Aus der Wörtersammlung: rinne

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vom verschwinden

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del­ta : 0.15 — Ein­mal, an einem Spät­som­mer­nach­mit­tag, erzähl­te mir eine älte­re Frau von einer selt­sa­men Erfah­rung, die sie gemacht hat­te, nach­dem ihre Schwes­ter uner­war­tet gestor­ben war. Zwei Jah­re lag die­ser schwe­re Ver­lust damals zurück. Die Schwes­ter hat­te sich kurz nach ihrem Tod, auf eige­nen Wunsch hin, in ein ana­to­mi­sches Prä­pa­rat ver­wan­delt. Ich erin­ne­re mich an den wil­den Blick der Frau, an ihre zier­li­che Gestalt, wie sie vor mir steht und vom Trau­ern und vom War­ten berich­tet, das heißt, genau­er, davon berich­tet, dass sie um ihre Schwes­ter bis­her nicht trau­ern konn­te, so wie sie sich das Trau­ern gewünscht hat­te, weil der Kör­per ihrer Schwes­ter gegen­wär­tig, noch in die­ser Welt gewe­sen sei. Manch­mal habe sie dar­an gedacht, ihre gelieb­te Schwes­ter zu besu­chen, sie noch ein­mal zu berüh­ren. Wir stan­den vor einer Kir­che. Um uns her­um fröh­li­che, von Last und Anfor­de­rung befrei­te Stu­den­ten. Sie hat­ten ihren ana­to­mi­schen Prä­pa­rier­kurs an die­sem Tag abge­schlos­sen, und den Men­schen, die ihre Kör­per spen­de­ten, betend gedankt. Auch die alte Frau schien nun leich­ter gewor­den zu sein, ent­schlos­sen. — Wie sie sagt, sie kön­ne ihre Schwes­ter jetzt end­lich beer­di­gen. — Und wie sie kurz dar­auf durch die Men­ge jun­ger Men­schen ver­schwin­det, ein Wölk­chen schloh­wei­ßen Haa­res. — stop

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schweizer jazz : paul nizon

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india : 0.03 — Ges­tern bin ich Paul Nizon wie­der­be­geg­net. Durf­te beob­ach­ten, wie er in Paris eine sei­ner Arbeits­woh­nun­gen spa­zier­te. Natür­lich waren zwi­schen ihm und mir eine Kame­ra­lin­se, ein Bild­schirm und dort etwas ver­gan­ge­ne Zeit auf­ge­spannt. Trotz­dem konn­te ich ihn gut erken­nen. Er trägt jetzt einen klei­nen run­den Bauch vor sich her und sein Haar ist grau gewor­den, und doch ist er ganz der alte, ver­ehr­te Schrift­stel­ler geblie­ben. Vor allem sei­ne schö­ne Stim­me, das sorg­fäl­ti­ge Spre­chen, die war­me Melo­die der Spra­che, das Schwei­ze­ri­sche, hier waren sie wie­der, und auch das Ton­band­ge­rät, das auf einem Tisch ruhend die Luft­wel­len der notier­ten Sät­ze eines Tages erwar­te­te. In die­sem Moment, grad ist Diens­tag gewor­den, erin­ne­re ich mich, dass ich Paul Nizon ein­mal per­sön­lich begeg­net war in der Stra­ße, in der ich woh­ne, und dar­an, dass ich damals dach­te: Er ist klei­ner, als ich erwar­tet habe. Er trug einen grau­en Man­tel, weiß der Teu­fel, wes­halb ich die Far­be sei­nes Man­tels gespei­chert habe, und einen Hut, neh­me ich an. Und da war noch etwas gewe­sen, mein Herz näm­lich schlug in einer Wei­se, dass ich’s in mei­nem Kopf hören konn­te. — Ein Früh­lings­abend. — Ja, ein Früh­lings­abend. — Und ich sag­te zu mir: Lou­is, reg dich nicht auf! Du bist an einem fla­nie­ren­den Geist vor­über gekom­men. – Nacht. stop. Schnee. stop. Flü­gel. — stop
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papiere

