Aus der Wörtersammlung: abend

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eisbuch

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hima­la­ya : 0.02 — Beson­de­rer Abend, Frost­nacht erwar­tet. Seit zwei Stun­den schwebt der Zei­ger mei­nes Außen­luft­ther­mo­me­ters dicht über der Null­li­nie. Ste­he am Fens­ter und freu mich dar­auf, dass ich das ers­te Eis­buch mei­nes Lebens, das seit Mona­ten im Kühl­schrank auf Pan­ga­si­us­fi­lets gebet­tet liegt, nun end­lich her­vor­ho­len kann. Wer­de dann bald in den klei­nen Park um die Ecke spa­zie­ren und mich auf eine eisi­ge Bank setz­ten, das Buch behut­sam ent­blät­tern und lesen im Licht einer Taschen­lam­pe von nor­di­schen Strän­den, von Instru­men­ten­bau­ern und Musi­kern, die in Zel­ten woh­nen. — Wie mutig wäre ich im Wider­stand gegen den geheim­dienst­li­chen Zugriff einer Dik­ta­tur auf mei­ne Per­son? — stop
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engelgeschichte für geraldine

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del­ta : 0.03 — Vor lan­ger Zeit habe ich eine klei­ne Geschich­te geschrie­ben, die von Engeln erzählt. Ich kann nicht genau sagen war­um, ich habe die­se Geschich­te bereits zwei­mal aus dem Licht der Öffent­lich­keit zurück­ge­zo­gen, sie aber nie gelöscht. Als ich ges­tern nun über die Kind­heit eines Mäd­chens nach­dach­te, das in einer vor­neh­men Gegend Man­hat­tans auf­ge­wach­sen ist, fiel mir die Geschich­te wie­der ein und ich habe nach ihr gesucht. Ich wer­de sie jetzt für Geral­di­ne an die­ser Stel­le end­gül­tig notie­ren. Lie­be Geral­di­ne, wo auch immer Du sein magst, die­se fol­gen­de Geschich­te gehört Dir. Hör zu: Ein­mal, immer nur ein­mal im Jahr, kom­men die Engel der Stadt New York in einer Kir­che zur gro­ßen Ver­samm­lung geflo­gen. Die stei­ner­nen Engel kom­men von den Fried­hö­fen her, die höl­zer­nen Engel aus den Gar­ten­lau­ben, kost­ba­re Por­zel­la­nen­gel öff­nen ihre Vitri­nen und segeln über den Hud­son durch die küh­le Abend­luft. Auch von den Tape­ten stei­gen Engel auf, ver­las­sen ihre Post­kar­ten­zim­mer, Bücher und Zei­len, in wel­chen sie ver­merkt wor­den sind Zei­chen für Zei­chen. Sie stei­gen aus den Träu­men der Kin­der, der Müt­ter, der Väter, wie Men­schen aus Stra­ßen­bah­nen stei­gen sie aus. Sobald sie Luft unter ihren Schwin­gen füh­len, wer­fen sie ihre Gold­staub­män­tel von den Schul­tern, sprin­gen aus Bade­wan­nen, stark schon unterm Was­ser geschmol­zen, löschen das Licht, das auf ihren Köp­fen fla­ckert, umflat­tern noch ein­mal kurz die Häup­ter der stei­ner­nen Mari­en, auf deren Hän­den sie um ein wei­te­res Jahr geal­tert sind. Es ist kaum rich­tig Nacht gewor­den, da kann man es in den Kel­lern schon äch­zen hören, wenn sie sich mit ver­ein­ten Kräf­ten gegen die schwe­ren Deckel der Tru­hen stem­men, in denen sie auf­ge­ho­ben sind von Fest zu Fest. Man muss sich, sofern man ein Mensch ist, nur im Dezem­ber in Man­hat­tan, Queens oder Brook­lyn am rich­ti­gen Tag zur rich­ti­gen Stun­de vor einen Engel set­zen. Sobald es dun­kel gewor­den ist, setzt man sich hin und war­tet. Man war­tet nicht lan­ge, man war­tet eine Stun­de oder zwei und plötz­lich ist der Engel fort­ge­flo­gen. Nach Süden ist er geflo­gen, oder nach Nor­den, auf kür­zes­tem Weg vor­bei an beben­den Vögeln zur größ­ten Kir­che der Stadt. Dort nimmt der Engel unter Engeln Platz. Über­all sit­zen sie inzwi­schen bis unter die Gewöl­be, auf der Kan­zel, den Bet­stüh­len, den hei­li­gen Figu­ren, auch auf den Mosai­ken des Bodens, den Chö­ren, dem Altar, den Ver­stre­bun­gen der Kreu­ze, den Kno­chen­fi­gu­ren, ja, auf Chris­tus selbst haben sie Platz genom­men. Sie sind alle sehr leicht. Im Grun­de wie­gen sie nichts. Sie sind von der Schwe­re eines Wun­sches und spre­chen in einer von kei­nem For­scher erschlos­se­nen Spra­che. Fröh­li­che Engel­ge­stal­ten, jawohl. Sie lachen, das Lachen der Engel, wie tol­le Fle­der­mäu­se lachen sie, so hell. Dann, kurz nach Mit­ter­nacht ist’s gewor­den, kommt einer der drei gro­ßen Engel, immer kommt nur einer von ihnen und immer kommt er zu spät, wur­de auf­ge­hal­ten im Auf­trag befind­lich, ein­mal ist es Gabri­el, dann Rapha­el, dann Micha­el. Sehr lang­sam, ein Künst­ler des Flie­gens, schwebt er her­ein, nimmt Platz auf den Stu­fen, schlägt die Bei­ne über­ein­an­der und leuch­tet. Ruhig sieht er unter die Ver­samm­lung, wäh­rend er sei­ne gewal­ti­gen Schwin­gen hin­ter dem Rücken fal­tet. Jetzt wer­den die klei­nen Engel andäch­tig und still. Ver­ein­zelt kommt noch ein ver­gess­li­cher Kund­schaf­ter durchs Kir­chen­schiff gerast, da und dort tru­delt ein betrun­ke­nes Feder­we­sen von höhe­rer Stel­le. Ist dann alles schön geord­net, erhebt der Erz­engel sei­ne Stim­me. Es ist ein Sin­gen, ein wun­der­ba­rer Alt­so­pran, eine uner­hört schö­ne Spra­che. Er sagt: Guten Abend, Engel.
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ein kleiner engel

