Aus der Wörtersammlung: schicht

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lichtbild 1–12

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echo : 6.08 — Wie Schnee, ein gutes Dut­zend Men­schen­fo­to­gra­fien. Von K., die vor zehn Jah­ren im August John­sons Jah­res­ta­ge kauf­te, ein Jahr ent­lang woll­te sie jeden Tag einen der Jah­res­ta­ge lesen. Von N., deren Schwes­ter ver­mut­lich in Kobanê kämpft. Sie soll N. ähn­lich sein, aber nie­mand weiß das so genau, weil sie vor 15 Jah­ren in den Unter­grund ver­schwand, weil sie in den Ber­gen kämpf­te, weil der Krieg mit Men­schen­ge­sich­tern macht, was er will. Von L., der nie wie­der ver­su­chen wird, die Stadt Man­hat­tan von einer Nacht­fäh­re aus zu foto­gra­fie­ren. Von W., die seit Jah­ren, ver­geb­lich, ein Inter­view mit einem Mann zu füh­ren ver­sucht, der in sei­ner Jugend­zeit Bil­der aus Film­rol­len trenn­te, um sie zu einem Film für sich zu mon­tie­ren. Die Zeit reich­te nicht, sei­ne und auch die ande­re Zeit reich­te nicht. Von M., die viel­leicht gera­de in die­sem Moment, da ich notie­re, lächelnd mit einer Schau­fel in der Hand vor einer Schnee­land­schaft steht und war­tet. Von B., die bald mit dem Schiff nach Bue­nos Aires rei­sen wird, um den Tan­go zu erler­nen. Vor­ges­tern ist sie 94 Jah­re alt gewor­den. Von I., der sich Tag für Tag dar­über freut, wie er sich an das Wort Kühl­schrank zu erin­nern ver­mag. Von Y., die sich im Monat April auf den Weg machen wird, im Kar­wen­del einen Zwerg­ken­taur zu fan­gen. Vom klei­nen J., der seit den letz­ten Nacht­stun­den weiß, dass er ein­mal zum Mars flie­gen wird. Von der klei­nen U. aus Alep­po, die sich wun­dert, dass sie noch immer lebt. Und von W., der viel­leicht nie­mals erfah­ren wird, wie sehr ich sei­ne Geschich­ten lie­be, die alle mit dem Wort Ein­mal begin­nen. — stop
polaroidselbst

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furcht vor pegida

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echo : 0.12 — Ihr Sohn heißt Miran, ihre Toch­ter Shirin. Sie selbst wur­de im Osten der Tür­kei gebo­ren, ihre Kin­der, 12 und 14 Jah­re alt, in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Einen Mann gibt es nicht mehr. Sie arbei­tet in einem Café, eine fröh­li­che, zier­li­che Frau, ihr Haar ist pech­schwarz, eigent­lich bereits grau oder weiß. Seit sie im Café arbei­tet, ruhen unter Bee­ren-Muf­fins, Schwarz­wäl­der­kirsch Tor­te, Käse­ku­chen und Apfel­stru­del­schei­ben, auch kur­di­sche Plätz­chen, Kuli­ce, mit Wal­nüs­sen, Man­deln, Zimt und Zucker gefüllt. Ich weiß schon von der ein oder ande­ren wil­den Geschich­te, die sie erleb­te, kur­ze Geschich­ten sind das, eilig wäh­rend einer Tas­se Kaf­fee erzählt, eigent­lich klei­ne Roma­ne, weil ich sie nicht ver­ges­sen kann, weil sie sich erzäh­len wie von selbst. Ges­tern ist eine wei­te­re Geschich­te hin­zu­ge­kom­men. Anis­un berich­te­te, sie wer­de am kom­men­den Wochen­en­de nach einem Weih­nachts­baum suchen wie jedes Jahr um die­se Zeit, doch, doch, nach einem Weih­nachts­baum, in die­sem Jahr sei sie spät dran, ja, ja, mit allem, was man sich den­ken kann, aber elek­tri­sche Ker­zen, schon immer, seit die Kin­der in die Schu­le gehen, kom­me ein Baum ins Haus, ja, wir sind Ale­vi­ten, auch die Kin­der, aber immer haben wir Weih­nach­ten gefei­ert, man trifft sich, Freun­de, Schwes­tern, Brü­der, Onkel, Tan­ten, und kocht und freut sich, und die Kin­der bekom­men Geschen­ke, doch, doch, du brauchst dich nicht zu wun­dern, wir fei­ern gern, ja, ja, wir fürch­ten uns, eine Hand­voll Furcht, es ist ein schlim­mes Jahr gewe­sen, auch für uns Ale­vi­ten, das ist mei­ne Hei­mat hier, und wie­der fürch­te ich mich, wir spre­chen nicht viel dar­über, wir hof­fen, dass es nicht näher kommt. — stop

