franny and zooey

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foxtrott : 10.00 – Flug­zeug über Atlantik quer. 7 Stunden 25 Minuten. Bewe­gung auf dem Bild­schirm wie Dämme­rung, wie Eisschmelze, wie Gras­wachsen. Luft von Zimt, Mund voll Lebku­chen. So liegen, ein Auge ruhend auf Pixel­meer, das andere auf Salingers Franny. Wispernde Stimmen der Manhat­ten­of­fi­cers, leise Aufnahme, einen Tag fest­halten, eine Nacht. Das Wasser des Grön­land­eises, noch lang­samer als das Älter­werden und so sicher, so ausge­macht, wie’s im Süden nach den Häusern der armen Küsten­men­schen greift. Man hört das nicht, man denkt das nicht. Es ist längst schon einge­ar­beitet, viel­leicht, in jede Erwar­tung. Luft von Zimt, Mund voll Lebku­chen. Ein Auge ruhend auf dem Meer, das andere auf Franny. Coltrane, John: A love supreme. Zeit vergeht.

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zarte lügen

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alpha

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : ZARTE LÜGEN

Mein lieber Jona­than, gestern, stellen Sie sich vor, habe ich von Ihrem Mut erzählt, von Ihrer Begeis­te­rung, unsere Welt, die Welt der Luft­men­schen zu erkunden, eine Welt, die Sie so viele Jahre in einer Wasser­woh­nung lebend, nicht berühren konnten. Man fragte mich, wo genau Sie sich gerade aufhalten mögen und da musste ich zugeben, dass ich das nicht wüsste. Auch wollte man hören, wie Ihre frischen, jungen Lungen sich verhalten, wo genau an Ihrem Körper sie ange­bracht worden sind und wie sie funk­tio­nieren. Natür­lich habe ich keine Auskunft erteilt, will Sie zunächst ersu­chen, mir zu sagen, ob ich berichten darf, weil ihr Atem­ver­mögen doch eine beson­dere und deshalb auch private Ange­le­gen­heit sein könnte. Viel­leicht sind Sie so freund­lich, bei Gele­gen­heit sich mir in dieser Sache zu erklären. Ihren Eltern im Übrigen geht es gut. Natür­lich machen sie sich ernste Gedanken, weil Sie, mein lieber Kekkola, nichts von sich hören lassen. Ihre Mutter blass wie Kreide, und Ihr Vater, ihr Vater um viele Jahre älter geworden. Bald werde ich meinem Wunsch nach­geben und Briefe erfinden, zarte Lügen, beru­hi­gende Nach­richten aus den Wäldern, man will stolz sein, man will wissen, was sie so tun auf Ihrem Weg dem Süden zu und ob sie noch unter den Lebenden weilen. Bleibt mir zu sagen, dass ihre Eltern wieder Nahrung zu sich nehmen. Ich vermute, sie glauben mir in diesen Tagen endlich, dass ihre Wohnung nach Jahr­zehnten undicht geworden sein könnte. Wir machen Fort­schritte. – Ihr Louis, ersten Schnee erwar­tend.

gesendet am
02.12.2009
22.32 MEZ
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louis to jona­than
noe kekkola »


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ein kleiner engel

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ulysses : 0.03 – Es ist Sonntag, aber noch nicht lange. Genau­ge­nommen ist Samstag, aber auch nicht richtig Samstag, weil ich diesen Text am Freitag, am Abend nämlich, geschrieben, ihn am Sams­tag­morgen in meine Word­Press­ma­schine gefüllt und sofort Anwei­sung gegeben habe, ihn am Sonntag kurz nach Mitter­nacht sichtbar werden zu lassen. Es ist also ein merk­wür­diger Sonntag, ein Sonntag der Abwe­sen­heit und der Anwe­sen­heit zur glei­chen Zeit, ein großes Vergnügen. Aber eigent­lich wollte ich rasch eine kleine Geschichte erzählen. Ich habe, ganz unglaub­lich, vor einer Stunde einen kleinen Engel, den ich seit Tagen vermisste, wieder­ge­funden. Ich stand bei leichtem Regen mit meiner Kamera vor einem Karus­sell, weil ich verspro­chen hatte, einen Film vom wärmenden Dreh­licht aufzu­nehmen. Plötz­lich saß der kleine Engel, wir kennen uns schon lange, auf meiner Schulter, leicht wie eine Mozart­kugel. Er wollte wissen, ob er denn auf dem Film, den ich gerade aufge­nommen hatte, zu sehen sein werde, und ich fragte natür­lich unver­züg­lich zurück, was er über­haupt hier tun würde und ob er sich nicht denken könne, dass ich mir Sorgen gemacht habe während der vergan­genen Tage. Aber mit Engeln ist das so eine Sache, sie genügen sich selbst, machen was sie wollen. Sie fliegen, nur so zum Beispiel, mit oder neben einem Karus­sell durch die Luft, weil sie die weiten, die gefähr­li­chen Reise­routen üben, atlan­ti­sche Stre­cken, sagen wir, viele Tage über Wasser dahin in der Geschwin­dig­keit der Bienen. Ich weiß nun, ich ahne, auch dann, wenn sie schlafen, segeln sie immerzu weiter. – Guten Abend. Guten Morgen. Gute Nacht.

