Aus der Wörtersammlung: alt

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stimmen

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ulys­ses : 4.02 — Manch­mal, in letz­ter Zeit, ver­mag ich mir Stim­men vor­zu­stel­len, die ich nicht ken­ne oder wie­der­erken­ne. Stim­men, die ich mög­li­cher­wei­se  noch nie zuvor im wirk­li­chen Leben wahr­ge­nom­men habe, höre ich deut­lich. Das ist merk­wür­dig viel­leicht, weil ich bis­lang ver­mu­te­te, in mei­ner Vor­stel­lungs­kraft wür­den nur Stim­men auf­ge­ru­fen, sofern ich ein bekann­tes oder ver­trau­tes Gesicht zur Stim­me fin­den kann. Das Gesicht muss zunächst anwe­send sein, dann kann die Stim­me mit einem Satz, einem Wort oder einem Lachen fol­gen. Nun aber Stim­men, die mir fremd sind, Stim­men, die ich erfin­de, gemisch­te Stim­men oder altern­de Stim­men. – stop

polaroidtanz

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im garten

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ulys­ses : 2.28 — Um mir eine Freu­de zu machen, gehe ich nachts noch in den Gar­ten. Grü­ne Fal­ter mit hauch­dün­nen Flü­geln sind unter­wegs im Dun­keln. Eigent­lich kön­nen sie über­haupt nicht flie­gen, wie sie wol­len, son­dern wer­den von feins­ten Strö­mun­gen der Luft diri­giert. Kaum habe ich mei­nen Mund geöff­net, liegt ein flat­tern­der Kör­per auf der Zun­ge. Sie schme­cken bit­ter und sie weh­ren sich tap­fer. Die­se Flie­gen also, und die­se Nacht, ster­nen­klar. Ich ste­he ganz still, höre einem Flug­zeug zu, das süd­wärts fliegt. Ich war­te. Plötz­lich ist im Gar­ten jen­seits des Zau­nes ein Geräusch zu hören. Ein Mann geht gebückt unter Bäu­men. Es raschelt. Ich ken­ne die­sen Mann, ich ken­ne ihn nicht gut, aber ich weiß, dass er bald eine Taschen­lam­pe zücken und in die Knie gehen wird. Er spricht dann, aber so lei­se, dass ich nichts von den Wör­tern hören kann, nicht ein­mal kann ich sicher sein, dass er Wör­ter spricht, viel­leicht singt er nur vor sich hin, singt, wäh­rend er mit einer Taschen­lam­pe Grä­ser beleuch­tet. Noch vor weni­gen Tagen habe ich mich über den Mann gewun­dert. In die­ser Nacht wun­de­re ich mich nicht. Ich habe erfah­ren, dass der Mann sich bückt, mit sei­nem Licht, um nach Schne­cken zu suchen. Ich stell­te mir vor, der Mann wür­de sei­ne Beu­te in eine sei­ner Hosen­ta­sche ste­cken. Aber so ist das ganz und gar nicht. Sobald der Mann eine Schne­cke fin­det, zückt er im Licht der Taschen­lam­pe eine Sche­re und schnei­det die Schne­cke in zwei Tei­le, sodass sie sich nicht mehr bewe­gen kann, weil sie tot ist. Ein laut­lo­ser Vor­gang, so laut­los, dass ich ihn lan­ge Zeit nicht bemerk­te, ja, viel­leicht nie­mals bemerkt haben wür­de, hät­te ich nicht von dem selt­sa­men Ver­hal­ten des Man­nes erzählt. Nun weiß ich, war­um er sich bückt. Noch zehn Minu­ten, dann geht er wie­der ins Haus zurück und auch ich wer­de nicht mehr da sein. — stop

ping

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geschichte von einem chinareisenden

