foxtrott : 0.05 — In der linken Hand halte ich Ilja Trojanow’s Roman Eistau fest, an der rechten Hand sitzt die Kühle der Uhr meines Vaters. Ich habe sie zur Probe angelegt. Vor zwei Wochen war sie noch an seiner Hand gewesen. Es ist erstaunlich, die Uhr geht noch immer auf die Sekunde genau, wie seit vielen Jahren schon. Immer dann, wenn ich sie betrachte, meine ich, die Zeit als ein eigensinniges Wesen zu sehen, die Zeit meines Vaters, die sich ohne ihn fortsetzt. Ich gehe mit den Augen durch das Zimmer spazieren. An den Wänden Bilder, die Lebende und Tote zeigen. Und dieser Regen. Sandwarm und müde. — stop

Aus der Wörtersammlung: hand
das licht eines nahenden todes
charlie : 15.14 — Wie ein nahender Tod in den Bewegungen der Menschen auf Hospitalfluren, in Gesprächen, Nachrichten, Telefonaten, auch in den Blicken pflegender Schwestern und behandelnder Ärztinnen nach und nach erscheint. Das Licht des kommenden Endes wird sichtbar im Leiserwerden der Stimme des Sterbenden, ein Mund, der sich öffnet wie der Mund eines jungen Vogels, nach Luft suchend, nach etwas Wasser, Tee, Aprikose. Letzte zärtliche Berührungen, die Kühle der Glieder, wandernde Farben der Haut, liebevolle Sätze von Dank, Klagen, Weinen, Gebete. Ja, das Licht eines nahenden Todes erscheint nach und nach unaufhaltsam wie das Licht der Farben auf einer Polaroidfotografie erscheint. — stop

stift
echo : 5.01 — Ich hatte vor wenigen Tagen einen angenehmen Traum. Wenn ich könnte, würde ich diesen Traum gern wiederholen. Deshalb habe ich den Traum in ein Notizbuch notiert, und zwar mit der Hand, damit ich das Schreiben mit einem wirklichen Bleistift nicht verlerne. Es existieren nämlich Bleistifte in meiner Arbeitsatmosphäre, die sich auf Bildschirmen befinden, die nicht wirkliche Bleistifte sind, sondern digitale Figuren, die man niemals spitzen muss. Mit diesen digitalen Wesen kann in Notizbücher geschrieben werden, die gleichwohl nicht wirklich sind. Auch die Schrift, die man erzeugt, ist nicht wirklich Schrift, sondern Malerei, ein gemaltes e, ein gemaltes m, ein gemaltes z. Ich hatte also einen Traum, der mir gefiel. Der Traum befindet sich handschriftlich niedergelegt in einem Notizbuch, das unter meinem Kopfkissen liegt. Mehr kann ich im Moment nicht tun, als vor dem Schlaf im Notizbuch zu lesen und zu hoffen, dass der Traum wieder zu Besuch kommen wird. — stop

ein alter mann


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romeo : 0.32 — Ich erinnere mich, vor einem Jahr, an einem Sommerabend, saß mein Vater auf einem Stuhl in seinem Garten. Vor ihm stand ein kleiner Tisch und auf diesem Tisch eine Flasche Wasser mit einem Drehverschluss. Ich glaubte, dass mein Vater mich nicht bemerkte. Er schien mit der Flasche zu sprechen. Er beugte sich vor, hielt die Flasche mit der einen Hand fest, während er mit der anderen Hand an ihrem Verschluss drehte. Aber die Flasche war nicht leicht festzuhalten gewesen, vermutlich deshalb, weil sich die Feuchte der Luft auf ihr niedergeschlagen hatte. Also lehnte sich mein Vater wieder auf seinem Stuhl zurück und schloss die Augen. Ich nehme an, er wird eingeschlafen sein. Als er wieder erwachte, war ich noch immer da und auch die Flasche stand noch auf dem Tisch. Mein Vater beugte sich vor, nahm die Flasche und drehte an ihrem Verschluss. Erneut schien er sich mit der Flasche zu unterhalten, ohne aber die richtigen Worte zu finden, weil die Flasche sich noch immer dagegen wehrte, geöffnet zu werden. Also lehnte sich mein Vater erneut zurück, er schüttelte den Kopf. In diesem Moment schwebte eine Libelle über den Tisch. Sie betrachtete meinen Vater, setzte sich auf den Verschluss der Flasche und faltete ihre Flügel. Ein Moment der Stille, des Friedens. Ein paar Zikaden waren zu hören, sonst nichts. Mein Vater war bald wieder eingeschlafen, es wurde dunkel und die Libelle verschwand. Als er erwachte, saß ich vor ihm. Ich hatte die Flasche für ihn geöffnet und ein Glas mit Wasser gefüllt. Mein Vater erzählte, dass er sich gewundert habe, warum er die Flasche nicht öffnen konnte, er habe sie doch selbst zugedreht. — stop

