echo : 0.02 — Ich träumte von einem roten Briefkasten. Als ich ihn öffnete, entdeckte ich weitere Briefkästen, rot wie der Briefkasten, der sie verwahrte. Es waren ungefähr zwölf Briefkästen in der Höhe und zwölf Briefkästen in der Breite. Als ich einen dieser kleinen Briefkästen besichtigte, waren in ihm zwölf Briefkästen in der Breite und zwölf Briefkästen in der Länge zu beobachten. In diesem Moment beschloss ich, in der Erkundung der Briefkästen nicht weiter fortzufahren. Ich erwachte und war zufrieden. – stop

Aus der Wörtersammlung: ast
im museum
tango : 2.12 — Auf der Suche nach Texten, die das Wesen der Briefmarkensammler beschreiben, entdeckte ich eine wundervolle Beobachtung der Schriftstellerin Dubravka Ugresic. Sie notiert: Im Berliner Zoologischen Garten steht neben dem Bassin mit einem Seeelefanten eine ungewöhnliche Vitrine. Hier liegen unter Glas die im Magen des See-Elefanten Roland gefundenen Gegenstände, nachdem dieser am 21. August 1961 verendet war, und zwar: Ein rosa Feuerzeug, vier Eisstiele (Holz), eine Metallbrosche in Gestalt eines Pudels, ein Flaschenöffner, ein Damenarmband (Silber?), eine Haarspange, ein Bleistift, eine Wasserpistole aus Plastik, ein Plastikmesser, eine Sonnenbrille, ein Kettchen, eine kleinere Metallfeder, ein Gummireifen, ein Spielzeugfalschirm, eine Eisenkette, (ca. 40 cm lang), vier lange Nägel, ein grünes Plastikauto, ein Metallkamm, ein Püppchen, eine Bierdose (Pilsener, 0,33 l), eine Streichholzschachtel, ein Kinderpantoffel, ein Kompaß, ein Autoschlüssel, vier Münzen, ein Taschenmesser mit Holzgriff, ein Schnuller, ein Bund mit Schlüsseln (5 St.), ein Vorhängeschloß, ein Plastiketui mit Nähzeug. / aus: Das Museum der bedingungslosen Kapitulation. — stop

von den zwergseerosen
nordpol : 1.58 — Als ich R. fragte, wie häufig sie ihren Briefkasten besuchen würde, um nachzusehen, ob vielleicht Post für sie eingetroffen sei, dachte ich an Ágota Kristóf, die in einer Geschichte notierte: Meinen Briefkasten gehe ich zweimal täglich leeren. Um elf Uhr morgens und um siebzehn Uhr abends. Der Briefträger kommt normalerweise früher vorbei, morgens zwischen neun und elf, das ist sehr unregelmäßig, und nachmittags gegen sechzehn Uhr. Ich gehe immer so spät wie möglich nachsehen, um sicher zu sein, dass er schon dagewesen ist, sonst würde der leere Briefkasten falsche Hoffnungen in mir wecken und ich würde mir sagen: „Vielleicht war er noch nicht da“, und dann müsste ich später noch mal runtergehen. — R. hörte zu. Kurz darauf erzählte sie, dass sie persönlich überhaupt keinen wirklichen Briefkasten haben würde, aber ein Postfach, und dieses Postfach besuche sie nur einmal in der Woche, weil es für tägliche Besuche viel zu weit entfernt sei, sie müsse durch die halbe Stadt fahren, um ihr Postfach zu erreichen, das sei genau so geplant, ein Postfach in großer Entfernung. Auch E‑Mail würde sie nicht mehr beantworten, oder nur selten, man könne ihr zwar schreiben, aber man dürfe nicht erwarten, dass man eine wirkliche Antwort erhalten würde, immerhin empfange man eine Notiz sofort, nachdem man ihr geschrieben habe, die erwähne, niemand könne sicher sein, dass sie die gerade gesendete Nachricht jemals lesen würde, es sei aber immerhin möglich. Als ich R. zum letzten Mal sah, hatte sie gerade erfolgreich den Versuch unternommen, Zwergseerosen auf dem Rücken ihres rechten Unterarmes anzusiedeln. Das war im Herbst des vergangenen Jahres gewesen, ich konnte R.s Hautgewächse deutlich erkennen, sie blühten in weißer Farbe, ich meinte, einen feinen Duft vernehmen zu können, und machte mir ein paar sorgenvolle Gedanken der Seerosenwurzeln wegen, ihrer Tiefe. — stop

brighton beach ave
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~ : louis
to : mrs. valentina zeiler
brooklyn translation services
23 brighton beach ave,
Brooklyn
subject : BRYANT PARK