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tan­go : 0.05 — Ges­tern Abend, kurz vor sechs Uhr war es gewe­sen, bin ich einem selt­sa­men Mann begeg­net, und zwar in einer U‑Bahn Down­town. Aber das spielt für die klei­ne Geschich­te, die ich rasch erzäh­len möch­te, nicht wirk­lich eine Rol­le, ich mei­ne, zu wel­cher Zeit wir in wel­che Rich­tung gemein­sam fuh­ren. Bedeu­tend war viel­mehr gewe­sen, dass ich es nicht eilig hat­te, genau genom­men hat­te ich so viel Zeit zur Ver­fü­gung wie seit Wochen nicht, wes­halb ich den Geräu­schen mei­nes Her­zens lausch­te und dem Rascheln der Zei­tungs­pa­pie­re, die zu jenem selt­sa­men Mann gehör­ten. Er saß gleich vis-à-vis, die Bei­ne über­ein­an­der geschla­gen. Ich hat­te den Ein­druck, dass er sich freu­te, weil ich stau­nend beob­ach­te­te, wie er Zei­tun­gen durch­such­te, die sich auf dem Sitz­platz neben ihm türm­ten, und zwar in einer sehr sorg­fäl­ti­gen Art und Wei­se durch­such­te, jede der Zei­tun­gen Sei­te für Sei­te. Er schien Übung zu haben in die­ser Arbeit, sei­ne Augen beweg­ten sich schnell und ruck­ar­tig, wie die Augen eines Habichts. Von Zeit zu Zeit hielt er inne, sein Kopf neig­te sich dann leicht nach vorn, um, mit einer Sche­re, einen Arti­kel oder eine Foto­gra­fie her­aus­zu­schnei­den. — Das Rascheln des Papiers. — Das hel­le, zie­hen­de Geräusch der Sche­re. — In dem ich den Mann beob­ach­te­te, erin­ner­te ich mich, dass ich selbst ein­mal Mona­te damit zuge­bracht hat­te, den Unge­rech­tig­kei­ten die­ser Welt mit einem Archiv von Bewei­sen zu begeg­nen, deren eigent­li­che Sub­stanz jen­seits der Titel­zei­le ich spä­ter nie gele­sen habe, weil es zu vie­le gewe­sen waren. — Mon­tag ist gewor­den und die Famen und Cro­nopi­en sin­gen trau­ri­ge Lie­der durch die Nacht.

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wortpropeller

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nord­pol : 2.05 — Da war wie­der ein hell klin­gen­des Pro­pel­ler­ge­räusch, aber immer dann, wenn ich die­ses Geräusch sum­mie­ren woll­te zu einem Geräusch hun­dert­tau­sen­der Flie­gen­tie­re, hat­te ich den Ver­dacht, dass mit mei­ner Erin­ne­rung etwas nicht ganz in Ord­nung sein könn­te. Ein Schwarm der Ord­nung Eph­emer­op­te­ra. stop. Im Geis­t­raum mei­ner Papie­re kaum noch zu ver­neh­men. stop. Habe fünf oder sechs Schwar­m­er­schei­nun­gen beob­ach­tet, laut­los wir­beln­der Schnee. Und doch war da ein Ton. Ein zar­tes Klap­pern viel­leicht? — Luft­ge­räu­sch­wor­te erfin­den. — stop
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marie