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grammophon

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zou­lou : 3.36 — Wür­den jene Fahr­zeit­räu­me früh­mor­gens in war­men Abtei­len der Züge nicht exis­tie­ren, wür­den wir viel­leicht nie mit­ein­an­der spre­chen. Er ist meis­tens müde von der Nacht­ar­beit. Fünf­zehn Minu­ten Zeit, zu kurz, um schla­fen zu kön­nen, zu lang, um zu schwei­gen. M. wur­de in der marok­ka­ni­schen Hafen­stadt Nador gebo­ren. Er ist Mos­lem, gläu­big, einer der Guten, wie er sagt, einer, vor dem sich nie­mand fürch­ten müs­se. Er geht in die Moschee, er spielt Fuß­ball, er ist ver­hei­ra­tet, nachts beauf­sich­tigt er Maschi­nen, die Brie­fe sor­tie­ren, und er lacht gern. Sein Blick ist warm, er ver­fügt über zwei Hän­de, dar­auf besteht er, und zwei Augen, eine Nase, einen Mund. Vor Kur­zem warn­te er mich, weil ich öffent­lich über den Glau­ben der Mos­lems notier­te. Er sag­te: Da musst Du vor­sich­tig sein, es gibt vie­le Ver­rück­te, schau, dass sie nicht wis­sen, wo Du wohnst. Ein­mal, kurz nach einer Rei­se nach New York, lese ich ihm eine Geschich­te vor, fol­gen­de Geschich­te, sagen wir, eine Geschich­te wie eine Fra­ge: Im Cen­tral Park zur Mit­tags­zeit ein beten­der Mann, Mos­lem, Rik­scha­fah­rer, der Höhe 61. Stra­ße unter einer mäch­ti­gen, weit­ver­zweig­ten Ulme kniet, viel­leicht unter einem jener Bäu­me, deren Setz­lin­ge im Jahr 2008 nach Ore­gon geschickt wur­den, um sie dort groß­zu­zie­hen und wie­der nach Man­hat­tan zurück­zu­ho­len. Das kla­gen­de Sin­gen der Kin­der­schau­kel. Ein Eich­hörn­chen hetzt über eine Wie­se. Bald kau­ert das Tier in der Nähe des beten­den Man­nes, scheint ihn zu beob­ach­ten. Ich könn­te jetzt war­ten, bis der Mann mit sei­nem Gebet fer­tig gewor­den ist. Ich könn­te mich zu ihm in sei­ne Rik­scha set­zen. Wir könn­ten gemein­sam durch den Park fah­ren. Ich könn­te ihm eine Geschich­te erzäh­len. Ich könn­te erzäh­len, dass ich eben noch in einem Café hör­te, wie eine jun­ge, lus­ti­ge Mut­ter von ihrer Absicht berich­te­te, ihren Sohn, der noch nicht gebo­ren wor­den ist, mit dem Namen „Gram­mo­phon“ zu ver­se­hen. Das ist eine wirk­lich auf­re­gen­de Geschich­te, die ich tat­säch­lich sofort erzäh­len soll­te. Ich soll­te den jun­gen Mann wei­ter­hin fra­gen, ob er mir viel­leicht erklä­ren wol­le, wes­halb es lebens­ge­fähr­lich für mich sein könn­te, wenn ich mich fra­gend über Moham­med, den Pro­phe­ten, äußern wür­de. Viel­leicht wür­de der jun­ge Mann brem­sen, viel­leicht sich unver­züg­lich von sei­nem Fahr­rad schwin­gen. Wir wür­den uns auf eine Bank set­zen und Geschich­ten erzäh­len von Gram­mo­pho­nen, von Pro­phe­ten und wie es ist, im Win­ter Rik­scha zu fah­ren. Und viel­leicht wür­de ich ihm dann noch vom Schnee erzäh­len, den ich als Kind aus der Luft gefan­gen habe. Ja, so könn­ten wir das machen, sofort, gleich, wenn der beten­de Mann sich erhe­ben wird. – stop

