sierra : 12.10 — Man sollte meinen, ein Buch sei ausschließlich zum Lesen geeignet, eine Substanz hellen Papiers, Zeichen in gefalteter Linie, die mit den Augen studierend entlangzuarbeiten ist, Farben, Gerüche, Klänge, Drama. Seit einigen Stunden nun weiß ich, Bücher helfen gleichwohl in mechanischer Weise anatomisch wieder beweglich zu werden. Toni Morrisons Roman Jazz, zum Beispiel, 402 Gramm Gewicht für Minuten in meiner Hand am Ende eines Unterarmes, den ich zu strecken wünsche, widerspenstig ist er noch, bewegt sich nicht von eigener Kraft in jede der von mir gewünschten Richtungen. Wie er jetzt von der Schwerkraft der Dichtung nach unten gezogen wird, behutsam, in der Art und Weise langsam fallender Äpfel, sagen wir, eine Bewegung, mit den Augen nicht wahrnehmbar. – Kurz vor 12 Uhr. Mittag. Jenseits des Tales, das ich vom Hospital aus überschauen kann, spaziert gleißendes Sonnenlicht über den Obersalzberg hin, unheimliche Gegend. Ich meinte für Sekunden ein Rudel Kentauren gesehen zu haben, die den Saum eines Buchenwaldes entlang galoppierten. stop. Großartige erste Sätze im Kopf. stop. Toni Morrison. stop. STH, I know that woman. She used to live with an flock of birds on Lenox Avenue. Know her husband, too. He fell for an eighteen-year-old girl with one of those deepdown, spooky loves that made him so sad and happy he shot her just to keep the feeling going. When the woman, her name is violet, went to the funeral to the the girl and to cut her dead face they threw her to the floor and out of the church. She ran, then, through all that snow, and when she got back to her apartment she took the birds from their cages and set them out the windows to freeze or fly, including the parrot that said, „I love you.“
Aus der Wörtersammlung: rot
dair az-zaur
sierra : 7.48 — Das zwanzigste Jahrhundert blickt nieder auf eine geheimnislose Welt. Alle Länder sind erforscht, die fernsten Meere zerpflügt. Landschaften, die vor einem Menschenalter noch selig frei im Namenlosen dämmerten, dienen schon knechtisch Europas Bedarf, bis zu den Quellen des Nils, den Langgesuchten, streben die Dampfer; die Viktoriafälle, erst vor einem halben Jahrhundert vom ersten Europäer erschaut, mahlen gehorsam elektrische Kraft, die letzte Wildnis, die Wälder des Amazonasstromes ist gelichtet, der Gürtel des einzig jungfräulichen Landes, Tibets, gesprengt. Das Wort TERRA INCOGNITA der alten Landkarten und Weltkugeln ist von wissenden Händen überzeichnet. – Stefan Zweig. In jenen Landschaften aber Frauen, Männer, Kinder. Ahnungen. Was in der ostsyrischen Stadt Dair az-Zaur protestierenden Menschen in diesen Stunden geschieht, wissen wir nicht. – stop
zehnstreifenleichtfuß
himalaya : 7.32 — Ein Lichtbild auf einem Tisch. Die Aufnahme zeigt das Innere meines Armes. Es ist zunächst nicht einfach, in den dargestellten Knochenstrukturen, meine eigenen Strukturen zu erkennen. Ich weiß, das bin ich, aber ich sehe mich nicht. Das, was ich sehe, habe ich immer schon mit mir geführt, und trotzdem betrachte ich unbekanntes Gebiet. Diese kleine Schraube hier, sie leuchtet, ich kann ihr Gewinde erkennen, ist jetzt meine Schraube. Im abgedunkelten Röntgenraum arbeitet eine Frau, die meinen Arm auf den Tisch bettet, sodass er präzise auf der Fotoplatte zu liegen kommt. Ich solle ganz still sitzen, sagt sie, weswegen ich die Luft anhalte und meine Augen weit öffne, weil ich nachschauen will, ob ich nicht doch vom radiologischen Licht einen Schimmer wahrnehmen kann. Eine Sekunde Atemstille. Und noch eine Sekunde Atemstille. Ein Summen hinter Bleiglasfenstern. — Ich hatte die Existenz der Zehnstreifen-Leichtfuß-Käfer vergessen. — stop
vorwinterzeit : beobachtung in der warenwelt