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alpha : 0.02 — Zwei Stun­den mit Anna Thom­son, mit Sue in New York, mit einer Frau, die an Ein­sam­keit und Alko­hol zugrun­de geht. Wollt gern hin­ter die elek­tri­sche Haut mei­ner Film­ma­schi­ne sprin­gen, um der Geschich­te eine glück­li­che Wen­dung zu geben. Ein­mal hielt ich die Geschich­te ein­fach an, in dem ich ihr wei­te­ren Strom ver­wei­ger­te. Aber das ergab natür­lich kei­nen Sinn, weil Geschich­ten, wie die­se Geschich­te, sich so lan­ge fort­set­zen im Kopf, bis sie zu Ende gekom­men sind. Und an Marie habe ich gedacht, an Marie, jawohl. Wie sie ver­rückt gewor­den ist. Als ich Marie zuletzt gese­hen habe, lag sie im Flur ihrer Woh­nung auf dem Boden her­um und sah Geckos an den Wän­den sit­zen und ihre Zäh­ne klap­per­ten und ich muss­te aus der Bar im Erd­ge­schoss eine Fla­sche Cognac holen und sie damit füt­tern, damit sie wie­der so ruhig wer­den woll­te, dass ich sie zu ihrem Bett füh­ren konn­te. Aber dort kamen ihr die Geckos sofort wie­der und spa­zier­ten über die Decke und sie muss­te sie mit einem wei­te­ren Glas aus dem Zim­mer fegen und ihr Kör­per gab rest­los nach und sie schäm­te sich, obwohl ich ihr flüs­ter­te, dass das nicht so schlimm sei, dass ich ihr hel­fen wür­de, sich zu waschen, dass sie jetzt end­lich auf­hö­ren müs­se, die­se ver­damm­ten Fil­me zu dre­hen, und dass sie den Schwei­zer zum Teu­fel jagen sol­le, der nicht ein Freund sei, son­dern ein mie­ser, klei­ner Kun­de, der nur dann in ihrem Wohn­zim­mer über sie her­fal­len wol­le, wenn sie so betrun­ken gewor­den sei, dass er sich vor ihr nicht mehr fürch­ten müs­se. Aber Marie hör­te mich nicht, son­dern wein­te und ver­lor schnell das Bewusst­sein und ich hol­te den Not­arzt und wir fuh­ren in ein Hos­pi­tal, wo man sie schon kann­te. Und wie ich das jetzt so schrei­be, erin­ne­re ich mich, dass Marie ein­mal über das Tele­fon eine uralte Geschich­te erzähl­te. Sie habe zu sich gesagt, so die Geschich­te, dass sie jetzt auf­hö­ren wer­de. Schluss mit dem gan­zen Wahn­sinn, Schluss mit Por­no­bang­bang, Schluss mit der Trin­ke­rei. Sie habe alte Schul­freun­din­nen ein­ge­la­den zu sich in die Woh­nung. Sie habe zunächst einen Apfel­stru­del geba­cken und alles habe sehr schön nach Vanil­le geduf­tet. Sie habe noch die gan­ze Woh­nung auf den Kopf gestellt und nur ein ganz klein wenig getrun­ken und kaum sei sie fer­tig gewe­sen mit der Put­ze­rei, sei­en die Freun­din­nen ange­kom­men, so sei­en sie her­ein­spa­ziert, als wür­den sie einen zoo­lo­gi­schen Gar­ten besu­chen. Sie haben, sag­te Marie, Marie gefragt, ob Marie ihre Woh­nung sham­poo­niert habe. Die haben sich nicht mal gesetzt! Und so ist Marie also ver­rückt gewor­den. — Ich geh’ jetzt noch ein paar Schrit­te wan­dern im Schnee. — stop

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5th avenue

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romeo : 18.52 — Im Traum ver­gan­ge­ne Nacht mit Geral­di­ne im Cen­tral Park spa­ziert. Ich erin­ne­re mich, es schnei­te. Ein Regen­schirm­tier­chen schweb­te frös­telnd über uns, und ich wun­der­te mich, dass Geral­di­ne das Wesen, das sich lang­sam um die eige­ne Ach­se dreh­te, nicht zu bemer­ken schien. Das lag viel­leicht dar­an, dass sie in einer pau­sen­lo­sen Art und Wei­se erzähl­te, als ob sie ahn­te, dass wir jeder­zeit erwa­chen und dann nie wie­der zuein­an­der­fin­den könn­ten. Im Übri­gen beweg­te sie sich rück­wärts hüp­fend vor mir her, war som­mer­lich geklei­det, froh und glück­lich. Ich glau­be, ich habe in die­sem Traum zum ers­ten Mal Geraldine’s Stim­me gehört und ihr Lachen. Sie berich­te­te, dass sie in der Nähe des Hau­ses, in dem sie vor ihrer Rei­se nach Euro­pa gemein­sam mit ihren Eltern und ihrer Zwil­lings­schwes­ter wohn­te, Audrey Hepb­urn bei der Arbeit an dem Film Break­fast at Tiffany’s beob­ach­ten konn­te, und dass sie die­se Schau­spie­le­rin sehr bewun­dern wür­de, aber doch viel lie­ber For­sche­rin sein wol­le. Kurz dar­auf weck­te mich eine Feu­er­wehr­si­re­ne und ich war erleich­tert, dass mir im Traum Geraldine’s Schick­sal nicht bekannt gewe­sen war. – Heu­te ist also Sonn­tag, und es schneit schon wie­der. Vor weni­gen Minu­ten habe ich etwas ent­deckt, über das ich mich freue. Ich habe bemerkt, dass in mei­nem Leben das pres­sen­de Den­ken immer sel­te­ner, das lau­schen­de Den­ken hin­ge­gen immer häu­fi­ger zur Anwen­dung kommt. Guten Abend, gute Nacht! — stop

