zoulou : 6.10 — Eine Stechmücke setzte sich in der Dämmerung nach einer langen Arbeitsnacht auf meinen Arm. Ich beobachtete, wie sie ihren Rüssel an mich legte, aber sie stach nicht zu, als ob sie sich meiner Reife nicht sicher geworden sei. Kurz darauf wartete ich vor einer Kasse in einer Menschenschlange. Irgendwo in der Ferne lachte eine Kassiererin. Plötzlich bemerkte ich, dass ich in meinem Leben noch nie eine Ohrfeige bekommen habe, oder alle Ohrfeigen, die ich bekommen habe, vergessen konnte. So endete meine Nacht mit zwei spannenden Geschichten, ich war zufrieden. — stop

Aus der Wörtersammlung: morgen
winterherz
alpha : 6.52 — Nehmen wir einmal an, es existierten Menschen, die je über ein schlagendes, also ein aktives Herz verfügen und außerdem über ein wartendes Herz, das ganz still im Brustkorb liegt, klein, gefaltet, ein Altersherz oder ein Winterherz. Von dieser Vorstellung wollte ich in der vergangenen Nacht einem kleinen Mann iranischer Herkunft erzählen. Aber kaum hatte ich Luft geholt und meinen ersten Satz zu Ende gesprochen, begann der kleine Mann seinerseits eine Geschichte zu erzählen. Er sagte, er habe Merkwürdiges erlebt, das Festnetztelefon seiner Wohnung sei gestört gewesen, er habe deshalb die Telefongesellschaft über sein Mobiltelefon angerufen. Eine weibliche Stimme habe sich bald gemeldet, die sich sehr freundlich mit ihm unterhalten habe in der Art und Weise, dass sie Fragen stellte. Sie fragte zum Beispiel: Könnten Sie bitte Ihr Problem genau beschreiben. Oder sie erkundigte sich, ob seine Internetverbindung noch funktionieren würde, ob sein Telefon über ausreichende Stromversorgung verfüge, wie lange Zeit er in etwa nicht mit seinem Telefon telefoniert habe. Das Gespräch dauerte, so erzählte der kleine Mann, einige Minuten, bis er bemerkte, dass tatsächlich eine Maschinenstimme zu ihm sprach. Weitere drei Minuten verstrichen, dann habe er sich vorsichtig erkundigt, ob er mit einem menschlichen Wesen der Telefonzentrale verbunden werden könnte. In diesem Moment brach das Programm die Unterhaltung ab. Es wurde still am Telefon, keine Fragen, keine Antworten, kurz darauf war ein Pfeifen zu hören. Und das soll nun einer am frühen Morgen noch verstehen. Der Himmel leicht bewölkt. — stop

vor neufundland 1.16.28 uhr : kirschblüten
zoulou : 0.08 — Die Nachricht, ein afrikanischer Mann von der Elfenbeinküste habe bereits am vergangenen Mittwoch seinen 8 Jahre alten Sohn in einem Rollkoffer über die marokkanisch – spanische Grenze nach Europa transferiert. Das Kind wurde während einer Kofferdurchleuchtung lebend entdeckt, sein Vater festgenommen. Ich erinnere mich, vor zwanzig Jahren einmal beobachtet zu haben, wie am Zentralbahnhof ein Kind in ein Gepäckschließfach kletterte, eine Frau, vielleicht die Mutter des Kindes, klappte die Tür des Schließfaches zu, wartete einige Sekunden, dann öffnete sie die Tür wieder und das Kind kletterte aus dem Fach. Das Kind lachte. — Meldung von Noe aus 805 Fuß Meerestiefe vor Neufundland. ANFANG 01.14.02 | | | > s t o p habe das wort sommerzeit notiert. s t o p kurz darauf eingeschlafen. s t o p als ich erwache liegt meine hand noch auf der tastatur der maschine. s t o p ein gelber fisch. s t o p behutsam. s t o p als ob er mit meinem handschuh sprechen wollte. s t o p werde bald ohne luft sein. s t o p das ist denkbar, s t o p ohne erinnerung. h u n t i n g r e d f i s h f r o m a b o v e. s t o p planlos. s t o p ein lautloses ende. s t o p der duft der kirschblüten. s t o p von einem atemzug zum anderen. s t o p stark. s t o p süß. s t o p vielleicht flieder? t w o y e l l o w f i s h e s l e f t h a n d. s t o p | | | ENDE 01.16.28