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engelgeschichte für geraldine

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delta : 0.03 – Vor langer Zeit habe ich eine kleine Geschichte geschrieben, die von Engeln erzählt. Ich kann nicht genau sagen warum, ich habe diese Geschichte bereits zweimal aus dem Licht der Öffent­lich­keit zurück­ge­zogen, sie aber nie gelöscht. Als ich gestern nun über die Kind­heit eines Mädchens nach­dachte, das in einer vornehmen Gegend Manhat­tans aufge­wachsen ist, fiel mir die Geschichte wieder ein und ich habe nach ihr gesucht. Ich werde sie jetzt für Geral­dine an dieser Stelle endgültig notieren. Liebe Geral­dine, wo auch immer Du sein magst, diese folgende Geschichte gehört Dir. Hör zu : Einmal, immer nur einmal im Jahr, kommen die Engel der Stadt New York in einer Kirche zur großen Versamm­lung geflogen. Die stei­nernen Engel kommen von den Fried­höfen her, die hölzernen Engel aus den Garten­lauben, kost­bare Porzel­la­nengel öffnen ihre Vitrinen und segeln über den Hudson durch die kühle Abend­luft. Auch von den Tapeten steigen Engel auf, verlassen ihre Post­kar­ten­zimmer, Bücher und Zeilen, in welchen sie vermerkt worden sind Zeichen für Zeichen. Sie steigen aus den Träumen der Kinder, der Mütter, der Väter, wie Menschen aus Stra­ßen­bahnen steigen sie aus. Sobald sie Luft unter ihren Schwingen fühlen, werfen sie ihre Gold­staub­mäntel von den Schul­tern, springen aus Bade­wannen, stark schon unterm Wasser geschmolzen, löschen das Licht, das auf ihren Köpfen flackert, umflat­tern noch einmal kurz die Häupter der stei­nernen Marien, auf deren Händen sie um ein weiteres Jahr geal­tert sind. Es ist kaum richtig Nacht geworden, da kann man es in den Kellern schon ächzen hören, wenn sie sich mit vereinten Kräften gegen die schweren Deckel der Truhen stemmen, in denen sie aufge­hoben sind von Fest zu Fest. Man muss sich, sofern man ein Mensch ist, nur im Dezember in Manhattan, Queens oder Brooklyn am rich­tigen Tag zur rich­tigen Stunde vor einen Engel setzen. Sobald es dunkel geworden ist, setzt man sich hin und wartet. Man wartet nicht lange, man wartet eine Stunde oder zwei und plötz­lich ist der Engel fort geflogen. Nach Süden ist er geflogen, oder nach Norden, auf kürzestem Weg vorbei an bebenden Vögeln zur größten Kirche der Stadt. Dort nimmt der Engel unter Engeln Platz. Überall sitzen sie inzwi­schen bis unter die Gewölbe, auf der Kanzel, den Betstühlen, den heiligen Figuren, auch auf den Mosaiken des Bodens, den Chören, dem Altar, den Verstre­bungen der Kreuze, den Knochen­fi­guren, ja, auf Christus selbst haben sie Platz genommen. Sie sind alle sehr leicht. Im Grunde wiegen sie nichts. Sie sind von der Schwere eines Wunsches und spre­chen in einer von keinem Forscher erschlos­senen Sprache. Fröh­liche Engel­ge­stalten, jawohl. Sie lachen das Lachen der Engel, wie tolle Fleder­mäuse lachen sie, so hell. Dann, kurz nach Mitter­nacht ist’s geworden, kommt einer der drei großen Engel, immer kommt nur einer von ihnen und immer kommt er zu spät, ist aufge­halten worden im Auftrag befind­lich, einmal ist es Gabriel, dann Raphael, dann Michael. Sehr langsam, ein Künstler des Flie­gens, schwebt er herein, nimmt Platz auf den Stufen, schlägt die Beine über­ein­ander und leuchtet. Ruhig sieht er unter die Versamm­lung, während er seine gewal­tigen Schwingen hinter dem Rücken faltet. Jetzt werden die kleinen Engel andächtig und still. Verein­zelt kommt noch ein vergess­li­cher Kund­schafter durchs Kirchen­schiff gerast, da und dort trudelt ein betrun­kenes Feder­wesen von höherer Stelle. Ist dann alles schön geordnet, erhebt der Erzengel seine Stimme. Es ist ein Singen, ein wunder­barer Altso­pran, eine uner­hört schöne Sprache. Er sagt: Guten Abend, Engel.
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teheran