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warenmenschen

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oli­mam­bo : 0.01 — Ein Film, der den All­tag sehr armer Men­schen in Kai­ro doku­men­tiert. So arm sind die­se Men­schen, dass sie Tei­le ihres leben­den Kör­pers ver­kau­fen. Und ich dach­te noch: Du darfst nicht ver­ges­sen, was Du gera­de wahr­ge­nom­men hast, soll­test über­le­gen, was das mit Dir per­sön­lich, mit Dei­ner Exis­tenz zu tun haben könn­te. Eini­ge Stun­den spä­ter hat­te ich die 5‑Minutenfilmgeschichte, die der wirk­li­chen Wirk­lich­keit unse­rer unheim­li­chen Zeit ent­nom­men wor­den war, inso­fern ver­lo­ren, da ich mich an sie erin­ner­te, als hät­te ich Jah­re nicht an sie gedacht, indem ich das Wort Waren­haus­men­schen, von eige­ner Hand notiert, auf einem Schreib­tisch­zet­tel wie­der­ent­deck­te. — Ein Schrift­zug. Der Schrift­zug eines Frem­den von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de. War­um? — stop
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01001010

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echo : 0.02 — Eine Foto­gra­fie, die ich lan­ge Zeit ver­geb­lich wie­der­zu­fin­den such­te, zeigt die Raum­sta­ti­on MIR in gro­ßer Höhe über der Erde schwe­bend. Ich kann mich noch gut an das far­bi­ge Bild erin­nern, viel­leicht des­halb, weil ich mich die Auf­nah­me tage­lang berühr­te. Ein Bull­au­ge, dort das Gesicht einer Frau, deren Namen ich ver­ges­sen habe, ein erns­tes Gesicht, Ahnung, Schat­ten, Züge einer rus­si­schen Kos­mo­nau­tin, die Mona­te allei­ne auf der MIR-Sta­ti­on leb­te. Sie beob­ach­tet die äußerst behut­sa­me Annä­he­rung eines Raum­schif­fes der NASA, in dem sich Men­schen befin­den, die mit­tels Funk ver­mut­lich bereits Kon­takt auf­ge­nom­men haben: Wir sehen Dich! — Da war das tie­fe Schwarz des Welt­alls im Hin­ter­grund, ein abso­lut töd­lich wir­ken­der Raum, der sich zwi­schen den bei­den Raum­kör­pern erstreck­te. Immer wie­der ein­mal in den ver­gan­ge­nen Jah­ren habe ich mich an das Gesicht der Kos­mo­nau­tin erin­nert, eine Iko­ne mensch­li­cher Ver­lo­ren­heit, und ins­ge­heim wei­ter gezeich­net. — stop
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dorothy parker

