kinderwelten

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9.55 – Ich hatte ein Kinder­buch, das ich zufällig in einer Kiste entdeckte, vor mir auf den Schreib­tisch gelegt, illus­trierte Erzäh­lungen aus Tausend und einer Nacht. Ich konnte mich an beinahe jedes Detail der Zeich­nungen, sie sich in dem Buch befanden, erin­nern, das heißt, ich erkannte die Zeich­nungen wieder, auch den Geruch des Papiers, einen Tinten­fleck, meine kind­liche Schrift, die eine der Erzäh­lungen kommen­tierte. Heute, ange­sichts zweier Buben, – sie kämpften in einer U-Bahn mittels hand­li­cher Konsolen verbissen gegen­ein­ander -, die Vorstel­lung, wie in Zukunft uralte Menschen, nicht Büchern, sondern ihren Spiel­zeug­ma­schinen aus Kinder­tagen begegnen, virtu­ellen Welten von unge­heuerer Rechen­leis­tung. – stop

ping

china

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0.20 – Im Winter nach Berlin, immer im Winter, immer nachts, im Westen ein langsam fahrender Zug hinter Bebra. Dann Grenze. Ein Posten. Türme. Metall. Und Licht. Gelbes Licht, demo­liertes Licht. Und Hunde, jawohl, Hunde. Dann Osten. Von Stadt zu Stadt durchs unbe­kannte Land. Auf Bahn­steigen : Volks­po­lizei, Rücken zum Zug, Wachen, oder so etwas, in den Abteilen mit Stempel, mal freund­lich, mal finster, mal kühl. Dann wieder Grenze. Warten. Rangieren. Demo­liertes Licht. Irgend­je­mand schlägt von unten her mit Metall gegen den Boden des Zuges. Hunde. Dann Westen. Herrn in Zivil, Staats­schutz, von Abteil zu Abteil. Dann Zoo. Wenn man so, immer nachts, reist, kaum Kenntnis vom Land, durch das man kommt, sagt man, das riecht hier anders, das riecht hier nach Kohle. Man steht an einem Fenster in diesem Zug, der wartet in Halle. Es ist gegen fünf in der Früh und man weiß, man darf nicht aussteigen, man weiß, die Anderen auf den Bahn­steigen jenseits der Posten, jenseits der Geleise, dürfen nicht einsteigen, man weiß, Schüsse könnten fallen. Die da draußen herum­stehen, die aus dem Mund dampfen, die von der Morgen­schicht in Halle, wissen das besser, als die, die im Zug stehen und mit West­augen einen Kontakt suchen für Sekunden. Schüsse könnten fallen, jawohl, Schüsse. Und deut­sche Sprache, – Halt! Stehen bleiben!

Ich erin­nere mich an eine Text­pas­sage. Malcolm Lowry an Bord des Schlacht­kreu­zers, H.M.S.Proteus. Man liegt vor chine­si­scher Küste, man spielt Cricket an Deck. Nicht weit, jenseits des Wassers an Land, war ein schreck­li­cher Krieg im Gange. „Dum! Dum! Dum!, aber die ganze Sache fegte über unsere Köpfe hinweg, ohne uns zu berühren.“ – „Sie können sagen, dass ich dem Mann gleiche, von dem sie viel­leicht gelesen haben, der sein Leben auf einem Schiff verbrachte, das regel­mäßig zwischen Liver­pool und Lissabon hin – und herfuhr, und bei seiner Entlas­sung über Lissabon nur sagen konnte : die Stra­ßen­bahnen fahren dort schneller als in Liver­pool.“ Ich erin­nere mich an eine Notiz des russi­schen Dich­ters Wene­dikt Jerofejew : „Alle sagen, – der Kreml, der Kreml. Alle haben mir von ihm erzählt, aber selbst habe ich ihn kein einziges Mal gesehen. Wie viele Male schon habe ich im Rausch oder danach mit brum­mendem Schädel Moskau durch­quert, von Norden nach Süden, von Westen nach Osten, aufs Gera­te­wohl, von einem Ende zum anderen, aber den Kreml habe ich kein einziges Mal gesehen.“

