lichtpelz

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lima : 0.02 – In einer früh­zei­tigen Erin­ne­rung, die ich gestern, während ich eine filmi­sche Erzäh­lung der Stadt Istanbul beob­ach­tete, errei­chen konnte, sind keine mensch­li­chen Wesen zu entde­cken, doch Körper von Licht. Ich liege in einem schwan­kenden Schiff, das durch eine Stra­ßen­bahn fährt. Über mir die Wärme der Glüh­birnen, Glas­kolben, in welchen wirk­li­ches Feuer enthalten ist. Draußen, im Dunkeln, Schnee­flo­cken, die aus sich selbst heraus zu leuchten scheinen, Licht­pelz­fetzen. – Ich frage mich gerade, ob diese Erin­ne­rung nicht eine ausge­malte Erin­ne­rung sein könnte, Film­bil­dern nach­ge­zeichnet. Aber da sind der Duft von gebrannten Mandeln und das Schrillen einer Klingel und das Geräusch einer Stimme, die später einmal sagen wird: Max-Weber-Platz.
pamuk

kaukasus : unsichtbare fotografie

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sierra : 2.08 – Okto­ber­licht, das auf eine Straße fällt. In der Mitte dieser Straße liegt eine junge Frau auf dem Rücken. Sie liegt, als würde sie bald schlafen, die Beine von sich gestreckt. Eine blaue Bluse. Gelbe Turn­schuhe. Jeans. Da und dort segelt ein Schatten unter der Haut ihrer Wangen, und doch ist das Gesicht ein schnee­weißes Gesicht mit einem roten, blühenden Mund. Augen, die halb geschlossen sind. Unend­lich müde blaue Augen oder doch eher unend­lich müde dunkle Augen, ja, doch eher dunkle Augen, das Blau der Bluse irrt auf ihrem Gesicht herum. Auch ihre Hände sind weiß und etwas blau. Eine Hand liegt auf der Straße, die andere Hand auf dem Bauch der jungen Frau. Hände, die etwas planten viel­leicht, Hände, die ange­halten wurden oder aufge­halten, in dem man die Zeit im Körper der jungen Frau stoppte oder löschte. Ja, kühl muss sie sein, kühl geworden, ohne jedes Lebens­feuer, wie sie so auf der Straße liegt. Kein Blut weit und breit. Nur ihr Mund, der blüht, weil die Farbe nicht ihre Farbe ist im Stern­licht auf einem Gesicht ohne Namen. Man darf das Gesicht jetzt foto­gra­fieren von allen Seiten. Also foto­gra­fiert man das Gesicht von allen Seiten. Man darf jetzt schreiben, die junge Frau sei aus dem Süden gekommen, vom Kaukasus her. Also schreibt man, die junge Frau sei aus dem Süden gekommen, vom Kaukasus her. Eine weite Reise, ihre Reise nach Moskau. Dort liegt sie jetzt. Eine Bombe. Sie soll eine lebende Bombe gewesen sein. Welche Schule besuchte sie? Was hatte sie erlebt? Schwarzes Haar.
ping

lichtbilder

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echo : 0.01 – In den Maga­zinen meiner Compu­ter­ma­schine exis­tieren zwei Ordner, welche Foto­gra­fien versam­meln, die mich beun­ru­higen oder in Begeis­te­rung, in Staunen versetzen. In der einen Ordner­ab­tei­lung Foto­gra­fien, die schmerzen, auch deshalb schmerzen, weil sie nicht gezeigt werden dürfen aus meiner Sicht. Eine dieser Foto­gra­fien präsen­tiert eine junge Frau, die in der Stadt Moskau auf einer Straße liegt. Sie wurde, so erzählen Texte, die in der Nähe der Foto­grafie anzu­treffen sind, von Scharf­schützen erschossen, weil sie damit drohte, sich in die Luft zu sprengen. Eine Trophäe, so sieht das aus, ein Bild, das exis­tiert. Was mache ich mit diesem Bild? – In der anderen Abtei­lung meiner Samm­lung warten Foto­gra­fien, die mich gleich­wohl beun­ru­higen, Foto­gra­fien, die ich vorzeigen könnte, weil sie nicht Teil einer Drohung sind. Eine dieser Foto­gra­fien, die mich schon lange Zeit in Gedanken begleitet, beleuchtet einen alten Mann in dem Moment, da er Repa­ra­tur­ar­beiten an sich selbst ausführt. Eine Aufnahme, die ich als präzise, als zärt­liche, als behut­same Aufnahme wahr­nehmen kann. Ich stellte mir vor, dass der alte Mann kurz inne­hält, dass er den Kopf dreht, mich ansieht und das Wort NEIN ausspricht. Wie ich sogleich meine Augen schließe.

