delta : 0.14 – Von einer Reise himmelwärts geträumt. Suchte auf Bildschirm nach Fährschiffverbindungen Athen – Santorini und stieß auf eine seltsame Offerte. Der Text zu einer Fotografie, die eine Formation wilder Gewitterwolken zeigte, lautete in etwa so: Tagesreise ins Jenseits. Buchen Sie noch heute. Flüge ab London, Madrid, München, auch an Sonntagen, stündlich. Unverzüglich flog ich los. Eine äußerst kurze Reise, ein Wimpernschlag nur und das Flugzeug landete in einem schneeweißen Raum ohne jede Begrenzung. Ich erinnere mich, dass ich eine Flugbegleiterin, die nahe der Gangway wartete, fragte, ob es an diesem Ort jemals dunkel werden würde, ich könne im Hellen nicht schlafen. Sie antwortete lächelnd: Wenn Sie hier einmal für immer angekommen sein werden, müssen sie nie wieder schlafen. – Kurz nach Mitternacht. Ein Buch Julio Llamazares’ liegt vor mir auf dem Schreibtisch. Ich habe das Buch geöffnet, um nach einem zärtlichen Satz zu sehen. Der Satz ist auf Seite 4 einer feinen Sammlung erzählender Stummfilmszenen zu finden. Er geht so: Für meine Mutter, die schon Schnee ist. — stop
![]()
Aus der Wörtersammlung: rinne
schneelicht
sierra : 0.02 – 2 2. j a n u a r 2 0 0 7 / Schnee über Nacht. Die Umrisse der Bäume, die sich auf den opaken Scheiben der hohen Fenster des Präpariersaal’s abbildeten, waren kaum noch zu erkennen, als wären sie von einem hauchdünnen Pinsel neu gezeichnet. Ein seltsam helles Licht, ein Licht war im Raum, von dem ich nicht sagen konnte, ob es tatsächlich anwesend war oder von dem Wort Schnee her leuchtete, mit dem ich erwachte. Auch die Geräusche, waren andere Geräusche als zuvor, gedämpfte, sanfte Traumgeräusche. Ich erinnere mich, dass ich den Eindruck hatte, ich könnte reine Erfindung sein, eine Figur, auch die Tische der Toten, die unter roten Planen verborgen lagen, reine Erfindung, die Bäume, der Schnee und die Schulkinder, deren Lachen von der Straße her zu hören war. Dann öffnete sich die Tür des Aufzuges, ein Präparator trat in den Saal. Er sagte: Guten Morgen! Er nannte mich beim Namen.
![]()
djuna barnes
tango : 6.38 – Mit Blitzen, die Himmel und Erde verbinden, ist das so eine Sache. Man hört sie nicht kommen. Sie sind immer Erinnerung, nie Ereignis, haarfeine Dampfluftröhren, die Erscheinung erzeugen. Unlängst, während ich im Regen spazierte, muss ich von einem Blitz dieser Art getroffen worden sein, weil ich kurz darauf auf einer Rolltreppe Djuna Barnes gesichtet habe. Sie fuhr nach unten, ich nach oben. Ein faszinierender Anblick. Da waren ein Paar heller, eleganter Schuhe, ein dunkelgrünes, verwegen geschnittenes Kleid, weiterhin ein blauer Sommerhut. Dieser Hut nun brannte lichterloh auf ihrem Kopf. Eine Art Feuer war das gewesen, das ölig rußte, und als sie nahe herangekommen war, auf gleiche Höhe ungefähr, Ruß auch auf ihrer Nase. Dann wachte ich auf und hörte noch, wie ich zu mir sagte: Es regnet. – Diese kleine Geschichte ereignete sich vor etwa einer Stunde. Gerade eben wird es hell und es regnet tatsächlich, weshalb ich im Moment nicht ganz sicher bin, wo ich mich eigentlich befinde. — stop
![]()
blaue kamele
tango : 3.28 – Wie wir auf den Schultern unseres Vaters durch die Welt schaukelten, als säßen wir auf dem Rücken eines Dromedars, das die menschliche Sprache sprechen konnte. Wie er uns das Licht erklärte, die Geschwindigkeit und die Zeit, die das Licht unterwegs gewesen war, um zu uns zu kommen. Seine großen Schuhe, in welchen wir durch den Garten segelten. Und Gene Kruppa, Drummerman, dort, noch lange vor unserer Zeit, Vater, mit Schlips im Anzug als junger Mann. Heute Nacht erzählen wir uns Geschichten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr