Aus der Wörtersammlung: finger

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istanbul

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nord­pol : 2.55 — Beob­ach­te­te nach­mit­tags auf mei­nem Fern­seh­bild­schirm einen Blitz, der einen Abend zuvor von einer Han­dy­ka­me­ra auf­ge­nom­men wor­den war. Die­ser Blitz ereig­ne­te sich in Istan­bul zu einem Zeit­punkt, als ich gera­de über­leg­te, ob ich in einem Buch lesen soll­te oder bes­ser noch etwas notie­ren über die Kirsch­holzwan­gen einer japa­ni­schen Frau, die ich gera­de erfin­de. Aber mein Kopf war in der feucht­war­men Luft doch sehr lang­sam gewor­den, also stell­te ich mich für zwei Minu­ten unter kal­tes Was­ser und als ich zurück­kam und mein Fern­seh­ge­rät ein­schal­te­te, konn­te ich sehen, was der Blitz, den ich erst einen Tag spä­ter mit eige­nen Augen sehen wür­de, ange­rich­tet hat­te. Men­schen lagen bewe­gungs­los auf einer Stra­ße her­um und ande­re Men­schen, die sich beweg­ten, ver­such­ten jene Men­schen, die lagen und sich nicht mehr beweg­ten, zu über­re­den, es ihnen gleich­zu­tun, also zu atmen und wei­ter­zu­le­ben, als sei der Blitz nie gesche­hen. Da war das Geräusch von Ambu­lan­zen, ein jau­len­der Ton, von dem ich häu­fig träu­me, und da war die Stim­me einer ame­ri­ka­ni­schen Frau, die die Explo­si­on zwei­er Bom­ben mel­de­te, einer klei­ne­ren, locken­den Bom­be und einer grö­ße­ren, mor­den­den Bom­be. Als ich ges­tern Nach­mit­tag dann auf mei­nem Fern­seh­bild­schirm jenen Blitz beob­ach­te­te, der so vie­le Men­schen töte­te, dass zwei Hän­de nicht aus­rei­chen, sie mit den Fin­gern zu zäh­len, habe ich über­legt, ob ich nicht bald ein­mal wagen soll­te, einen Atten­tä­ter zu erfin­den, also mich in einen Atten­tä­ter zu ver­wan­deln auf dem Papier, mich hin­ein­zu­ver­set­zen in eine Figur, die Bom­ben legt, um Men­schen zu töten. Ist es mög­lich, fra­ge ich, mich in einen Atten­tä­ter so lan­ge hin­ein­zu­den­ken, wie ich mich in eine japa­ni­sche Frau hin­ein­den­ke, eine japa­ni­sche Frau mit einem kirsch­höl­zer­nen Gesicht, ohne Scha­den zu neh­men? — stopping

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schreibtischkäfer

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echo : 1.52 — Seit einer Stun­de genau wohnt ein Käfer auf mei­nem Schreib­tisch. Der Käfer ist so klein, dass ich ihn zunächst nicht sehen konn­te, aber ich konn­te ihn rie­chen, er roch nach hei­ßem Zinn, was doch sehr selt­sam war, weil der Käfer, als ich ihn nach län­ge­rer Suche end­lich gefun­den hat­te, kühl, wenn nicht kalt in mei­ner Hand auf dem Rücken lag. Ich war zunächst in die Küche gewan­dert, um nach mei­nem Bügel­eisen zu sehen, dann öff­ne­te ich die Woh­nungs­tür, inspi­zier­te mei­nen Kühl­schrank, prüf­te den Zustand mei­ner Nase, und kehr­te an den Schreib­tisch zurück. Jetzt hat­te sich der Käfer durch Bewe­gung ver­däch­tig gemacht. Da war nun also ein Käfer sicht­bar gewor­den unter einer Lupe, und die­ser Käfer, der nach hei­ßem Zinn roch, bit­ter, und süß nach Maschi­nen­öl, trug anstatt eines Pan­zers Men­schen­haut. Als ich ihn mit einem Fin­ger vom Tisch in mei­ne Hand­flä­che schob, öff­ne­te er sei­ne Flü­gel und kämpf­te, um Luft unter sei­ne Trag­flä­chen zu bekom­men. Alle Mühe war ver­geb­lich, der Käfer war zu schwer oder doch zu müde, von einer län­ge­ren Rei­se, weiß Gott woher. — Weit nach Mit­ter­nacht, schwü­le Luft, sit­ze vor dem Schreib­tisch, betrach­te den Käfer und der Käfer betrach­tet mich. Der Ein­druck, wir bei­de sind nicht sicher, ob wir nicht viel­leicht, der eine dem ande­ren, je ein Alb­traum sind. — stop

