kilimandscharo : 3.30 — Man stelle sich einmal vor, man wachte eines Tages auf und könnte jedes Wort, das man von diesem Moment des Erwachens an dachte, erinnern, all die Selbstgespräche und forschenden Diskurse, auch jene Gedanken, die man nie bemerkte, weil sie so schnell vorüberziehen, dass man sie vergisst, indem man sich schon in nächsten Gedanken befindet. Nichts würde fortan verloren gehen. Auch alle jene Sätze nicht, die man hören wird, sobald man das Haus verlässt, Notizzettel, Einkaufslisten, Fragmente von Zeile zu Zeile fallender Anzeigetafeln auf Flughäfen, Zeitungsartikel, Filmdialoge, alles das würde gespeichert und könnte zu jeder Zeit in genau der Reihenfolge wiederholt werden, in der es von Wörterstimmen aufgezeichnet wurde. Was würde geschehen? Wie lange Zeit könnte man mit diesem Vermögen ausgestattet überleben? — stop

Aus der Wörtersammlung: rinne
nabous zunge
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echo : 5.12 — Nabou*, ja, Nabou, Frau aus dem Süden, wie sie nachts vor einer Tasse Kaffee am Flughafen in großzügigen Sprüngen durch die Zeit erzählt. Das Barfußmädchen Nabou, für Minuten ist sie wieder zum Flüchtlingskind geworden, erinnert, finsteres Gesicht, einen sudanesischen Herrscher, jenen Herrn, der Bars einer Stadt räumen und den Alkohol in den Nil schütten ließ. In der selben Stadt, nur wenige Stunden später, wurden im Namen des selben Mannes, Hände von Armen geschlagen für dies oder das zur Strafe. Das Feuer in den Augen der Erzählerin, wie sie berichtet von einer Zeit, da muslimische und christliche Kinder noch gemeinsam die Schule besuchten und heirateten kreuz und quer. Undenkbar heute, undenkbar, raschelt Nabou mit ihrer seltsam rauen Stimme, alle Menschen, wo auch immer, rücken nach rechts. Dann dieser verdammte Abend als Nabou eine bosnische Freundin besucht. Man sitzt mit Familie in Mitteleuropa um einen Tisch, es ist kurz vor Weihnachten. Die Attacke auf den christlichen Glauben kommt ohne Vorbereitung während der Nachspeise. Als Nabou sich als Christin zu erkennen gibt, das Staunen der Freundin: Aber Ihr habt doch ein Glas Wasser neben der Schüssel im Bad, und Du, Nabou, sprichst die arabische Sprache! Wie von diesem Moment an das Gespräch zu Ende war. Verknotete Zungen, sagt Nabou, nach all den trauten Jahren, verknotete Zungen.
* Name geändert

nicolas bouvier
tango : 0.01 — War über einem Buch des Schweizer Schriftstellers Nicolas Bouvier eingeschlafen, hatte in letzter Sekunde noch einen Gedanken wahrgenommen. Ich sagte zu mir mit leiser werdender Stimme im Kopf: Du musst einmal überlegen, ob es sinnvoll ist, nach einer Methode zu suchen, im Schlaf ein Buch lesen zu können. Ja, das wär eine interessante Geschichte. Man würde sich natürlich an die erzählende Wirklichkeit des Buches selbst nicht erinnern, das man gerade noch las oder hörte während man schlief, weil man das Buch nicht bewusst wahrnehmen konnte, und doch wäre man mit Herrn Bouvier nach Galway geflogen wegen eines Lochs im Sturm. Man wäre in einer Art und Weise nach Galway geflogen, dass man sich einmal später so gut an diesen Flug erinnern könnte, als wäre man selbst dort in Kilronan gewesen, eine Ahnung, Geräusche, Luft und Leute. — stop