geworden. Ich habe ganz heimlich meine Schreibmaschine angeschaltet, um eine weitere kleine Geschichte aufzuschreiben, weil Geschichten auf Papier oder Geschichten, die man von einem Bildschirm lesen kann, wie alle anderen Geschichten als leise betende Stimmen zu vernehmen sind. Diese Geschichte nun geht so. Immer an Freitagen, ich war fünf oder sechs Jahre alt gewesen war, brachte mein Vater aus dem Institut, in dem er als Physiker arbeitete, Karten mit nach Hause, die ich bemalen durfte, Computerlochkarten, kräftige, beige Papiere, in welchen sich seltsame Löcher befanden. Diese Löcher waren niemals an derselben Stelle zu finden, und ich erinnere mich, dass ich mich über ihr Verhalten heftig wunderte. Ich war zu jener Zeit ein begeisterter Maler, ich malte mit Wachskreide und ich malte in allen Farben, über die ich verfügen konnte, weil ich das Buntsein schon immer mochte. Ich malte blaue Kamele und schwarze Blumen und rote Monde. Einmal fragte ich meinen Vater, was jene Löcher bedeuteten, über deren Existenz ich mich freute, weil sie versteckte Bilder zeigten, die ich so lange suchte, bis ich sie gefunden hatte. Hör zu, sagte mein Vater. — stop
![]()
lichtpelz
lima : 0.02 – In einer frühzeitigen Erinnerung, die ich gestern, während ich eine filmische Erzählung der Stadt Istanbul beobachtete, erreichen konnte, sind keine menschlichen Wesen zu entdecken, doch Körper von Licht. Ich liege in einem schwankenden Schiff, das durch eine Straßenbahn fährt. Über mir die Wärme der Glühbirnen, Glaskolben, in welchen wirkliches Feuer enthalten ist. Draußen, im Dunkeln, Schneeflocken, die aus sich selbst heraus zu leuchten scheinen, Lichtpelzfetzen. — Ich frage mich gerade, ob diese Erinnerung nicht eine ausgemalte Erinnerung sein könnte, Filmbildern nachgezeichnet. Aber da sind der Duft von gebrannten Mandeln und das Schrillen einer Klingel und das Geräusch einer Stimme, die später einmal sagen wird: Max-Weber-Platz. — stop

lichtforscher
![]()
~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : TRAUMLICHT
Lieber Mr. Kekkola, ahoi! Was machen Sie denn so? Seit Tagen keine Nachricht aus der Wildnis. Sind Sie noch am Leben oder wurden Sie bereits heimlich von Bären gefressen? Vermutlich haben Ihnen lüsterne Fliegen derart zugesetzt, dass Sie kaum noch aus den Augen sehen können. Hörte, kühlende Moose, sollen helfen, dass Sie wieder in die Welt hinaus schauen und mir schreiben werden. Nach einer kleinen Reise südwärts wird nun wieder über Tiefseeelefanten nachgedacht. Das ist schon seltsam, wenn ich Stunden an ein und dieselbe Sache denke, dann wird sie so vertraut, dass ich sie mit mir ins Bett nehmen kann, ich meine, ich träume, ich träume, mein lieber Kekkola, mit Elefanten über atlantischen Tiefseeboden zu spazieren. Erinnere mich gerade an einen Forscher des Lichts. Wenn Du einem Problem, einer Idee, einer Spur wirklich nahe kommen willst, sagte mein Vater, dann musst Du so intensiv daran arbeiten, dass Du nachts im Schlaf nicht davon ablassen kannst. Das hab ich nun also gemacht. Ich betrachtete fünftausend Meter lange Rüssel und Paternosteraufzüge, die es bei Ihnen in Amerika nicht gibt, aber bei uns in Europa, endlos dahinfahrende Koffer ohne Deckel, in die man einsteigen kann, einsteigen wie jene Luft, die Tiefseeelefanten in kleinen Paketen atmen, Meereswinde in Beuteln von Haut. Die fahren dann perlend abwärts, ein Beutel nach dem anderen Beutel, zur Lunge hin, die riesig ist und rosa und kühl, wie das Moos, von dem ich Ihnen erzählte. Mein lieber Kekkola, was halten Sie davon? Schreiben Sie mir, sobald Sie wieder schreiben können, ja, schreiben Sie mir! Ich komm Sie sonst holen! Ihr Louis.