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herzgeräusch

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echo : 2.08 — Gespräch über Geräu­sche, die mensch­li­che Her­zen erzeu­gen. Wun­de­re mich, sag­te ich, dass ich Dei­nes nicht höre. Wun­de­re mich über die Stil­le, die in Kon­zert­sä­len für Minu­ten herr­schen kann. Fünf­tau­send schla­gen­de Her­zen und doch die­se Stil­le. — stop

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tabucchi

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tan­go : 1.15 – Ret­te­te am See zur Zeit der Abend­däm­me­rung eine Rau­pe, die sich dem Netz einer Klam­mer­spin­ne näher­te. Leg­te das küh­le, wei­che Tier in mei­ne lin­ke Hand und zähl­te mit dem Zei­ge­fin­ger der ande­ren Hand sech­zehn sehr kur­ze Bei­ne. Las dann wei­ter in Tabuc­chis Buch klei­ner Miss­ver­ständ­nis­se. Sehr schö­ne ers­te Sät­ze gefun­den. Wie die Din­ge so lau­fen. Und was sie lenkt. Ein Nichts. Manch­mal beginnt es mit einem Nichts, mit einer Phra­se, die sich in die­ser, die sich in die­ser rie­si­gen Welt vol­ler Phra­sen, Din­ge und Gesich­ter ver­liert, in einer gro­ßen Stadt wie die­ser, mit ihren Plät­zen, der U‑Bahn, den Men­schen, die aus dem Büro has­ten, den Stra­ßen­bah­nen. — stop
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larynx

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22.05 – Da war ein Tisch vor weni­gen Stun­den. Auf die­sem Tisch lag ein geöff­ne­ter mensch­li­cher Kör­per. In nächs­ter Nähe lehn­te eine hoch­ge­wach­se­ne jun­ge Frau mit dem Rücken an einer Wand, Augen geschlos­sen, als wäre sie ein­ge­schla­fen. Ihre Hän­de betas­te­ten einen Kehl­kopf, das heißt, genau­er betrach­tet hüpf­ten ihre Fin­ger über den klei­nen hell­brau­nen Kör­per hin, als wären sie Lebe­we­sen für sich. Wenig spä­ter war die Frau wach gewor­den. Sie leg­te die fili­gra­ne Struk­tur auf den Tisch zurück, zog ihre Hand­schu­he aus und sag­te: Aber natür­lich darfst Du das wis­sen. Ich habe nach­ge­dacht und geträumt zur glei­chen Zeit. Rasch mach­te sie mit einer Hand eine Scha­le, hob den Kehl­kopf mit der ande­ren Hand vom Tisch und leg­te ihn dort­hin ab: Larynx! Gran­di­os, nicht wahr! Was ich mit mei­nen Fin­gern ange­schaut habe, geht nie wie­der fort! – Tau­ben­grau­er Him­mel. Leich­ter Regen. Sturm von Süd­west. — stop

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trompetenkäfer

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~ : louis
to : Mr. eliot
sub­ject : TROMPETENKÄFER