galina
sierra : 16.28 — Gestern Abend, im Flughafenzug, erzählte Galina, die seit zehn Jahren in der Bundesrepublik Deutschland lebt, sie sei vor wenigen Wochen mit ihrer 85-jährigen Großmutter nach Ägypten ans Meer geflogen, ein Wagnis, ein Abenteuer, weil ihre Großmutter, eine federleichte Person, kaum noch auf ihren eigenen Füßen gehen könne. Man habe sie in einem kleinen, offenen Elektroautomobil vor das Flugzeug gefahren und das „uralte Mädchen“ mittels einer speziellen Hebebühne zu einer besonderen Tür am Heck des Flugzeuges transportiert. Dort sei sie winkend verschwunden, um ihrer Enkelin kurz darauf freudestrahlend mittels eines Rollators im Gang des Flugzeuges entgegenzukommen, als hätten sie sich Jahre nicht gesehen. Die alte Frau, deren Name Galina nicht erwähnte, soll in ihrem Leben weit herumgekommen sein. Sie lebte in der Ukraine nahe Donezk, einige Jahre später zog sie nach Kirgisien weiter, auch dort, nahe der chinesischen Grenze, wurde die deutsche Sprache in einer Weise gesprochen, dass ich sie nur mit Mühe verstehen würde, bemerkte Galina. In Ägypten habe ihre Großmutter stundenlang bis zu den Schultern mit Wasser bedeckt im Meer gestanden, sie habe sich an einem Schwimmbrett festgehalten und gesummt und gewartet, dass die Fische zu ihr kommen. Ihr dreieckiges Kopftuch, das sie immerzu trage, habe sie indessen so gebunden, wie sie es von Grace Kelly lernte. Abends saßen die junge und die alte Frau in lindgrüne Bademäntel gehüllt im Hotelzimmer vor dem Bildschirm eines Notebooks. Sie waren via Skype mit Familienangehörigen in Donezk verbunden, immer wieder sei die Verbindung unterbrochen worden, einmal seien Detonationen zu hören gewesen, da habe sich ihre Großmutter ins Bett gelegt. Am nächsten Morgen schwebte die alte Frau wieder lange Zeit im Meer dahin. — stop

im orbit
india : 18.16 — Die zärtlichste Art und Weise, einen Menschen zu berühren, ist vielleicht die Berührung durch Vorstellungskraft. stop. Mut. stop. Mut zur Erinnerung. stop. Das schweigende, vertraute Gehen in den Bergen. stop. Zitronenfalter. stop. Ein fröhliches Lachen, das Dohlenvögel lockte. stop. Wolken. stop. Gemeinsame Wolken. stop. Der Geschmack von Apfelscheiben. stop. Zeitlos sein. stop. Leicht und von Sorgen frei. stop. Geborgen. stop. Und Namen, Namen wie erfunden: Müllnerhorn. stop. Kolibrispitze. stop. Auf den Pfaden der Blick über die Schulter zurück: Bist du noch da? stop. Das Geräusch einer Glocke seit ungezählten Jahren in einer Pumpenradstation. stop. Das rieselnde Geräusch des Salzwassers. stop. Ein gebrochener Arm, der Zeit für Nähe spendet. stop. Eine Tasse Kaffee am Morgen im Aufbruch, ein warmer Kuss, ein Lächeln. stop. Das Schnurren einer Katze am Telefon. stop. Der süße Duft eines Ohres. stop. Ein roter Koffer, und im Winter Geistermasken, und wie man Feuer in einem Kachelofen entfacht. stop. Ja, wo bist Du, bist Du noch da? stop. Immer wieder das Wort Seelenortfeder in diesen Tagen, das ich am 20. Oktober 2010 entdeckte und sofort verschenkte. — stop

simon
sierra : 10.15 — Ich hörte, gestern sei in der Nähe meines Hauses am Rand der Straße in einem Vorgarten ein Mann afrikanischer Herkunft erfroren. Von einem meiner Fenster aus kann ich die Stelle sehen, wo der junge Mann sich in seinen Schlafsack gelegt haben soll. Am Abend zuvor habe er noch gelebt, das erzählte ein Bekannter, er habe dem Liegenden ein paar Münzen neben die Hände gelegt, auf welchen der Kopf des afrikanischen Mannes ruhte. Er habe gesagte, ihm sei kalt, das war um kurz vor zehn Uhr bei minus 4 Grad Celsius gewesen. Vielleicht waren diese Worte die letzten, die der junge Mann zu einem weiteren menschlichen Wesen sagte. Morgens Blaulicht. Ich erinnere mich, zwei Stunden später der Anruf meines Bekannten, der sehr aufgeregt gewesen war. Er sagte, er habe noch mit sich selbst gesprochen, es habe gesagt, die Nacht sei eigentlich viel zu kalt, um im Freien auf dem Boden zu schlafen. Morgens sei er auf die Straße geeilt, ein Polizist habe in diesem Moment nach den Papieren des jungen Mannes gesucht, ein Arzt wartete etwas abseits. Der leblose Körper, wenn man ihn bewegte, sei merkwürdig in seinem Verhalten gewesen. Kurz darauf habe der Polizist einen Namen gesagt, nur einen Vornamen, er sagte: Das ist Simon. — Nachmittag. Ich kann die Stelle von einem meiner Fenster aus erkennen, wo Simon in einem Vorgarten erfroren ist. — stop