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oli­mam­bo : 0.28 — Alles fing damit an, dass M. ein beson­de­res Schul­heft, wel­ches sich sei­ne Toch­ter wünsch­te, nicht bezah­len konn­te. In die­ser Sekun­de, da er die Ent­täu­schung in den Augen des Kin­des wahr­neh­men muss­te, ent­schloss sich der Vater zu han­deln. Er ran­gier­te sein klei­nes Auto aus der Gara­ge, roll­te Ersatz­rei­fen und Fahr­rä­der in den Gar­ten, feg­te Blät­ter und Papie­re auf die Stra­ße, ent­fern­te Ölfle­cken und Spin­nen­net­ze, dann begann er zu spa­ren. Er spar­te so sehr, dass er mager wur­de. Manch­mal besuch­te er abends nach der Arbeit sei­ne Gara­ge und stell­te sich vor, mit welch wun­der­ba­ren Waren er sie bald fül­len wür­de. Als er lan­ge genug gespart hat­te, 12 Mona­te und drei Wochen, setz­te er sich in ein Flug­zeug und reis­te nach Chi­na. Es war ein Aben­teu­er, er konn­te weder Chi­ne­sisch und noch Eng­lisch, er konn­te nur die tür­ki­sche und ein wenig die deut­sche Spra­che. Am Flug­ha­fen wur­de er abge­holt von einem Lands­mann, den er seit sehr lan­ger Zeit kann­te. Sie fuh­ren aus der Stadt Peking her­aus nord­wärts nach Yanging, dort besuch­ten sie eine Fabrik, die DVD-Schei­ben pro­du­zier­te, sie war groß wie eine klei­ne Stadt. Zwei Tage blieb M. noch in Peking, er besuch­te den Platz des himm­li­schen Frie­dens, dann flog er zurück nach Euro­pa. Vier wei­te­re Mona­te spä­ter lan­de­te ein Con­tai­ner im Ham­bur­ger Hafen an. Ein­hun­dert­tau­send DVD-Schei­ben, unbe­spielt, waren im Con­tai­ner ent­hal­ten. Zu die­sem Zeit­punkt ist das Ende der Geschich­te, einer wah­ren Geschich­te, noch voll­stän­dig offen. stop. Zwei Uhr acht­und­zwan­zig in Gaza City. – stop

polaroidbadende1

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am karibasee

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alpha : 20.22 — Nadi­ne Gor­di­mer erzähl­te vor weni­gen Tagen in einem Fern­seh­ge­spräch, man habe vor lan­ger Zeit ihren Roman Burger’s Daugh­ter auf gehei­men Wegen zu Nel­son Man­de­la ins Gefäng­nis geschmug­gelt. Auf den­sel­ben gehei­men Wegen sei ihr kurz dar­auf ein per­sön­li­cher Brief Nel­son Man­de­las über­mit­telt wor­den, zeit­le­bens ein kost­ba­res Doku­ment. Ich hör­te Nadi­ne Gordimer’s hel­le Stim­me zum ers­ten Mal. Wäh­rend ich lausch­te und ihr anmu­ti­ges Gesicht betrach­te­te, erin­ner­te ich mich an den ers­ten Moment, da ich vor Jah­ren die Lek­tü­re einer ihrer Erzäh­lun­gen auf­ge­nom­men hat­te, Some­thing out The­re. Ich folg­te damals nach weni­gen Sät­zen dem Wunsch, in der digi­ta­len Sphä­re eine Foto­gra­fie des Kari­ba­sees zu suchen, weil Nadi­ne Gor­di­mer vom künst­li­chen Gewäs­ser in der Savan­nen­land­schaft erzähl­te, von Ele­fan­ten gleich­wohl, die sich in sei­ne Flu­ten stürz­ten, um uralten Wan­der­rou­ten zu fol­gen. — Was hat­ten die ertrin­ken­den Tie­re dort unter dem Was­ser­spie­gel gese­hen? — Wovon hat­ten sie gehört in ihrer letz­ten Lebens­se­kun­de? — Ich las von der Tie­fe des Sees, von Fischen, die in ihm leben sol­len, von der Luft­feuch­tig­keit und vom Gewicht der Ele­fan­ten­kör­per, von der Bio­dich­te ihrer Kör­per und von Kul­tu­ren in See­nä­he sie­deln­der Men­schen. Und wäh­rend ich so vor mich hin stu­dier­te, von Sei­te zu Sei­te, von Link zu Link, ver­ging eine Stun­de Zeit. Plötz­lich erin­ner­te ich mich an das Buch, das ich neben mir abge­legt hat­te, und setz­te mei­ne Lek­tü­re fort. — Heu­te ist Nadi­ne Gor­di­mer gestor­ben. — stop

