Aus der Wörtersammlung: wesen

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sofia

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del­ta : 5.57 — Im Flug­ha­fen­ter­mi­nal 1 exis­tiert ein Mann, den ich vor sie­ben oder acht Tagen bemerk­te. Ich war an einer Bank vor­über gekom­men, auf wel­cher der Mann schla­fend lager­te. Bevor er ein­ge­schla­fen war, muss er sei­ne Schu­he sorg­sam neben­ein­an­der unter das fest­ge­schraub­te Bett gestellt haben. Sein Kopf ruh­te auf Armen, die in den Ärmeln eines hell­blau­en Hem­des steck­ten. Er trug kei­ne Strümp­fe. Kof­fer waren in sei­ner Nähe nicht zu sehen. An jedem Mor­gen seit­her, sah ich ihn wie­der, immer in der­sel­ben Posi­ti­on auf der­sel­ben Bank lie­gend. Auch sei­ne Schu­he waren immer­zu anwe­send. Ges­tern hat­te ich den Ein­druck, als wür­de der Mann mög­li­cher­wei­se gar nicht exis­tie­ren, son­dern wäre nur eine Idee, ein Bild, aber der Mann atmet, das ist gut zu sehen. Auch scheint er sich zu rasie­ren, wenn ich nicht da bin. Er muss seit sei­ner Ankunft mehr­fach auf­ge­wacht sein, um zu trin­ken oder zu essen oder ein wenig zu spa­zie­ren. Die­ser Mann könn­te der ein­zi­ge Mensch sein, den ich seit lan­ger Zeit ken­ne, ohne sei­ne geöff­ne­ten Augen je gese­hen zu haben. Er kommt viel­leicht aus Buka­rest, oder aus Athen, Bel­grad, Sofia, das ist denk­bar. — stop

ping

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von herzohren schmeckknospen schwefel

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nord­pol : 2.28 — In der ver­gan­ge­nen Nacht das Wesen der Schmeck­knos­pen stu­diert, außer­dem eine ana­to­mi­sche Geschich­te, die sich mit dem Wort Schmeck­knos­pen ver­bin­det. Der Him­mel blitz­te ohne Don­ner, kaum Regen. Ich atme­te mit Vor­sicht, die Luft duf­te­te nach Schwe­fel. Wäh­rend ich las, bemerk­te ich, dass ich auch im Lesen sehr lang­sam gewor­den bin. Manch­mal lese ich so lang­sam, dass ich nicht Satz für Satz, son­dern Wort für Wort vor­wärts lese, jedes Wort, sagen wir, wahr­neh­me, wie es ist. Wäh­rend ich ins­ge­samt lang­sa­mer wer­de, schei­nen vie­le Men­schen um mich her schnel­ler zu wer­den, sie lesen immer schnel­ler, und sie lie­ben immer schnel­ler, und sie schrei­ben immer schnel­ler, und ihre Schu­he fal­len ihnen vom rasen­den Gehen immer schnel­ler von den Füßen. Und Ihre Woh­nun­gen wech­seln Stadt­men­schen so rasant wie frü­her ande­re Per­so­nen ihre Zim­mer in Hotels. Ich kann nicht sagen, ob ich nicht viel­leicht schon viel zu lang­sam gewor­den bin für das moder­ne Leben. Sicher ist, ich spre­che noch immer viel zu schnell, auch für sehr schnel­le Men­schen spre­che ich viel zu schnell. Wenn ich Herz­oh­ren sehr schnell erzäh­le, fällt nie­man­dem auf, dass ich von Herz­oh­ren erzähl­te, man glaubt, ich erzähl­te von Her­zen und ande­rer­seits von Ohren. Ein­mal wan­der­te ich sehr lang­sam von einem Zim­mer in ein ande­res. Ich beob­ach­te­te mit gro­ßer Freu­de, dass ich in mei­ner Haut alles das, was not­wen­dig für das Leben sein wür­de, von dem einen Zim­mer, in dem ich aus dem Fens­ter geschaut hat­te, in das ande­re Zim­mer, in dem ich ein wei­te­res Buch lesen woll­te, mit mir genom­men hat­te, nichts blieb zurück. — stop

