Aus der Wörtersammlung: rinne

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schlafende vögel

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echo : 8.25 — Weil ein unter der Was­ser­ober­flä­che leben­der Vogel noch immer ein Vogel ist, weder Fisch noch Amphi­bie, wird er sich von Zeit zu Zeit an die Gestalt der Bäu­me erin­nern, an den Luft­ge­sang sei­ner Freun­de, an den Wind, der durch sein Gefie­der streif­te, an das Vor­däm­me­rungs­licht der Son­ne, das ihm Augen und Schna­bel öff­ne­te, auch an die Far­ben der Wol­ken, an den Schnee, an den Duft der Blü­ten, an das Öl der Samen, der Nüs­se. Er wird viel­leicht auf san­di­gem Boden unter wei­te­ren Vögeln sit­zen und das Licht der Wel­len wird ihm schmei­cheln, komm zurück, komm zurück, und er wird in die­sen Momen­ten füh­len, dass etwas anders gewor­den ist, dass man als schla­fen­der Vogel auf und davon trei­ben, dass man nie­mals wis­sen kann, wo man erwa­chen wird. – Ein wun­der­bar ruhi­ger Abend, spa­zier­te ins Café, besuch­te L., notier­te end­lich wie­der ein paar ana­to­mi­sche Sät­ze, stu­dier­te Zug­fahr­plä­ne Mum­bai – Dar­jee­ling. Wie schritt­wei­se die Far­ben zurück­keh­ren, Gra­vi­ta­ti­on, ein Oben, ein Unten. Und plötz­lich die­ses fei­ne Bild eines Schwarms der Unter­was­ser­vö­gel, wie sie schla­fend als Vogel­wol­ke in der Strö­mung trei­ben. Man­che schwe­ben auf dem Rücken, die Flü­gel weit geöff­net, ande­re haben ihren Kopf ins nas­se Gefie­der gesteckt, glei­ten in einer Hal­tung dahin, als wür­den sie wie immer auf dem Ast eines Bau­mes sit­zen. Das Nacht­ge­spräch der Schla­fen­den in mei­nem Kopf, ein lei­ses Sin­gen, ein Sin­gen, das schon bald zu einem Gespräch gewor­den ist. — stop

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unterwasservögel

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mum­bai : 8.03 — Nie­mand kann sagen, wie das gekom­men ist. Viel­leicht, weil die Wäl­der, die sie bewohn­ten, ver­schwun­den sind, haben Koli­bris sich ins nahe lie­gen­de Was­ser gestürzt, haben das Wei­te gesucht, das Meer, und konn­ten atmen, wie durch ein Wun­der, konn­ten sie das Was­ser atmen, das Salz, das Plank­ton. Von einem Tag zum ande­ren Tag, stel­le ich mir vor, war die Gat­tung der Unter­was­ser­vö­gel gebo­ren, nicht zeit­wei­se tau­chen­de Wesen der Luft, son­dern wirk­li­che Vögel, die sich wie Fische der­art fröh­lich durchs Was­ser bewe­gen, als sei­en sie schon immer hier gewe­sen. Ja, sie flie­gen, sie rasen, sie schwär­men durch Koral­len­bän­ke, ver­dre­hen Tau­chern den Kopf, naschen von allem, was sie noch ent­fernt an süße Blü­ten erin­nert. Aber schmal sind sie gewor­den, nas­ses Gefie­der, und haben bis­her nicht gelernt, Freund von Feind zu unter­schei­den. Ich habe mir heu­te Mor­gen gedacht, dass jemand am Code gear­bei­tet haben könn­te, dass bald schon die Möwen den Luft­raum ver­las­sen wer­den, eine Möwe nach der ande­ren Möwe, dann wer­den Tau­ben, Bus­sar­de, Amseln fol­gen, und auch die Zei­si­ge, die Nach­ti­gal­len, die Spat­zen und Papa­gei­en­vö­gel, alle wer­den sie das Was­ser besu­chen. Ich muss das im Auge behal­ten. — stop