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echo : 0.02 – Acht Menschen wurden in Teheran, weil sie um Frei­heit demons­trierten, zum Tode verur­teilt, hunderte weitere Menschen werden viele Jahre in Gefäng­nissen exis­tieren. Und doch setzen sich Aufbe­gehren und Wider­stand fort. Meine persi­schen Freunde. Wie sie jede Nach­richt aus ihrer Heimat sorgsam in Gesprä­chen wiegen, wie sie hoffen, wie sie zwischen Begeis­te­rung, Zorn und Sorge oszil­lieren. – Die Einsam­keit der Trau­ernden, die Einsam­keit der Wartenden, indem sie um das Leben eines Verschwun­denen bangen. – Vier Uhr zwölf in Naypyidaw, Burma. – stop
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coltrane coltrane

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nordpol

~ : louis
to : Mr. jona­than noe kekkola
subject : COLTRANE COLTRANE

Ich habe von Ihnen geträumt, mein lieber Kekkola, gestern habe ich von Ihnen geträumt. Kein Wunder, wenn man so viele Tage an einen Menschen denkt und wartet und wartet, dann füllen sich die Nächte mit den Schatten der Wachtraum­ge­danken. Sie sammelten blaue Beeren im Schnee. Und da war ein Fisch mit Flügeln, er lag still zu Ihren Füßen und dampfte. Nach­mit­tags, jenseits meines Traumes, habe ich mit einer Versor­gungs­sta­tion im Bear Mt. State Park tele­fo­niert. Man sagte mir, dass Schnee noch nicht gefallen sei. Von Ihnen hatte man auch nichts gehört. Man wird nun meine Bitte um einen Anruf an Sie weiter­geben, sobald Sie dort einge­troffen. Nur für den Fall, Jona­than, dass Sie nicht in der Lage sein sollten, zu lesen, was ich notiere. Darf ich Ihnen sagen, dass ich ein sehr feines Weih­nachts­ge­schenk für Sie erstei­gern konnte. Eine seltene Live­auf­nahme John Coltrane’s aus den 60er Jahren. Halten Sie die Ohren steif, mein Lieber. Ich freu mich, Sie in Zeiten der Kirsch­baum­blüte wieder­zu­sehen. – Ihr Louis.

gesendet am
10.12.2009
22.58 MEZ
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louis to jona­than
noe kekkola »


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eisbuch

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hima­laya : 0.02 – Beson­derer Abend, Frost­nacht erwartet. Seit zwei Stunden schwebt der Zeiger meines Außen­luft­ther­mo­me­ters dicht über der Null­linie. Stehe am Fenster und freu mich darauf, dass ich das erste Eisbuch meines Lebens, das seit Monaten im Kühl­schrank auf Pangasi­us­fi­lets gebettet liegt, nun endlich hervor­holen kann. Werde dann bald in den kleinen Park um die Ecke spazieren und mich auf eine eisige Bank setzten, das Buch behutsam entblät­tern und lesen im Licht einer Taschen­lampe von nordi­schen Stränden, von Instru­men­ten­bauern und Musi­kern, die in Zelten wohnen. – Wie mutig wäre ich im Wider­stand gegen den geheim­dienst­li­chen Zugriff einer Diktatur auf meine Person?
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warenmenschen