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ulys­ses : 0.03 – Es ist Sonn­tag, aber noch nicht lan­ge. Genau­ge­nom­men ist Sams­tag, aber auch nicht rich­tig Sams­tag, weil ich die­sen Text am Frei­tag, am Abend näm­lich, geschrie­ben, ihn am Sams­tag­mor­gen in mei­ne Word­Press­ma­schi­ne gefüllt und sofort Anwei­sung gege­ben habe, ihn am Sonn­tag kurz nach Mit­ter­nacht sicht­bar wer­den zu las­sen. Es ist also ein merk­wür­di­ger Sonn­tag, ein Sonn­tag der Abwe­sen­heit und der Anwe­sen­heit zur glei­chen Zeit, ein gro­ßes Ver­gnü­gen. Aber eigent­lich woll­te ich rasch eine klei­ne Geschich­te erzäh­len. Ich habe, ganz unglaub­lich, vor einer Stun­de einen klei­nen Engel, den ich seit Tagen ver­miss­te, wie­der­ge­fun­den. Ich stand bei leich­tem Regen mit mei­ner Kame­ra vor einem Karus­sell, weil ich ver­spro­chen hat­te, einen Film vom wär­men­den Dreh­licht auf­zu­neh­men. Plötz­lich saß der klei­ne Engel, wir ken­nen uns schon lan­ge, auf mei­ner Schul­ter, leicht wie eine Mozart­ku­gel. Er woll­te wis­sen, ob er denn auf dem Film, den ich gera­de auf­ge­nom­men hat­te, zu sehen sein wer­de, und ich frag­te natür­lich unver­züg­lich zurück, was er über­haupt hier tun wür­de und ob er sich nicht den­ken kön­ne, dass ich mir Sor­gen gemacht habe wäh­rend der ver­gan­ge­nen Tage. Aber mit Engeln ist das so eine Sache, sie genü­gen sich selbst, machen, was sie wol­len. Sie flie­gen, nur so zum Bei­spiel, mit oder neben einem Karus­sell durch die Luft, weil sie die wei­ten, die gefähr­li­chen Rei­se­rou­ten üben, atlan­ti­sche Stre­cken, sagen wir, vie­le Tage über Was­ser dahin in der Geschwin­dig­keit der Bie­nen. Ich weiß nun, ich ahne, auch dann, wenn sie schla­fen, segeln sie immer­zu wei­ter. – Guten Abend. Guten Mor­gen. Gute Nacht.