polaroidstrandszene

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zola jackson

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marim­ba : 3.25 — Leich­ter, gnä­di­ger Regen heu­te Nacht. Gegen zwei Uhr neh­me ich Gil­les Leroys Roman Zola Jack­son zur Hand. Ich schaue auf die Uhr, fan­ge an zur vol­len Stun­de, ver­su­che so vie­le Sei­ten des Buches zu lesen in die­ser kom­men­den Stun­de wie mög­lich, ohne auf Gefüh­le, die Wör­ter erzeu­gen könn­ten, ver­zich­ten zu müs­sen. Um drei Uhr lege ich das Buch zur Sei­te. Drei Fal­ter sind in die Woh­nung vor­ge­drun­gen. Ich weiß nicht wes­halb, ich mei­ne in ihren pelz­ar­ti­gen Erschei­nun­gen ver­klei­de­te Wesen erken­nen zu kön­nen. Wenn ich einen Gedan­ken, der viel­leicht selt­sam ist, der Erfin­dung sein könn­te, lan­ge genug betrach­te, ver­mag ich die Kon­se­quen­zen die­ses Gedan­kens wahr­zu­neh­men, als wäre die Erfin­dung tat­säch­lich vor mir in der Luft, und flat­ter­te her­um, und such­te an den Wän­den mei­nes Zim­mers nach einem Aus­gang in den Tag, der nie­mals exis­tier­te. — stop
polaroidlungen

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kollibry

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echo : 5.55 — Im ver­gan­ge­nen Novem­ber ver­leg­te ich eine Nach­richt, die mir per E‑Mail zuge­stellt wor­den war. Ver­mut­lich hat­te ich ihre Exis­tenz bereits nach weni­gen Stun­den ver­ges­sen, sodass ihr Sen­der ver­geb­lich auf eine Ant­wort war­te­te. Heu­te Nacht habe ich sie glück­li­cher­wei­se wie­der ent­deckt. Es war damals etwas Bedeu­ten­des gesche­hen. L. hat­te ein Note­book geschenkt bekom­men, das ers­te Note­book sei­nes Lebens. Es war kein neu­es, es war ein gebrauch­tes Gerät, aber noch in einem guten Zustand, kaum ein Krat­zer am sil­ber­grau­en Gehäu­se, sei­ne Tas­ten funk­tio­nier­ten tadel­los, und die Pro­gram­me des Betriebs­sys­tems waren her­vor­ra­gend sor­tiert. Ein erns­tes Pro­blem stell­te aller­dings eine Buch­sta­ben­ma­schi­ne dar, prä­zi­se die Kor­rek­tur­rou­ti­ne eines Text­ver­ar­bei­tungs­pro­gramms, wel­ches vom Vor­be­sit­zer des Note­books jah­re­lang inten­siv ver­wen­det wor­den sein muss­te. Das klei­ne Zusatz­pro­gramm konn­te nicht aus­ge­schalt wer­den, was ange­nehm gewe­sen wäre. Zahl­rei­che feh­ler­haf­te Wör­ter waren in sei­ne tie­fen Spei­cher gewan­dert, und so web­te das Pro­gramm, wäh­rend L. mit sei­ner Hil­fe notier­te, Vor­schlä­ge in gera­de eben ent­ste­hen­de Tex­te, bei­spiels­wei­se anstatt des Wor­tes Koli­bri das Wort Kol­li­bry, was schließ­lich zu äußerst erstaun­li­chen Befun­den führ­te. L. glaub­te bald, sehr ernst­haft krank gewor­den zu sein. Er bat mich um Unter­stüt­zung, er wol­le den Spei­cher der Wort­miss­bil­dun­gen unver­züg­lich aus­ra­die­ren. – Es ist kurz vor drei Uhr. Ver­mut­lich kom­me ich mit mei­nen Hin­wei­sen viel zu spät, das ist denk­bar, sogar wahr­schein­lich, dass ich viel zu spät sein wer­de. Machen wir uns trotz­dem sofort auf die Suche nach einer Lösung. Gewit­ter­stim­mung vor den Fens­tern, Flie­gen, Blit­ze, aber kein Don­ner, viel­leicht eine Art Wet­ter­leuch­ten, gran­dio­se, aus dem Him­mel stür­zen­de Bäu­me von Licht. – stop