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bryant park

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sier­ra : 8.57 — Es hat­te Stun­den lang gereg­net, jetzt dampf­te der Boden im süd­wärts vor­rü­cken­den Nord­licht, und das Laub, das alles bedeck­te, die stei­ner­nen Bän­ke, Brun­nen und Skulp­tu­ren, die Büsche und Som­mer­stüh­le der Cafés, beweg­te sich trock­nend wie eine abge­wor­fe­ne Haut, die nicht zur Ruhe kom­men konn­te. Boule­spie­ler waren vom Him­mel gefal­len, feg­ten ihr Spiel­feld, schon war das Kli­cken der Kugeln zu hören, Schrit­te, Rufe. Wie ich so zu den Spie­lern schlen­der­te, kreuz­te eine jun­ge Frau mei­nen Weg. Sie tas­te­te sich lang­sam vor­wärts an einem wei­ßen, sehr lan­gen Stock, den ich ein­ge­hend beob­ach­te­te, rasche, den Boden abklop­fen­de Bewe­gun­gen. Als sie in mei­ne Nähe gekom­men war, viel­leicht hat­te sie das Geräusch mei­ner Schrit­te gehört, sprach sie mich an, frag­te, ob es bald wie­der reg­nen wür­de. Ich erin­ne­re mich noch gut, zunächst sehr unsi­cher gewe­sen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Sei­te und berich­te­te vom Okto­ber­licht, wel­ches ich so lieb­te, von den Far­ben der Blät­ter, die unter unse­ren Füßen raschel­ten. Bald saßen wir auf einer nas­sen Bank, und die jun­ge Frau erzähl­te, dass sie ein klei­nes Pro­blem haben wür­de, dass sie einen Brief erhal­ten habe, einen lang erwar­te­ten, einen ersehn­ten Brief, und dass sie die­sen Brief nicht lesen kön­ne, ein Mann mit Augen­licht hät­te ihn geschrie­ben, ob ich ihr den Brief vor­le­sen kön­ne, sie sei so sehr glück­lich, die­sen Brief end­lich in Hän­den zu hal­ten. Ich öff­ne­te also den Brief, einen Luft­post­brief, aber da stan­den nur weni­ge, sehr har­te Wor­te, ein Ende in sechs Zei­len, Druck­buch­sta­ben, eine schlam­pi­ge Arbeit, rasch hin­ge­wor­fen, und obwohl ich wuss­te, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durf­te, erzähl­te mei­ne Stim­me, die vor­gab zu lesen, eine ganz ande­re Geschich­te. Liebs­te Mar­len, hör­te ich mich sagen, liebs­te Mar­len, wie sehr ich Dich doch ver­mis­se. Konn­te so lan­ge Zeit nicht schrei­ben, weil ich Dei­ne Adres­se ver­lo­ren hat­te, aber nun schrei­be ich Dir, schrei­be Dir aus unse­rem Café am Bryant Park. Es ist gera­de Abend gewor­den in New York und sicher wirst Du schon schla­fen. Erin­nerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unse­rem Café Dei­nen Geburts­tag fei­er­ten? Ich erzähl­te Dir von einer klei­nen, dunk­len Stel­le hin­ter der Tape­te, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklä­ren konn­te, was das bedeu­tet, die­ses Rot für sehen­de Men­schen? Erin­nerst Du Dich, wie Du mit Dei­nen Hän­den nach jener Stel­le such­test, wie ich Dei­ne Fin­ger führ­te, wie ich Dir erzähl­te, dass dort hin­ter der Tape­te, ein Tun­nel endet, der Euro­pa mit Ame­ri­ka ver­bin­det? Und wie Du ein Ohr an die Wand leg­test, wie Du lausch­test, erin­nerst Du Dich? Lan­ge Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sag­test Du, und woll­test wis­sen, wie lan­ge Zeit die Stim­men wohl unter dem atlan­ti­schen Boden reis­ten, bis sie Dich errei­chen konn­ten. – An die­ser Stel­le mei­ner klei­nen Erzäh­lung unter­brach mich die jun­ge Frau. Sie hat­te ihren Kopf zur Sei­te geneigt, lächel­te mich an und flüs­ter­te, dass das eine sehr schö­ne Geschich­te gewe­sen sei, eine tröst­li­che Geschich­te, ich soll­te den Brief ruhig behal­ten und mit ihm machen, was immer ich woll­te. Und da war nun das aus dem Boden kom­men­de Nord­licht, das Knis­tern der Blät­ter, die Stim­men der spie­len­den Men­schen. Wir gin­gen noch eine klei­ne Stre­cke neben­ein­an­der her, ohne zu spre­chen. Ich seh gera­de ihren über das Laub tas­ten­den Stock und ein Eich­hörn­chen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baum­stamm kau­er­te. Bei­na­he kommt es mir in die­ser Sekun­de so vor, als hät­te ich die­ses Eich­hörn­chen und sei­ne Nuss nur erfun­den. — stop