Einmal, wieder Winter in Berlin, Berlin-West, 1987, ein Fest. Geräu­mige Wohnung. Auf den Tischen Schnaps­fla­schen und Erdbeer­gläser. Man sagt, das sei so üblich, – Gäste aus dem Osten, Schnaps auf dem Tisch. Da ist ein kleiner Mann, schüt­teres Haar. Sitzt die Nacht über an einem der Tische, trinkt und schlägt irre Rhythmen mit Messern, mit Gabeln, auf Teller, an Gläser. Man sagt, der Mann sei gerade rüber­ge­kauft, man sagt, er habe in Bautzen II gesessen, man sagt, einmal, fros­tige Luft, habe man den Mann ausge­zogen, man habe ihn ausge­zogen und in eine Schleuse gestellt, man habe ihn dort vergessen unter freiem Himmel, dann habe man sich seiner erin­nert, dann habe man ihn warm geprü­gelt. – Irre Rhythmen. – Hab ich also Land betreten. – stop

ping

hrabal

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0.32 – Bohumil Hrabal notiert in seinen Arbeits­heften, dass er mit allem, was sich vor seinen Augen abspiele, unver­züg­lich durch einen festen Schlauch verbunden sei, wie das Kind durch die Nabel­schnur mit dem Leib seiner Mutter. – Die Ohnmacht vor Bildern, Geräu­schen und Zeichen aus großer Entfer­nung. > ai - stop

medusenzimmer

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4.37 – Man stelle sich einmal ein Zimmer vor, ein freund­li­ches, helles Zimmer von aller­feinster Qual­len­haut, ein Zimmer von Wasser, ein Zimmer von Salz, ein Zimmer von Licht. Man könnte dieses Zimmer, und alles was sich im Zimmer befindet, das Qual­len­bett, die Qual­lenuhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schinen von Qual­len­haut, trocknen und falten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche stecken. Und dann geht man mit dem Zimmer durch die Stadt spazieren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaffee­haus und wartet. Man sitzt also ganz still und zufrieden unter einer Venti­la­tor­ma­schine an einem Tisch, trinkt eine Tasse Kakao und lächelt und ist geduldig und sehr zufrieden, weil niemand weiß, dass man ein Zimmer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zimmer, das man jeder­zeit auspa­cken und mit etwas Wasser, Salz und Licht, zur schönsten Entfal­tung bringen könnte. – Null Uhr acht : Haben wir noch alle Tassen im Schrank? – stop

ping

ham

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2.02 – Seit Tagen sitze ich immer wieder einmal vor einer Foto­grafie, die den Schim­pansen Ham zeigt. Zu einer Zeit, als ich noch nicht geboren war, wurde dieser berühmte, nord­ame­ri­ka­ni­sche Affe durch den Welt­raum geschossen. Sein merk­wür­diger Ausdruck kurz nach der Landung, ein Blick nach Innen, viel­leicht der nach­träu­mende Blick aller Raum­fahrer dieser Welt. – stop

ping

ein kaiser und sein ohr

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8.15 – Ich hörte, vor sehr langer Zeit einmal habe der Kaiser von China in der verbo­tenen Stadt ein Ohr auf den Boden gelegt, um heraus­zu­finden, was in der Welt vor den verschlos­senen Toren geschieht. Was wird er vernommen haben? – stop

ping

libelle

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17.57 – Eine Libelle, die dicht über der Wasser­ober­fläche nach Fliegen jagt. Höre das Brummen ihrer Flügel. Ein kraft­volles Geräusch. Eines dieser Geräu­sche, die man mit dem Bauch zu hören meint, als wären dort geheime Ohren für Libel­len­ge­räu­sche ange­bracht. In diesem Moment nun, die Libelle schwebt fast bewe­gungslos vor mir in der Luft, der Gedanke, man sollte winzige Gene­ra­toren auf den Rücken der Libellen verschalten, genau dort, wo die Mechanik des Fluges aus ihrer Brust entsteht. – Das schöne Licht der Dioden über den Sommer­seen. – Exis­tieren viel­leicht heim­liche Struk­turen in meinem Körper, die nicht bereits mit einem grie­chi­schen oder latei­ni­schen Namen bezeichnet sind? – stop

ping

krapp

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Versuchs­an­ord­nung > 20.05 – 20.07 Uhr MEZ : Krapp im Chat

[Login OK]
[Krapp joined channel Welcome!]
[82users in channel Welcome!]