time
marit
nordpol : 0.02 — Vergangene Nacht war ich wach geworden um fünf. Ich hatte einen merkwürdigen Traum, in dem Mr. Eliot erklärte, dass er Briefe, die ich an ihn schreibe, nicht lesen könne, weil er schon vor langer Zeit blind geworden sei. Ich war dann also wach um fünf und fühlte mich leicht, und ich wunderte mich, woher diese Leichtigkeit gekommen sein mochte. Da erinnerte ich mich, dass ich noch immer nachdrücklich auf eine Antwort James Salters warte, ich hatte ihm vor zwei Jahren zuletzt geschrieben. Auch Mr. Salter könnte blind geworden sein, kein Wunder, dass er nicht schreibt. Unverzüglich suchte ich in den Archiven nach dem Brief, den ich notiert hatte. Er war rasch gefunden, eine feine Geschichte, die ich berühre, die ich hier wiederhole, indem ich sie mit Stimme lese, in der Hoffnung, dass Mr. Salter mich hören kann: Lieber James Salter, als ich heute Nacht am Schreibtisch saß und in Ihren wunderbaren Erzählungen las, habe ich eine kleine Spinne bemerkt, die mich beobachtete, jawohl, sie saß auf dem Feinsten der Blatthaare eines Elefantenfußbaumes, der neben meiner Computermaschine steht, und beobachtete mich aus mehreren winzigen schwarzen Augen. Ich habe überlegt, was dieses Wesen wohl in mir sieht. Für einen weiteren kurzen Moment habe ich darüber nachgedacht, ob Spinnen vielleicht hören, – ich lese oft laut vor mich hin, das sollten sie wissen -, und so wunderte ich mich, dass ich viele Jahre gelebt habe, ohne der Frage nachzugehen, ob Spinnen über Ohrenpaare oder doch wenigstens über einen zentralen Gehörgang, wo auch immer, verfügen. Ich saß also am Schreibtisch, ich las und die kleine getigerte Spinne, von der ich Ihnen erzähle, seilte sich zur Tastatur meiner Computermaschine ab. Ich hatte den Eindruck, dass ihr diese Luftnummer Freude machte, weil sie ihre Landung immer wieder hinauszögerte, indem sie den Faden, der aus ihr selbst herausgekommen war, verspeiste, demzufolge verkürzte. Vielleicht hatte sie bemerkt, dass ich sie betrachtete, das ist denkbar, weil ich aufgehört hatte, laut zu lesen, für einen Moment, um nachzudenken, vielleicht wollte sie, um sich mir darzustellen, auf meiner Augenhöhe bleiben. Das war genau in dem Moment, als Marit nach ihrer letzten Nacht auf unsicheren Beinen die Treppe heruntergekommen war, Marit, die doch eigentlich seit Stunden schon tot gewesen sein musste. Marit setzte sich auf eine Treppe und begann zu weinen. Sicher werden Sie sich erinnern an Marit, wie sie auf der Treppe sitzt und weint, weil sie wusste, dass sie eine weitere letzte Nacht vor sich haben würde. Als ich las, dass Marit lebt und weint, habe ich eine Pause gemacht, weil ich erschüttert war, weil das Gift nicht gewirkt hatte. Ich saß vor meinem Schreibtisch und überlegte, ob auch sie, James Salter, erschüttert waren, als Marit langsam, auf unsicheren Beinen die Treppe herunterkam. Und während ich an Sie und Ihre Schreibmaschine dachte, beobachtete ich die Spinne, die mittels ihrer winzigen Beine, den Faden, an dem sie hing, betastete. Ist das nicht ein Wunder, eine Spinne wie diese Spinne? Haben Sie schon einmal bemerkt, dass es nicht möglich ist, mit einer elektrischen Schreibmaschine zwei Buchstaben zur gleichen Zeit, also übereinander, auf das Papier oder den Bildschirm zu schreiben? Immer ist einer vor, niemals unter dem anderen. Mit herzlichen Grüßen Louis.

fächer
romeo : 2.33 — Meine blauen Kinderschuhe. — stop
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voyager
ulysses : 22.00 — Wie ich lernte, meine Schuhe zu binden. Eine Sekundenerinnerung an den Tag, als ich zum ersten Mal mit einer Dampflokomotive aus der Stadt München heraus über Land gefahren bin. Abends sitze ich unter einem Apfelbaum nahe Landau. Ich bin müde, aber ich habe den Wunsch, im Leben weiterzukommen. Irre Bewegungen meiner Kinderhände über kleinen blauen Schuhen. Der Eindruck forschender Unsicherheit, der in diesem Moment, Finger für Finger, wieder zu spüren ist, als würde jede Hand für sich über ein eigenes Gedächtnis verfügen. — Vielleicht ist es sinnvoll zu sagen, dass die Raumsonden Voyager 1 und Voyager 2 in der Sekunde ihres Starts geboren wurden. — stop