Sehr geehrte Frau Zeiler, ich danke Ihnen herzlich für Ihre rasche Antwort. Ich will nun abschließend den Auftrag erteilen, mein unten folgendes Schreiben in die englische Sprache zu übersetzen. Ich bitte um sorgfältigste Arbeit, Sie werden erkennen, in diesem Text ist von einem Reisetunnel nach Amerika die Rede, der in meiner Vorstellung von äußerster Bedeutung ist, ein poetischer Entwurf, jedes Wort scheint mir für seine Verwirklichung von hoher Bedeutung zu sein. Mit vereinbarter Vergütung bin ich einverstanden, der Betrag von 82 Dollar wurde bereits angewiesen. Weitere Aufträge werde ich mit Ihnen in Kürze bei einem Besuch in ihrem Büro persönlich besprechen. Darf ich an dieser Stelle meiner Verwunderung darüber Ausdruck geben, dass die Übersetzung desselben Textes in die chinesische Sprache 122 Dollar kosten würde? Ich frage mich, worin die erhebliche Differenz von 40 Dollar begründet sein könnte. Mit allerbesten Grüßen – Ihr Louis
BRYANT PARK — 570 WÖRTER > GO /// Es hatte Stunden lang geregnet, jetzt dampfte der Boden im südwärts vorrückenden Nordlicht, und das Laub, das alles bedeckte, die steinernen Bänke, Brunnen und Skulpturen, die Büsche und Sommerstühle der Cafés, bewegte sich trocknend wie eine abgeworfene Haut, die nicht zur Ruhe kommen konnte. Boulespieler waren vom Himmel gefallen, fegten ihr Spielfeld, schon war das Klicken der Kugeln zu hören, Schritte, Rufe. Wie ich so zu den Spielern schlenderte, kreuzte eine junge Frau meinen Weg. Sie tastete sich langsam vorwärts an einem weißen, sehr langen Stock, den ich eingehend beobachtete, rasche, den Boden abklopfende Bewegungen. Als sie in meine Nähe gekommen war, vielleicht hatte sie das Geräusch meiner Schritte gehört, sprach sie mich an, fragte, ob es bald wieder regnen würde. Ich erinnere mich noch gut, zunächst sehr unsicher gewesen zu sein, aber dann ging ich ein Stück an ihrer Seite und berichtete vom Oktoberlicht, das ich so liebte, von den Farben der Blätter, die unter unseren Füßen raschelten. Bald saßen wir auf einer nassen Bank, und die junge Frau erzählte, dass sie ein kleines Problem haben würde, dass sie einen Brief erhalten habe, einen lang erwarteten, einen ersehnten Brief, und dass sie diesen Brief nicht lesen könne, ein Mann mit Augenlicht hätte ihn geschrieben, ob ich ihr den Brief bitte vorlesen würde, sie sei so sehr glücklich, diesen Brief endlich in Händen zu halten. Ich öffnete also den Brief, einen Luftpostbrief, aber da standen nur wenige, sehr harte Worte, ein Ende in sechs Zeilen, Druckbuchstaben, eine schlampige Arbeit, rasch hingeworfen, und obwohl ich wusste, dass ich etwas tat, das ich nicht tun durfte, erzählte meine Stimme, die vorgab zu lesen, eine ganz andere Geschichte. Liebste Marlen, hörte ich mich sagen, liebste Marlen, wie sehr ich Dich doch vermisse. Konnte so lange Zeit nicht schreiben, weil ich Deine Adresse verloren hatte, aber nun schreibe ich Dir, schreibe Dir aus unserem Café am Bryant Park. Es ist gerade Abend geworden in New York und sicher wirst Du schon schlafen. Erinnerst Du Dich an die Nacht, als wir hier in unserem Café Deinen Geburtstag feierten? Ich erzählte Dir von einer kleinen, dunklen Stelle hinter der Tapete, die so rot ist, dass ich Dir nicht erklären konnte, was das bedeutet, dieses Rot für sehende Menschen? Erinnerst Du Dich, wie Du mit Deinen Händen nach jener Stelle suchtest, wie ich Deine Finger führte, wie ich Dir erzählte, dass dort hinter der Tapete, ein Tunnel endet, der Europa mit Amerika verbindet? Und wie Du ein Ohr an die Wand legtest, wie Du lauschtest, erinnerst Du Dich? Lange Zeit hast Du gelauscht. Ich höre etwas, sagtest Du, und wolltest wissen, wie lange Zeit die Stimmen wohl unter dem atlantischen Boden reisten, bis sie Dich erreichen konnten. – An dieser Stelle meiner kleinen Erzählung unterbrach mich die junge Frau. Sie hatte ihren Kopf zur Seite geneigt, lächelte mich an und flüsterte, dass das eine schöne Geschichte gewesen sei, eine tröstliche Geschichte, ich sollte den Brief ruhig behalten und mit ihm machen, was immer ich wollte. Und da war nun das aus dem Boden kommende Nordlicht, das Knistern der Blätter, die Stimmen der spielenden Menschen. Wir gingen noch eine kleine Strecke nebeneinander her, ohne zu sprechen. Ich sehe gerade ihren über das Laub tastenden Stock und ein Eichhörnchen mit einer Nuss im Maul, das an einem Baumstamm kauerte. Beinahe kommt es mir in dieser Sekunde so vor, als hätte ich dieses Eichhörnchen und seine Nuss nur erfunden. /// END