india: 12.05 — Ein wesentliches Merkmal, das in der Warenwelt eine verkaufende Person von einer einkaufenden Person unterscheidet, scheint die Art und Weise zu sein, mit Stoffen, zum Beispiel, mit Winterpullovern umzugehen. Die einen, jene, die hinzugetreten sind, weil sie sich, in Ahnung des Winters, einen Pullover wünschten, entfalten und verrücken, was andere, jene, die schon da gewesen sind, weil sie hier arbeiten, geordnet, das heißt, gefaltet haben und getürmt. Weil zwischen diesen sich offensichtlich entgegenwirkenden Personengruppen ein Gefälle besteht, [die einen sind zahlreich, die anderen nicht], handelt es sich sowohl bei der Faltung, als auch bei der Sortierung der Ware nach Größe, um einen sehr ernst zu nehmenden und zeitaufwendigen Vorgang. Aus diesem Grund insbesondere scheint der Zustand der faltend sortierenden Personen ein stationärer Zustand zu sein, während jene anderen entfaltenden Personen, Unordnung sozusagen im Vorüberkommen produzieren. Dieser gerade eben erwähnte Produktionsvorgang ist nun genau genommen ein Akt der Zerstörung oder aber beschleunigter Entropie. Zerstört wird, was vorausgesetzt, was erwartet ist, Übersichtlichkeit, sagen wir, Berechenbarkeit und Konzentration. Alle roten Pullover, Kaschmirwolle, liegen südlich synthetischer Modelle von blauer Farbe auf dem Auslagetisch. Weil die einen im Vorübergehen zerstören, was die anderen mit Liebe oder pflichtgemäß errichtet haben, sind letztere weder glücklich noch zufrieden, üblicherweise vielmehr von einer vorausahnenden Morgenwut oder von einem gut verständlichen Abendzorn besetzt. — stop
abschnitt montauk
Abschnitt Montauk meldet folgende gegen Küste geworfene Artefakte : Wrackteile [ Seefahrt – 2078, Luftfahrt — 703, Automobile — 6044 ], Grußbotschaften in Glasbehältern [ 18. Jahrhundert — 5, 19. Jahrhundert – 102, 20. Jahrhundert – 865 , 21. Jahrhundert — 23 ], physical memories [ bespielt — 17, gelöscht : 28 ], Telefonbücher [ Chicago — 5, New Orleans — 2 ] Lichtfangmaschinen [ Minox AF X 5 : 3 ], Öle [ 0.8 Tonnen ], Prothesen [ Herzrhythmusbeschleuniger – 16, Kniegelenke – 8, Hüftkugeln – 32, Brillen – 1071 ], Schuhe [ Größen 28 – 39 : 1001, Größen 38 — 45 : 178 ], Kühlschränke [ 321 ], Tiefseetauchanzüge [ ohne Taucher – 8, mit Taucher – 22 ], Engelszungen [ 158 ] — stop
coleoptera rasura
tango : 10.12 — Eine zierliche Frau von hohem Alter. Sie schob einen Rollwagen vor sich her, auf dem zwei Koffer ruhten. Elegante Kleidung, sandfarben, leichte Sommerschuhe, links in der Hand eine Tasche von gelbem Leder, der ein Kabel entkam, das ein paar Kopfhörer und ein Mikrofon mit einem Telefon verband. Das Telefon war nicht sichtbar gewesen, aber die Frau sprach in das Mikrofon, das sich in der Nähe ihres Mundes befand, als würde sie telefonieren. Hin und wieder blieb sie stehen, ihre weißen Hände flattern dann in der Luft herum, als wollte sie zur Unterstützung ihrer Zunge mit Fingern artikulieren. Ich versuchte, sie anzusprechen, zu grüßen, ihr nahezukommen, um hören zu können, in welcher Sprache sie korrespondierte. Ich sage Euch, sie flüsterte unbekannte Wörter. Einmal öffnete sie einen ihrer Koffer. Sie gab mir ein Zeichen, ich kniete nieder. In dem Koffer hockten Käfer in Fächern, zwei Käfer je in einem Fach. Ihre Körper waren von der Farbe und Zeichnung der Bruyèrehölzer gewesen, und sie brummten, vielleicht deshalb, weil an der Stelle, da sich üblicherweise Käferzangen befinden, knöcherne Trommeln in rasender Geschwindigkeit rotierten. Gegen Viertel nach zwei Uhr erwacht. Wolkenloser Himmel, Sterne, eiskalte Luft nahe der Berge über dem Dach. — stop
segelfalterschatten
romeo : 8.15 — In einem Protokoll der Googlesuchmaschine finde ich den Hinweis, dass ich am 3. Mai 2007 nach einer Fotografie des Dichters Julio Cortazar gesucht haben soll, dann, erfolglos, nach einem Segelfalterschatten der Gattung Iphiclides podalirius 5, nach Spuren Patrick Modianos, nach Schimären und Matchboxautomobilen. Keine Erinnerung an den Ausgangspunkt meiner Suche. — stop
PRÄPARIERSAAL : periskop
