echo : 20.55 UTC – In einem Park beobachtete ich einen Mann, der einem Roboter folgte. Es war ein warmer Tag. Die Maschine in der Größe eines Staubsaugers rollte über den Rasen, wohl in dem Auftrag, das Gras zu schneiden. Der Mann bewegte sich in derselben Geschwindigkeit leicht versetzt hinter dem Roboter, umkreiste in dieser Weise Bäume in einem engen Bogen, um bald wieder den Horizont ins Auge zu fassen. Der Roboter fuhr so lange Zeit schnurgerade weiter, bis er auf einen Weg traf, also auf Gelände ohne Grasnarbe. Dort drehte er auf der Stelle um und fuhr in einem zufälligen Bogen zurück über die Rasenfläche hin. Leichtbekleidete Menschen waren zu sehen, wie sie den Roboter fixierten. Sobald sich das kleine Wesen einer dieser liegenden Personen näherte, wurden leise Hupgeräusche hörbar, ein Versuch der Verständigung vielleicht. Manchmal kniete der Mann nieder. Er schien jenen Boden zu untersuchen, der soeben noch von dem Roboter überfahren worden war. Der Mann schaute durch eine Lupe und sammelte mittels einer Pinzette von dem Rasen kleinere Gegenstände oder Teile von Würmern und Käfern auf und legte sie in einer Tüte ab. Indessen der Mann arbeitete, wartete der Roboter. Das war im vergangenen Sommer gewesen. Ein Roboter auf einer Wiese ohne Hunde, warum? — stop
Aus der Wörtersammlung: arm
caveiformis animalis
marimba : 20.11 UTC – Es ist Februar, es ist kalt, eine schwere Grippe ist eingezogen, in einen Körper, der nur noch schlafen will. Auf dem Bildschirm meiner Schreibmaschine ziehen Sterne langsam über den Himmel über dem Inarisee. Lange Zeiten geschlossener Augen. Kein Geräusch von dort, wo Murmansk in zwei Tages- und Nachtportionen zu Fuß erreicht werden kann. Ein Schlitten mit Stirnlicht kreuzt von Ost nach West über das Eis. Ich habe Käfigtiere geträumt oder habe Käfigtiere ausgedacht. Tiere, deren Gerippe Räume bilden, in welchen sich Luft befindet, die geatmet werden kann. Ein kleiner Kopf, als habe man sich einen Kugelfisch zum Vorbild genommen, zwei winzige Ohren, ein winziger Mund, zwei winzige Augen, der Kopf scheint unwichtig, aber die knöchernen Streben des zentralen Käfigtieres sind von einem feinen, hellroten Fell bedeckt. Zwei Zwergzeisige flattern im Käfig herum, singen, wetzen ihre Schnäbel am warmen Gestänge. Das Käfigtier ist ein Wesen ohne Arme und Beine, wiegt 5 Kilogramm und hängt sehr gern leicht schaukelnd von einem Baum oder einer Zimmerdecke im Wind. — stop
paris
ai : TUNESIEN

MENSCHEN IN GEFAHR: „Am 11. Mai 2024 stürmten Sicherheitskräfte maskiert und in Zivilkleidung die Büros der Anwaltskammer in Tunis und nahmen die Anwältin Sonia Dahmani fest. Seitdem ist sie willkürlich in Haft. Die Behörden gehen mit fünf verschiedenen Strafverfahren gegen sie vor, allein weil sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung wahrgenommen hat. Sonia Dahmani wird derzeit im Gefängnis von Manouba festgehalten, die Bedingungen sind grausam und unmenschlich. Sie ist extremer Kälte ausgesetzt und hat keinen Zugang zu grundlegenden Dingen wie sauberer Kleidung. / Die anhaltende ungerechtfertigte Inhaftierung von Sonia Dahmani gibt Anlass zu großer Sorge. Sie ist allein deswegen im Gefängnis, weil sie von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machte. So kritisierte sie die Haftbedingungen in tunesischen Gefängnissen sowie die Misshandlung von Flüchtlingen und Migrant*innen. / Nachdem sie in Fernseh- und Radiosendungen regelmäßig öffentlich die Behörden kritisierte, haben diese in fünf verschiedenen Fällen Ermittlungen gegen sie eingeleitet. In zwei davon wurde sie bereits schuldig gesprochen und zu einer Haftstrafe verurteilt. Am 6. Juli 2024 verurteilte ein erstinstanzliches Gericht in Tunis Sonia Dahmani wegen eines ironischen Kommentars in einer Fernsehsendung zu einem Jahr Gefängnis. Im Rechtsmittelverfahren wurde die Haftstrafe auf acht Monate reduziert. Am 24. Oktober 2024 verurteilte dasselbe Gericht sie in einem anderen Fall zu einer zusätzlichen zweijährigen Haftstrafe, weil sie auf rassistische und diskriminierende Praktiken in Tunesien hingewiesen