Aus der Wörtersammlung: hell

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helle augen

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echo : 17.12 — Eine alte Frau, zar­te, gebeug­te Erschei­nung, die sich in der Nähe eines Geld­au­to­ma­ten in deut­scher Spra­che bei mir mel­det. Sie will wis­sen, wie es mir geht, erzählt, dass ihr das Gehen schwer­fal­le, dass sie ihr Leben lang eine Hand­ta­sche mit sich getra­gen habe. Nun aber der Stock, die­ser ver­damm­te Stock. Dann kommt sie zur Sache. Merk­wür­dig hel­le Augen. Sie fragt in eng­li­scher Spra­che, ob ich viel­leicht etwas Geld für sie in mei­ner Man­tel­ta­sche fin­den kön­ne. Ja, sie spricht die­sen einen Satz in eng­li­scher Spra­che, als wür­de nicht sie, son­dern eine ganz ande­re Frau um etwas Unter­stüt­zung zum Wei­ter­le­ben bit­ten. — stop

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agota

2

sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : AGOTA
date : mar 25 11 6.15 p.m.

Kurz vor sechs Uhr abends, das Was­ser ruhig. Tau­cher Noe wohl­auf in 820 Fuß Tie­fe. Er liest Ágo­ta Kris­tófs Erzäh­lung Die Analpha­be­tin nun schon zum fünf­ten Mal in Fol­ge mit einer Begeis­te­rung, die wir in den ver­gan­ge­nen Jah­ren bis­her nicht wahr­ge­nom­men haben. Sei­ne Stim­me scheint hel­ler gewor­den zu sein, seit wir sei­nen Tau­cher­an­zug von Koral­len­ge­wäch­sen befrei­ten. Nach wie vor ver­wei­gert er jedes Gespräch über sei­ne eige­ne Per­son. Nie­mand kann sagen, ob Noe wirk­lich ver­steht, was er mit lau­ter Stim­me liest: Am Anfang gab es nur eine ein­zi­ge Spra­che. Die Objek­te, die Din­ge, die Gefüh­le, die Far­ben, die Träu­me, die Brie­fe, die Bücher, die Zei­tun­gen, waren die­se Spra­che. Ich konn­te mir nicht vor­stel­len, dass es noch eine ande­re Spra­che geben kön­ne, dass ein Mensch ein Wort spre­chen kön­ne, das ich nicht ver­ste­he. In der Küche mei­ner Mut­ter, in der Schu­le mei­nes Vaters, in Onkel Gez­as Kir­che, auf den Stra­ßen, in den Häu­sern des Dor­fes und auch in der Stadt mei­ner Groß­el­tern spra­chen alle die­sel­be Spra­che, und nie war die Rede von einer ande­ren. — Boo­te ver­letz­ter Men­schen pas­sie­ren unser Schiff, Scha­lup­pen, sie kom­men von Süden her, schwei­gen­de, frie­ren­de Pas­sa­gie­re. Dein OE

gesen­det am
25.03.2011
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prypjat

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echo : 5.57 — Die Stadt Pryp­jat an einem son­ni­gen April­tag des Jah­res 1986. Duns­ti­ge Haut lag über far­bi­gen Bil­dern des Films, spie­len­de Kin­der vor Häu­ser­blocks, ein Karus­sell, ein Rie­sen­rad, fla­nie­ren­de Bür­ge­rin­nen und Bür­ger, All­tag, Frie­den. Man­che der Men­schen tru­gen Taschen, ande­re hiel­ten ihre Söh­ne und Töch­ter an der Hand, ein Drei­rad glaub­te ich gese­hen zu haben, Bäu­me von hel­lem Grün, und den Him­mel, wol­ken­los. Aber da war noch etwas ande­res gewe­sen, etwas Unheim­li­ches, da waren Punk­te, Krei­se, hel­le Erschei­nun­gen, in Bruch­tei­len rasen­der Zeit tauch­ten sie auf und waren sofort wie­der ver­schwun­den. So rasch und so uner­war­tet tra­ten sie aus der Bewe­gung des Films her­vor, dass ein mensch­li­cher Betrach­ter nicht sicher sein konn­te, ob die Erschei­nung, die er gera­de wahr­ge­nom­men hat­te, tat­säch­lich zu sehen oder nicht ein Irr­tum sei­nes Gehirns gewe­sen war, hel­le Schir­me, pel­zig, weich. Die­ses blit­zen­de Licht, das ich vor eini­gen Jah­ren beob­ach­te­te, zeig­te Ver­let­zun­gen des bild­tra­gen­den Mate­ri­als an, Ver­hee­run­gen, die durch strah­len­de Teil­chen des bren­nen­den Gra­phit­re­ak­tors zu Tscher­no­byl ver­ur­sacht wur­den, Teil­chen­spur­licht, des­halb so unheim­lich, so tra­gisch, weil die­ses Licht in den Augen des Film­be­trach­ters von einer spä­te­ren Wirk­lich­keit aus wahr­ge­nom­men wer­den konn­te, nicht aber von jenen Men­schen, die sich in der Wirk­lich­keit der Auf­nah­me vor der Kame­ra beweg­ten durch einen lebens­ge­fähr­li­chen Tag, den sie für einen glück­li­chen Tag ihres Lebens gehal­ten haben moch­ten, weil nie­mand sie vor der unsicht­ba­ren Bedro­hung, die sich in der Atmo­sphä­re befand, warn­te. — Ich muss mei­ne Erin­ne­rung sofort über­prü­fen. — stop