radare
ginkgo : 20.58 — Palmengarten. Die Sonne geht gegen sechs Uhr unter, Enten gehen schlafen. Der Schirm ihrer Augen, der sich regelmäßig öffnet, als würden sich in ihren kleinen Köpfen Halbschalen von Perlmutthaut langsam drehen. Gehen und Kommen, Wiederholung, Rhythmus, Radare. Transferierte in der Dämmerung handschriftliche Texte aus Notizbüchern in die Schreibmaschine, das kann man jetzt drucken, die Bewegung der Subwayzüge, die sich in den Zeichen zur Unleserlichkeit fortsetzte, verschwunden. — Wie sprechen, wie erzählen? — Erinnerte mich an den Moment, da ich erfahren habe, dass Buckelwale zur Paarungszeit über eine Sprache verfügen, die einfachen menschlichen Sprachen ähnlich ist. Seither, von Zeit zu Zeit, die Wiederholung der Frage, was ich unter einer einfachen menschlichen Sprache verstehen sollte, die atemlose Sprache der Lust vielleicht oder die Sprache der Chaträume? Ob eine dieser menschlichen Sprachen vielleicht geeignet wäre, sich mittels einer Prozedur der Übersetzung von Wal zu Mensch zu verständigen? Wir könnten uns vom Land und von der Tiefsee erzählen. Eine grandiose Vorstellung, auf hoher See Luft perlend vor einem Wal zu schweben und zu warten und zu wissen, dass er gleich, nach ein wenig Denkzeit, zu mir sprechen wird. Etwas also sagen oder singen, das nur für mich bestimmt ist. Vielleicht eine weitere Frage: Wie heißt Du, mein Freund? — Oder: Ich hörte von Bäumen!
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raymond carver goes to hasbrouck heights
echo : 22.12 — Es ist die Welt des Raymond Carver, die ich betrete, als ich mit dem Bus die Stadt verlasse, westwärts, durch den Lincoln Tunnel nach New Jersey. Der Blick auf den von Steinen bewachsenen Muskel Manhattans, zum Greifen nah an diesem Morgen kühler Luft. Dunst flimmert in den Straßen, deren Fluchten sich für Sekundenbruchteile öffnen, bald sind wir ins Gebiet niedriger Häuser vorgedrungen, Eiszapfen von Plastik funkeln im Licht der Sonne unter Regenrinnen. Der Busfahrer, ein älterer Herr, begrüßt jeden zusteigenden Gast persönlich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Hasbrouck Heights, eine halbe Stunde Zeit, deshalb liest man in der Zeitung, schläft oder schaut auf die Landschaft, auf rostige Brückenriesen, die flach über die sumpfige Gegend führen. Und schon sind wir angekommen, ein liebevoll gepflegter Ort, der sich an eine steile Höhe lehnt, einstöckige Häuser in allen möglichen Farben, großzügige Gärten, Hecken, Büsche, Bäume sind auf den Zentimeter genau nach Wünschen ihrer Besitzer zugeschnitten. Nur selten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlendere von Straße zu Straße, werde dann freundlichst gegrüßt, how are you doing, ich spüre die Blicke, die mir folgen, Bäume, Blumen, Gräser schauen mich an, das Feuer der Azaleen, Eichhörnchen stürmen über sanft geneigte Dächer: Habt ihr ihn schon gesehen, diesen fremden Mann mit seiner Polaroidkamera, diesen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns nehmen, wird klingeln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gerade fotografiert. Wollen Sie sich betrachten? — stop

mann ohne mund
tango : 22.16 — Dreifach einem Mann ohne Mund begegnet, jedes Mal unter der Lexington Avenue gegen den Abend zu fahrend, wenn sich die Züge füllen mit Pendlern in alle Richtungen des Himmels. Das Pfeifen der Luft, die den Saum einer Öffnung am Hals des Mannes in Schwingung versetzt, ich hörte es in nächster Nähe, ich hörte es im Traum, ich erinnerte es bei einer zweiten Begegnung sofort, als wäre das pfeifende Flattern eine Stimme, da war er noch entfernt, da sah ich sein zerstörtes Gesicht durch die Menge der Reisenden näherkommen, sah seine gleichwohl vom Feuer versengten Hände, rosa leuchtende Haut da und dort, die Ahnung einer Nase, sein Auge, das letzte, gerötet von der Anstrengung und vom Ausdruck der Dankbarkeit, mit dem er jeden unter der Stadt reisenden Menschen bedachte, sobald er sich Davids Geschichte lesend näherte, sprechenden Fotografien vor einer ruhig atmenden Brust: Ich, ich habe in Bagdad mein Gesicht verloren in einer Sekunde an einem Abend wie diesem Abend, in einem Sommer wie diesem Sommer. Und wie er jetzt weitergeht, wie er die Stille mit sich nimmt. Auch ich habe kein Wort zu ihm gesagt, als ob ein Mann ohne Mund nicht hören könne. — stop