ping

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mohn

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del­ta : 4.02 — In einem Brief, von dem ich berich­ten darf, erzählt M. von der kur­di­schen Land­schaft, in der sie groß gewor­den war, eine kar­ge Gegend, Gebir­ge. Ich ken­ne den Namen der klei­nen Stadt, in der M. die höhe­re Schu­le besuch­te, ja, ich ken­ne den Namen die­ser Stadt mit ihren brau­nen und grau­en Häu­sern. Ich darf den Schnee beschrei­ben, den Schnee, der Meter hoch in den Dör­fern lag, aber nicht den Namen der Dör­fer selbst, oder den Namen der Stadt, die zwei Fuß­stun­den ent­fernt von M.s Hei­mat­dorf am Fuße eines Ber­ges liegt, der so hoch in den Him­mel ragt, dass manch­mal der Schnee auf sei­nen Gip­fel­hän­gen über den Som­mer hin lie­gen bleibt. Wie lang der Tag sein kann, wenn man allein ist, schreibt M. Wenn ihr schwer sei, spie­le sie mit Stei­nen, die sie gegen eine Wand ihres Zim­mers wer­fe, es ist ein Kin­der­spiel, und die Stei­ne sind so alt wie M. selbst. Sie erin­nert sich, dass ihre Brü­der im Som­mer, man konn­te den Schnee auf dem hohen Berg in der Nähe leuch­ten sehen, auf einer Wie­se über dem Dorf Fuß­ball spiel­ten. Es war ein stark geneig­tes Spiel­feld, man spiel­te berg­auf oder man spiel­te berg­ab. Die jun­gen Män­ner hat­ten zum Tal hin einen Stein­wall errich­tet, um den Ball dar­an zu hin­dern, ins Tal zu rol­len. Jetzt, schreibt M., sei die Wie­se wie­der eine Wie­se ohne Tore. Im Früh­ling wächst auf der Wie­se Mohn, dass alles ganz rot ist. Von den Brü­dern lebt nur noch einer, von dem nie­mand weiß, wo er sich befin­det. — stop
ping