vor neufundland 03.15.06 : YOKO oder die liebe
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ulysses : 3.55 — Gestern sendete Noe eine Frage. Er wollte wissen, in welchem Monat wir leben. Eine größere Gruppe weißer Wale habe ihn nordwärts passiert. Er habe den Verdacht, es werde Frühling, er wünschte, bald wieder einmal Besuch zu erhalten. Kurz darauf eine weitere Meldung Noes aus 805 Fuß Meerstiefe vor Neufundland > ANFANG 03.15.06 | | | > großartige aussicht wieder. s t o p langsam aufsteigender wal. s t o p muschelrücken. s t o p kraterhaut. s t o p als würde der mond an mir vorüberziehen. b i g y e l l o w f i s h s o u t h w e s t. s t o p träumte von yoko. s t o p träumte ihren mund ihre stimme ihre brüste. s t o p spürte ihren atem an hals an brust an nase. s t o p wird man vielleicht seltsam mit der zeit mit dem meer? s t o p lange zeiten der stille der erinnerung. s t o p schluss jetzt. s t o p fangen wir noch einmal von vorn an. b l u e b o x f r o m a b o v e . ich spreche mit mir selbst. s t o p denkbar dass ich eine tonspur hinterlasse. s t o p vielleicht bin ich im radio zu hören. s t o p ob yoko mich hören kann? s t o p kein komma zu finden nicht eine taste s t o p habe den verdacht jünger zu werden. s t o p die liebe. s t o p. erstaunlich. s t o p | | | ENDE 03.16.25 – stop
brooklyn heights promenade : höhe pierrepont st.
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delta : 0.02 — Immer wieder bemerkenswert in der Dämmerung: Der synchrone Auftritt korpulenter Netzspinnen. Von einem Augenblick zum nächsten Augenblick, sitzen sie im Dutzend in der Meeresluft auf Vornachtgespinsten, um unverzüglich Reparaturarbeiten aufzunehmen. Fast möchte man meinen, sie wären in ihren Tagesverstecken mittels geheimer Signalleitungen miteinander verbunden, so plötzlich tauchen sie in der Dunkelheit auf, lautlos, ohne Geruch, verweben sie Fäden von staubigem Licht. Ich habe den Verdacht, sie könnten, mit sensibelsten optischen Sensoren ausgerüstet, in der Lage sein, feinste Grade von Lichtstärke zu messen. Ich dachte, eine Art der Dauerbeleuchtung, Mitternachtssonne über Manhattan, könnte sie mürbe machen. — stop

torero
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tango : 22.02 — Ich notierte in ein dunkelblaues Heft, das ich angelegt hatte, um die Beobachtung eines Gartens zu dokumentieren, folgende dramatische Geschichte in wenigen Sätzen: Ein Vogel, vielleicht weil er hungrig gewesen war, raste mit aufgerissenem Schnabel knapp über eine Wiese hin. In diesem Zusammenhang hatte sich ein Falter in einer Weise verhalten, als wäre er ein Torero. Sehr dicht über dem Erdboden lockten kleinere Manöver den angreifenden Sperling ins Leere. Ich hatte, weder der Falter noch der Vogel interessierten sich für meine Gegenwart, begeistert zugesehen und erwartete mit jedem neuen Anflug den Einschlag des Vogels in den Erdboden. Ein minimaler Windstoß, der den Falter unerwartet seitwärts versetzte, führte dann doch zu seinem plötzlichen Ende. Ich vermute, das mutige Tier war ein Tagpfauenauge gewesen. - stop
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yolande