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josephine begegnet louis armstrong

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nord­pol : 5.02 — Im Sep­tem­ber des Jah­res 2010 fah­ren Jose­phi­ne und ich auf der Sta­ten Island Fäh­re John F. Ken­ne­dy spa­zie­ren. Ein schwül­war­mer Tag. Gewit­ter­wol­ken, vom Meer her gekom­men, hän­gen tief über der Upper Bay. Die Luft knis­tert. Möwen umkrei­sen das Schiff, wie irr stür­zen sie immer wie­der her­ab, schnap­pen nach Pas­sa­gie­ren, die auf der Pro­me­na­de foto­gra­fie­ren, als ob jede ein­zel­ne von ihnen bereits von einem Blitz getrof­fen wor­den sei. Wir sit­zen, unte­res Deck, auf einer der Holz­bän­ke der mitt­le­ren Rei­hen. Ich erin­ne­re mich noch gut an die Stim­me der alten Dame, wie sie auf­ge­regt erzählt. An einem ähn­li­chen Tag im Jahr 1966, sie war noch eine jun­ge Frau gewe­sen, habe sie an Bord der John F. Ken­ne­dy Lou­is Arm­strong beob­ach­tet. Dort, genau dort saß er, sagt sie, und deu­tet auf eine Bank in der Nähe der Fens­ter, die an die­sem Tag voll­kom­men leer ist. Ein Foto­graf und zwei wei­te­re Män­ner sei­en damals um die bedeu­ten­de Per­son her­um­ge­lau­fen, man habe ihn foto­gra­fiert. Ein schö­ner Mann, sagt Jose­phi­ne, ein wirk­lich schö­ner Mann, und so berühmt. Sie lacht jetzt und macht eine kur­ze Pau­se, schaut ost­wärts nach Brook­lyn hin. Ich war ein jun­ges Mäd­chen, erzählt sie wei­ter, und plötz­lich saß dort Lou­is Arm­strong, ganz unglaub­lich, ich war starr vor Schreck gewe­sen. Er sah müde aus, und er hat­te gro­ße Füße und war sehr schwarz für mei­ne Ver­hält­nis­se, ein wirk­lich schwar­zer Mann, der vor­nehm geklei­det war und ich glau­be, wenn ich mich erin­ne­re, dass sie auf etwas gewar­tet haben, immer­zu sahen sich die Män­ner um, sie wirk­ten ein wenig gehetzt, nur Lou­is Arm­strong nicht. Ich glau­be, er hat mich damals gese­hen, wie ich ihn anstarr­te. Ich war erst 26 Jah­re alt, und ich war glück­lich, die­sem Mann per­sön­lich zu begeg­nen. Seit­her habe ich immer, wenn ich die John F. Ken­ne­dy gese­hen habe, an Lou­is Arm­strong gedacht, jedes ein­zel­ne Mal. Die alte Dame Jose­phi­ne erhebt sich, schlen­dert zu einer der Türen, die auf die Pro­me­na­de füh­ren. Ich muss ihr schnell fol­gen, sie kann die schwe­ren Türen mit ihren eige­nen Hän­den nicht öff­nen. Drau­ßen Sturm, das Meer schäumt. Rie­si­ge See­mö­wen, gel­be Augen, sit­zen auf der Reling in unse­rer Nähe. — Ende der Geschich­te. — stop

