen Haupt­mann der Cara­bi­nie­ri, um einen Herrn prä­zi­se mit äußerst auf­rech­tem Gang. Er trug wei­ße Strei­fen an sei­nen Hosen, und eine Uni­form­ja­cke, tadel­los, und eine Müt­ze, sehr amt­lich, er war eine wirk­li­che Zier­de, ein Staats­mann, wie er so über den Platz schritt, hin­ter den flüch­ten­den afri­ka­ni­schen Män­ner her, aus­dau­ernd, lau­ernd, ein Ansitz­jä­ger, möch­te ich sagen, einer, der an Stra­ßen­ecken war­tet, um die Wie­der­kehr der schwar­zen Händ­ler zu unter­bin­den oder um einen von ihnen ein­zu­fan­gen und an Ort und Stel­le unver­züg­lich zu ver­spei­sen. Stop. Frei­tag­abend. stop. Eine Bie­ne über­quert zur Unzeit den Platz in süd­li­che Rich­tung, als wär sie ein Zug­vo­gel. — stop
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