echo : 8.15 — Zur Winterzeit mit einer jungen Frau, einer Malerin, in einem botanischen Garten spaziert. Sie erzählte von ersten Beobachtungen im Präpariersaal. Ihre leise Stimme, tief, die helle Wölkchen in der eiskalten Luft erzeugte. Und ein Blick, wenn sie mich ansah, der wie durch ein Sehrohr zu kommen schien. Auf dem Dach eines Glasschauhauses balancierte ein Mann mit einer Schaufel. Schwäne klapperten Schnäbel durch kniehohen Schnee. Entdeckte eine Notiz, die sie mir wenige Wochen später übermittelt hatte, weil ihr Kopf nach unserem Spaziergang weiterhin anatomische Sätze erzeugte. Ein Ausschnitt. Sophie schreibt: > Was ich sah, war Chaos. Merkwürdigste, fremdartige Formen auf Tischen, die von Studierenden bewegt wurden. Es war abstoßend und ängstigend. Ich dachte daran, dass dies einmal Menschen gewesen waren. Dann aber wurden in meinen Gedanken aus jenen gewesenen Menschen Körper, und es wurde möglich, das, was ich sah, mit Begriffen zu versehen. Ganz mechanisch sagte ich Bezeichnungen für Körperteile, die ich identifizieren konnte, vor mich hin. Ich glaube, dass sich in diesem Moment meine Emotionalität von meinem Intellekt trennte und sich irgendwo – sicher vor weiteren Eindrücken – versteckte. Und ich war erleichtert, zu sehen, dass das Geheimnis des Todes ein Geheimnis geblieben war. Ich beobachtete mit Verstand. Trotzdem sah ich tief aus mir selbst heraus. Ich wanderte zwischen Leichen umher, die von weißen Kitteln umringt waren, wie in einer Blase, die mich schützte, und doch war ich sehr zerbrechlich. In der Mitte der Körper, dort wo normalerweise der Bauch ist, war jeweils ein Loch zu sehen. Neugierig geworden, musste ich näher an die toten Körper herantreten. Ich sah das viele Fleisch, gelbe fettige Farbe unter farbloser Haut. Ich war überhaupt überrascht von der Farblosigkeit der Körper und stellte fest, wie wenig Menschliches, wie wenig Persönliches noch an ihnen zu erkennen gewesen war. Obwohl ich diesen Ort besuchte, um zu zeichnen, hatte ich bei meinen ersten Besuchen weder Papier noch Bleistift dabei. Ich wollte zunächst nur sehen. — stop
lichtinseln
foxtrott : 6.15 — Ich kann vielleicht sagen, dass ich, sobald sich die Augen eines Schlafenden vor meinen eigenen Augen öffnen, ohne Ausnahme sofort gefangen bin. Habe in der Beobachtung schlafender Menschen nachts, wenn ich durch Flughafenhallen spazierte oder in Subwayzügen reiste, Erfahrungen gesammelt, der Blick auf vorüberziehende Lichtinseln draußen vor dem Fenster, dann wieder auf das entspannte Gesicht eines unbekannten Reisenden, der träumte. So schnell sich die Augen eines Schlafenden öffnen, kann ich meinen beobachtenden Blick niemals verbergen. Vermutlich existiert keine schnellere Bewegung, zu der ein menschlicher Körper in der Lage wäre, als jene Bewegung der Augen, wenn sie sich öffnen. Erstaunlich ist darüber hinaus, dass diese in Bruchteilen einer Sekunde entkleideten Augen unverzüglich präsent sind, weil der Blick sogleich anwesend ist und wirkungsvoll, sein Licht, vielleicht deshalb, weil ein Blick noch vor der Öffnung der Augenlider beginnt oder zu Lebzeiten niemals endet. — stop
tonwellenschrauben
echo : 22.18 – Lungerte im Wald unter Louisiana-Moosen. Sturmgeräusche, auch Zikaden waren zu hören gewesen, ihre Flügelstimmen, hell, schrill, gläsern, Tonwellenschrauben. Auf Knien kroch ich bald jagend durchs Unterholz, wollte eines der lockenden Tiere fangen. Anstatt Insekten entdeckte ich Spieldosen, hunderte, ja tausende, kreisende Lärmmaschinen. Sie leuchteten, feuerrot und blau, je nach Höhe oder Tiefe ihres Gesangs. Sobald ich mich näherte, um eines der Wesen zu ergreifen, schossen sie senkrecht in die Luft, ganz so als würden sie über prall gefüllte Druckluftbäuche fürs flüchtende Reisen gebieten. Dann wurde ich wach. Es war Abend geworden. Samstag. Ein Orkan näherte sich von Westen, knisternde Fenster, Frösche schwebten summend vor den Fenstern. Zwei Stunden lang dachte ich über die Erfindung dienstbarer Käfer nach, Gattung, die Stille zu erzeugen vermag, wann immer gewünscht. Ich stellte mir vor, wie sie sich rückwärts über meine Wangen hin zu meinen Ohren bewegen, wie sie ihre kühlen Leiber in meine Gehörgänge versenken, wie sie sich dehnen und strecken, sanft, sanft, bis sie nahezu verschwunden sein werden. Zwei Fühler noch, ein Paar kleinster Augen links, ein Paar kleinster Augen rechts, Dochte, nein, Diodenlichter. Ich hörte nichts. — stop