MLR X‑867
nordpol : 3.55 — Folgendem Molluskenwesen gilt nachtwärts meine Aufmerksamkeit: MLR X‑867, 10 cm in der Länge, 1 cm in der Höhe, 2 cm in der Breite, samtig schwarzer Körper, 30 Gramm schwer, hohl und höchst beweglich. Dieses Schneckenwesen lebt vornehmlich im Wasser, weswegen es über Kiemen gebietet, wandert dort langsam auf Lamellenbeinen über den Boden hin oder felsige Wände auf und abwärts. Aber auch in Gefangenschaft überlebt es gerne, solange man warme Fliegenlarven füttert, die großzügig über die Oberfläche des Molluskengewässers zu verteilen sind. Es ist vielleicht so, dass in stetiger Erwartung, das kleine Tier in genau jenem Moment, da es der bebenden Larvenkörper ansichtig geworden ist, Hochgeschwindigkeitszungen in Richtung seiner Beute schicken wird, Zungen, die einem schmalen Rücken entkommen, dort reiht sich ein Mund an den nächsten, es sind sieben insgesamt, die geschlossen vollständig unsichtbar bleiben. Nun wäre das noch nichts Besonderes, wenn es sich bei diesem Wesen, nicht um eine Persönlichkeit von hervorragender Musikalität handeln würde, man leuchtet nämlich in jeder erdenklichen Farbe, sobald man Geräusche, noch die leisesten hört. Das Schwarzsein bedeutet also Stille. Art und Position der Schneckenohren sind zu diesem Zeitpunkt, 3 Uhr 28 Minuten, noch nicht bekannt. — stop

PRÄPARIERSAAL — ich sage immer: es geht mir gut.
ginkgo : 3.05 — Ich erinnere mich an Olga, die sich kaum bewegte, während sie von ihren Eindrücken des Präpariersaales berichtete. Die junge Frau schien während unseres Gespräches jederzeit auf ihren Körper zu achten, eine Tänzerin, die in einer vorgenommenen Position geduldig und diszipliniert eine Stunde lang zur Übung verharrt, nur ihre Hände bewegten sich unentwegt wie kleine Vögel über den Tisch, weil sie ihre Gedanken mit Zeichnungen auf Servietten unterstütze. Ihre warme, weiche Stimme, die in dieser Nachtminute vom Tonbandgerät aus mit leichtem Akzent zu mir spricht: > Ich mache das so. Ich stelle mir Bezugspunkte vor. Wo also beginnt eine Struktur und wo endet sie, ein Muskel zum Beispiel. Und dann denke ich mir einen Nerv und frage, wo setzt dieser Nerv eigentlich an? / Als ich am ersten Tag in die Anatomie kam, habe ich mich zunächst gewundert, weil ich ein modernes Gebäude erwartet hatte, einen Raum, der kalt ist. Außerdem war ich überrascht, eine so genaue Präparieranleitung zu bekommen. Nach zwei oder drei Wochen habe ich am Fuß präpariert. Plötzlich der Gedanke, dass diese Füße einen Menschen ein Leben lang getragen haben. Da musste ich weinen. Wenn ich in diesen Tagen nach Hause komme, sehe ich meine Mutter, die in der Küche steht. Sie fragt, wie es mir geht. Ich sage immer: Es geht mir gut. Wenn ich mit Freunden spreche, mache ich oft einmal einen Spaß. Ich erzähle nicht alles, weil ich doch Respekt habe vor den Toten dort. Alles zu erzählen, wäre fast zu intim. Wenn meine Freunde bemerken, dass das dort eigentlich eher ein wissenschaftlicher Raum ist, verlieren sie sofort ihr Interesse. / Da war also eine Hand. Diese Hand war am Gelenk abknickt, sie wurde nur noch von etwas Haut und Sehnen und Gefäßen am Körper gehalten, weil ein Knochen entfernt worden war. Dieser Anblick, ein Bild der Verheerung, hat mir schmerzlich zugesetzt. — stop