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segelohren

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whis­key : 23.33 — Manch­mal, wenn ich nach Wör­tern, Sät­zen, Aus­we­gen suchend durch mei­ne klei­ne Woh­nung spa­zie­re, glau­be ich, auf einem Boden zu han­deln, der nicht fest ist, der schwankt, der schlin­gert. Ich gehe dann sofort anders­her­um, die­sel­be Stre­cke oder ein­mal kurz aus dem Haus rüber zum See, der in die­sen Tagen längst zuge­fro­ren sein müss­te. Das hilft gegen See­krank­heit auf dem Nacht­schiff und alle wei­te­ren Din­ge. — Kurz vor Mit­ter­nacht. Ruhi­ge, ent­spann­te Arbeits­stun­den ste­hen bevor. Ich hat­te seit dem frü­hen Abend eine Fra­ge in mei­nem Kopf so lan­ge ver­geb­lich hin und her bewegt, dass ich sie nun guten Gewis­sens zur Sei­te legen kann. Sie wird wie­der­kom­men. Ich ver­such­te näm­lich zu ver­ste­hen, wes­halb Barack Oba­ma auf den Ein­satz der Land­mi­nen­waf­fen, die ins­be­son­de­re gegen zivi­le Men­schen wir­ken, nicht ver­zich­ten will oder kann. In die­sen Momen­ten der Irri­ta­ti­on, wie­der die Ansicht, wie viel ich nicht weiß, eine Ahnung, die sich nur schwer wei­ter­den­ken lässt. Aber die Her­zen der Tief­see­ele­fan­ten sind mir bekannt, sind ver­traut, kom­men näher und näher wie ihre Ohren, fan­tas­ti­sche Haut­se­gel­flä­chen, die sie sanft über den san­di­gen Boden des Atlan­tiks tra­gen. – Gute Nacht!