RickJ2!!: Bye bye.
Krapp: „Have just eaten I regret to say three bananas and only with diffi­culty refrained from a fourth.“
Gulli_S2: Hotmail?
[katsu left channel Welcome!]
UrFixa­tion: Omg, stop it with the banana story.
Krapp: „Fatal things for a man with my condi­tion.“
2005Guy!!: Ur…is getting visuals..lol
Gulli_S2: Hotmail
[muff’ joined channel Welcome!]
Krapp: „Extra­or­di­nary silence this evening.“
UrFixa­tion: lol
UrFixa­tion: I am
RickJ2!!: Some old stories krapp.
[muff’ left channel Welcome!]
Devilish.fr is away from keyboard.
UrFixa­tion: Flash­backs
UrFixa­tion: lol
Gulli_S2: Fuck you!
Krapp: „I strain my ears and do not hear a sound.“
RickJ2!!: lol
[Gulli_S2 left channel Welcome!]
2005Guy!!: I bet…not pretty
UrFixa­tion grins evilly.
RickJ2!!: Watch out gulli
Krapp: „Just been listening to an old year, passages at random.“
[2HOT4YOU left channel Welcome!]
AngusYoung: I just found out i have lung cancer and it sucks!
RickJ2!!: aww
Krapp: „I did not check in the book, but it must be at least ten or twelve years ago.“
UrFixa­tion: Where did that come from?
[GuitarAd­dicted left channel Welcome!]
2005Guy!!: Woaw.
[Play­boyl­overs joined channel Welcome!]
Krapp: „Now the day is over.“
2005Guy!!: Zackly.
SlicK­girl: Should i simply mute him?
[Muff joined channel Welcome!]
RickJ2!!: Same stories krapp, right?
[Kalkan left channel Welcome!]
[Space Monkey left channel Welcome!]
Muff greets all.
Krapp: „Night is drawing nigh-igh.“
[Porto-boy joined channel Welcome!]
2005Guy!!: I thought i just had dezavu…
RickJ2!!: Get it??
Play­boyl­overs: hi dudes
Play­boyl­overs: lol
Krapp: „Shadows.“
2005Guy!!: Don’t know how to spell it..lol
[AngusYoung left channel Welcome!]
RickJ2!!: Hey baaby
[Bryan1997_4_you joined channel Welcome!]
[Desiree left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: Hi all
Muff: Chess game anybody?
Lilli: Wait an minute
Bryan1997_4_you: Anyone wanna chat
RickJ2!!: Krapp do you know english?
[Andriy!!!! left channel Welcome!]
[Lana-puma-hoty joined channel Welcome!]
19-m-Fran­cais: Kein Deutsch hier?
UrFixa­tion: Nein
Muff: RickJ2 do you fancy me.
Krapp: „Past midnight. Never knew such silence. The earth might be unin­ha­bited.“
Thebi­gone greets all.
[Black­S­cor­pion left channel Welcome!]
[JoeNY left channel Welcome!]
Bryan1997_4_you: hi courtney
RickJ2!!: what u mean muff
[Country-Boy joined channel Welcome!]
Muff: RickJ2 why do u ignore me?
Porto-boy greets all.
Lilli greets all.
[Krapp left channel]
[Welcome!]

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wartezeit

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0.15 – Ich schreibe diesen Text heut Nacht nur aus einem Grund: Ich wünsche, wach zu bleiben. Vor den Fens­tern: Dunkel. Das Licht einer Stra­ßen­la­terne ist ausge­fallen und der Himmel bedeckt. Jetzt stehe ich auf. Laufe hin und her und pfeife. Sobald ich am Schreib­tisch vorüber­komme, setzte ich mich und schreibe ein paar Wörter und dann stehe ich wieder auf und gehe pfei­fend weiter. Nichts weist darauf hin, dass dieser Text tatsäch­lich von einem laufenden Menschen gedacht und geschrieben wurde, von einer Person, die je nur ein oder zwei Worte notierte, um sogleich weiter­zu­gehen. Alles könnte nur behauptet sein. – Weshalb höre ich auf zu pfeifen, sobald ich schreibe?  Ist die Zeit, die ich damit verbringe, auf ein Wort zu warten, als Arbeits­zeit anzu­sehen? Ist der Zustand konzen­trierter Aufmerk­sam­keit für sich schon eine Leis­tung? -stop

