frankie

2

echo

~ : malcolm
to : louis
subject : FRANKIE
date : june 9 12 0.05 a.m.

Samstag. Nacht. Gute Nach­richten sind zu über­mit­teln. Endlich haben wir ein Eich­hörn­chen gefangen, Central Park, Höhe 76. Straße, ein großes, graues Tier. Wir haben ihm dem Namen Frankie verpasst. In diesem Moment schläft Frankie tief und fest. Es ist kaum zu glauben, dass wir seinen kleinen runden Bauch, der sich vor unseren Augen hebt und senkt, in wenigen Stunden öffnen werden. Arme und Beine sind bereits am Tisch befes­tigt, ein Anblick, der nicht gut zu ertragen ist. Frankie wirkt hilflos, erbärm­lich, wie er hinge­streckt vor unseren Augen ruht. Als wir ihn badeten, wachte er vom Wasser auf, das er viel­leicht nicht gewöhnt ist, und zeigte seine kräf­tigen Zähne. Ich nehme an, er wird in diesem Moment weder hören, noch sehen, nur träumen oder auch nicht. Da wir nun alles auf das Sorg­fäl­tigste vorbe­reitet haben, Satel­li­ten­sender wie USB-Daten­träger liegen bereit, bitten wir um präzise anato­mi­sche Anwei­sung, in welche Tiefe wir das Mate­rial in Fran­kies Körper zu versenken haben. Wie lange Zeit sollten wir Frankie nach Opera­tion narko­ti­sieren? Wann könnten wir ihn wieder in die Frei­heit entlassen? Antworten Sie bitte rasch! Ihr Malcolm / code­wort : hibis­kus­blüte

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9.06.2012
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notvögel

2

nordpol

~ : malcolm
to : louis
subject : NOTVÖGEL
date : june 16 12 0.12 a.m.

Guten Morgen, Louis! Wie gehts Ihnen? Alles in Ordnung? Eine Woche ist vergangen seit wir Frankie, das Eich­hörn­chen, operierten. Er scheint bei bester Gesund­heit. Wir haben die Krallen seiner Pfoten gestutzt, damit er sich die Narbe auf seinem Bauch nicht bald öffnen wird. Wir beob­ach­teten, dass sie ihn reizt, nicht so sehr das USB – Gerät, dessen Kontur sich unter der rosa­far­benen Haut deut­lich abzeichnet, viel­mehr ist es die rasierte Stelle insge­samt, die Frankie immer wieder betrachtet. Wir haben den Eindruck, er wundert sich in höchsten Maße. Indessen scheinen ihn jene kreis­för­migen Solar­zellen, die wir auf seiner Stirn links und rechts montierten, nicht weiter zu inter­es­sieren, auch das GPS-Funk­gerät, das wir hinter seinem linken Ohr im Leib versenkten, blieb bislang unbe­merkt. Es ist nicht viel größer als 1 Cent­münze. Heute ist also Frankie’s erster Tag in rela­tiver Frei­heit. Wir haben den kleinen Mann von seinen Käfig­fes­seln befreit, weswegen er seit Stunden aufge­regt in der Wohnung tollt. In zwei oder drei Tagen, wenn alles gut gehen wird, planen wir Frankie in der Dämme­rung eines Abends im Central Park, Höhe 87. Straße West, in die Wildnis zu entlassen. Hinsicht­lich der Entwick­lung essbarer Notvögel ist folgendes zu sagen. Zeisige, Finken, Amseln, Stare erscheinen uns nicht geeignet. Lerchen indessen sind inso­fern bereits gelungen, als sie ihrem Zucht­be­hälter voll­ständig federlos entkommen. Wir haben ihr Wachstum beschleu­nigt, sie werden nach Bestel­lung binnen dreier Tage fertig und im Geschmack Süßman­deln ähnli­cher geworden sein. Leider sind sie noch blind und taub und stumm. Natür­lich sind wir weiterhin in jeder Hinsicht um Fort­ent­wick­lung bemüht. In diesem Sinne, äußerst zuver­sicht­lich, grüßen wir Sie herz­lich. – Ihr Malcolm / code­wort : lilliput

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16.06.2012
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meeresnähe

2

hima­laya

~ : malcolm
to : louis
subject : MEERESNÄHE
date : july 1 12 4.12 p.m.