Lie­ber Eli­ot, bei uns ist jetzt schon Diens­tag. Ges­tern, also am Mon­tag noch, war ich spa­zie­ren im schöns­ten Gar­ten der Stadt. Stür­mi­sche Luft, alles ging ver­kehrt her­um, es reg­ne­te aus dem Boden, die Son­ne war auch irgend­wo da unten und ich konn­te nicht notie­ren, weil mir mein Notiz­buch davon geflo­gen war. Ich habe Dir des­halb nicht viel zu berich­ten, weil ich ohne mein Notiz­buch nicht anfan­ge zu den­ken. An den letz­ten Gedan­ken, den ich in mein Notiz­buch notier­te, ehe es an den Wind ver­lo­ren ging, kann ich mich gera­de noch erin­nern. Das also sollst Du wis­sen, ich habe ent­deckt, dass ich, sobald ich einen Trom­pe­ten­kä­fer zu ent­wer­fen wün­sche, über die Lun­ge die­ses Wesens, genau­er über sei­ne Luft­pum­pe und ihre Posi­ti­on in den Zusam­men­hän­gen eines Käfer­kör­pers nach­zu­den­ken habe, ande­rer­seits, aus vor­wie­gend phy­si­ka­li­schen Grün­den, über die Füße des Käfers, die der­art zu kon­zi­pie­ren sind, dass der Käfer, sobald er einen Trom­pe­ten­ton zu erzeu­gen wünscht, in der Lage sein wird, sich zunächst fest auf dem Boden, einem Blü­ten­blatt oder einem mensch­li­chen Fin­ger zu ver­an­kern, um dem Rück­stoß, den wir sehr sicher erwar­ten dür­fen, Wider­stand ent­ge­gen­set­zen zu kön­nen. Zu wei­te­ren Gedan­ken, lie­ber Eli­ot, war ich ges­tern nicht in der Lage. Bald wird der Sturm auch zu Euch her­über­ge­kom­men sein. Die­se E‑Mail ist schnel­ler als der Wind. Dein Louis

gesen­det am
11.03.2008
22.56 MEZ
1068 Zeichen

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lou reed

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0.15 – Stim­mung fieb­ri­ger Hei­ter­keit. Der Ein­druck, dass ich mich auf einem Dampf­schiff befin­de. Lei­se wum­mern­des Stamp­fen der Maschi­nen. Vor­hin hat mir ein freund­li­cher Schiffs­dok­tor küh­len­de Sal­ben gebracht für die Brust, einen Saft, der die Tem­pe­ra­tur sen­ken soll, in einer merk­wür­dig blau­en Far­be, und Trop­fen für die Nase, die doch noch völ­lig in Ord­nung ist. Eine Arm­län­ge ent­fernt auf dem Boden steht eine lei­se pfei­fen­de Kan­ne Tee. Das hört sich ein wenig so an, als wür­de die Kan­ne zu mir spre­chen, weil ich heu­te selbst mei­ne beweg­ten Bil­der von Tag und Nacht durch­ein­an­der spie­le. Da ist John Lurie. Er lagert in Brook­lyn vor einem Tabak­wa­ren­la­den und spielt sein Saxo­fon. Und da ist Lou Reed. Er raucht wie der Teu­fel, wäh­rend er erzählt, dass er sich vor den Schwe­den fürch­te. Und da sind Geckos, fin­ger­lan­ge Geckos, hell­blau, ein Rudel. Sie jagen über die Decke mei­nes höl­zer­nen Zim­mers dahin. — stop