marimba : 5.06 — Schwierig sei, sagte Yolande, dass sie eine Großmutter habe, die in Armenien geboren wurde, und einen Großvater, der in Usbekistan lebte, und dass ihre Mutter ihre Kindheit in der Türkei verbrachte, dass sie ihren Mann in Griechenland kennenlernte, dass sie zwei Töchter gebar in Deutschland im Jahr 1995, dass die Sprache ihrer Mutter nicht Deutsch gewesen sei, dass sie selbst zunächst aber die deutsche Sprache lernte, dass sie in dieser Sprache träume, das sage man doch so, und dass sie über einen deutschen Pass verfüge, dass sie aber zugleich dieses dunkle Haar trage und ihre Augen von der Natur schwarz und mandelförmig gestaltet worden seien, weswegen sie sich stets anhören müsse, wie gut sie integriert sei in Deutschland, und wie gut sie doch die deutsche Sprache sprechen würde, so gut, dass man fast meinen würde, dass sie eine Deutsche sei, wo das aber doch nicht möglich ist, weil sie doch diese ihre Augen trage, und ihre Haut etwas dunkler sei auch im Winter, und dieses Haar, denkt man, sagte Yolande am 16. März des Jahres 2016 um kurz nach zehn Uhr abends, als sie soeben in einem Zug Platz genommen hatte. — stop
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herzhaut
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victory : 0.55 — Ein griechischer Minister soll geäußert haben, sein Land sei doch kein Lagerort menschlicher Seelen. In der Zeitung, die von diesem Ereignis berichtete, waren auf einer Fotografie Fernsehkameras und eben ein kleiner, runder Herr zu sehen, der im Moment der Aufnahme zu sprechen schien. Tatsächlich würde der Ausdruck seines Gesichtes sich gut seinem dokumentierten Gedanken fügen, der in der Bildunterschrift verzeichnet ist, ein wenig Wut dort, Empörung, gleichwohl eine Traurigkeit, die nahe der Wahrnehmung tausender Rettungswesten, die an griechischen Stränden liegen, wohltuend authentisch wirkt. Erinnerte mich an einen Satz, den Thomas Bernhard einer Kamera erzählte: Das, was niemand sieht, das hat einen Sinn aufzuschreiben. Aber zunächst ist alles noch gut sichtbar. Menschen sitzen in einem Bus, vor dem Bus tobt eine dunkle Menschenkopfwolke, die giftige Wörter spukt. Reisegenuss in gelber Leuchtschrift, wie eine Verhöhnung, ist an der Kopfseite des Busses anstatt einer Zielangabe zu lesen, wo Clausnitz stehen könnte. Einen Tag später wird der Versuch unternommen, Schuldlast in den Bus zu verschieben, es werde, sagt ein Polizeioffizier, auch gegen Geflüchtete ermittelt. Wenn man nun lange genug sprechen und schreiben wird in den Räumen der Bewegung, wird das Gewünschte zur wirklichen Wirklichkeit werden. Es ist zum Fürchten, wie früher, alles noch da, der harte Blick auf Menschen in Not, auf Menschen mit Koffern in der Hand. — stop

von kreide und schnee
nordpol : 22.01 — Farben antarktischen Eises auf einem Gesicht, noch Kreidefarben, noch Pigmente ohne Öle, Wangen, Nase, Lippen, Stirn, von flinken, träumenden Fingern im Prozess der Arbeit scheinbar ohne Bewusstsein im Versehen auf die eigene Haut gezeichnet, Anmutungen von Blau, von Grau, von Weiß, von Schwarz. Es scheint bedeutend, wenn nicht unverzichtbar zu sein, Farben von Schwarz, von Umbra, Kernschattenfarben, in die Hand zu nehmen, die Farben der Wüstengesteine, um das Eis der Antarktis, das Eis eines grönländischen Gletschers voraus zeichnen zu können. Ein leises Gespräch, wispernd, in dem Sandgesteine sich auf die Leinwand legen, zärtlich fauchend, das Licht in den meerwärts fließenden Schatten, in den Winkeln eines Mundes. Wie Melly Cusaro, die an einem winterlichen Tag beschloss, den Mars zu bereisen, fortan das Wesen des Eises und des Schnees zu begreifen sucht. Wer nach Wasser forschen wird in der Weltraumferne, sagt sie, muss sich von der Wüste und vom Schnee eine präzise Vorstellung gezeichnet haben. Es schneite in Brooklyn, Schnee lehnte an Wänden alter Häuser, türmte sich auf Balkonen, rieselte im zarten Atem eines fast windstillen Tages von den Ulmen. Wer mochte, konnte mit Schlittschuhen über die Promenade auf den Höhen fahren. Welches Geräusch würde in der Stille ein Kontrabass von Eis erzeugen? — stop
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