Wir über­mit­teln eine Notiz für Sie, der Sie viel­leicht auf Nach­richten von uns warten werden. Wir sitzen in diesem Moment mit unseren Funk­emp­fän­gern im Central Park, Höhe 87. Straße nahe Onas­sis­re­ser­voir. Frankie wieder in Frei­heit. Er scheint glück­lich zu sein. War an diesem Tag viel unter­wegs gewesen, umrun­dete zwei­fach den großen See, in dem er von Baum zu Baum segelte in großer Höhe. Wir folgten ihm in ange­mes­senem Abstand, unsichtbar, und hatten doch immer wieder den Eindruck, Frankie würde auf uns warten. Es ist jetzt kurz nach vier Uhr. Schwüle, knis­ternde Luft. Der Himmel so dunkel, als wäre dort über uns schon Nacht geworden. Blitze in Meeres­nähe. Frankie hockt unter einer Linde. Er schaut uns an. Leuch­tende, fieb­rige Augen. Sein kleiner musku­löser Köper bebt. Wann war es zuletzt gewesen, dass wir ein solch präch­tiges Eich­hörn­chen gesehen haben? – Ihr Malcolm. / code­wort : lepo­rello

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1.07.2012
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shakespears garden

2

lima

~ : malcolm
to : louis
subject : BALCONY
date : aug 11 12 10.08 p.m.

Seit Tagen bereits sehen wir Frankie in stän­diger Bewe­gung. Das Eich­hörn­chen scheint zu einer Persön­lich­keit geworden zu sein, die ohne jeden Schlaf auszu­kommen vermag. Wir haben das so nicht erwartet. In den vergan­genen Tagen und Nächten wanderte Frankie 180 Meilen durch den Central Park. Wir dachten zunächst, dass Frankie’s Unruhe sich entfaltet haben könnte, weil es regnete. Aber Frankie läuft noch immer und es hat schon lange aufge­hört. Der Himmel an diesem Abend ist wolklenlos. Wir befinden uns nahe der Base­ball­felder Höhe 61. Straße. Es ist denkbar, dass es gleich rauf bis zur 68. Straße gehen wird ohne Pause, eine Frage der Zeit bis wir aufgeben müssen, weil wir das Ende unserer Kräfte erreicht haben werden. Entweder wir bekommen bald eine Ablö­sung oder es ist Schluss! Manchmal fragen wir uns, warum das notwendig ist, ein Wesen zu beob­achten, das über einen Sender verfügt, den wir jeder­zeit anpeilen könnten, um das Gespenst wieder­zu­finden. Nein, es ist nicht immer leicht zu verstehen, was hier vor sich geht. Gestern, Freitag, haben wir von 2 bis 4 Uhr folgende Posi­tionen hinter uns gelassen > Turtle Pond : Great Lawn Soft­ball Field : Bridge No 24 : East 96th Street Play­ground : North Meadow : Harlem Meer : Glen Span Arch : Seneca Village Site : Shake­spears Garden : Balcony Bridge. Ihr Malcolm – stop / code­wort : ligu­rien

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11.08.2012
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funkstille

2

marimba

~ : malcolm
to : louis
subject : FUNKSTILLE
date : oct 17 12 8.15 p.m.