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gebäck

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gink­go : 6.05 — War bei Har­rods gewe­sen, ein hell aus­ge­leuch­te­ter Saal. Ver­käu­fe­rin­nen in grü­nen Over­alls sta­pel­ten kunst­voll mensch­li­che Arme und Bei­ne und Köp­fe auf Tische. Kla­re, in den Augen schmer­zen­de Sub­stanz fiel von der Decke. Bald dar­auf Kurz­stre­cken­fahrt im U‑Bahnwaggon. Ein feuch­ter mensch­li­cher Arm ruh­te auf mei­nen Ober­schen­keln. Die­ser Arm nun war in Zei­tungs­pa­pier gewi­ckelt, sei­den wei­ße Sub­stanz tropf­te auf den Boden. Gleich gegen­über ein Mann und eine Frau. Das Gesicht des Man­nes dampf­te. Die Frau, die eine Melo­die vor sich hin­summ­te, schäl­te mit einem Tee­löf­fel­chen gramm­schwe­re Fleisch­pro­ben aus den Wan­gen des Man­nes, um sie ent­we­der sofort zu ver­zeh­ren oder wei­te­ren Fahr­gäs­ten dar­zu­bie­ten. — stop. — Mon­tag. stop. Duke Elling­ton : Take the “A” Train. stop. Es ist denk­bar, dass ich über das Gedächt­nis eines Ele­fan­ten ver­fü­ge. — stop

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kairobildschirm

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sier­ra : 6.28 — Regen, ers­te Mil­de des Jah­res. Ein Freund, ara­bi­scher Jazz­mu­si­ker und stark wie ein Bär, erzähl­te vor weni­gen Stun­den, er sei ver­sucht gewe­sen, wäh­rend der Rede Hus­ni Muba­raks am Don­ners­tag­abend, sein Fern­seh­ge­rät zu zer­trüm­mern. Kann ich nun von einem Wun­der spre­chen, dass in der zurück­lie­gen­den Nacht in den Stra­ßen Kai­ros nicht rasen­de Gewalt aus­ge­bro­chen ist? Merk­wür­dig der Augen­blick, als sich nach­mit­tags über den hell­blau­en Him­mel der rie­si­gen Stadt ein Hub­schrau­ber fort­be­weg­te, sand­far­ben und so klein, dass er kaum noch sicht­bar gewe­sen war, ein Luft­fahr­zeug, in dem sich viel­leicht ein Men­schen­despot befand, von dem ich nicht sagen kann, ob er je ver­ste­hen wird, was gesche­hen ist. Kurz dar­auf das Beben des Bodens, seis­mo­gra­fisch mess­bar unter Tau­sen­den tan­zen­der Füße, die ihre Schu­he wie­der tra­gen. Auf mei­nem Fern­seh­bild­schirm erweist ein Gene­ral mit einer irri­tie­ren­den mili­tä­ri­schen Ges­te den Opfern des Auf­stan­des sei­ne Ehre. — stop