<img class=“alignright” size-full wp-image-6272” title=“chirurg” src=“https://andreas-louis-seyerlein.de/air/wp-content/uploads/2009/09/chirurg.gif” alt=“chirurg” width=“425” height=“450” />

speed

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alpha : 0.02 – Werden Menschen, deren Schreib­ma­schinen über Doppel­herz­pro­zes­soren verfügen, in ihren Bewe­gungen, in ihren Erwar­tungen viel­leicht schneller?
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blaue kamele

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tango : 3.28 – Wie wir auf den Schul­tern unseres Vaters durch die Welt schau­kelten, als säßen wir auf dem Rücken eines Drome­dars, das die mensch­liche Sprache spre­chen konnte. Wie er uns das Licht erklärte, die Geschwin­dig­keit und die Zeit, die das Licht unter­wegs gewesen war, um zu uns zu kommen. Seine großen Schuhe, in welchen wir durch den Garten segelten. Und Gene Kruppa, Drum­merman, dort, noch lange vor unserer Zeit, Vater mit Schlips im Anzug als junger Mann. Heute Nacht erzählen wir uns Geschichten. Und schon ist es kurz nach zwei Uhr geworden. Ich habe ganz heim­lich meine Schreib­ma­schine ange­schaltet, um eine weitere kleine Geschichte aufzu­schreiben, weil Geschichten auf Papier oder Geschichten, die man von einem Bild­schirm lesen kann, wie alle anderen Geschichten als leise betende Stimmen zu vernehmen sind. Diese Geschichte nun geht so. Immer an Frei­tagen, ich war fünf oder sechs Jahre alt gewesen war, brachte mein Vater aus dem Institut, in dem er als Physiker arbei­tete, Karten mit nach Hause, die ich bemalen durfte, Compu­ter­loch­karten, kräf­tige, beige Papiere, in welchen sich selt­same Löcher befanden. Diese Löcher waren niemals an derselben Stelle zu finden, und ich erin­nere mich, dass ich mich über ihr Verhalten heftig wunderte. Ich war zu jener Zeit ein begeis­terter Maler, ich malte mit Wach­s­kreide und ich malte in allen Farben, über die ich verfügen konnte, weil ich das Bunt­sein schon immer mochte. Ich malte blaue Kamele und schwarze Blumen und rote Monde. Einmal fragte ich meinen Vater, was jene Löcher bedeu­teten, über deren Exis­tenz ich mich freute, weil sie versteckte Bilder zeigten, die ich solange suchte, bis ich sie gefunden hatte. Hör zu, sagte mein Vater.
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djuna barnes

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tango : 6.38 – Mit Blitzen, die Himmel und Erde verbinden, ist das so eine Sache. Man hört sie nicht kommen. Sie sind immer Erin­ne­rung, nie Ereignis, haar­feine Dampf­luft­röhren, die Erschei­nung erzeugen. Unlängst, während ich im Regen spazierte, muss ich von einem Blitz dieser Art getroffen worden sein, weil ich sehr bald später auf einer Roll­treppe Djuna Barnes gesichtet habe. Sie fuhr nach Unten, ich nach Oben. Ein faszi­nie­render Anblick. Da waren ein Paar heller, eleganter Schuhe, ein dunkel­grünes, verwegen geschnit­tenes Kleid, weiterhin ein blauer Sommerhut. Dieser Hut nun brannte lich­terloh auf ihrem Kopf. Eine Art Feuer war das gewesen, das ölig russte, und als sie nahe heran­ge­kommen war, auf gleiche Höhe unge­fähr, Ruß auch auf ihrer Nase. Dann wachte ich auf und hörte noch, wie ich zu mir sagte: Es regnet. – Diese kleine Geschichte ereig­nete sich vor etwa einer Stunde. Gerade eben wird es hell und es regnet tatsäch­lich, weshalb ich im Moment nicht ganz sicher bin, wo ich mich eigent­lich befinde. – stop