Ja, warum antworten Sie denn nicht, verdammt, wenn wir ihnen schreiben? Rom. Das ist doch kein Grund, sich nicht zu melden. Kaum auszu­denken, wenn wir das so machen würden wie Sie. Frankie haben wir jeden­falls wieder­ge­funden. Fünf Tage war er nicht zu finden gewesen, kein Signal, kein Frankie im Central Park, wie vom Erdboden verschluckt. Man stelle sich das einmal vor, wir würden Frankie’s Spur verloren haben, wenn es einmal wirk­lich ernst geworden ist. Wir dachten, die Brenn­stoff­zellen seines Senders könnten ausge­fallen sein. Es war an einem Samstag, da war Frankie plötz­lich fort, Höhe 76. Straße. Gerade noch kauerte er neben einer Eiche. Wir waren müde, glaube ich, es war Abend, wir saßen in Sicht­weite auf einer Bank, viel­leicht sind wir kurz einge­schlafen. Natür­lich haben wir sofort die Suche nach Frankie aufge­nommen. Haben jede Unter­füh­rung geprüft und jedes der Abfluss­rohre, die Frankie zum Verhängnis geworden sein könnten. Grau­en­volle Tage, wir irrten ziellos herum. Jedes Eich­hörn­chen, dem wir uns näherten, konnte Frankie gewesen sein. Das war ein Alptraum, ein ganz unge­heuere Sache, wie ähnlich sie sich doch sind. Matt wurde mehr­fach in die Hand gebissen, wir tragen jetzt Leder­hand­schuhe. Und dann kam Frankie zurück. Es war wieder Abend geworden und Frankie tauchte genau dort, wo wir ihn verloren hatten, wieder auf. Langsam kam er auf uns zu, sein Schwanz zitterte, sein fester Körper bebte, er machte den Eindruck, als wollte er uns begrüßen. So nah kam er heran, dass wir ihn berühren konnten. Ich habe mir gedacht, dass Frankie verdammt genau den Eindruck machte, als hätte er nach uns gesucht wie wir nach ihm, und dass er froh gewesen war, uns endlich gefunden zu haben. Das ist schon eine selt­same Geschichte. Gerade sitzt Frankie auf einer Bank neben uns. Er knackt Erdnüsse, die wir im schenkten. Eine Art Bestechung viel­leicht. Der Sender piepst. Alles scheint wieder in Ordnung zu sein. Ihr Malcolm – stop / code­wort : lili­en­thal

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18.10.2012
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karawane

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echo

~ : malcolm
to : louis
subject : KARAWANE
date : nov 6 12 0.30 a.m.

Wir sollten viel­leicht eines der Ratte­nun­ge­tüme fangen, die den Central Park seit der großen Flut bevöl­kern. In Herden lungern sie unter Bäumen im Feuer­laub, unzäh­lige riesige Tiere, pfei­fende Sprache, weithin zu hören, sehr helle Töne. Eine ihrer Kara­wanen bewegte sich vor wenigen Stunden noch Höhe 61. Straße über ein Base­ball­feld, langsam, ein unheim­li­cher Anblick. Vermut­lich deshalb verharrt Frankie in den Kronen der Bäume, aber auch dort haben wir einzelne Ratten­tiere gesichtet. Es ist denkbar, dass sie sich nicht wieder zurück wagen werden in den Unter­grund. In einem Haus an der Lexington Avenue sollen Ratten in Appar­te­ments des 32. Stock­werkes einge­drungen sein. Man stelle sich das einmal vor, man wird diesen Anblick nie wieder vergessen, wo eine Ratte gewesen ist, wird sie fortan immer sein, wenn nicht persön­lich, dann als Möglich­keit, als eine Unruhe der Gedanken, der Träume. Sie steigen in den Fall­rohren aufwärts. – Es ist schon lange dunkel geworden, der 6. November ange­bro­chen. Leichter Regen, obwohl der Himmel wolkenlos scheint. Selt­same Span­nung liegt in der Luft. – Ihr Malcolm / code­wort : syracus

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06.11.2012
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schnee

2

alpha

~ : malcolm
to : louis
subject : SCHNEE
date : dec 2 12 0.15 p.m.