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traumstempel

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alpha : 20.48 — Wie­der ein­mal von Regen­schirm­tie­ren geträumt. Es ist immer der­sel­be oder ein ähn­li­cher Traum, der in einer pen­deln­den Bewe­gung durch mein Leben streift. Sofort einen Text erin­nert, der sich nun­mehr wie ein Traum­er­zähls­tem­pel zu ver­hal­ten scheint: Die Luft im Traum war hell vom Was­ser gewe­sen, und ich wun­der­te mich, wie ich in die­ser Wei­se, bei­de Hän­de frei, durch die Stadt gehen konn­te, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spa­zier­te. Als ich an einer Ampel war­ten muss­te, betrach­te­te ich mei­nen Regen­schirm genau­er und staun­te, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung die­ser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich konn­te dunk­le Haut erken­nen, die zwi­schen bleich schim­mern­den Kno­chen auf­ge­spannt war, Haut, ja, Haut von der Art der Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blu­tet und so dünn, dass die Rinn­sa­le des abflie­ßen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minu­te, da ich mei­nen Schirm betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, er wür­de sich mit einem wei­te­ren Schirm unter­hal­ten, der sich in nächs­ter Nähe befand. Er voll­zog leicht schau­keln­de Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­bar­schirms ähnel­te. Dann wach­te ich auf. Es reg­net noch immer. – Guten Abend! — stop

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kairobildschirm

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echo : 5.38 — Ich erin­ne­re mich, dass ich im Schlaf zu mir sag­te: Das will ich nicht wei­ter träu­men. Unver­züg­lich wur­de ich wach. – Schnee ist gefal­len, ein wei­ßes Tuch liegt auf den Bür­ger­stei­gen. Das Kai­ro­fens­ter flim­mert seit bald vier­zehn Stun­den auf dem Bild­schirm mei­ner Schreib­ma­schi­ne. Kamel­rei­ter prü­geln auf Demons­trie­ren­de ein, Stei­ne flie­gen durch die Luft, Kühl­schrän­ke von Haus­dä­chern, um Men­schen zu töten. Mit der Däm­me­rung kom­men Bar­ri­ka­den, Ölfeu­er­fla­schen, tau­meln hin und her, bren­nen­de Autos, der hell­graue Rauch der Pan­zer­mo­to­ren, die Stim­men der Kom­men­ta­to­ren, die Zah­len ver­letz­ter und getö­te­ter Men­schen mel­den. Auf dem Platz der Befrei­ung wird nach Stei­nen gegra­ben. Mil­li­me­ter hohe Men­schen­fi­gu­ren schlei­fen lie­gen­de Mil­li­me­ter hohe Men­schen­fi­gu­ren über den Boden. Rei­ne Mord­lust scheint aus­ge­bro­chen zu sein. – Es ist jetzt 5 Uhr und 30 Minu­ten. Seit drei Stun­den wird scharf geschos­sen. Nie­mand weiß, woher die Schüs­se kom­men. Eine jun­ge Frau, 24, die sich auf dem Platz befin­det, erzählt wei­nend von Men­schen, die soeben getö­tet wur­den. Wie das mög­lich sein kön­ne, dass die Welt nicht ein­grei­fe, dass kei­ne Hil­fe kom­me. We will not lea­ving this place. Sie nennt ihren Namen. — stop