hatte. Beide Urteile basieren auf dem drakonischen Gesetzesdekret 54 über Cyberkriminalität. Gegen Sonia Dahmani sind drei weitere Verfahren anhängig, die sich alle auf die Ausübung ihres Rechts auf freie Meinungsäußerung beziehen. / Sonia Dahmani wird unter grausamen und unmenschlichen Bedingungen festgehalten. Sie ist mit extremen Temperaturschwankungen konfrontiert, im Winter ist es in ihrer Zelle wegen eines kaputten Fensters eiskalt. Die Gefängnisbehörden verweigern ihrer Familie, ihr bei Besuchen warme Kleidung oder Nahrung mitzubringen, was zu Unterernährung und erheblichem Gewichtsverlust führt. Sie hat in Haft massive gesundheitliche Probleme entwickelt, darunter Diabetes, Rückenschmerzen, geschwollene Beine und Bluthochdruck. Sonia Dahmani werden außerdem grundlegende Güter wie saubere Kleidung sowie eine angemessene medizinische Versorgung und Medikamente verweigert, während sie von den Gefängniswärter*innen demütigend behandelt wird. So wurde sie beispielsweise am 20. August 2024 vor ihrer Gerichtsverhandlung einer erniedrigenden Leibesvisitation unterzogen, bei der sie sich nackt ausziehen musste, was eine Verletzung ihrer physischen und psychischen Integrität darstellt. Sonia Dahmani teilt sich ihre Zelle – und die nicht abgetrennte Toilette – mit vier anderen Gefangenen, sie hat nur begrenzt Zugang zu heißem Wasser. Die hygienischen Verhältnisse sind miserabel, ihre Zelle ist von Ratten und Ungeziefer befallen.”> EINE E‑MAIL SCHREIBEN ODER EINEN BRIEF VON PAPIER
heimsuchung
tango : 20.01 UTC – Über dem Kanal de Saint-Martin nahe der Rue Bichat im 10. Pariser Arrondissement kreist seit drei Tagen ein krähenartiger Vogel, ohne je zu landen. Er scheint mit der kalten Winterluft ein Gespräch zu führen im Flug bei Tag und bei Nacht. Vogelbeobachter sind eingetroffen. Sie sitzen auf Bänken und Balkonen, ihre Fernrohre auf Stative gestellt und gegen den Himmel ausgerichtet. Es ist deshalb, weil mit diesem sprechenden und singenden Vogel möglicherweise etwas nicht stimmt. Seit der Vogel eingetroffen ist, so wird erzählt, erscheinen auf den Bildschirmen lokaler Fernsehgeräte Filmaufnahmen, die aus der Sicht dieses Vogels aufgenommen worden sein könnten. Gleichwohl sind Geräusche verzeichnet, sodass nun das Weinen von Kindern in den Pariser Häusern zu vernehmen ist, auch auf den Bildschirmen der Handtelefone sind Kinder zu sehen, die in Zelten wohnen ohne einen Fußboden, weil dort hindurch der Schlamm, der von den Bergen kommt, talabwärts strömt. Die Kinder sind krank, das kann man sehen, sobald man die erschrockenen Augen öffnet. Auch die Eltern der Kinder sind krank, sie tragen Pusteln im Gesicht und auf den Armen und Beinen und auf ihren mageren Rücken. Vulkane wachsen auf den Körpern der Menschen und speien Eiter und Blut. Jener Vogel, der diese Aufnahmen in einer afrikanischen Gegend machte, um sie persönlich nach Europa zu transportieren, war und ist noch immer ein geduldiger Beobachter. Der Vogel flog leise in Bodennähe umher, ohne das Leid zu stören, das sich ihm öffnete, als wäre es eine dunkle schmerzende Blume. Kinder fassten nach dem Vogel, deuten auf ihn, sie waren ohne Furcht. Und die Eltern der Kinder erzählten in einer fremdartigen Sprache, wie es ist derart krank und elend und bedroht zu sein. Ihre Gesten zu dem Auge des Vogels hin waren flehende Gesten. Seit Tagen nun kommen diese Bilder in die Welt der Bildschirme und der Lautsprecheranlagen bei Tag und bei Nacht am Kanal de Saint-Martin nahe der Rue Bichat im 10. Pariser Arrondissement. Niemand kann sagen, warum das so ist und wie lange die Heimsuchung noch dauern wird. Vielleicht, so eine Vermutung, werden weitere Vögel kommen, weitere Bilder, Filme, Geräusche. Eine Person soll auf einer Kanalbrücke stehend lautstark gefordert haben, den Vogel endlich vom Himmel zu holen. Einmal waren Schüsse zu hören. — stop
krieg von oben