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mumbai — darjeeling

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echo : 8.55 — Das 8‑jährige Mäd­chen Puja in dem Doku­men­tar­film Gebo­ren im Bor­dell, von dem man berich­tet, dass es in sei­nem Leben noch nie Nein gesagt haben soll. Ein düs­te­rer Ort an dem Puja lebt, oran­ge­far­be­ne, von Flie­gen umschwirr­te, rußi­ge Glüh­bir­nen, eine voll­kom­men über­füll­te Woh­nung, Schmutz, der Lärm der Frei­er Tag und Nacht. Und doch gibt es etwas in Pujas Leben, das ihr Freu­de berei­tet. Sie besitzt einen Foto­ap­pa­rat. Sie geht mit ihm auf die Stra­ße und foto­gra­fiert Pas­san­ten. Das sind fei­ne Auf­nah­men, die Puja macht, kein foto­gra­fier­ter Mensch wird böse, sobald sich der merk­wür­di­ge Foto­ap­pa­rat Pujas auf sie rich­tet. Da steht ein klei­ner Mensch in einem roten Kleid, des­sen Kopf sich in eine Maschi­ne mit zwei Augen ver­wan­delt. — Mit­ter­nacht. stop. Wäh­rend ich arbei­te­te an einer klei­nen Geschich­te über Bil­ly, den Ken­taur, selt­sa­me Stil­le. Kein Laut von drau­ßen, drin­nen nur das sehr lang­sa­me Klap­pern der Tas­ta­tur. Jetzt sanf­te Gedan­ken pfle­gen, Musik hören, ins Café gehen, dann die Vor­be­rei­tung einer Rei­se nach Indi­en irgend­wann wie­der ein­mal auf­neh­men: Mum­bai – Dar­jee­ling in Zügen.

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kirschbaumgarten

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echo : 2.08 — Am Ende eines gelun­ge­nen Tages schon inmit­ten der Nacht. Mit Freun­den lan­ge durch ange­neh­men Wind spa­ziert. Leich­ter Regen, der noch warm ist vom Som­mer. Geräu­sche der Nacht­blü­ten, die mir von der Arbeit mei­ner See­le erzäh­len, vom genau­er und immer genau­er wer­den­den Blick auf eine unglück­li­che Geschich­te. Das Rascheln des Regens in den Blät­tern vor den geöff­ne­ten Fens­tern. Höre Charles Min­gus, wäh­rend ich einen Traum der ver­gan­ge­nen Nacht notie­re. In die­sem Traum besuch­te ich einen blü­hen­den Kirsch­baum­gar­ten. Ein wil­der Duft, von dem ich mir träu­mend erzähl­te, dass ich ihn eigent­lich nicht wahr­neh­men kön­ne, also nur erfun­den habe, weil ich im Schlaf befind­lich, über kei­nen Geruchs­sinn ver­fü­ge. Da war im Gar­ten ein papie­re­nes Band von Stamm zu Stamm gespannt, dar­auf eine hand­schrift­li­che Zei­le, unend­lich schein­bar, weil der Anfang und das Ende des Ban­des unsicht­bar. Ich kann mich nun an den Text, den die Zei­le auf dem Papier ent­hielt, nicht erin­nern, wohl aber an einen Mann, auf den ich traf, nach­dem ich der Zei­chen­stre­cke eine Wei­le lesend gefolgt war. Er hielt einen Blei­stift in der Hand, arbei­te­te, schrieb eine zwei­te Zei­le über die bereits vor­han­de­ne Zei­le, gleich­wohl einen Text, den ich nicht erin­ne­re. Für eine län­ge­re Zeit sah ich ihm schwei­gend zu, stand direkt hin­ter ihm und hör­te dann, wie er sag­te, ohne den Blick von sei­ner schrei­ben­den Hand zu neh­men, dass man manch­mal eine Varia­ti­on der eige­nen Lebens­zei­le schrei­ben müs­se, um ver­ste­hen zu kön­nen. Nichts löschen, sag­te der Mann, inter­pre­tie­ren, den­ken, nach­füh­len. — stop