jose­phi­ne

polaroidemily

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nachtmann

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lima : 3.28 — Seit Jah­ren, Nacht für Nacht gegen drei Uhr, höre ich das Pfei­fen eines Zei­tungs­bo­ten, der auf einem Fahr­rad von Osten her in unse­re Stra­ße kommt, um nach einer Schlei­fe von weni­gen Minu­ten, die ihn west­wärts führt, wie­der zu ver­schwin­den. Ich bin ihm in die­ser lan­gen Zeit nie per­sön­lich begeg­net, und ich kann auch nicht mit Sicher­heit sagen, wel­che Zei­tung er in die Brief­käs­ten unse­res Hau­ses steckt. Ein ein­zi­ges Mal habe ich neu­gie­rig aus dem Fens­ter gespäht, ich erin­ne­re mich an eine bit­ter­kal­te Nacht. Die Gestalt des Man­nes war weit ent­fernt zu sehen gewe­sen, er trug eine Woll­müt­ze, Hand­schu­he und eine Leder­ja­cke, das ist viel­leicht der Grund, wes­halb er auch in hei­ßen Som­mer­näch­ten in mei­nen Augen wei­ter­hin eine Woll­müt­ze trägt und pfeift, weil ihm mög­li­cher­wei­se kalt ist und ein­sam. Es ist selt­sam, in all den Jah­ren sei­ner Gegen­wart in mei­nem Leben, schei­ne ich kei­nen wei­te­ren Gedan­ken zu sei­ner Per­son hin­zu­ge­fügt zu haben, als wäre der Mann eine abge­schlos­se­ne Geschich­te, die sich exakt wie­der­holt. Plötz­lich, vor weni­gen Minu­ten, die Fra­ge, ob der Mann even­tu­ell in der Zei­tung liest, die er zu den schla­fen­den Men­schen bringt, und ob ihm nicht manch­mal des­halb unheim­lich zumu­te sein könn­te. — stop

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camilla

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hima­la­ya : 5.32 — Ob Camil­la wirk­lich exis­tier­te, ver­mag ich nicht mit Sicher­heit zu sagen. Aber der klei­ne Mann, Feli­pe, der von Camil­la erzähl­te, exis­tiert tat­säch­lich, er hat mir wäh­rend einer mor­gend­li­chen Bus­fahrt die Hand gege­ben, eine klei­ne, raue Hand, die Hand eines Man­nes, der ein Leben lang hart gear­bei­tet haben muss. Ein Fin­ger sei­ner Hand fehl­te, glau­be ich, ja, ich bin mir nicht sicher, ich mei­ne gespürt zu haben, dass etwas fehl­te, sein fes­ter Hän­de­druck, und als ich nach­se­hen woll­te, hat­te Feli­pe sei­ne Hand eilig hin­ter dem Rücken ver­steckt. Ich frag­te ihn, wo er gebo­ren wur­de, er ant­wor­te­te mit einem Namen, der wun­der­schön in mei­nen Ohren klang, einen spa­ni­schen Namen. Er wohn­te in die­ser Stadt sein Leben lang. Fünf­zig Jah­re arbei­te­te er in einer Fabrik, in wel­cher Papie­re erzeugt wur­den, die in der Lage waren, Strom zu lei­ten. Man mach­te aus die­sen merk­wür­di­gen Papie­ren zum Bei­spiel Bücher, die sich in küh­ler Luft erwärm­ten. Beim Schnei­den der Papier­bö­gen könn­te die Geschich­te mit dem Fin­ger pas­siert sein vor lan­ger Zeit, als Camil­la noch nicht in sei­nem Leben gewe­sen war. Wie Feli­pe von Camil­la erzähl­te, leuch­te­ten sei­ne Augen, er ist doch ein groß­ar­ti­ger Erzäh­ler. Dass sie ihn trotz sei­nes feh­len­den Fin­gers lieb­te, erzähl­te er nicht, aber dass sie ein wenig grö­ßer war als er selbst, und dass sie über wun­der­ba­re Ohren ver­füg­te, die wackel­ten, wenn sie lach­te. Mit dem Alter wur­de Camil­la klei­ner. Weil auch Feli­pe klei­ner wur­de, änder­te sich nichts dar­an, dass sie grö­ßer war. Wie ich ihn so sah, neben sei­nem Kof­fer sit­zend im schau­keln­den Bus, dach­te ich dar­an, dass wir noch immer in einer Zeit leben, da Men­schen sich damit abfin­den müs­sen, dass Fin­ger für immer ver­schwin­den, oder Camil­la mit ihren beben­den Ohren. — stop