marimba : 22.28 UTC – Es war einmal an einem frühen Abend. Landkrieg von oben aus großer Höhe. Noch warmes, mildes Licht der tief über dem Horizont stehenden Sonne. In diesem Licht segeln Drohen weit unter uns lautlos der Erde nah, weiße Rotorwesen vor und zurück, tasten sich heran, wie Luftkatzen an qualmende, gepanzerte Fahrzeuge. Der Rauch brennender Öle, brennender Körper, weithin sichtbar. Flach über den Steppenboden fliegen Geschosse von irgendwoher, zeichnen Spuren in der dampfenden Luft. Menschenfiguren eilen aus versengten Fahrzeugen, suchen Zuflucht im Unterholz der schmalen Baumstreifen, die die ukrainische Steppe durchziehen. Zu schwarzen Gestalten nun in der Schneelandschaft der Wärmebildkamera geworden, Gestalten, die nicht unsichtbar werden, sosehr sie auch wünschen, nie wieder sichtbar zu sein. Drohnen, weitere Vögel, nähern sich. Weiße fliegende Spinnen erkunden, ob noch Leben im brennenden Panzer zu finden ist, luren in die Schatten der metallenen Höhlen. Das sind tatsächlich Bewegungen jagender Katzen. Aus der Helligkeit gleißenden Feuers bewegt sich die Gestalt eines flüchtenden Menschen hervor. Der flüchtende Mensch zieht ein Bein hinter sich her, das Bein scheint verloren. Der Mensch fällt, als er auch das zweite Bein für immer verliert. Liegt ganz still im Gras. Ein Drohnenvogel schwebt über ihm. Der Vogel wartet. — stop
in louisiana
ulysses : 22.22 UTC — In Louisiana, dort, wo Moose, wie Bärte grünen Wassers, von den Ästen der Bäume hängen, sitzen elf ältere Frauen um einen Tisch herum. Sie lachen, sie schreiben, sie trinken Sekt und andere Dinge. Von diesen fröhlichen Frauen, die ich gerne dankbar umarmen würde, erzählte das Radio am gestrigen Abend, wie sie fröhlich Postkarten von Hand beschriften. Einige Hunderte Schriftstücke gemeinsam. Eine Verschwörung. Der innere Feind („The enemy from within“. Donald J. T.) in Louisiana am helllichten Tag. Schriftzeichen, mit Füllfederhaltern aufs Papier gesetzt, Tinte, nicht Druckerfarbe, jede Postkarte ein Dokument von Mensch zu Mensch: »Vote!“. Diese wunderbaren Botschaften werden nun also bald nach Norden, nach Michigan, reisen. Davon erzählte das Radio gestern am Abend, es war noch früher Nachmittag in Louisiana, dort, wo Moose, wie Bärte grünen Wassers, von den Ästen der Bäume hängen. — stop
von maschineller übersetzung
nordpol : 16.22 UTC — In der Umgebung des russischen Überfalls auf die Ukraine, seltsame Wörter des Krieges: Wassertelefon (vermutlich Rohrleitung) . Hagelkörner (Granaten) . Zigarettenfeld (Bedeutung noch unbekannt) . Straßendampfschiff (Panzer) . Milchzähne (Panzersperre) . Muscheln (Bomben) . Dreharbeiten (Beschuss) . Tierheim (Schutzraum) . Glühende Todeszeiten (Schrapnelle) . Einer arabisch denkenden Maschine entnehme ich das Wort Raketenbirne für eine ebenfalls noch unbekannte arabische Wortbedeutung vor maschineller Übersetzung. — stop
zungenwelt
charlie : 15.08 UTC — Ich fragte: Inwiefern würde sich unsere Menschenwelt verändern, wenn wir von einem Tag zum anderen Tag über armlange Zungen der Geckos verfügten? Eine Zungenwelt. In welcher Form kämen diese feinen Zungen in einer voll besetzten Straßenbahn zum Einsatz? Und wie bei der Liebe? Und wie im Streit? Was würden diese Zungen wohl im Schlaf unternehmen? Ich vermag mittels meiner Zunge nicht zu erkennen, wie viele Linsen dort auf ihrer Oberfläche abgelegt worden sind. — stop
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sirenen
sierra : 19.12 UTC — Am Nachmittag beobachtete ich, wie meine Schreibmaschine eine Speicherung ihres Gedächtnisses vollzieht, ein leises Knistern ist zu hören aus dem Kästchen, in das notiert wird, was ich später zur Verfügung haben werde, wenn ich zu wissen wünsche, wie es heute gewesen ist, um kurz nach 15 Uhr an diesem 8. September 2024. Es ist noch warm und feucht. In der Nacht wurde Kyjiw von Drohnen attackiert, Charkiw und Odessa. Müde Menschen notieren auf der Position Facebook von Schlaflosigkeit. Auch schlaflose, müde Menschen in Gaza, in Haifa. Gegen 18 Uhr erneute Beobachtung meiner Schreibmaschine. Das Programm Time Maschine meldet 181 Tsd. Änderungen des Systems seit letzter Ausführung zwei Stunden zuvor. Wieder leises Knistern und Schnurren in nächster Nähe, zarte Töne. Seltsame Sache. — stop