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kurzwelle

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oli­mam­bo : 2.02 — Mit­tel­eu­ro­pa. stop. Kurz nach Mit­ter­nacht. stop. Nach­rich­ten aus Kai­ro. stop. Frau­en und Män­ner ste­hen um ein Tran­sis­tor­ra­dio ver­sam­melt. Man lauscht Kurz­wel­len­funk­si­gna­len, die im Raum zur Iono­sphä­re hin pen­delnd um den Glo­bus wan­dern. Ein Mann mitt­le­ren Alters befin­det sich unter den Radio­hö­rern. Viel kann ich über die­sen Mann nicht sagen. Ich weiß, dass er deut­scher Staats­bür­ger ist, Mos­lem, in einer peri­phe­ren Gegend Kai­ros gebo­ren. Sein Name ist Belem und sei­ne Stim­me hell. Mit die­ser selt­sam hel­len Stim­me äußer­te Belem unlängst wäh­rend einer unse­rer zufäl­li­gen Begeg­nun­gen, wie wich­tig es sei, dass Men­schen sich respekt­voll ver­stän­di­gen. Belem war mit einer deut­schen Frau ver­hei­ra­tet gewe­sen, ihre gemein­sa­me Geschich­te ende­te, weil sei­ne Frau ihm nicht die­nen woll­te. Aber das ist schon lan­ge Zeit her, Belem lebt jetzt allein. Er hinkt, wenn er geht, kaum merk­lich, wes­halb ich mich ein­mal erkun­dig­te, ob er viel­leicht Schmer­zen habe. Wie die­ser freund­li­che Mann zöger­te, dar­an erin­ne­re ich mich gut, und wie er dann sein Hemd nach oben zog, um die Nar­be einer Schuss­wun­de zu zei­gen, eine hel­le Stel­le in der dunk­len Haut nahe sei­nes Nabels, eine Wir­bel­spi­ra­le nach innen gerich­tet, mit einem seh­ni­gen Kno­ten in der Tie­fe zum Abschluss. Belem war von einer Poli­zei­ku­gel getrof­fen wor­den, seit­her ist das eine Bein etwas lang­sa­mer als das ande­re Bein. Und das ist schon alles, viel oder wenig, was ich von Belem zu erzäh­len weiß in die­ser Stun­de kurz nach Mit­ter­nacht, vor einem Radio­wel­len­ge­rät ste­hend. Der klei­ne Kas­ten kracht und pfeift und knarzt und schep­pert. — stop

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kairobildschirm

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sier­ra : 7.12 — Acht Uhr, Frei­tag­abend. stop. Am Schreib­tisch. stop. Von Live­bil­dern des Nach­rich­ten­sen­ders Al Jaze­era her sind Gewehr­schüs­se zu hören. Seit Stun­den bereits bewe­gen sich die­se Bil­der von der Grö­ße einer Post­kar­te auf dem Schirm mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne. Jugend­li­che Men­schen flüch­ten vor Wol­ken von Pfef­fer­gas. Beten­de Män­ner knien vor einer Poli­zei­ket­te, schwar­ze Stie­fel, schwar­ze Hosen, schwar­ze Hem­den, schwar­ze Hel­me. Gebäu­de glü­hen in der auf­kom­men­den Dun­kel­heit. Ein Mann­schafts­wa­gen der Poli­zei schlin­gert bren­nend durch eine Men­schen­men­ge, über­rollt Per­so­nen, die sich in den Weg stel­len. Schlä­ger­trupps in zivi­ler Klei­dung ver­prü­geln Frau­en, ver­prü­geln Män­ner. Kolon­nen gepan­zer­ter Mili­tär­fahr­zeu­ge rücken in das Zen­trum Kai­ros vor, sie wer­den von jubeln­den Bür­gern der Stadt begrüßt. Man spricht davon, das Natio­nal Muse­um wer­de von einem Schild mensch­li­cher Kör­per geschützt. Gas­gra­na­ten segeln über einen Platz, schrei­ben Spu­ren hell­grau­en Rauchs in die Luft. Auf den Stra­ßen der Stadt Suez sol­len fünf Men­schen ihr Leben ver­lo­ren haben. In Washing­ton erklärt ein Spre­cher der US-Regie­rung, die Situa­ti­on sei flu­id. In Kai­ro über­rei­chen jun­ge Men­schen einer Repor­te­rin den Kör­per einer Poli­zei­trä­nen­gas­gra­na­te, auf dem sie den Schrift­zug Made in USA ent­deck­ten. stop. stop. Was ist das für eine Wirk­lich­keit, die mich in Bil­dern von Post­kar­ten­grö­ße erreicht? Wie wirk­lich ist die­se Wirk­lich­keit? Was geschieht mit mir, was mit der Wirk­lich­keit der Bil­der, sobald ich mei­nen Com­pu­ter­bild­schirm aus­schal­te? — stop

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auf einmal

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apha : 15.18 — Letz­te Bil­der, ich stell­te mir letz­te Bil­der vor eines Lebens­films, Bil­der ohne im Dies­seits noch for­mu­lier­ba­re Gedan­ken. Eine Flie­ge an einer Hos­pi­tal­de­cke viel­leicht, die Iris eines Gelieb­ten, schon von Trau­er durch­kam­mert. Zwie­licht. Oder doch nur ein Geräusch. Weder hell noch dun­kel. Eine Tür, die sich öff­net. Ein Atem­zug­wind. Flüs­tern. Schnee. — stop

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