polaroidglobus

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nachtjäger

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ulys­ses : 3.55 — Ich bemerk­te wie­der ein­mal, dass ich bei­de Arme hebe, also von mir abwen­de, also Flü­gel mache, sobald ich durch die Woh­nung lau­fe und dar­über nach­den­ke, wie es wäre, ohne jedes Gewicht zu sein. Das war gegen drei Uhr in der Nacht gewe­sen. Ich spiel­te sehr lei­se etwas von Gene Krupa auf dem Radio. In dem Moment, da ich die Küche ver­ließ und über den Flur spa­zier­te, über­hol­te mich eine Flie­ge. Sie flog in der Höhe mei­ner Schul­tern, und zwar sehr lang­sam gera­de­aus. Sie war nicht viel schnel­ler als ich selbst gewe­sen. Ich hat­te den Ein­druck, sie wür­de mir fol­gen, sie wür­de mit mir das Zim­mer wech­seln, nicht einem Reflex fol­gend, son­dern über­legt und mit Genuss. Sie war so lang­sam, dass man sie auf einer Foto­gra­fie mei­ner Zim­mer­wan­de­rung gut hät­te erken­nen kön­nen. In die­sen Minu­ten sitzt die Flie­ge direkt über mir an der Decke, wäh­rend ich auf dem Sofa auf dem Rücken lie­ge und notie­re. Die Flie­ge beob­ach­tet mich viel­leicht genau­so, wie ich sie beob­ach­te. Von Wes­ten her nähert sich eine Spin­ne da oben, die so klein ist, dass wir sie nicht ernst neh­men wol­len. Bald Däm­me­rung. — stop
ping

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frau blum

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del­ta : 5.08 — In der Biblio­thek ent­deck­te ich vor eini­ger Zeit einen Zet­tel. Der Zet­tel steck­te in einem Buch, das ich ent­lie­hen hat­te, um nach einer Geschich­te zu suchen, die ich viel­leicht schon ein­mal gele­sen haben könn­te vor vie­len Jah­ren. Es war eine Geschich­te, die von einem Gespräch erzählt, wel­ches Frau Blum mit ihrem Milch­mann führ­te, in dem sie dem Milch­mann Bot­schaf­ten sen­de­te, ein Ver­hal­ten, das not­wen­dig gewe­sen war, weil Frau Blum übli­cher­wei­se schlief, wenn der Milch­mann früh­mor­gens das Haus besuch­te, in dem sie wohn­te. Die­se Geschich­te, ein wun­der­ba­res Stück, hat Peter Bich­sel geschrie­ben, eine gan­ze Welt scheint in ihr ent­hal­ten zu sein, obwohl sie so kurz ist, drei Sei­ten, dass man sie von einer Sta­ti­on zur nächs­ten Sta­ti­on in einer Stra­ßen­bahn rei­send Wort für Wort zu Ende lesen könn­te. Ich erin­ne­re mich, das Buch lag weich in mei­ner Hand, es war etwas schmut­zig, zer­le­sen, auf sei­ner Rück­sei­te waren eini­ge dut­zend Stem­pel­auf­trä­ge zu fin­den, so wie man das frü­her noch mach­te, Bücher mit Rück­ga­be­ter­mi­nen zu ver­se­hen, so dass jeder sehen konn­te, wie oft das Buch bereits gele­sen wor­den war. Die­ses Buch, von dem ich gera­de erzäh­le, war seit über zwan­zig Jah­ren nicht mehr aus­ge­lie­hen wor­den. Ich stell­te mir vor, dass das Bänd­chen viel­leicht hin­ter eine der Bücher­rei­hen gerutscht sein könn­te, wes­we­gen es lan­ge Zeit nicht gefun­den wer­den konn­te. Ver­mut­lich war das Buch längst ver­lo­ren gemel­det, so dass ich ein Buch­ex­em­plar in Hän­den hielt, das in den Ver­zeich­nis­sen der Biblio­thek nicht län­ger exis­tier­te. Ander­seits scheint es mög­lich zu sein, dass das Buch ver­steckt wor­den sein könn­te. Viel­leicht war es von genau jener Per­son ver­steckt wor­den, die den Zet­tel in das Buch gelegt hat­te, eine Per­son, die mög­li­cher­wei­se bereits gestor­ben ist. Das alles ist natür­lich rei­ne Spe­ku­la­ti­on, allein die Exis­tenz des Zet­tels ist sicher. Dort war in blau­er, akku­ra­ter Schrift zu lesen: Wie man einen Ver­merk schreibt, um sich an gele­se­ne Geschich­ten erin­nern zu kön­nen. – stop
ping