Über Nacht ist Schnee gefallen. Ein harter, böiger Wind fegt vom East River her durch die Straßen in den Park. Wir sind die ersten Spazier­gänger heute Morgen. Es ist beinahe still in der Dämme­rung. Weithin sehen wir hinter uns unsere eigene Spur auf dem Weg, den wir nord­wärts gehen. Immer wieder bleiben wir stehen, um nach Frankie zu sehen. Er scheint sich wohl­zu­fühlen, man könnte sagen, dass es sich bei diesem Eich­hörn­chen um einen Schnee­tau­cher handeln könnte. Für Minuten ist nichts von ihm zu sehen, aber dann plötz­lich sein Kopf, der aus dem Schnee ragt, er schüt­telt sich, seine Ohren beben, ja, Frankie scheint glück­lich zu sein in dieser neuen weißen Welt. Auch Möwen sind in den Central Park gekommen. Sie hocken auf Sitz­bänken und Mauern, ich glaube, sie haben es auf Zwerge wie Frankie abge­sehen, denkbar, dass sie den Schnee als Gewässer betrachten und jene Tiere, die sich für einen kurzen Moment an der Ober­fläche zeigen, für Fische, die sie jagen müssen. Es sind große Vögel, gelbe Augen, riesige Schnäbel, die uns heute Morgen tatsäch­lich Sorge bereiten, sie könnten Frankie erlegen und mit ihm aufs Meer hinaus­fliegen, mit all seinen Sensoren, die uns dann nicht weiter­helfen werden. Wann werden Sie uns besu­chen, Mr. Louis? Wir hoffen noch in diesem Winter! Einmal Frankie mit eigenen Augen betrachten, nicht wahr! Schnell ist er geworden. In der kommenden Woche wollen wir zum ersten Mal erproben, ob wir in der Lage sind, ihn mit unserer Fern­steue­rung beein­flussen zu können. Wir haben vor, Frankie in Kreisen durch den Park laufen zu lassen. – Aller­beste Grüße sendet ihn Malcolm / code­wort : hilla­rystep

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03.12.2012
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amsterdam avenue

2

nordpol

~ : malcolm
to : louis
subject : AMSTERDAM AVENUE
date : jan 18 13 0.12 a.m.

Gestern, in den frühen Morgen­stunden, meldete Allison, sie habe Frankie verloren. Kein Signal, keine Bewe­gung. Sie war sehr aufge­regt gewesen, hatte sich auf ihr Fahrrad gesetzt und einige Runden durch den Park gedreht, ehe sie uns alar­mierte. Es ist seltsam, wir haben nie daran gedacht, dass das Eich­hörn­chen Frankie den Central Park ohne unsere Erlaubnis je verlassen könnte. Zunächst glaubten wir, Frankie sei viel­leicht von einem Wasch­bären oder einem streu­nenden Hund oder einem Luchs gefangen worden. Auch haben wir daran gedacht, dass auf ihn geschossen worden sein könnte. Aber das würde nicht erklären, weshalb Fran­kies Sender nicht länger funk­tio­nierten. Es war einzig denkbar, dass Frankie in das Reser­voir gefallen sein könnte, viel­leicht, obwohl ein hervor­ra­gender Schwimmer, hatte ihn die Kälte des Wassers getötet. Aber dann meldete Henry, er habe wieder ein Signal und zwar in der 59. Straße Ecke Amsterdam Avenue. Ich vermu­tete, dass irgend­je­mand Frankie gefangen haben könnte, was kaum vorstellbar war, so schnell sich das kleine Tier zu bewegen vermag, mit seinem Körper und auch mittels seiner Gedanken. Es ist jetzt früher Nach­mittag. Ein eisiger Wind bläst von Westen her durch die Straßen. Und wenn ich nun erzähle, dass wir Frankie lebend in Frei­heit entdeckten, werden Sie das viel­leicht kaum glauben. Er sitzt in unserer unmit­tel­baren Nähe auf dem Dach eines Zeitungs­ki­oskes und nascht aus einer Tüte, ich meine, Frankie hat ein paar Nüsse erbeutet. Er wirkt gesund, der Lärm der Straße scheint ihn nicht weiter zu berühren. Ich glaube, er hat uns bemerkt, scheint viel­leicht zufrieden zu sein, unsere vertrauten Erschei­nungen zu sehen. Wir kommen sehr nah an ihn heran. Was sollen wir tun? Sollen wir den Versuch unter­nehmen, Frankie einzu­fangen, oder sollen wir abwarten, was geschehen wird? Allison speku­liert, Frankie könnte sich plan­voll in Rich­tung des Hudson River Parks bewegen. Melden Sie sich bitte, melden Sie sich so bald wie möglich! – Aller­beste Grüße sendet ihn Malcolm / code­wort : india­ner­trom­pete

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18.01.2013
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polaroidmilli

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javier

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alpha

~ : malcolm
to : louis
subject : JAVIER IAN
date : april 1 13 10.12 p.m.