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olimambo : 0.01 – Ein Film, der den Alltag sehr armer Menschen in Kairo doku­men­tiert. So arm sind diese Menschen, dass sie Teile ihres lebenden Körpers verkaufen. Und ich dachte noch: Du darfst nicht vergessen, was Du gerade wahr­ge­nommen hast, soll­test über­legen, was das mit Dir persön­lich, mit Deiner Exis­tenz zu tun haben könnte. Einige Stunden später hatte ich die 5Minutenfilmgeschichte, die der wirk­li­chen Wirk­lich­keit unserer unheim­li­chen Zeit entnommen worden war, inso­fern verloren, da ich mich an sie erin­nerte, als hätte ich Jahre nicht an sie gedacht, indem ich das Wort Waren­haus­men­schen, von eigener Hand notiert, auf einem Schreib­tisch­zettel wieder­ent­deckte. – Ein Schriftzug. Der Schriftzug eines Fremden von einer Sekunde zur anderen Sekunde. Warum?
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schäume

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echo : 5.03 – Entdeckte, dass sich Spuren, die Menschen ihren Leben hinter­lassen, ähnlich der Spur eines Ozean­damp­fers verhalten, der hinter dem Hori­zont verschwunden ist. Sichtbar sind sie noch, obwohl längst vergan­gene Wesen, Schrift­zei­chen, Bilder, Noten, Foto­gra­fien, murmelnde Schäume. Konnte meinen Blick nicht lösen: Nathalie Sarraute, wie sie verloren neben Samuel Beckett steht, der eine Rauch­wolke beob­achtet, die Monsieur Pinget’s Mund entkommen sein könnte.
mundwolke

caravelle

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romeo : 0.02 – Ich über­legte, ob ich, wenn ich bei wolken­losem Himmel in 33000 Fuß Höhe befind­lich aus einem Flug­zeug­fenster spähen würde, ein Schiff erkennen könnte, ein Schiff von der Größe der Queen Mary sagen wir, einen Luxus­dampfer, der zur Zeit meiner Geburt noch regel­mäßig zwischen New York und Sout­hampton über den Atlantik hin und her gepen­delt war. Ich stellte mir zunächst einen Berg vor von entspre­chender Höhe, einen Berg, der Himmel und Flug­zeug berührte, kurz darauf ein Schiff. Und ich ahnte sehr bald, dass ich das Schiff wohl eher nicht, vermut­lich aber die ihm folgende Spur im Wasser erkennen würde, Wellen und Wirbel von Luft. Eine junge Frau, so unsichtbar wie das Schiff, an dessen Heck sie steht, betrachtet die Spur, die das Schiff im Wasser hinter­lässt. Einmal wirbelt eine Bö ihren Hut durch die Luft. Sie schaut zum Himmel. Ein Blitzen viel­leicht. Ten-four. Charlie. Charlie. Kurz nach Mitter­nacht. Klir­rende Kälte.
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romeo : 0.05 – Vor wenigen Minuten hatte ich das Licht über meinem Schreib­tisch ausge­schaltet und etwas Lebens­zeit in Dunkel­heit verbracht. Ich will Ihnen rasch erzählen, warum ich so gehan­delt habe. Ich war nämlich spazieren gewesen stadt­wärts unter Menschen in Waren­häu­sern und auf einem Weih­nachts­markt, weil ich nach­sehen wollte, ob sich in dieser Welt, die wir bewohnen, etwas geän­dert haben könnte, da doch vor wenigen Stunden durch Unter­las­sung entschieden worden ist, dass Bangla­desh, dass das Ganges­delta in den Golf von Bengalen sinken wird. Ich dachte, das eine oder das andere sollte doch spürbar, sichtbar, fühlbar werden, ein wenig Unruhe, ein leises Klap­pern der Zähne viel­leicht. Aber nein, alles Bestens, alles im Lot. Und als ich wieder an meinem Schreib­tischs saß, war da plötz­lich ein starker Eindruck von Unwirk­lich­keit, das alles und ich selbst könnte reine Erfin­dung sein. Ich löschte das Licht über dem Schreib­tisch und wartete. Und während ich so wartete, lauschte ich den Stimmen der Tief­see­le­fanten, einem Orchester zartester Rüssel­blumen, wie sie auf hoher See den Himmel lockten. Und als ich das Licht wieder einge­schaltet hatte, saß ich dann noch immer vor dem Schreib­tisch, die Hände gefaltet. – Schnee fällt. stop. Langsam. stop. Leise. stop. – Frohe Weih­nachten und ein gutes, ein nach­denk­li­ches, ein glück­li­ches Jahr 2010!

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