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segelspinne

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3.08 – Eine Stunde genau ist vergangen, seit ein sehr kleiner Gegen­stand den Luft­raum über der Tastatur meiner Schreib­ma­schine durch­querte. Er kam von links, also von Westen, und flog nach rechts, also gegen Osten, und weil nicht das geringste Geräusch zu hören war, das Geräusch eines Aufpralls in etwa, war ich zunächst über­zeugt, mich geirrt zu haben. Aber dann konnte ich im Licht der Tisch­lampe einen sehr feinen Faden erkennen, der sich über die Tasten gelegt hatte. Ich erin­nerte mich sofort an eine Spinne, die ich im Früh­jahr zuletzt auf meinem Schreib­tisch gesehen habe, ein hübsches, geräusch­loses Wesen. – Es ist jetzt kurz nach halb fünf Uhr und ich bin zufrieden. Ich habe eine Stunde lang nichts getan, als mit einem feinen Pinsel bewaffnet auf der Schreib­tisch­platte unter dem Licht des Elek­tro­mondes einen Kampf gegen eine Spring­spinne zu fechten, die kaum größer ist als ein Steck­na­del­kopf, schwarz und weiß geti­gert, und so verspielt wie eine junge Katze. Hab ich diesen Text nicht bereits vor langer Zeit schon einmal gedacht? – stop

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liebeslaute

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1.55 – Seit ich gestern, gegen den Morgen zu, erfahren habe, dass Buckel­wale zur Paarungs­zeit über eine Sprache verfügen, die einfa­chen mensch­li­chen Spra­chen ähnlich ist, immer wieder die Frage, was ich unter einer einfa­chen mensch­li­chen Sprache verstehen sollte, die atem­lose Sprache der Lust viel­leicht oder die Sprache der Chat­räume? Ob eine dieser mensch­li­chen Spra­chen viel­leicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Über­set­zung von Wal zu Mensch zu verstän­digen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine gran­diose Vorstel­lung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denk­zeit, zu mir spre­chen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Viel­leicht eine Frage: Wie heißt Du, mein Freund? Oder : Ich hörte von Bäumen! - Es ist 2 Uhr 10 und ich bin sehr gut gelaunt, weil ich etwas Lich­ten­berg gelesen habe. Er schreibt um das Jahr 1774 herum: Eine Fleder­maus könnte als eine nach Ovids Art verwan­delte Maus ange­sehen werden, die, von einer unzüch­tigen Maus verfolgt, die Götter um Flügel bittet, die ihr auch gewährt werden. – Wie aber sollte ich einem Walfreund Abu-Ghraib, Grosny, Darfur, Simbabwe, Tibet und Burma erklären, das Foltern, das Okku­pieren, das offene und das heim­liche Töten von Menschen­hand? Und wie den Hunger? Und wie das Schweigen? – stop

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nachtsammlung

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2.24 – Habe 628 Optionen gezählt, das Wort Nacht fort­zu­setzen. Zum Beispiel: Nach­ti­gal­len­affe Nacht­ge­wölbe Nacht­duft Nacht­durch­schwärmer Nacht­eu­lenton Nacht­ge­fieder Nacht­wolf. Oder aber Nacht­pa­pagei : das ist der merk­wür­digste aller papa­geien, der kakapo von neusee­land [ stri­gops habrop­tilus ], den man mit demselben rechte, mit welchen man die eulen im gegen­satz mit den falken einer beson­deren familie unter­bringt, als einen vertreter einer eigenen familie betrachten muss. [ nach Grimm­sches Wörter­buch N – Q ] – Drei Uhr zwölf. In meinen Zimmern ameri­ka­ni­sche Stimmen. Funk­ge­räu­sche. Geräu­sche meiner Kind­heit. Welt­raum­ge­räu­sche. Geräu­sche, wie sie auch in Guan­ta­namo zu hören sind. Den Schlaf raubende Geräu­sche. – stop