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bryant park

picping

MELDUNG. New York, Bryant Park 8, 25. Etage, stei­nernes Zimmer : Kirsche No 227 [ Marmor, Carrara : 7 Gramm ] voll­endet. – stop
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lichtschreiben

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alpha : 22.55 – Die Geste des Schnei­dens. Wie man mit einem Stift eine Substanz zu einem Zeichen auf Papier setzt, wird mit dem Skal­pell die Atmo­sphäre des Präpa­rier­saales in einen Körper einge­tragen. Zerglie­dern heißt zunächst, Räume zu schaffen für das Licht.

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sprachlos

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echo : 1.10 – Ein aufwüh­lendes Gespräch vor Tagen. L., Jour­na­listin kurdi­scher Herkunft, erzählt von ihrer Schwester, die seit 10 Jahren verschwunden ist. Ruhig sitzt sie vor mir. Aber das seltsam flackernde Licht ihrer Augen. Sie sagt, sie wünsche sich, irgend­je­mand würde irgend­wann einmal die Geschichte ihrer Schwester schreiben. Du musst wissen, wir vermissen sie noch immer sehr. Wir vermuten, dass sie in den Bergen umge­kommen ist. Ein Hinter­halt. Wir haben keinen Beweis, wir haben nur ihr Schweigen.
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korallenknistern

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tango : 0.02 – Die Fenster weit geöffnet, Luft­an­geln ausge­worfen. – Gerade eben entdeckte ich auf Kartei­karte No 1208 eine Notiz, die ich am 28. Januar 2007 im anato­mi­schen Präpa­rier­saal mit Blei­stift buch­sta­bierte: Einem Abschnitt des atlan­ti­schen Rückens glei­chend, tritt nach und nach eine Wirbel­säule aus dem zurück­wei­chenden Muskel­körper hervor. Wir befinden uns in der 4. Woche. Ich weiß zu diesem Zeit­punkt: Venen sind hohl. Man kann die Innen­wände der Gefäße gegen­ein­ander verschieben. Hapti­sche Erfah­rung. Arte­ri­en­ko­rallen. Ein Knir­schen. Knirzen. Knis­tern. Hören, mit den Spitzen der Finger h ö r e n.

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schneelicht

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sierra : 0.02 – 2 2 . j a n u a r   2 0 0 7 / Schnee über Nacht. Die Umrisse der Bäume, die sich auf den opaken Scheiben der hohen Fenster des Präpa­rier­saales abbil­deten, waren kaum noch zu erkennen, als wären sie von einem hauch­dünnen Pinsel neu gezeichnet. Ein seltsam helles Licht, ein Licht war im Raum, von dem ich nicht sagen konnte, ob es tatsäch­lich anwe­send war oder von dem Wort Schnee her leuch­tete, mit dem ich erwachte. Auch die Geräu­sche, waren andere Geräu­sche als zuvor, gedämpfte, sanfte Traum­ge­räu­sche. Ich erin­nere mich, dass ich den Eindruck hatte, ich könnte reine Erfin­dung sein, eine Figur, auch die Tische der Toten, die unter roten Planen verborgen lagen, reine Erfin­dung, die Bäume, der Schnee, und die Schul­kinder, deren Lachen von der Straße her zu hören war. Dann öffnete sich die Tür des Aufzuges, ein Präpa­rator trat in den Saal. Er sagte: Guten Morgen! Er nannte mich beim Namen.
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situs inversus / apsis 5