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regenschirmtiere vol.2

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tan­go : 22.28 — Seit eini­gen Tagen den­ke ich, sobald ich lese, begeis­tert an Neu­ro­ne, Syn­ap­sen, Axo­ne, weil ich hör­te, dass ich mit­tels Gedan­ken, die Ana­to­mie mei­nes Gehirns zu gestal­ten ver­mag. Vor­hin, zum Bei­spiel, ich folg­te der Ankunft eines Schif­fes in New York im Jah­re 1867, über­leg­te ich, was nun eigent­lich geschieht in die­sem Moment der Lek­tü­re dort oben hin­ter mei­nen lesen­den Augen, ob man ver­zeich­nen könn­te, wie für das Wort M a r y, das in dem Buch immer wie­der auf­ge­ru­fen wird, fri­sche Fäd­chen gezo­gen wer­den, indem sich das Wort schritt­wei­se mit einer unheim­li­chen Geschich­te ver­bin­det. Oder der Regen, der Regen, was geschieht, wenn ich schla­fend, Stun­de um Stun­de, Geräu­sche fal­len­den Was­sers ver­neh­me? In der ver­gan­ge­nen Nacht jeden­falls habe ich wie­der ein­mal von Regen­schirm­tie­ren geträumt, sie schei­nen sich fest ein­ge­schrie­ben zu haben in mei­nen Kopf, viel­leicht des­halb, weil ich sie schon ein­mal nacht­wärts gedacht und einen klei­nen Text notiert hat­te, der wie­der­um in mei­nem Gehirn zu einem blei­ben­den Schat­ten gewor­den ist. Natür­lich besuch­te ich mei­nen Schat­ten­text und erkann­te ihn wie­der. Trotz­dem das Gefühl, Gedan­ken einer fer­nen Per­son wahr­ge­nom­men zu haben. Die Geschich­te geht so: Von Regen­schirm­tie­ren geträumt. Die Luft im Traum war hell vom Was­ser, und ich wun­der­te mich, wie ich so durch die Stadt ging, bei­de Hän­de frei, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spa­zier­te. Als ich an einer Ampel war­ten muss­te, betrach­te­te ich mei­nen Regen­schirm genau­er und ich staun­te, nie zuvor hat­te ich eine Erfin­dung die­ser Art zu Gesicht bekom­men. Ich konn­te dunk­le Haut erken­nen, die zwi­schen bleich schim­mern­den Kno­chen auf­ge­spannt war, Haut, ja, die Flug­haut der Abend­seg­ler. Sie war durch­blu­tet und so dünn, dass die Rinn­sa­le des abflie­ßen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minu­te, da ich mei­nen Schirm betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, er wür­de sich mit einem wei­te­ren Schirm unter­hal­ten, der sich in nächs­ter Nähe befand. Er voll­zog leicht schau­keln­de Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­bar­schirms ähnel­te. Dann wach­te ich auf. Es reg­ne­te noch immer. Jetzt sit­ze ich seit bald einer hal­ben Stun­de mit einer Tas­se Kaf­fee vor mei­nem Schreib­tisch und über­le­ge, wie mein geträum­ter Regen­schirm sich in der Luft hal­ten konn­te. Ob er wohl über Augen ver­füg­te und über ein Gehirn viel­leicht und wo genau moch­te die­ses Gehirn in der Ana­to­mie des schwe­ben­den Schirms sich auf­ge­hal­ten haben. — stop
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central park

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tan­go : 0.10 – Man lässt sich abends trei­ben, sitzt mit Schreib­ma­schi­ne auf dem Sofa, schaut Regen zu, liest da einen Satz und dort einen Satz, und war­tet dar­auf, dass sich der Kopf end­lich ent­fal­ten möge. — Ein­mal such­te ich nach Spu­ren zwei­er Eich­hörn­chen, nach Bil­ly, nach Fran­kie, und lan­de­te im Cen­tral Park im Win­ter, und zwar im Jah­re 1902. Genau genom­men lan­de­te ich in einem magi­schen Film, der von Mit­ar­bei­tern der Tho­mas Alpha Edi­son Inc. bei Eis und Schnee auf­ge­nom­men wor­den war. Ich stell­te mir vor, wie die Käl­te das Öl der Kame­ra­kur­bel fes­ter wer­den ließ, sodass ein Pfei­fen zu hören gewe­sen sein könn­te und der Kame­ra­mann frös­tel­te. Ja, so genau muss das gewe­sen sein, wes­we­gen der klei­ne Film, fest­ge­hal­ten in einer Zeit lan­ge vor mei­ner Zeit, auch heu­te noch zu beben scheint. Ich muss ihn noch fin­den. — stop