Nach wie vor bewegt sich Frankie sehr langsam den Hudson River entlang. Es geht nur wenige hundert Meter am Tag voran. Frankie, als ob er ein Ziel verfolgte, kennt nur eine Rich­tung: südwärts. Der Verkehr auf der 12th Avenue ist grau­en­voll gefähr­lich bei Tag und bei Nacht. In den ersten Stunden, da das Eich­hörn­chen den Central Park verlassen hatte, mochten wir kaum glauben, dass es über­leben würde. Aber er ist schnell und er scheint zu wissen, dass ihm die Straßen der Stadt zum Verhängnis werden könnten. Wir bemühen uns Frankie zu schützen, wo und wie auch immer wir können. Erfolglos haben wir nahe Manhattan Cruise Terminal einen Hotdog-Verkäufer gebeten, Frankie nicht weiter zu füttern. Wir wissen jetzt, dass er Gurken­scheiben und Zwie­beln bevor­zugt. Von Mitte Februar bis in die erste März­woche hinein war kaum eine Bewe­gung Fran­kies zu verzeichnen gewesen. Wir haben sein Verhalten zunächst mit den groß­zü­gigen Spenden des alten Mannes aus Puerto Rico begründet. Als aber Javier Ian einige Tage mit seinem fahrenden Stand nicht erschienen war, bemerkten wir, dass Frankie Kreuz­fahrt­schiffe beob­ach­tete. Es waren die MS Aida, die MS Carnival Miracle, die MS Freedom of the Seas, die pracht­voll beleuchtet an den Piers fest­ge­macht hatten. Frankie hockte auf einer jungen Eibe, immer auf dem selben Ast, Stunde um Stunde. Es ist nicht möglich zu verstehen, was ihn an dem Blick auf den Fluss und auf die riesigen Schiffe fesselte, er schien kaum zu schlafen und er duldete uns in seiner Nähe, wir kamen so nah an ihn heran, dass wir ihn beinahe zu berühren vermochten. Am 6. März brach Frankie wieder auf. Er schien nach uns zu sehen, ob wir ihm folgen. Und tatsäch­lich wartete er, wenn wir uns zur Probe versteckten in einer der Straßen, die zum Fluss führen. Die Nächte sind nach wie vor kalt, aber ohne Frost. Unser Frankie ist kräftig, ist stark über den Winter gekommen. Wir befinden uns Höhe 41. Straße. Es ist Montag, der 1. April 2013, früher Abend. – Aller­beste Grüße sendet Mal­colm / code­wort : medu­sen­kopf­auge

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1.04.2013
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polaroidstrand2

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federlibelle

2

romeo

~ : malcolm
to : louis
subject : FEDERLIBELLE
date : may 22 13 5.35 p.m.