ein ballon
echo : 6.22 — Ein Vogel, ein Sperling, sitzt auf dem Sims vor meinem Fenster. Es ist kurz nach zwei Uhr. Der Vogel scheint zu schlafen unter einem geschlossenen Augenlid, das andere Auge schaut mich an, wie ich mich vorsichtig nähere. Langsam fahre ich mit dem Kopf an die Scheibe heran. Ich glaube, ich bin einem Sperling in meinem Leben noch nie so nahe gekommen, nur Zentimeter, etwas Glas, etwas Luft trennen uns. Der Vogel scheint mich in diesem Moment sorgsam zu beobachten, beide Augen sind geöffnet, er plustert sich, jetzt macht er beide Augen wieder zu. Ich gehe zum Schreibtisch, bin schläfrig geworden, nein, ich darf mich auf keinen Fall aufs Sofa setzen, das wäre das Ende der Arbeitsnacht. Ich notiere: Auf dem Broadway, Ecke 28. Straße, steht ein Mann zwischen Autos vor einer Ampel. Er verkauft Pistolen, die Seifenblasen erzeugen. Es ist kalt und windig, weswegen dem Lauf der Pistole nur kleine Seifenblasen entkommen. Der Mann schimpft vor sich hin, er droht dem Himmel mit der Waffe. Die Geste bleibt ohne Wirkung, weshalb der Mann sich wieder auf den Lauf seines Werkzeuges konzentriert. Sobald ein kopfgroßer Seifenballon doch einmal entsteht, der Ausdruck empörter Zufriedenheit auf seinem Gesicht, aber dann platzt die Blase und er fängt wieder von vorne an, wischt sich die Nase, die ihm davonzulaufen droht, richtet sich den Lumpen, der sein Gesicht umhüllt, die Ampel springt auf Grün, Autos fahren an, weitere Autos halten. Es ist kalt heute. Ich gehe südwärts spazieren, bis ich den Union Square erreiche, sitze ein wenig in der Sonne, Eichhörnchen wälzen sich wie Katzen auf dem sandigen Boden. Nach drei Stunden kehre ich zur Kreuzung Broadway Ecke 28 Straße zurück. Ein Mann steht dort zwischen Autos vor einer Ampel. Er verkauft Pistolen, die Seifenblasen erzeugen. Es ist derselbe Mann, den ich bereits beobachtete, es scheint sich bei dieser Menschenerscheinung um einen Loop zu handeln. Es ist denkbar, dass es Hunderttausende ähnlicher Loops in der Stadt New York zu beobachten gibt, Loops, die in der Subway sich vollziehen, Loops in Bürolandschaften, Loops in Warenhäusern. Ich freue mich über diese Entdeckung. Der Vogel vor dem Fenster lungert dort immer noch herum. Es ist jetzt schon viel später geworden, ich habe sehr langsam gearbeitet. – Astor Piazolla / El Concierto De Lugano. — stop