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india : 23.12 — Ein selt­sa­mer Traum. Als ich erwach­te, stol­per­te ich unver­züg­lich zum Schreib­tisch und notier­te: Mit Doro­thy Par­ker spa­ziert. Manch­mal fra­ge ich mich, wie mei­ne Träu­me ent­ste­hen, wie ich dazu kom­me, mir Geschich­ten zu erzäh­len, die von kos­mi­scher Fer­ne sind, obwohl ich doch selbst in ihnen ent­hal­ten bin. Vor dem Hotel im Traum, 37. Stra­ße West, war­te­te eine uralte, strah­lend schö­ne Frau, die nach mei­nem rech­ten Arm ver­lang­te, ohne ein Wort zu spre­chen, eine geschmei­di­ge, eine unwi­der­steh­lich rei­zen­de Ges­te, und schon waren wir auf dem Weg dem Süden zu. Win­ter­zeit, die Stra­ßen dampf­ten. Schwei­gend gin­gen wir neben­ein­an­der her. Die alte Frau trug einen schwe­ren, dunk­len Pelz­man­tel, fei­ne Leder­hand­schu­he von wei­ßer Far­be und einen roten Hut, auf den ich her­ab­se­hen konn­te, weil die Gestalt an mei­ner Sei­te sehr zier­lich gewe­sen war. Ich kann mich nicht erin­nern, wer nun wen durch Man­hat­tan führ­te, jeden­falls pas­sier­ten wir den Broad­way, die Bowery, die Brook­lyn Bridge. Wir muss­ten lan­ge Zeit unter­wegs gewe­sen sein, weil Mrs. Doro­thy Par­ker, die sich selbst im Traum nicht zu erken­nen gab, sehr, sehr lang­sam ging. Ein­mal hob ich sie hoch und trug sie eine Wei­le und sie schlief in mei­nen Armen ein. Dann erreich­ten wir den Pro­s­pect Park, eine Gegend, die mir bekannt zu sein schien. Da war eine Kreu­zung. Und da war Har­vey Kei­tel, der foto­gra­fier­te. Er kam auf mich zu und betrach­te­te das Gesicht der alten Frau und lächel­te und erkun­dig­te sich, ob ich denn wüss­te, wen ich da in den Armen hal­ten wür­de. — Und jetzt ist wie­der Nacht gewor­den und ich habe gute, sehr gute Lau­ne und fun­ken­de Lust traum­wärts wei­ter­zu­er­zäh­len. Wie nur kom­me ich über den Atlan­tik hin­weg genau an den Ort mei­ner klei­nen Schlaf­ge­schich­te zurück?
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srebrenica

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marim­ba : 14.05 – Zur Zeit unse­rer ers­ten Begeg­nung war Anisha zwan­zig Jah­re alt gewe­sen, hat­te gera­de ihr Medi­zin­stu­di­um auf­ge­nom­men und ging gern spa­zie­ren, wäh­rend ich Fra­gen stell­te, zum Bei­spiel, ob es für sie, eine Mus­li­ma, nicht schwie­rig sei, mensch­li­che Kör­per zu zer­glie­dern. Ich erin­ne­re mich, auch im Prä­pa­rier­saal lief sie gern her­um, immer­zu muss­te ich nach ihr suchen und ich such­te gern, weil sie oft fein­sin­ni­ge Gedan­ken in mein klei­nes Ton­band­ge­rät dik­tier­te. Ein­mal stan­den wir in einem Waren­haus vor Fern­seh­ge­rä­ten. Ein Doku­men­tar­film wur­de gezeigt, Sre­bre­ni­ca, wie die Bür­ger der Stadt an ser­bi­sche Trup­pen aus­ge­lie­fert wur­den. Eine Wei­le schau­te Anisha schwei­gend zu. Dann erzähl­te sie in kur­zen Sät­zen eine schwer­wie­gen­de Geschich­te. Das digi­ta­le Auf­nah­me­ge­rät lief wei­ter, wäh­rend ich ihr zuhör­te, wes­we­gen ich ihre Stim­me bald dar­auf mit mir neh­men konn­te, und ich notier­te ihre Bemer­kun­gen so genau wie mög­lich. Ges­tern Abend nun las ich Anisha per­sön­lich vor, was ich damals ein­ge­fan­gen hat­te. Ein selt­sa­mer Moment. Der Ein­druck, dass erst jetzt, sehr viel spä­ter, mit jedem gele­se­nen Wort mein Text authen­tisch wur­de. Die Geschich­te geht so: Stell Dir Män­ner vor, die Apri­ko­sen­bäu­me rau­chen. Wenn Abend wird, zün­den wir Ker­zen an, die wir aus dem Öl der Fisch­kon­ser­ven fabri­zie­ren. Und dann ist Nacht. Mut­ter steht am Fens­ter. Und dann ist Mor­gen und die schwe­ren Män­tel, die wir als Nacht­hem­den tra­gen, sind kalt gewor­den. Anstatt der Häh­ne unse­res Dor­fes, die wir längst gefres­sen haben, krä­hen uns Schüs­se an. Ich sehe die dür­ren Fin­ger mei­nes Vaters, die in sei­nem Gesicht nach Aus­we­gen gra­ben. Sie kom­men über eine graue Woll­de­cke spa­ziert und put­zen mir den Ruß von der Nase. Mut­ter steht immer noch am Fens­ter. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich tra­ge einen Kof­fer, der groß ist wie ich. Auf einer Wie­se bren­nen Kühe.
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