Wieder wandern wir südwärts. Es ist ein großes Glück. Vor vier Wochen noch war Frankie ernst­haft krank gewesen. Er lag auf einer Bank am Hudson River, Höhe 26. Straße. Als wir ihn in dieser unge­wohnten Haltung bemerkten, fürch­teten wir, er könnte gestorben sein, keine Bewe­gung. Vorsichtig näherten wir uns, hoben ihn an, hüllten ihn in eine Decke. Er hatte hohes Fieber, sein Herz raste, manchmal schien es auszu­setzen. Zwei Tage und zwei Nächte waren wir ihm sehr nah gekommen. Nun bin ich mir sicher, dass Frankie uns kennt, dass das kleine Tier uns Vertrauen schenkt. Er scheint die Tage seiner Gefan­gen­schaft vergessen zu haben, zu keiner Zeit wehrte er sich. Wir fütterten ihn mit Nuss­brei und Pflaumen. Während er schlief waren leise, knat­ternde Laute zu vernehmen. Am Morgen des dritten Tages, wir hatten in seiner Nähe über­nachtet, war Frankie weiter­ge­zogen. Wir folgten ihm in einem Abstand von zwanzig oder dreißig Metern. Er wanderte zunächst nord­wärts bis Höhe 35. Straße, kehrte dann plötz­lich um, als hätte er sich erin­nert, dass er zuvor noch südwärts gelaufen war. Seit drei Wochen kampieren wir nun vor einem alten Back­stein­haus, 371 West 11. Straße, dessen Feuer­lei­tern Frankie gefallen. Die Bewohner des Hauses haben sich an uns gewöhnt, wie wir gegen­über auf unseren Garten­stühlen sitzen und Frankie nicht aus den Augen lassen. – Aller­beste Grüße sendet Malcolm / code­wort : feder­li­belle

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22.05.2013
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polaroidsquare

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kaprunbiber

2

charlie

~ : malcolm
to : louis
subject : KAPRUNBIBER
date : jun 24 12 10.12 p.m.

371 West 11. Straße. Wir haben unsere Posi­tion kaum verän­dert. Frankie scheint sich auf dem Dach des Back­stein­hauses, von dem wir bereits erzählten, für unbe­stimmte Zeit einge­richtet zu haben. Dass wir eine Wohnung anmieten konnten im Haus gleich gegen­über, ist von großem Vorteil, wir fallen nicht weiter auf, in dem wir nach Frankie Ausschau halten. Eine kleine Wohnung mit rampo­niertem Dielen­boden, der unter unseren Schritten ächzt und kracht. Bei gutem Wetter sitzen wir auf einem der Balkone des Hauses. Frankie besucht uns dort von Zeit zu Zeit, er wagt sich schon auf den Tisch, wenn wir Nüsse für ihn abge­legt haben. Wüsste er, wer wir sind, würde er sich vermut­lich fern­halten. Er scheint seine erste Begeg­nung mit uns tatsäch­lich vergessen zu haben. So nah kommt er heran, dass wie die Umrisse des Spei­cher­me­diums, welches wir unter seinem Fell vernähten, mit bloßem Auge erkennen. Und so haben wir ange­nehme Beob­ach­tungs­tage. Juni. Die Nächte sind ruhig, stünd­lich vernehmen wir Signal­zei­chen der Schiffe vom nahen Fluss. Dann kommt die Sonne und ihre Hitze, Frankie ruht wie eine Katze flach auf dem Blech­dach des Hauses gegen­über. Manchmal rast er das alte Gemäuer senk­recht auf und nieder, als würde er nach Fliegen jagen. Es scheint ihm außer­or­dent­lich gut zu gehen, klap­pernde Müll­tonnen, die geöff­neten Fenster der Wohnungen, Wasser­tanks auf den Dächern, in welchen Frankie badet, es ist ein wirk­lich guter Ort für ein junges, kräf­tiges Eich­hörn­chen. Die Nach­richten jedoch, die wir über unsere Kanäle empfangen, sind beun­ru­hi­gend. Ich zwei­fele manchmal daran, ob wir noch in der Lage wären, Frankie zu töten, sollte der Befehl zu seiner Besei­ti­gung kommen. – Ihr Malcolm / code­wort : kaprun­biber

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24.06.2013
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kilimandscharo

2

delta

~ : malcolm
to : louis
subject : KILIMANDSCHARO
date : aug 05 12 8.08 p.m.