255 jahre
echo : 6.05 — Ich habe Folgendes ausgerechnet. Wenn ich jeden Tag 16 Stunden arbeitete, in jeder dieser Stunden je eine Minute mit einem Menschen sprechen würde, ihm oder ihr die Hand geben, ihm oder ihr in die Augen sehen, dann könnte ich mit 880 Menschen am Ende eines Tages Kontakt aufgenommen haben. Wenn ich nun 255 Jahre in dieser Weise arbeitete, ohne je einen Tag eine Pause einzulegen oder Urlaub zu nehmen, wäre ich schließlich in der Lage, 82 Millionen Menschen persönlich kennenzulernen. Ich sollte möglichst mit älteren Menschen beginnen, sollte nach einem geeigneten, vorzugsweise mobilen Haus für mein Unternehmen suchen, nach Sponsoren, Verpflegung, Warteräumen, einem Stab von Mitarbeitern. Ich stelle mir vor, wie meine begrüßende Hand nach ersten Jahrzehnten der Arbeit sehr hart geworden sein wird, von echsenartiger Haut, auch könnte vielleicht ein gewisses Bedürfnis entstanden sein, morgens bereits vor nahenden Besuchern die Flucht zu ergreifen. — Was wäre nun zu unternehmen mit all den wahren, den erfundenen, den bescheidenen, den großartigen Minutengeschichten, die sich wie Vögel in Schwärmen um mich herum versammelt haben werden? — stop

ein ohr
sierra : 0.01 — Im Traum hatte eines meiner Ohren seine Position verlassen. Das wandernde Ohr hockte, als ich erwachte, auf meiner linken Wange wie ein wildes Tier, das ich zu bändigen trachtete, in dem ich mit ihm ein Gespräch zu führen versuchte. Beschwörung. Verhandlung. — stop

stand clear to the closing doors
sierra : 0.27 — War auf dem Weg südwärts in einem Subwayzug. Hatte mein Notizbuch in der Hand und notierte Wörter für Geräusche, die ich hörte. Heulen. Scheppern. Klirren. Zischen. Pfeifen. Bald waren alle nahe liegenden Möglichkeiten verzeichnet, und so fing ich an, Wörter zu erfinden, dschumm dschumm. Das war keine leichte Arbeit, vor allem das Notieren von Hand in dieser schwankenden Landschaft war kaum möglich gewesen, ich machte anstatt Wörtern Zeichnungen, die sich über eine ganze Seite meines Notizbuches erstreckten. Und plötzlich war da eine Stimme, eine besondere Stimme. Es war die Stimme einer Frau, die ich hörte. Sie reiste mit im Zug, verkündete die Namen der Stationen, die wir bald erreichen würden. Die Stimme kam aus einem Lautsprecher, der in die Decke des Waggons eingelassen war. Eine sanfte Stimme, eine Stimme, die ich vielleicht deshalb wahrgenommen hatte, weil man in ihr eine Spur von Anteilnahme vernehmen konnte, eine Freude zu sprechen, diese Wörter aufzusagen, Chambers Street. Ein Satz schien ihr besonders am Herzen zu liegen: Stand clear to the closing doors! Diesen Satz wiederholte sie beinahe zärtlich immer dann, wenn der Zug eine der Stationen wieder verlassen sollte. Es war wie eine Melodie. Ich hörte auf zu schreiben, und ich machte eine Tonaufnahme, beobachtete den Ausschlag des Zeigers auf meiner Maschine. Als wir eine halbe Stunde später die Endstation des Zuges erreichten, South Ferry, machte ich mich auf die Suche nach der Frau, der ich zugehört hatte. Es war eine kleine Frau, eine dunkelhäutige Frau mit weißem Haar, sie war sehr fein geschminkt, etwa 60 Jahre alt, sie unterhielt sich, als ich an ihr vorüberkam, mit einem Herrn, der wie sie selbst die blaue Uniform der New Yorker Verkehrsbetriebe trug. Sie schien sehr glücklich zu sein, voller Freude, eine leuchtende Person, dschumm dschumm. — stop