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tango : 8.58 – Früher Morgen. Eine Nacht schwerer Arbeit liegt hinter mir. Ich hatte gestern noch einer Freundin, deren Vater gerade gestorben ist, während eines Spazier­ganges von meiner Suche nach Rhei­n­ele­fanten erzählt. Wie ich auf und ab fahre Stunde um Stunde mit dem Zug zwischen Bingen und Koblenz, die Kamera gezückt. Und wie sie in ihrer Trauer doch für einen Moment herz­haft lachte. Dann sitze ich vor dem Schreib­tisch und habe partout kein Verlangen nach anato­mi­schen Dingen. Dem entgegen menschen­leere Szenen weiter gelesen. Ich lehne an einer Wand des Präpa­rier­saales. Irgendwo klap­pert ein Stück Metall, nichts weiter ist zu hören. Oder doch viel­leicht ein schim­merndes Geräusch in meinem Kopf, leise, leise. Jenseits der Fenster hüpfen Vögel in den Bäumen, Bewe­gung, die anzeigt, dass ich weder vor einem Gemälde, noch vor einer Foto­grafie Platz genommen habe, dass ich mich von der Wand lösen und zu einem der Tische wandern könnte, etwas verän­dern, den Falten­wurf einer Decke viel­leicht, oder eine Seite umblät­tern in einem anato­mi­schen Atlas, der im Saal zurück­ge­lassen wurde. Ich sollte ein Stück Kreide in die Hand nehmen und auf eine Tafel schreiben: Situs inversus / Apsis 5 Tisch 82
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zwei erfinder

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foxtrott

~ : louis
to : Mr. sami tupa­vuari
subject : pene­lope

Sehr geehrter Herr Tupa­vuari! Guten Abend! Ich heiße Louis. Sie werden mich nicht kennen. Ich hörte, Sie sollen ein Geräuschwor­t­er­finder sein. Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass Menschen wie Sie exis­tieren. Umso glück­li­cher fühlte ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähig­keiten berich­tete. Ich wende mich nun mit einer drin­genden Bitte an Sie. Es geht darum, dass ich Ihnen von Pene­lope zu erzählen wünsche, einer sehr beson­deren Person, einer Frau, die in der Lage ist, Finger in der Art und Weise der Eidechsen von sich zu werfen. Sie werden sich viel­leicht wundern, wie so etwas möglich ist. Glauben Sie mir, auch ich wundere mich von früh bis spät über dieses faszi­nie­rende Geschöpf. Reine Erfin­dung und doch schon ein drin­gender Fall. Sie müssen wissen, ich komme nicht weiter, weil ich ein Wort entbehre, das mir nicht einfallen will, ein Wort, eine Laut­schrift, die ein Geräusch wieder­geben oder darstellen könnte, das in genau jenem Moment entsteht, wenn sich ein Finger Pene­lopes von ihrem Körper löst. Ein Wort müsste das sein, welches von Haut und Knochen ist, ein leichtes, windiges, sanftes, erstaun­li­ches Wort. Wie uner­mess­lich dankbar wäre ich Ihnen, lieber Herr Tupa­vuari, wenn Sie mir weiter­helfen, wenn sie sofort Ihre Arbeit aufnehmen könnten. Ich frage Sie nun in aller Eile: Was würde ein Wort, wie das gewünschte Wort, in etwa kosten? Mit besten Grüßen – Ihr Louis

gesendet am
28.09.2009
23.58 MESZ
1405 zeichen

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radiosonar

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sierra : 5.22 – Ich könnte viel­leicht sagen, dass ich die Anatomie meiner Wohnung groß­zügig kenne. Ich weiß zu beschreiben, wo sich meine Küche befindet und wo genau dort Kühl­schrank, Tassen, Kaffee. Aber schon mit meinem Radio, seiner inneren Gestalt, fängt die Welt der nächste Nähe an seltsam unbe­kannt zu werden. – Da ist noch etwas. Seit zwei Tagen habe ich das Gefühl, für jedes neue Wort, das ich lerne, ein anderes zu vergessen. Warum?
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