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mailand

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ulys­ses : 6.56 — Die fol­gen­de Nach­richt ist selbst­ver­ständ­lich Wort für Wort erfun­den. Auch Satz­zei­chen, die in der erfun­de­nen Nach­richt ent­hal­ten sein wer­den, sind ver­mut­lich nicht authen­tisch. Wenn Sie also von erfun­de­nen Nach­rich­ten nichts hal­ten, soll­ten Sie nicht wei­ter­le­sen. Hier beginnt es sofort, bereits der nächs­te Satz wird erfun­den sein, die gan­ze Geschich­te, die sich im geschäf­ti­gen Mai­land gegen­wär­tig in der Sta­zio­ne Cen­tra­le ereig­net. Zwei­hun­dert sehr beson­de­re Zwerg­baumm­äu­se sol­len auf einem Labor­trans­port befind­lich aus dem Besitz der städ­ti­schen Uni­ver­si­tät ent­kom­men sein. Wenn ich das spe­zi­el­le Ver­mö­gen die­ser flüch­ti­gen Mäu­se beschrei­ben woll­te, müss­te ich sie zunächst als fun­ken­de Zwerg­baumm­äu­se oder schlicht als Funk­baumm­äu­se bezeich­nen. Sie fun­ken tat­säch­lich, sind, prä­zi­se for­mu­liert, in der Lage, mit­tels einer tech­ni­schen Erwei­te­rung ihres Gehirns, Not­ruf­zen­tra­len von Poli­zei und Ambu­lanz anzu­wäh­len. Das machen sie gern, ohne jedoch mit einer der ange­wähl­ten Stel­len je zu kom­mu­ni­zie­ren. Sie schwei­gen statt­des­sen oder piep­sen voll­stän­dig unhör­bar. Ver­mut­lich haben sie von ihren Tele­fon­an­ru­fen per­sön­lich kei­ne Kennt­nis, immer dann, wenn sie rechts­her­um im Krei­se tan­zen, sen­den sie ihren Code, weil sie nicht anders kön­nen. Man möch­te sie nun gern zum Schwei­gen brin­gen, man rück­te ihnen mit süßen Gif­ten, die sie nicht zu sich nah­men, und Blas­roh­ren zu Lei­be. Umsonst. Jetzt war­tet man dar­auf, dass sie bald alt wer­den und ster­ben, viel­leicht in einem Monat schon wer­den sie aus­rei­chend alt gewor­den sein, nie­mand weiß das genau zu sagen. Noch immer sind sie schnell, ihr Fell ist sei­dig, es schim­mert röt­lich, und ihre Augen sind von einem vor­neh­men Blau, sie fun­keln, manch­mal leuch­ten sie rot. Auf den Köp­fen der Zwerg­baumm­äu­se wach­sen wie­der Haa­re, die noch sei­di­ger sind als die Haa­re ihres Bau­ches oder ihres Rückens. Die Stirn krönt eine Aus­buch­tung, nicht grö­ßer als eine Steck­na­del. Wenn man sie so sieht, möch­te man sie gern in die Hand neh­men und behut­sam schüt­teln. — stop

ping

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zola jackson

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marim­ba : 3.25 — Leich­ter, gnä­di­ger Regen heu­te Nacht. Gegen zwei Uhr neh­me ich Gil­les Leroys Roman Zola Jack­son zur Hand. Ich schaue auf die Uhr, fan­ge an zur vol­len Stun­de, ver­su­che so vie­le Sei­ten des Buches zu lesen in die­ser kom­men­den Stun­de wie mög­lich, ohne auf Gefüh­le, die Wör­ter erzeu­gen könn­ten, ver­zich­ten zu müs­sen. Um drei Uhr lege ich das Buch zur Sei­te. Drei Fal­ter sind in die Woh­nung vor­ge­drun­gen. Ich weiß nicht wes­halb, ich mei­ne in ihren pelz­ar­ti­gen Erschei­nun­gen ver­klei­de­te Wesen erken­nen zu kön­nen. Wenn ich einen Gedan­ken, der viel­leicht selt­sam ist, der Erfin­dung sein könn­te, lan­ge genug betrach­te, ver­mag ich die Kon­se­quen­zen die­ses Gedan­kens wahr­zu­neh­men, als wäre die Erfin­dung tat­säch­lich vor mir in der Luft, und flat­ter­te her­um, und such­te an den Wän­den mei­nes Zim­mers nach einem Aus­gang in den Tag, der nie­mals exis­tier­te. — stop
polaroidlungen