gesendet am
20.08.2009
5.32 MESZ
1650 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
![]()
ohrwesen
romeo : 0.08 – Kurz nach Mitternacht. Leichter Regen, aber nur als Vorstellung, als Übung, als Suche in den Magazinen meines Gehörs. Plötzlich erinnerte ich mich, einmal heimlich ein Ohr aus nächster Nähe beobachtet zu haben, ein Wunder der Schöpfung. Ich betrachtete dieses Ohr so liebevoll und so lange Zeit, dass ich bald etwas ganz anderes in ihm sehen wollte, als eine halbe Stunde noch zuvor, ein Wesen nämlich ganz für sich. Der Gedanke, ich könnte jederzeit ein schlafendes Ohr mit meinem Blick berühren, ohne dass es davon wach werden würde, fasziniert mich außerordentlich. Wenn ich aber sagen würde, leise, leise: Du bist wunderschön, dann würde das Ohr mich vielleicht ansehen, ein noch halbwegs träumendes Auge von einer Sekunde zur anderen Sekunde, und ein Mund, ein Mund, der lächelt. — Gute Nacht.
![]()
loop
sierra : 0.08 — Geschichten, die sich gut begründet wiederholen, vertraut gewordene Geschichten. Diese hier, zum Beispiel, im Februar 2008 aus der Luft gefischt: Da war mir doch in den Zeiten der Vogelgrippe, bei kleineren Turbulenzen, im Gang eines Flugzeuges eine uralte Lady entgegengekommen, deren Gesichtszüge mich sofort an Coco Chanel erinnerten. Von zierlicher Gestalt trug sie einen dunklen Mantel, leichte, flache Schuhe und machte Schritte wie ein Matrose auf hoher See. Vor allem ihr schlohweißes Haar und ihr äußerst willensstarker Blick sind nah geblieben, auch ihr hellrot geschminkter Mund, der mindestens achtzig Jahre alt gewesen sein musste, und doch beinahe wirkte wie der Mund einer jungen Frau. Eines Abends, während ich einer Nachrichtensendung folgte, erinnerte ich mich an diese seltsame Frau, und ich stellte mir vor, wie sie aus der dritten Etage eines Mietshauses in den Keller steigt, um ein Rollwägelchen zu suchen, das sie dort für immer abgestellt hatte, nachdem sie beim Einkaufen um ein Haar gestürzt war. Es ist also früher Morgen, es ist Winter und noch dunkel, als die alte Dame das Haus verlässt. Ich sehe sie mit vorsichtigen Schritten in ihrem Mantel und Pelzstiefelchen über die Straße gehen. An der ersten Ampel biegt sie nach links ab, überquert einen Platz, folgt einer weiteren schmalen Straße, jetzt ist sie vor einem Supermarkt angekommen. Sie stellt ihr Rollwägelchen in der Nähe der Kasse ab, geht in die Getränkeabteilung und nimmt eine Flasche Wasser aus dem Regal. Sie trägt die Flasche zu ihrem Wägelchen, kehrt zurück, nimmt sich die nächste Wasserflasche aus dem Regal und so geht das fort, bis das Wägelchen gut gefüllt ist und ein wenig pfeift, wie es auf dem Heimweg über die Straße gezogen wird. — Jetzt ist die alte Frau vor der Tür ihres Hauses angekommen. — Jetzt stellt sie das Wägelchen neben die Treppe, die zur Haustüre führt. — Jetzt ist sie mit einer der Flaschen im Haus verschwunden. — Zehn Minuten vergehen. Dann erscheint sie wieder auf der Straße. Sie hat ihren Mantel ausgezogen, trägt eine graue Jacke und Sportschuhe. Kurz, für zwei oder drei Sekunden, hält sie sich am Geländer der Treppe fest. — stop