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anleitung zum glücklichsein

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gink­go : 18.25 — Am letz­ten Tag des Sep­tem­bers unterm Regen­schirm spa­ziert. Zunächst reg­ne­te es Regen­sand, dann Regen­reis, dann reg­ne­te es klei­ne Frö­sche. Für einen kur­zen Moment dach­te ich dar­an, in einem Film ange­kom­men zu sein, der von Loui­sia­na han­delt. Das war ein fei­nes Gefühl unterm klin­gen­den Schirm am Ufer des Mis­sis­sip­pi zu ste­hen und den Frö­schen zu lau­schen, die auf ihrer letz­ten Rei­se vom Him­mel erstaun­li­che, pfei­fen­de Geräu­sche von sich gaben. Als ich so im Frosch­re­gen am gro­ßen Fluss stand, erin­ner­te ich mich an einen klei­nen Text, den ich im ver­gan­ge­nen Jahr bereits geschrie­ben habe. Und sofort wuss­te ich, dass ich die­sen Text, sobald ich wie­der zu Hau­se ange­kom­men sein wür­de, noch ein­mal lesen soll­te. Es ist noch immer ein beru­hi­gen­der Text, ein Text, der mich berührt. Des­halb will ich die­sen klei­nen Text, eine Anlei­tung zum Glück­lich­sein, noch ein­mal für Sie wie­der­ho­len: „Man ver­las­se das Haus. Sorg­fäl­tig alle Bewe­gun­gen des Ver­kehrs beach­tend, gehe man so lan­ge durch die Stadt, bis man auf eine Buch­hand­lung trifft. Dort kau­fe man: Cor­ta­zar, Julio – Geschich­ten der Cro­nopi­en und Famen. Dann gehe man spa­zie­ren, tra­ge den schma­len Band durch die Stra­ßen, bis man einen Park erreicht, wenn Som­mer, oder ein Café, wenn Win­ter ist. Man neh­me Platz und lese. Über den Umgang mit Amei­sen bei­spiels­wei­se, oder wie wun­der­bar ange­nehm es ist, ein Spin­nen­bein pos­ta­lisch an einen Außen­mi­nis­ter auf­zu­ge­ben. Oder man las­se sich im Uhren­auf­zie­hen oder im Trep­pen­stei­gen unter­wei­sen. Jetzt bereits wird man eine leich­te Wär­me spü­ren, die aus der Gegend des Bau­ches nach oben und unten in Arme und Bei­ne aus­wan­dert. Also lese man wei­ter, lau­sche jenen ange­neh­men Geräu­schen im Kopf, – die­sem sagen wir: Jeder­mann wird schon ein­mal beob­ach­tet haben, dass sich der Boden häu­fig fal­tet, der­ge­stalt, dass ein Teil im rech­ten Win­kel zur Boden­ebe­ne ansteigt und der dar­auf­fol­gen­de Teil sich par­al­lel zu die­ser Ebe­ne befin­det, um einer neu­en Senk­rech­te Platz zu machen. Oder jenem: Trep­pen steigt man von vorn, da sie sich von hin­ten oder von der Sei­te her als außer­or­dent­lich unbe­quem erwei­sen. It works.”
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kokons

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bamako : 0.08 — Ein­mal saß ich in einem Hos­pi­tal am Bett eines kran­ken Kin­des. Ich las die­sem klei­nen, blas­sen Wesen aus einem Buch vor, und wäh­rend ich mit ruhi­ger Stim­me las, oder vor­gab zu lesen, spür­te ich, wie ich von unge­wöhn­lich hel­len Augen betrach­tet wur­de. Viel­leicht weil das Kind um die Gefahr wuss­te, die ihm droh­te, hat­te das Kind der­art hel­le Augen. Und so flo­gen wir gemein­sam durch eine Geschich­te hel­ler Augen, durch eine Geschich­te, die von einem Mann erzähl­te, der auf dem Atlan­tik von wei­ßen Walen in einer See­not­ret­tungs­in­sel durch das Was­ser gezo­gen wur­de. Man könn­te sagen, die Wale sorg­ten sich um das Leben die­ses Man­nes, sie fin­gen ihm Fische und sie zogen ihn aus einer ein­sa­men Gegend des Mee­res an einen Ort, den Schiff­fahrts­li­ni­en kreuz­ten. Was das Kind viel­leicht nicht ein­mal ahn­te, das Buch, das auf mei­nen Knien ruh­te, erzähl­te tat­säch­lich davon, wie man Java­code pro­gram­miert. Und doch war dort im Buch eine Geschich­te, weil ich immer wie­der ein­mal umblät­ter­te, wäh­rend ich für das Kind Satz für Satz aus der Luft erfand. Von Zeit zu Zeit, ich erin­ne­re mich noch genau, lach­te das Kind, sodass ich heu­te sagen kann, dass es sich bei die­sem Buch um ein gelun­ge­nes Nacht­buch mit Licht gehan­delt haben muss­te. – Kurz nach Mit­ter­nacht. Habe einen Buch­sta­ben­kno­ten in mei­nem Kopf. — stop

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yanuk : stille

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marim­ba

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : STILLE
date : sept 7 08 10.15 p.m.