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mosul

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india : 4.38 — Auf Ton­do­ku­ment 150105 ent­deck­te ich mei­ne Stim­me. Ich konn­te mich an Gedan­ken, die ich vor lan­ger Zeit in mein Auf­nah­me­ge­rät gespro­chen hat­te, nicht erin­nern. Es war so gewe­sen, als ob ein ande­rer mit mei­ner Stim­me gespro­chen haben wür­de. Ich beob­ach­te­te damals eine Uhr, wäh­rend ich erzähl­te, was ich sah. Es war ver­mut­lich die Uhr eines bota­ni­schen Gar­tens. Die Stim­me eines fröh­li­chen Kin­des sprach von der Schön­heit blü­hen­der Kak­teen in mei­ner Nähe. Ich sag­te: Über einer höl­zer­nen Schwing­tü­re wur­de eine Uhr befes­tigt, die sich sel­ten bewegt. Man scheint immer nur das Ergeb­nis der Bewe­gung des Minu­ten­zei­gers zu sehen, nie die Bewe­gung selbst, weil sie sich rasend schnell voll­zieht. Man muss dar­um eine Zeit lang war­ten, bis man tat­säch­lich wahr­neh­men kann, dass der Zei­ger sich bewegt. Es ist drin­gend erfor­der­lich, die Augen nicht zu schlie­ßen und sich zugleich das Ant­litz der Uhr­schei­be gut ein­zu­prä­gen. Zu war­ten lohnt sich. — Fünf Uhr sechs­und­drei­ßig in Mos­ul, Irak. — stop
ping

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bumerangkäfer no 2

9

echo : 3.01 — Heu­te Nacht erleb­te ich ein lus­ti­ges Déjà-vu. Das war unge­fähr so gewe­sen, dass ich in dem Moment des Déjà-vus gera­de bei geöff­ne­ten Fens­tern Schif­fe beob­ach­te­te, die auf mei­nem Bild­schirm durch einen weit ent­fern­ten Hafen pen­del­ten in ech­ter Zeit. Es war kurz nach zwei Uhr, da lan­de­te ein Mari­en­kä­fer auf mei­ner lin­ken Wan­ge. Ich konn­te mich, wie schon im ver­gan­ge­nen Jahr, nicht ent­schei­den, ob das viel­leicht ein Zufall gewe­sen war. Indem ich das rech­te Auge schloss, aber mit dem lin­ken Auge so weit wie mög­lich nach unten sah, konn­te ich die halb­ku­gel­för­mi­ge Wöl­bung sei­nes Rückens erken­nen. Und ich spür­te eine leich­te Bewe­gung, der Käfer schien mich zu betas­ten. Natür­lich über­leg­te ich sofort, ob es sich bei die­sem Käfer nicht um ein fern­ge­steu­er­tes Wesen han­deln könn­te, das mich besuch­te, um Pro­ben von mei­ner Kör­per­ober­flä­che auf­zu­neh­men. Nach eini­gen Minu­ten ver­än­der­te der Käfer sei­ne Posi­ti­on, er ging zu Fuß, klet­ter­te an mir her­ab, saß für eini­ge Minu­ten an mei­nem Hals, dort konn­te ich ihn weder sehen noch spü­ren, um kur­ze Zeit spä­ter auf mei­nem Hemd zu erschei­nen, wo er sich sehr wohl­ge­fühlt haben moch­te, weil er dort eine gute Stun­de sei­ner Lebens­zeit ver­brach­te. Viel­leicht hat­te der Käfer geschla­fen, oder sich von Stra­pa­zen erholt, die mir unbe­kannt. In die­sem Moment nun, da ich mei­nen Text notie­re, sitzt der in Wör­tern ver­merk­te Käfer am lin­ken unte­ren Rand des Bild­schir­mes mei­ner Schreib­ma­schi­ne. Er presst sich fest an das Gehäu­se. Wei­te­re Käfer sit­zen an den Wän­den, es sind ein gutes Dut­zend, auch Käfer mit gel­bem Gehäu­se sind dar­un­ter. Ges­tern habe ich beob­ach­tet, dass gelb Käfer mit vier­und­zwan­zig Punk­ten, wenn ich sie behut­sam in eine mei­ner Hän­de set­ze und in die Dun­kel­heit wer­fe, sofort wie­der zurück­kom­men. Man könn­te sagen, dass es sich bei die­ser Art um Bume­rang­kä­fer han­deln könn­te. In die­sem Jahr tra­gen sie Strei­fen. — stop
ping