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kollibry

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echo : 5.55 — Im ver­gan­ge­nen Novem­ber ver­leg­te ich eine Nach­richt, die mir per E‑Mail zuge­stellt wor­den war. Ver­mut­lich hat­te ich ihre Exis­tenz bereits nach weni­gen Stun­den ver­ges­sen, sodass ihr Sen­der ver­geb­lich auf eine Ant­wort war­te­te. Heu­te Nacht habe ich sie glück­li­cher­wei­se wie­der ent­deckt. Es war damals etwas Bedeu­ten­des gesche­hen. L. hat­te ein Note­book geschenkt bekom­men, das ers­te Note­book sei­nes Lebens. Es war kein neu­es, es war ein gebrauch­tes Gerät, aber noch in einem guten Zustand, kaum ein Krat­zer am sil­ber­grau­en Gehäu­se, sei­ne Tas­ten funk­tio­nier­ten tadel­los, und die Pro­gram­me des Betriebs­sys­tems waren her­vor­ra­gend sor­tiert. Ein erns­tes Pro­blem stell­te aller­dings eine Buch­sta­ben­ma­schi­ne dar, prä­zi­se die Kor­rek­tur­rou­ti­ne eines Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramms, wel­ches vom Vor­be­sit­zer des Note­books jah­re­lang inten­siv ver­wen­det wor­den sein muss­te. Das klei­ne Zusatz­pro­gramm konn­te nicht aus­ge­schalt wer­den, was ange­nehm gewe­sen wäre. Zahl­rei­che feh­ler­haf­te Wör­ter waren in sei­ne tie­fen Spei­cher gewan­dert, und so web­te das Pro­gramm, wäh­rend L. mit sei­ner Hil­fe notier­te, Vor­schlä­ge in gera­de eben ent­ste­hen­de Tex­te, bei­spiels­wei­se anstatt des Wor­tes Koli­bri das Wort Kol­li­bry, was schließ­lich zu äußerst erstaun­li­chen Befun­den führ­te. L. glaub­te bald, sehr ernst­haft krank gewor­den zu sein. Er bat mich um Unter­stüt­zung, er wol­le den Spei­cher der Wort­miss­bil­dun­gen unver­züg­lich aus­ra­die­ren. – Es ist kurz vor drei Uhr. Ver­mut­lich kom­me ich mit mei­nen Hin­wei­sen viel zu spät, das ist denk­bar, sogar wahr­schein­lich, dass ich viel zu spät sein wer­de. Machen wir uns trotz­dem sofort auf die Suche nach einer Lösung. Gewit­ter­stim­mung vor den Fens­tern, Flie­gen, Blit­ze, aber kein Don­ner, viel­leicht eine Art Wet­ter­leuch­ten, gran­dio­se, aus dem Him­mel stür­zen­de Bäu­me von Licht. – stop

polaroidglobus

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frau blum

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del­ta : 5.08 — In der Biblio­thek ent­deck­te ich vor eini­ger Zeit einen Zet­tel. Der Zet­tel steck­te in einem Buch, das ich ent­lie­hen hat­te, um nach einer Geschich­te zu suchen, die ich viel­leicht schon ein­mal gele­sen haben könn­te vor vie­len Jah­ren. Es war eine Geschich­te, die von einem Gespräch erzählt, wel­ches Frau Blum mit ihrem Milch­mann führ­te, in dem sie dem Milch­mann Bot­schaf­ten sen­de­te, ein Ver­hal­ten, das not­wen­dig gewe­sen war, weil Frau Blum übli­cher­wei­se schlief, wenn der Milch­mann früh­mor­gens das Haus besuch­te, in dem sie wohn­te. Die­se Geschich­te, ein wun­der­ba­res Stück, hat Peter Bich­sel geschrie­ben, eine gan­ze Welt scheint in ihr ent­hal­ten zu sein, obwohl sie so kurz ist, drei Sei­ten, dass man sie von einer Sta­ti­on zur nächs­ten Sta­ti­on in einer Stra­ßen­bahn rei­send Wort für Wort zu Ende lesen könn­te. Ich erin­ne­re mich, das Buch lag weich in mei­ner Hand, es war etwas schmut­zig, zer­le­sen, auf sei­ner Rück­sei­te waren eini­ge dut­zend Stem­pel­auf­trä­ge zu fin­den, so wie man das frü­her noch mach­te, Bücher mit Rück­ga­be­ter­mi­nen zu ver­se­hen, so dass jeder sehen konn­te, wie oft das Buch bereits gele­sen wor­den war. Die­ses Buch, von dem ich gera­de erzäh­le, war seit über zwan­zig Jah­ren nicht mehr aus­ge­lie­hen wor­den. Ich stell­te mir vor, dass das Bänd­chen viel­leicht hin­ter eine der Bücher­rei­hen gerutscht sein könn­te, wes­we­gen es lan­ge Zeit nicht gefun­den wer­den konn­te. Ver­mut­lich war das Buch längst ver­lo­ren gemel­det, so dass ich ein Buch­ex­em­plar in Hän­den hielt, das in den Ver­zeich­nis­sen der Biblio­thek nicht län­ger exis­tier­te. Ander­seits scheint es mög­lich zu sein, dass das Buch ver­steckt wor­den sein könn­te. Viel­leicht war es von genau jener Per­son ver­steckt wor­den, die den Zet­tel in das Buch gelegt hat­te, eine Per­son, die mög­li­cher­wei­se bereits gestor­ben ist. Das alles ist natür­lich rei­ne Spe­ku­la­ti­on, allein die Exis­tenz des Zet­tels ist sicher. Dort war in blau­er, akku­ra­ter Schrift zu lesen: Wie man einen Ver­merk schreibt, um sich an gele­se­ne Geschich­ten erin­nern zu kön­nen. – stop
ping