Lie­ber Mr. Lou­is, in der ver­gan­ge­nen Nacht sind selt­sa­me Din­ge gesche­hen. Ich hat­te auf Höhe 258 mein Zelt auf­ge­schla­gen, weil es gereg­net, nein, weil es sehr stark gereg­net hat­te ges­tern Nach­mit­tag. Die Bäu­me tropf­ten und ich ahn­te, dass nachts noch ein­mal Regen fal­len wür­de, so feucht war die Luft gewor­den. Ich leg­te mich also in mein Zelt, hör­te dem Sin­gen der Nacht­af­fen zu und irgend­wann schlief ich ein. Als ich erwach­te, war es noch immer dun­kel. Ich konn­te nichts hören, kei­nen Laut, es war so still, als hät­te ich mei­ne Ohren ver­lo­ren. Ja, für einen Moment dach­te ich, dass das Hör­ver­mö­gen der Lebe­we­sen viel­leicht nur eine Idee gewe­sen war, eine poe­ti­sche Eigen­schaft ohne die Mög­lich­keit einer Ver­wirk­li­chung, und doch hör­te ich Stil­le, ich hör­te, dass ich nichts hör­te, nichts von Außen her, also Stil­le von Außen, aber ein rhyth­mi­sches Geräusch von Innen, ver­mut­lich die Bewe­gung mei­nes Blu­tes. Ich ver­ließ das Zelt und hör­te noch immer nichts als mein Herz, das etwas schnel­ler schlug. Eine Wol­ke kleins­ter Flie­gen tanz­te um mei­ne Klet­ter­la­ter­ne, zwei Geckos saßen an einem Stamm in ihrer Nähe und angel­ten sich die schöns­ten Exem­pla­re her­aus. Ich hat­te ihnen ges­tern bereits bei ihrer beque­men Arbeit zuge­se­hen, und ich erin­ner­te mich, dass der Dschun­gel um mich her­um geknis­tert hat­te und die Affen ein unent­weg­tes Gespräch führ­ten über gro­ße Distanz. Jetzt, wie zur Prü­fung, berühr­te ich mei­ne Ohren, sie waren noch da, bei­de Muscheln. Indem ich an der lin­ken Muschel zog, dreh­te sich etwas her­um in mei­nem Ohr, es krach­te und ich hat­te den fes­ten Ein­druck, besucht wor­den zu sein. Und auch rechts dreh­te man sich in mei­nem Ohr, sobald ich dar­an zog, zur Sei­te, aber dann wie­der Stil­le bei­der­seits. Ich leg­te mich ins Zelt zurück und über­leg­te, ob ich viel­leicht in Gefahr sein könn­te, ob man viel­leicht mein Gehirn betre­ten woll­te, und weil es so schön still war, bin ich ein­ge­schla­fen. Ich schlief sehr lan­ge, war schon hell, als ich erwach­te, und der Dschun­gel knis­ter­te und wis­per­te um mich her, und ich hör­te die Affen des Tages und das Rufen der Nas­horn­vö­gel und lag eine Wei­le so da, froh wie­der hören zu kön­nen. Wie jeden Mor­gen saßen pracht­vol­le Käfer und Fal­ter und Flie­gen an den Wän­den mei­nes Zel­tes. Und alle taten sie so, als hät­ten sie mit mei­nen Ohren nicht das Min­des­te zu tun. stop. Yanuk