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tian’anmen

9

nord­pol : 2.21 — Ich erin­ne­re mich an ein Gespräch vor fünf Jah­ren mit Din. Ihre lei­se sin­gen­de Stim­me. Sie sei, als die Pan­zer kamen, in eine Sei­ten­stra­ße geflüch­tet. Wie sie ihre Augen schloss, wie sie sag­te, sie habe kei­ne Men­schen mehr gese­hen nach kur­zer Zeit, eini­ge Freun­de nur, die sich an Häu­ser­wän­de drück­ten. Die Hand ihrer gro­ßen Schwes­ter. Die Druck­luft, die auf ihrem klei­nen Kör­per beb­te. Aber Men­schen­stil­le. Wie sie nach Wör­tern such­te, nach Wör­tern in deut­scher Spra­che, die geeig­net gewe­sen wären, zu beschrei­ben, was sie in dem Moment, da ich auf die Fort­set­zung ihrer Erzäh­lung war­te­te, hör­te in ihrem Kopf. Das fei­ne, selt­sa­me Lächeln auf ihrem Gesicht, als sie am Aus­druck mei­ner Augen bemerkt, dass ich wahr­ge­nom­men haben könn­te, dass die Bil­der, die ich wuss­te, tat­säch­lich gesche­hen waren, das Mas­sa­ker auf dem gro­ßen Platz, stol­pern­de Men­schen, Men­schen auf Bah­ren, zer­malm­te Fahr­rä­der, der Mann mit Ein­kaufs­tü­ten in sei­nen Hän­den auf der Para­de­stra­ße vor einem Pan­zer ste­hend. Dann die Flucht ins häus­li­che Leben zurück wie in ein Ver­steck, das stum­me Ver­schwin­den jun­ger Leben für immer. -Du soll­test mit Stäb­chen essen, sag­te Din, das machst Du so, schau! — stop

ping

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zwergherzrose

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echo

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : ZWERGHERZROSE
date : jun 3 14 4.28 p.m.

Es ist vier Uhr nach­mit­tags, ein hei­ßer Tag in New York. Wir sit­zen auf dem Pro­me­na­den­deck, fah­ren in Rich­tung Sta­ten Island. Die Flut kommt, der Schiffs­kör­per unter uns zit­tert. Eich­hörn­chen Fran­kie kau­ert auf einer Bank, als wäre er ein Mensch. Kin­der füt­tern ihn mit Nüs­sen. Er hält sein Gesicht in den Wind, ach­tet auf Möwen, die ihn mehr­fach atta­ckier­ten. In sei­ner Nähe seit zwei Wochen immer wie­der anzu­tref­fen, eine jun­ge Frau, auch in die­sem Moment ist sie anwe­send. Sie kommt am frü­hen Mor­gen auf das Schiff, setzt sich an eines der Fens­ter und beginnt zu lesen. An den Ter­mi­nals geht sie je von Bord, nimmt iei­ne ande­re Fäh­re, um nach zwei oder drei Fahr­ten wie­der auf der John F. Ken­ne­dy zurück zu sein. Fran­kie mag an ihr Gefal­len gefun­den zu haben. Er sitzt jeden­falls immer in ihrer Nähe, ohne einen Grund, den wir erken­nen könn­ten, sie hat ihn bis­her noch nie gefüt­tert. Auch beach­tet sie ihn kaum, weil sie liest. Ein­mal durch­stö­ber­te Fran­kie ihre Hand­ta­sche, jag­te mit einem Blei­stift davon. Die jun­ge Frau hat­te ihn beob­ach­tet, sie lächel­te und folg­te ihm mit ihrem Blick. Eine rei­zen­de Per­son. Ele­gant geklei­det, heu­te mit einem roten Stroh­hut auf dem Kopf. Alli­son hat­te sie am drit­ten Tag ihres Erschei­nens eini­ge Stun­den lang beschat­tet. Am Abend folg­te sie ihr nach Brook­lyn, sie scheint nicht ver­däch­tig zu sein, eine Per­son, die über Zeit ver­fügt, die viel­leicht Schiffs­fahr­ten mag. Wir notie­ren sorg­fäl­tig ihre Lek­tü­re, ges­tern noch Carson McCul­lers Roman Clock Wit­hout Hands. Auch ken­nen wir bereits ihren Namen, wis­sen, dass ihre Eltern noch leben, wel­che Schu­le sie besuch­te, sie scheint noch nie in ihrem Leben ange­stellt gewe­sen zu sein. Ja, es ist vier Uhr nach­mit­tags an einem hei­ßen Tag in New York. Es ist kaum spä­ter gewor­den. Ein blau­er Ball rollt hin und her, als such­te er einen Aus­weg. Ges­tern war ein Mann von Bord gesprun­gen und wur­de geret­tet. — Ihr Mal­colm / code­wort : zwergherzrose 

emp­fan­gen am
4.06.2014
1948 zeichen

mal­colm to louis »

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MELDUNGEN : MALCOLM TO LOUIS / ENDE



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