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gallipoli : melissano : ugento

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marim­ba : 2.10 — Lino­sa erzähl­te mir eine Geschich­te, von der ich nicht sagen kann, ob sie sich tat­säch­lich so ereig­ne­te wie behaup­tet, oder ob die Geschich­te rein erfun­den sein könn­te. Seit eini­gen Mona­ten erhal­te er näm­lich täg­lich einen Luft­post­brief aus Ita­li­en. In dem Brief sei jeweils ein beid­sei­tig bedruck­tes Blatt Papier ent­hal­ten, Text in eng­li­scher Spra­che, num­me­riert, fei­ne, prä­zi­se for­mu­lier­te Sät­ze. Er habe, so berich­te­te Lino­sa, eini­ge die­ser Sät­ze in die Mas­ke einer Such­ma­schi­ne ein­ge­ge­ben, wes­halb ihm nun bekannt sei, dass es sich wohl um ein zer­leg­tes Buch han­deln könn­te, das man ihm schi­cken wür­de, um Her­man Mel­vil­les Erzäh­lung Bart­le­by. Das sei für sich genom­men schon eine selt­sa­me Ange­le­gen­heit, noch merk­wür­di­ger kom­me ihm aber vor, dass dem Schrei­ben bis­her kei­ne Erklä­rung, Begrün­dung oder auch nur ein Gruß bei­gefügt wor­den sei. Manch­mal kön­ne er mit­hil­fe des pos­ta­li­schen Stem­pels ent­zif­fern, in wel­cher Stadt der Brief Tage zuvor auf­ge­ge­ben wur­de. Städ­te mit wun­der­vol­len Namen, Gal­li­po­li, Melis­s­a­no, Ugen­to, Lec­ce, Brin­di­si, sei­en dar­un­ter. Wäh­rend er sich in den ers­ten Tagen noch gewun­dert, ja sogar ein wenig gefürch­tet habe, wür­de er sich inzwi­schen dar­über freu­en, nach­mit­tags aus dem 12. Stock sei­nes Miets­hau­ses zum Brief­kas­ten hin abzu­stei­gen, um den Brief ent­neh­men, öff­nen und wie­der im Auf­stieg befind­lich lesen zu kön­nen. 34 Brie­fe habe er bis­lang erhal­ten, 16 wei­te­re Brie­fe soll­ten noch fol­gen, sofern der unbe­kann­te Absen­der in logi­scher Wei­se fort­set­zen wür­de. Der letz­te Brief, der ges­tern aus Fasa­no kom­mend, bei Mr. Lino­sa ein­ge­trof­fen war, soll eine beson­de­re Brief­mar­ke auf sei­ner Anschrif­ten­sei­te getra­gen haben, acht Ren­tie­re, die in einen ver­schnei­ten Him­mel flie­gen. Die­se Brief­mar­ke leuch­te nachts in der Küche im Dun­keln, wo sie nun auf dem Sta­pel zuvor ein­ge­trof­fe­ner Brie­fe so lan­ge sicht­bar ruhen wer­den, bis wie­der Nach­mit­tag gewor­den sein wird. — stop

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