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kleine anatomische geschichte

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echo : 5.01 — Ges­tern ist mir wie­der ein­mal etwa Selt­sa­mes mit mir selbst pas­siert. Ich beob­ach­te­te im Spie­gel ein Augen­lid, das flat­ter­te. Ich war noch nicht lan­ge wach gewe­sen. Als sich das Augen­lid beru­higt hat­te, bemerk­te ich, dass auch ein klei­ner Mus­kel an mei­ner lin­ken Wan­ge beb­te und ich über­leg­te, wel­cher Mus­kel das genau sein könn­te. In die­sem Moment erin­ner­te ich mich an eine klei­ne Geschich­te, die ich vor weni­gen Jah­ren in einem Café erleb­te. Eine Freun­din saß mir gegen­über. Wir spra­chen über dies und das. Plötz­lich beschwer­te sie sich, ich wür­de sie so selt­sam anse­hen. Tat­säch­lich hat­te ich Bewe­gun­gen ihres Gesich­tes beob­ach­tet, in den Momen­ten genau, da sie sprach oder lach­te. Es war ein unwill­kür­li­cher Blick unter die Haut gewe­sen, ein sozu­sa­gen ana­to­mi­scher Blick, der sie irri­tier­te, ohne zu wis­sen, wes­halb genau. Sie mein­te, ich wür­de ihr nicht zuhö­ren, son­dern träu­men. In die­sem Moment wur­de deut­lich: Sobald ich einen Men­schen in ana­to­mi­scher Wei­se betrach­te, wird mein Blick in den Augen des Betrach­te­ten kein schar­fer Blick sein, wie man viel­leicht erwar­ten wür­de, son­dern ein unschar­fer Blick, eine Gren­ze über­schrei­tend, fan­ta­sie­rend. — stop
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zehn sekunden parrini

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sier­ra : 0.28 — Vor weni­gen Tagen, am Don­ners­tag, erreich­te mich eine E‑Mail von Herrn Par­ri­ni. Ich ken­ne ihn nicht per­sön­lich, er soll gera­de 50 Jah­re alt gewor­den sein. Er habe mei­ne Geschich­te Shang­hai gele­sen, die ich vor zwei Wochen sen­de­te, sie habe ihm gut gefal­len, sie habe ihn berührt, per­sön­lich, obwohl er kaum zum Lesen kom­me, weil er einer sei, der von mor­gens bis abends ger­ne erzäh­len wür­de, er habe das so gelernt, er wie­der­ho­le sich oft, erzäh­le nur damit es nicht still wird, das war schon immer so, er spre­che sogar zu sich selbst stun­den­lang, auch im Schlaf gebe er kei­ne Ruhe, er woll­te ger­ne ein schwei­gen­der Mensch sein, das Schwei­gen ler­nen, aber er wüss­te nicht wie das jemals mög­lich sein könn­te, nach­dem er nun seit bald 45 Jah­ren unauf­hör­lich gespro­chen habe, gan­ze Aben­de habe er sei­ne Freun­de unter­hal­ten, bis sie flüch­te­ten, und in der Schu­le, muss­te er in der Ecke sit­zen, weil er den Mund nicht hal­ten moch­te, dort habe er selbst­ver­ständ­lich wei­ter­ge­spro­chen, mit der Wand oder mit dem Echo sei­ner eige­nen Stim­me bis er vor die Tür geschickt wor­den sei, wo er im Flur auf und ab spa­zier­te immer wei­ter spre­chend, bis er hei­ra­te­te, bis er wie­der allein gewe­sen war, bis er die Ber­ge ent­deck­te, da konn­te ihn kei­ner hören, oder nur sel­ten, oder nur Kühe, wes­we­gen er sehr ger­ne in den Ber­gen wan­de­re, er höre sich nicht, wenn er spre­che, als ob sei­ne Ohren sich wie die Ohren der See­hun­de ver­schlös­sen, sobald sie tauch­ten, ja, spre­chen, wie tau­chen, er wür­de nicht bemer­ken, wenn er spre­che, er kön­ne ent­we­der spre­chen oder schwei­gen, kein ein­zi­ges Wort, sonst geht es wie­der los, kein ein­zi­ges Wort, nicht ein­mal einen Gedan­ken, nichts, aber das Schwei­gen müss­te erst ein­mal mög­lich gewor­den sein, eine Sekun­de wirk­li­ches Schwei­gen, nicht Schwei­gen, nur um Luft zu holen, son­dern wirk­lich nicht spre­chen, atmen, schau­en, hören. — stop