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ohrensegel

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whis­key : 0.01 – Gespräch mit einer klei­nen Phi­lo­so­phin am frü­hen Abend in einer Stra­ßen­bahn, wes­we­gen ich nun für den Rest mei­nes Lebens gerührt sein wer­de von einem ihrer Gedan­ken, der mir zu erklä­ren ver­such­te, wes­we­gen ihre Ohren etwas grö­ßer sei­en als die Ohren ihrer bes­ten Freun­din. Das wäre näm­lich so, dass ihre Ohren des­halb grö­ßer sei­en, weil sie viel weni­ger spre­chen wür­de als ihre Freun­din übli­cher­wei­se. Ich kann, fuhr sie fort, mit mei­nen Ohren sogar mei­ne eige­ne Stim­me hören, obwohl ich gar nichts sage. Blin­de segel­ten durch die Luft. — stop
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srebrenica

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marim­ba : 14.05 – Zur Zeit unse­rer ers­ten Begeg­nung war Anisha zwan­zig Jah­re alt gewe­sen, hat­te gera­de ihr Medi­zin­stu­di­um auf­ge­nom­men und ging gern spa­zie­ren, wäh­rend ich Fra­gen stell­te, zum Bei­spiel, ob es für sie, eine Mus­li­ma, nicht schwie­rig sei, mensch­li­che Kör­per zu zer­glie­dern. Ich erin­ne­re mich, auch im Prä­pa­rier­saal lief sie gern her­um, immer­zu muss­te ich nach ihr suchen und ich such­te gern, weil sie oft fein­sin­ni­ge Gedan­ken in mein klei­nes Ton­band­ge­rät dik­tier­te. Ein­mal stan­den wir in einem Waren­haus vor Fern­seh­ge­rä­ten. Ein Doku­men­tar­film wur­de gezeigt, Sre­bre­ni­ca, wie die Bür­ger der Stadt an ser­bi­sche Trup­pen aus­ge­lie­fert wur­den. Eine Wei­le schau­te Anisha schwei­gend zu. Dann erzähl­te sie in kur­zen Sät­zen eine schwer­wie­gen­de Geschich­te. Das digi­ta­le Auf­nah­me­ge­rät lief wei­ter, wäh­rend ich ihr zuhör­te, wes­we­gen ich ihre Stim­me bald dar­auf mit mir neh­men konn­te, und ich notier­te ihre Bemer­kun­gen so genau wie mög­lich. Ges­tern Abend nun las ich Anisha per­sön­lich vor, was ich damals ein­ge­fan­gen hat­te. Ein selt­sa­mer Moment. Der Ein­druck, dass erst jetzt, sehr viel spä­ter, mit jedem gele­se­nen Wort mein Text authen­tisch wur­de. Die Geschich­te geht so: Stell Dir Män­ner vor, die Apri­ko­sen­bäu­me rau­chen. Wenn Abend wird, zün­den wir Ker­zen an, die wir aus dem Öl der Fisch­kon­ser­ven fabri­zie­ren. Und dann ist Nacht. Mut­ter steht am Fens­ter. Und dann ist Mor­gen und die schwe­ren Män­tel, die wir als Nacht­hem­den tra­gen, sind kalt gewor­den. Anstatt der Häh­ne unse­res Dor­fes, die wir längst gefres­sen haben, krä­hen uns Schüs­se an. Ich sehe die dür­ren Fin­ger mei­nes Vaters, die in sei­nem Gesicht nach Aus­we­gen gra­ben. Sie kom­men über eine graue Woll­de­cke spa­ziert und put­zen mir den Ruß von der Nase. Mut­ter steht immer noch am Fens­ter. Sie summt vor sich hin. Und dann gehen wir fort. Ich tra­ge einen Kof­fer, der groß ist wie ich. Auf einer Wie­se bren­nen Kühe.
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zwei erfinder