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memory

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oli­mam­bo : 3.02 — Vor einer Stun­de unge­fähr, aus hei­te­rem Him­mel, erin­ner­te ich mich an eine Brief­mar­ke, die sich zu einer Zeit in mei­nem Besitz befun­den hat­te, als ich noch ein Kind gewe­sen war. Die­se Mar­ke, obwohl sehr vie­le Jah­re weit von mir ent­fernt, war so gegen­wär­tig von einer Sekun­de zur ande­ren, als hät­te ich sie weni­ge Minu­ten zuvor einem Sam­mel­al­bum ent­nom­men und auf einen Luft­post­brief geklebt. Zu Ehren des Schim­pan­sen Ham, der in den Welt­raum gereist war, um dort eini­ge Übun­gen in der Schwe­re­lo­sig­keit zu absol­vie­ren, war sie in einer begrenz­ten Auf­la­ge gedruckt gewor­den. Das Beson­de­re an Ham war ohne Fra­ge sei­ne Men­schen­ähn­lich­keit gewe­sen, auch dass Ham, im Gegen­satz zu Lei­ca, einer rus­si­schen Hun­de­da­me, sei­nen Aus­flug in den Kos­mos über­leb­te. Der klei­ne Brief­mar­ken­af­fe trug einen Helm, genau genom­men einen wei­ßen Astro­nau­ten­helm, der unglück­li­cher­wei­se von einem Stem­pel getrof­fen wor­den war. In die­sem Moment, da ich notie­re, erin­ne­re mich an einen Riss, der mein Brief­mar­ken­al­bum bedroh­te, weil er mit jeder Besich­ti­gung der Samm­lung, knis­ternd wuchs. Ein­mal habe ich einem Mäd­chen, in das ich ver­liebt gewe­sen war, mein Album mit Riss gezeigt, eine selt­sa­me Erfah­rung, wes­halb ich das Sam­meln der Brief­mar­ken auf­ge­ben habe und mich den Schall­plat­ten zu wid­men begann. Die­ses Mäd­chen, das mich von den Brief­mar­ken ent­fern­te, hieß Patri­zia und trug sehr klei­ne blaue Knöp­fe in bei­den Ohren, die herr­lich fun­kel­ten, sobald sie sich beweg­te. Ja, sie fun­kel­ten damals bis in mei­ne Träu­me hin­ein und sie fun­keln noch heu­te oder wie­der, wäh­rend ich hier still in einer küh­len Nacht her­um­sit­ze und mich wun­de­re, dass ich an Din­ge den­ke, die ich vor einer Stun­de noch nicht wuss­te. — stop

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lucie

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sier­ra : 6.02 — Das sind lus­ti­ge Tage, Tage wie die­ser hier nach durch­ar­bei­te­ter Nacht. Noch immer, drin­nen wie drau­ßen, sehr war­me und feuch­te Hit­ze. In der Däm­me­rung schloss ich die Fens­ter. Auf das Bett waren leich­te Tücher gelegt, das luf­tigs­te Mate­ri­al, das zu fin­den gewe­sen ist, die Fens­ter ver­dun­kelt, alles bereit, den begin­nen­den Tag sofort zur Nacht zu machen. Ich lag bald unterm Buch, das mir den Kopf müde mach­t. Ich dach­te, dass ich nichts den­ken soll­te, schau­te nach Lich­tern, die unter den Lidern in Schlaf­au­gen wan­dern. Fast war ich weg­ge­kom­men, als eine Flie­ge auf mei­ner Schul­ter lan­de­te und sofort mit dem Munds­tem­pel nach Salz und ande­ren Din­gen zu for­schen begann. Ich sag­te, bit­te, bit­te nicht, Lucie, heu­te bit­te nicht, ich muss schla­fen. Und so erhob sich Lucie in die Luft und ich hör­te, wie sie eine lang­sa­me, trau­rig sum­men­de Run­de links­her­um durch mein Zim­mer flog. Dann schlief ich ein und träum­te zwei blaue Schne­cken. Sie waren von küh­ler Tem­pe­ra­tur und hat­ten sich wie Polar­füch­se in einer Schnee­höh­le, in mei­ne Augen­höh­len gelegt. Als ich wach wur­de, als ich zunächst wach gewor­den war, wie immer mit geschlos­se­nen Augen, hör­te ich Gewit­ter­don­ner, dann ent­deck­te ich Lucie in nächs­ter Nähe. Sie hat­te sich, wäh­rend ich träum­te, vor­sich­tig auf den Rücken mei­ner lin­ken Hand gesetzt und ihre Bei­ne ange­zo­gen, sodass sie nicht saß, viel­mehr auf mir lag. Ja, ist es denn Flie­gentieren mög­lich, die Augen zu schlie­ßen? — stop

 



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