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ilse aichinger

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5.38 – Es soll jetzt Tonfilme geben. – Das war ein rätsel­hafter Satz. Und es war einer von den ganz wenigen rätsel­haften Sätzen der Erwach­senen, die mich nicht losließen. Einige Jahre später, ich ging schon zur Schule, sagte die jüngste Schwester meiner Mutter, wenn wir an den Sonn­tagen zu meiner Groß­mutter gingen, bei der sie lebte, fast regel­mäßig am späten Nach­mittag: > Ich glaub, ich geh jetzt ins Kino. < Sie war Pianistin, unter­rich­tete für kurze Zeit an der Musik­aka­demie in Wien und übte lang und leiden­schaft­lich, aber sie unter­brach alles, um in ihr Kino zu gehn. Ihr Kino war das Fasan­kino. Es war fast immer das Fasan­kino, in das sie ging. Sie kam frös­telnd nach Hause und erklärte meis­tens, es hätte gezogen und man könne sich den Tod holen. Aber sie ließ ihr Fasan­kino nicht, und sie holte sich dort nicht den Tod. Den holte sie sich, und der holte sie gemeinsam mit meiner Groß­mutter im Vernich­tungs­lager Minsk, in das sie depor­tiert wurden. Es wäre besser gewesen, sie hätte ihn sich im Fasan­kino geholt, denn sie liebte es. Aber man hat keine Wahl, was ich nicht nur bezüg­lich des Todes, sondern auch bezüg­lich der Auswahl der Filme zuweilen bedauere, wenn meine liebsten Filme plötz­lich aus den Kino­pro­grammen verschwinden. Obwohl ich es gerne wäre, bin ich leider keine Cine­astin, sondern gehe sechs oder siebenmal in denselben Film, wenn in diesem Film Schnee fällt oder wenn die Land­schaften von England oder Neueng­land auftau­chen oder die von Frank­reich, denen ich fast ebenso zuge­neigt bin. Ilse Aichinger : Mitschrift

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trompetenkäfer

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2.25 – Folgendes. Ein Trom­pe­ten­käfer ist in der Mitte, zwischen Kopf und Brust auf der einen, und seinem gepan­zerten Ende auf der anderen Seite, mehr­fach gefaltet. Das sind Falten einer Haut, die sofort an sehr feines Repti­li­en­leder erin­nert. Sobald nun der Käfer einen Ton zu erzeugen wünscht, schreitet er mit Kopf und Brust voran, während er sich mit seinen Hinter­beinen gegen die Lauf­rich­tung stemmt, so dass sich beide Segmente rasch vonein­ander entfernen und einen Raum eröffnen, der jene Luft mit Leder umman­telt, die durch Mund oder Kiemen in den Käfer­körper bereits vorge­drungen ist. Im Moment seiner größten Entfal­tung wird der Käfer seine Bewe­gung kurz unter­bre­chen, und während sich nun die Beine seines Brust­seg­mentes in den Boden schlagen, arbeiten sich die hinteren Läufe solange voran, bis wieder alles schön gefaltet ist in der Mitte und alle Luft geräusch­voll am Mund­stück wieder ausge­treten. – Milde Luft heut Nacht. – stop

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popcorn

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22.38 – Die Vorstel­lung, man könnte einmal Käfer in Tüten kaufen, so wie man Popcorn in Tüten kaufen kann. Käfer in grünen Panzern, die nach Pista­zien schme­cken, und Käfer in roten Panzern, sie schme­cken nach Johan­nis­beeren, und Käfer in gelben Panzern, sie schme­cken nach Melisse. Sobald man eine Tüte öffnet, fliegen sie los. Sie sausen ein paar Runden durch die Luft, verdrehen einem den Kopf, um sich unver­züg­lich in jeden Mund zu stürzen, der sich vor ihnen öffnet. Dort dann zerplatzen sie mit einem zarten Geräusch in einem voll­endeten Aromas­tern. – Wong Kar War’s wunder­barer Nacht­vogel ohne Füße, der niemals landet. – stop

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sonar

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2.15 – Manchmal denke ich mir ein Geräusch aus und dann denke ich das Geräusch solange, bis ich mich an das Geräusch erin­nern kann. – stop

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herzschlag

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2.18 – Von Zeit zu Zeit, wenn ich in einem bota­ni­schen Garten sitze beispiels­weise, wenn ich mir wünsche, eine der chine­si­schen Nach­ti­gallen möge von den Bäumen herun­ter­kommen und sich zu mir setzen, halte ich die Luft so gründ­lich an, dass ich zu einer laut­losen Erschei­nung werde unter scheuen Vögeln. – Stunden des Arbei­tens, des Wartens. – Das kaum noch wahr­nehm­bare Brausen einer Stadt jenseits der Bäume, jenseits der Mauern. – Trop­fendes Wasser. – Meine Hände, die die Tastatur der Notier­ma­schine so behutsam berühren, als würden sie Amei­sen­rü­cken beschriften. – Weit nach Mitter­nacht. Es ist so still, dass ich glaube, von fern meinen Herz­schlag zu hören. – stop

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