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fox­trott

~ : louis
to : Mr. sami tupavuari
sub­ject : penelope

Sehr geehr­ter Herr Tupa­vua­ri! Guten Abend! Ich hei­ße Lou­is. Sie wer­den mich nicht ken­nen. Ich hör­te, Sie sol­len ein Geräu­sch­wort­er­fin­der sein. Bis vor Kur­zem wuss­te ich nicht, dass Men­schen wie Sie exis­tie­ren. Umso glück­li­cher fühl­te ich mich, als mir ein Freund von ihren Fähig­kei­ten berich­te­te. Ich wen­de mich nun mit einer drin­gen­den Bit­te an Sie. Es geht dar­um, dass ich Ihnen von Pene­lo­pe zu erzäh­len wün­sche, einer sehr beson­de­ren Per­son, einer Frau, die in der Lage ist, Fin­ger in der Art und Wei­se der Eidech­sen von sich zu wer­fen. Sie wer­den sich viel­leicht wun­dern, wie so etwas mög­lich ist. Glau­ben Sie mir, auch ich wun­de­re mich von früh bis spät über die­ses fas­zi­nie­ren­de Geschöpf. Rei­ne Erfin­dung und doch schon ein drin­gen­der Fall. Sie müs­sen wis­sen, ich kom­me nicht wei­ter, weil ich ein Wort ent­beh­re, das mir nicht ein­fal­len will, ein Wort, eine Laut­schrift, die ein Geräusch wie­der­ge­ben oder dar­stel­len könn­te, das in genau jenem Moment ent­steht, wenn sich ein Fin­ger Pene­lo­pes von ihrem Kör­per löst. Ein Wort müss­te das sein, wel­ches von Haut und Kno­chen ist, ein leich­tes, win­di­ges, sanf­tes, erstaun­li­ches Wort. Wie uner­mess­lich dank­bar wäre ich Ihnen, lie­ber Herr Tupa­vua­ri, wenn Sie mir wei­ter­hel­fen, wenn sie sofort Ihre Arbeit auf­neh­men könn­ten. Ich fra­ge Sie nun in aller Eile: Was wür­de ein Wort, wie das gewünsch­te Wort, in etwa kos­ten? Mit bes­ten Grü­ßen – Ihr Louis

gesen­det am
28.09.2009
23.58 MESZ
1405 zeichen

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sprechgeräusche

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gink­go : 2.15 – Etwas Selt­sa­mes ist gesche­hen. Bin ges­tern Abend im Gar­ten ein­ge­schla­fen, obwohl ich in einem äußerst span­nen­den Buch geblät­tert hat­te. Viel­leicht war’s die schwe­re, war­me Luft oder eine schlaf­lo­se Nacht der ver­gan­ge­nen Jah­re, die rasch noch nach­ge­holt wer­den muss­te. So oder so schlief ich eine Stun­de tief und fest im Gras und wäre ver­mut­lich bis zum frü­hen Mor­gen hin in die­ser Wei­se anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gele­gen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­deln­den Amei­se geweckt wor­den wäre. Kaum hat­te ich die Augen geöff­net, war ich schon mit einer Fra­ge beschäf­tigt, die ich erst weni­ge Stun­den zuvor ent­deckt hat­te, mit der Fra­ge näm­lich, wie Tief­see­ele­fan­ten hören, was sie mit­ein­an­der spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüs­sel sehr weit von ihren Ohren ent­fernt jen­seits der Was­ser­ober­flä­che zur Welt kom­men und rasch in alle Him­mels­rich­tun­gen ver­schwin­den. Eine dif­fi­zi­le Fra­ge, eine Fra­ge, auf die ich bis­her viel­leicht des­halb kei­ne Ant­wort gefun­den habe, weil ich eine Ant­wort nur im Schlaf fin­den kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Fan­gen wir an. – stop – Drei Uhr und zwölf Minu­ten in Isfa­han, Iran. – stop
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