lisbon
vor neufundland 06.06.02 uhr : benny goodman
tango : 6.28 — Noe meldet sich am frühen Morgen. Vermutliche Tiefe: 822 Fuß. Position: 77 Seemeilen südöstlich der Küste Neufundlands seit nunmehr 1440 Tagen im Tiefseetauchanzug unter Wasser. ANFANG 06.05.02 | | | > s t o p nicht aufgeben. s t o p den kopf nicht verlieren. s t o p pfeifen. s t o p duke ellington. s t o p benny goodman. s t o p verdammt. s t o p t h r e e y e l l o w f i s h e s i n l o v e t o p l e f t . s t o p von zeit zu zeit schreibe ich rückwärts. s t o p werde ich je wieder land sehen? s t o p habe lange zeiten keine sterne gesehen. s t o p die sterne sind rund. s t o p zarte finger von licht. s t o p ich höre Vögel. | | | ENDE 06.06.10

eine uhr mit pendel nahe garten
echo : 0.08 — Eine alte Dame am Morgen, wie sie vor einer Uhr steht. Es handelt sich um eine große, schwere Standuhr, Zifferblatt und Zeiger lungern in einer Höhe von 1 Meter 80 über dem Boden. Nahe der Stelle, da die Achsen der Zeiger sich in das Uhrwerk vertiefen, befindet sich eine Öffnung für einen Schlüssel, mit welchem die Uhr aufgezogen werden kann. Ein Pendel setzt sich dann nach leichtem Stoß in dauerhafte Bewegung, die Uhr scheint leise zu atmen, kaum ein tickendes Geräusch ist zu vernehmen, aber zur vollen Stunde, ja, zur vollen Stunde, im Garten fliegen die Vögel von den Bäumen auf, Frösche verschwinden kopfüber im Teich, Katzen jagen wie irr umher, am Tisch im Wohnzimmer ist dem ein oder anderen Gast vor Schreck bereits eine Tasse oder ein Löffel oder eine Gabel aus der Hand gefallen. Vor dieser Uhr nun steht die alte Frau, vor einer Zeitmaschine, die sie für die Nacht zum Schweigen brachte, ihre pendelnde Bewegung demzufolge stoppte, um sie morgens wieder ins Leben zurückzurufen. Folgendes geschieht: Die zierliche Frau stellt sich auf ihre Zehenspitzen und beginnt damit, den Minutenzeiger der Uhr vorwärtszubewegen. Es geht darum, die verlorene Zeit einzuholen, Stunde um Stunde, ein Anblick, der Philosophen begeistert. Draußen im Garten bewegt sich die Welt plötzlich schneller, und wieder fliegen die Vögel auf und die Katzen beißen sich in den Schwanz, und die Fische gehen schwungvoll über den Rasen spazieren, nur die Frösche, sie tun so, als wäre all das nichts Besonderes. Nach fünf Minuten ist Ruhe. – stop
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raymond carver goes to hasbrouck heights / 2
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zoulou : 3.55 — Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, warum ich mich gestern, während ich einen Bericht über Untersuchungen der CIA-Folterpraktiken durch Ermittler des US-Senats studierte, an eine kleine Stadt erinnerte, die ich vor wenigen Jahren einmal von Manhattan aus besuchte. Ich las von Schlafentzug, von Waterboarding, von engen, dunklen Kisten, in welche man Menschen tagelang sperrte, von Lärm, von russischem Roulette und plötzlich also erinnerte ich mich an Oleanderbäume, die ich gesehen hatte in Hasbrouck Heights an einem sonnigen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glücklichen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jazzkonzert nahe der Strandpromenade. Ich notierte damals: Es ist die Welt des Raymond Carver, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt verlasse, westwärts, durch den Lincoln Tunnel nach New Jersey. Der Blick auf den von Steinen bewachsenen Muskel Manhattans, zum Greifen nah an diesem Morgen kühler Luft. Dunst flimmert in den Straßen, deren Fluchten sich für Sekundenbruchteile öffnen, bald sind wir ins Gebiet niedriger Häuser vorgedrungen, Eiszapfen von Plastik funkeln im Licht der Sonne unter Regenrinnen. Der Busfahrer, ein älterer Herr, begrüßt jeden zusteigenden Gast persönlich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Hasbrouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Landschaft, auf rostige Brückenriesen, die flach über die sumpfige Gegend führen. Und schon sind wir angekommen, ein liebevoll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, einstöckige Häuser in allen möglichen Farben, großzügige Gärten, Hecken, Büsche, Bäume sind auf den Zentimeter genau nach Wünschen ihrer Besitzer zugeschnitten. Nur selten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlendere von Straße zu Straße, werde dann freundlichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir folgen, Bäume, Blumen, Gräser schauen mich an, das Feuer der Azaleen, Eichhörnchen stürmen über sanft geneigte Dächer: Habt ihr ihn schon gesehen, diesen fremden Mann mit seiner Polaroidkamera, diesen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klingeln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gerade fotografiert. Wollen Sie sich betrachten? — stop