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take five

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10.16 — Eigen­ar­tig, wie sie vor mir sitzt, die fla­chen Schu­he gegen die Bei­ne des Stuh­les gestemmt, bei­de Hän­de auf dem Tisch, Innen­sei­ten nach oben, der­art ver­renkt, als gehör­ten die­se Hän­de nicht zu ihr, als sei­en sie vor­sätz­lich ange­brach­te Instru­men­te, Werk­zeu­ge des Fan­gens, Blü­ten. Jetzt schlie­ßen sie sich, Fin­ger für Fin­ger, Nacht wird. — ::: — Eine Foto­gra­fie kommt über den Tisch, Take Five, läs­si­ge Ges­te, als wür­de eine Kar­te aus­ge­spielt. „Was siehst Du?“, fragt sie. – ::: — „Land­schaft!“, — ant­wor­te ich, „Afri­ka. Süd­li­ches Afri­ka. Einen Affen­brot­baum und zwei Män­ner. Einen jun­gen Mann schwar­zer Haut­far­be, der einen hel­len Anzug trägt, und einen älte­ren, einen wei­ßen Mann, der einen dun­kel­grau­en Anzug trägt, einen Stroh­hut und eine Bril­le. Eine stau­bi­ge Stra­ße. Men­schen, die schwarz sind und bewaff­net. Geweh­re. Mache­ten. Har­te Schat­ten. Spu­ren von Hit­ze, infer­na­li­scher Hit­ze. Sie sehen alle so aus, als schwitz­ten sie. Jawohl, alle, die dort auf der Stra­ße ste­hen, schwit­zen.“ — ::: — „Was noch?“ -, fragt sie, — „was siehst Du noch?“ – ::: — Sie fährt sich mit ihrer rech­ten Hand über die Stirn. – ::: — „Ich sehe ein Auto. Das Auto steht rechts hin­ter dem wei­ßen Mann, eine dunk­le Limou­si­ne, ein schwe­rer Wagen. Ich sehe einen Chauf­feur, einen Chauf­feur von schwar­zer Haut, Schirm­müt­ze auf dem Kopf. Der Chauf­feur lächelt. Er schaut zu den bei­den Män­nern hin­über, die unter dem Baum im Schat­ten ste­hen. Der wei­ße Mann reicht dem schwar­zen Mann die Hand oder umge­kehrt. Sieht ganz so aus, als sei der wei­ße Mann mit dem Auto ange­kom­men und der schwar­ze Mann habe auf ihn gewar­tet. His­to­ri­scher Augen­blick, so könn­te das gewe­sen sein, ein bedeu­ten­der Moment, eine ers­te Begeg­nung oder eine letz­te. Bei­de Män­ner haben erns­te Gesich­ter auf­ge­setzt, sie ste­hen in einer Wei­se auf­recht, als woll­te der eine vor dem ande­ren noch etwas grö­ßer erschei­nen. Da ist ein merk­wür­di­ger Aus­druck in dem Gesicht des jun­gen, schwar­zen Man­nes, ein Aus­druck von Über­ra­schung, von Ver­wun­de­rung, von Erstau­nen.“ – ::: — „Das ist es!“, sie flüs­tert. „Tref­fer!“- ::: — Jetzt lacht sie, öff­net ihre Fäus­te und das Licht kehrt zurück, der gan­ze Film. “Die Kli­ma­an­la­ge. Der ver­damm­te Wagen dort unterm Baum. Der Wei­ße hat dem Schwar­zen eine küh­le Hand gereicht, Du ver­stehst, eine küh­le Hand. Der Kerl hat­te eis­kal­te Hän­de.” — stop

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uwe johnson

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3.05 — Ich weiß nicht wes­halb, heu­te Nacht fin­de ich mich mit Zoll­stock vor Uwe John­sons Jah­res­ta­gen wie­der. Ich beob­ach­te mei­ne Hän­de, wie sie das Maß einer Zei­le mes­sen, wie sie mit einem wan­dern­den Fin­ger die Lini­en einer Sei­te zäh­len, wie sie das Buch mit Luft durch­fä­chern, wie sie Zif­fern notie­ren auf ein Blatt Papier. Kurz dar­auf lie­gen lin­ke, als auch rech­te Hand ruhig auf dem Tisch, wäh­rend das Gehirn, das ihnen zuge­ord­net ist, laut­los rech­nend vor sich hin arbei­tet. Ich notie­re: Die gesam­mel­ten Zei­chen der Jah­res­ta­ge in ihrer Frank­fur­ter Son­der­aus­ga­be wür­den eine les­ba­re Ket­te von 6.4 Kilo­me­tern Län­ge bil­den, wenn sie in genau jener Rei­hen­fol­ge dem Buch ent­kom­men wür­den, wie von Uwe John­son ein­mal aus­ge­dacht. — stop

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