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von schnecken

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lima : 4.15 — Ob es viel­leicht mög­lich ist, mensch­li­chen Gehir­nen Pro­gram­me zu ent­wi­ckeln, die Com­pu­ter­such­ma­schi­nen ähn­lich sind? Pro­zes­so­ren, zum Bei­spiel, die in der Lage wären, mit mei­nem Gehirn zu spre­chen, mein Gehirn anzu­re­gen, sei­ne Regis­ter nach Schne­cken­ge­schich­ten zu durch­su­chen. Wann also sind in mei­nem Leben Schne­cken vor­ge­kom­men, in wel­cher Gestalt, in wel­chem Auf­trag, wel­cher Art waren die Schne­cken gewe­sen, die mir begeg­ne­ten? Vor weni­gen Tagen noch hat­te ich Schne­cken­ge­schich­ten gesam­melt, so wie ich sie ohne gro­ße Anstren­gung in mir fin­den konn­te. Es waren vie­le Geschich­ten, aber ich könn­te zu die­sem Zeit­punkt nicht mit Sicher­heit sagen, ob mei­ne Erin­ne­rung voll­stän­dig gewe­sen ist, ob mein Kata­log auch nur annä­hernd alle wesent­li­chen Schne­cken­be­geg­nun­gen mei­nes Lebens in sich ver­sam­melt. — stop

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shanghai

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india : 6.52 — Haru­ki, der in einer klei­nen euro­päi­schen Stadt zu Hau­se ist, erzähl­te eine Geschich­te, die ich kaum glau­ben moch­te. Schon sein Name schien selt­sam zu sein. Er habe, sag­te er, manch­mal das Bedürf­nis, mit­ten in der Nacht zu tele­fo­nie­ren. Nicht weil er fürch­te, ster­ben zu wol­len, son­dern weil er glück­lich sei, wenn er ein­fach nur los erzäh­len kön­ne, wenn ihm sei­ne Wor­te von einem auf­merk­sa­men Ohr sozu­sa­gen aus dem Mund gezo­gen wür­den. Genau die­ses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wun­der­ba­re Gele­gen­hei­ten erin­ne­re, als er im Erzäh­len Geschich­ten ent­deck­te, die ihm ohne die­se Art des Spre­chens nie­mals ein­ge­fal­len wären. Lei­der wür­de ihm inmit­ten der Nacht nie­mand mehr zuhö­ren, Men­schen, die er per­sön­lich ken­ne, eil­ten längst nicht mehr ans Tele­fon, wenn er sich bei ihnen mel­de. Er habe des­halb ande­re, wild­frem­de Men­schen ange­ru­fen, die sich bei ihm beschwer­ten, ob er denn noch bei Ver­stand sei. Das war der Grund gewe­sen, wes­we­gen er vor weni­gen Wochen damit begon­nen habe, Ruf­num­mern in Über­see zu kon­tak­tie­ren. Es mel­de­ten sich dort Men­schen, die Haru­ki in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, chi­ne­si­scher oder spa­ni­scher Spra­che begrüß­ten. Sobald die Stim­me eines Men­schen hör­bar wur­de, begann Haru­ki zu erzäh­len. Er for­mu­lier­te in einer so hohen Geschwin­dig­keit, dass er sich selbst kaum noch ver­ste­hen konn­te. 15 Minu­ten, län­ger durf­te ein Gespräch mit Shang­hai nicht dau­ern. Manch­mal ver­neh­me er Stim­men von der ande­ren Sei­te her, hel­le Stim­men, zit­tern­de, wis­pern­de Töne, wes­halb er das Tele­fon­ge­rät ein wenig von sei­nem Ohr ent­fer­ne, ohne indes­sen zu ver­stum­men. Nach 15 Minu­ten ver­ab­schie­de er sich. Er sage dann: Gute Nacht! — stop

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