![]()
tiefseeelefanten
![]()
~ : louis
to : Mr. jonathan noe kekkola
subject : MONTAUK
Lieber Mr. Kekkola, haben Sie vielen Dank für die feine Fotografie, die Sie mir gestern Abend übermittelten. Wie ich mich herzlich freue, dass Sie sich an mich erinnerten, an die Geschichte uralter Elefantenwanderwege, die den Grund des Karibasees durchkreuzen. Und doch glaube ich, ist der See, an den ich vor langer Zeit einmal dachte, viel zu tief und viel zu breit, als dass Elefanten ihn passieren könnten, ohne Schaden zu nehmen. Nun, wir werden sehen. Ich bin beruhigt, weil Sie mir schreiben, dass ich Ihren Namen als Pseudonym weiterhin verwenden darf, auch für unheimliche Geschichten, wie die Geschichte meiner speziellen Käferwesen von Menschenhaut. Schön muss es bei ihnen sein, in Montauk. Ich besuchte Ihre Gegend mit der Google — Earthmaschine, habe ihr Haus beobachtet und am Strand den Schatten einer menschlichen Gestalt. Denkbar, dass Sie das gewesen sind, so klein, so winzig. Habe ich Ihnen berichtet, dass ich ein Wunschbuch für Träume führe seit einigen Tagen? Ich könnte, nein, ich sollte für die kommende Nacht notieren: Schlafen gegen zwei! Erzähl dir Elefantenherden, die den Atlantik durchqueren. Schwebend unter Rüsseln von fantastischer Länge, leicht, wie Menschen auf dem Mond, spazieren sie schnorchelnd über schneeweißen Tiefseesand. Herzlich grüßt Sie Ihr Louis. Ahoi!
gesendet am
12.07.2009
22.58 MEZ
1425 zeichen
louis to jonathan
noe kekkola »
![]()
sleeping
sierra : 0.02 — Kurz nach Mitternacht, das Ende eines federleichten Tages, an dem ich, gegen den Morgen zu, eine feine Geschichte erlebte. Das war nämlich so gewesen, dass meine Hand, meine rechte Hand, während ich schlief, das Bett verlassen hatte. Sie schwebte, indem ich träumte, von einem Gewitter angerufen worden zu sein, fast bewegungslos über dem Boden und wurde in dieser Haltung nach einer Erinnerung zärtlich fotografiert, weil ich vor einigen Monaten notiert hatte, dass ich, wenn ich sage: meine schlafenden Hände, von Händen spreche, die ich nie gesehen habe. Dieser Satz ist nun natürlich nicht ganz unwahr geworden, weil ich immerhin noch keine Ahnung habe, wie meine linke Hand aussehen könnte, während sie schläft. Außerdem habe ich meine schlummernde Hand nicht selbst gesehen, mit eigenen Augen, wahrhaftig, in echter Zeit, sondern verzögert und durch das Auge einer Kamera gebändigt. — stop