Es war gegen Mit­ter­nacht ges­tern als Fran­kie das Haus in der 11. Straße über eine Feu­er­lei­ter ver­ließ. Unver­züg­lich kehrte er an den Hud­son River zurück, hockte einige Stun­den auf einer Mauer am Was­ser, von dem in die­sen Tagen ein stren­ger Geruch aus­geht. Es ist heiß und schwül. Wir haben tote Fische beob­ach­tet, deren Kör­per an den Quai schla­gen. Der Fluss schäumt in sei­nen Press­wir­beln, New Jer­sey scheint nah, als würde die Luft eine unsicht­bare Lupe for­mie­ren. Alles geht einen guten Weg. Vor zwei Wochen hat­ten wir Fran­kie zuletzt betäubt, um Brenn­stoff­zel­len sei­ner Sen­der zu erneu­ern. Weit in das kom­mende Jahr wer­den sie kraft­voll arbei­ten. Tat­säch­lich scheint sich unser Eich­hörn­chen von den Stra­pa­zen der Nar­kose schnell erholt zu haben. In den Minu­ten sei­nes Auf­bruchs hatte er es nicht eilig. Rose sagte, sie habe den Ein­druck, Fran­kie würde darauf ach­ten, dass wir ihm fol­gen. Im Mor­gen­grauen setzte er seine Wan­de­rung süd­wärts fort. Fröh­lich seine Bewe­gun­gen hin und her, und da die Bäume wie­der ernst­zu­neh­mende Höhen errei­chen, auf und ab. Es ist jetzt längst Abend gewor­den, wir ruhen Höhe Moore Street auf einer Bank. Fran­kie betrach­tet Schiffe, die den Fluss pas­sie­ren. Manch­mal rich­tet er sei­nen Blick auf uns, ich glaube, wir sind ihm tat­säch­lich ver­traut gewor­den, Freunde, die ihn jeder­zeit mit einem Knopf­druck töten könn­ten. Ein kaum hör­ba­res Geräusch. Ein Herz, das zer­bricht. Ich habe von die­sem Moment eines unglück­li­chen Endes geträumt, von mei­nem Fin­ger, der Fran­kies Leben löscht von einer Sekunde zur ande­ren, ohne Erklä­rung, ohne War­nung, weil wir den Befehl dazu erhal­ten haben. Es war ein Alp­traum, den wir alle schon träum­ten. Aber wir spre­chen nicht viel davon, nicht vom Ende, aber natür­lich davon, dass Fran­kie bald Bat­tery Park erreicht haben wird. Nie­mand weiß, wie es wei­ter­ge­hen wird. — Ihr Mal­colm / code­wort : kili­man­dscharo

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05.08.2013
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polaroidmanhattan2

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hirnhummeltee

2

echo

~ : malcolm
to : louis
subject : HIRNHUMMELTEE
date : oct 8 13 6.11 p.m.

Am achten September, es war ein Sonntag gewesen, ein warmer, freund­li­cher Tag, erreichte Frankie Battery Park. Er hielt sich nicht lange auf unter den Bäumen, die sich bereits herbst­lich färbten, folgte der Küsten­linie, um zwei Stunden später das Schiffs­ter­minal South Ferry zu errei­chen. Bis dahin hatten wir vermutet, Frankie sei ein scheues, ein menschen­scheues Tier, doch gegen den Abend zu in der Dämme­rung, wagte sich das Eich­hörn­chen in den zentralen Saal des Gebäudes, in welchem hunderte Passa­giere auf das nächste Schiff nach Staten Island warteten. Allison warnte als Erste mittels eines Funk­spru­ches, Frankie könnte viel­leicht eines der Fähr­schiffe entern. Und genauso war es gekommen, das kleine, musku­löse Tier hastete lautlos über den blitz­blanken Boden des Termi­nals, duckte sich unter Sitz­bänken, verbarg sich in den Schatten des Abends, um von den Hunden der Küsten­wache unbe­merkt, nur von einigen Kindern stau­nend betrachtet, über den Steg an Bord der John F. Kennedy zu huschen. Hier befinden wir uns zu diesem Zeit­punkt. Es ist wieder einmal Abend geworden, der drei­ßigste Tag, an dem Frankie auf dem Fähr­schiff über die Upperbay pendelte, neigt sich dem Ende zu. Am Hori­zont, im Westen, leuchten die Hafen­kräne New Jerseys, sie blinken, mäch­tige Eisen­vögel. Auf der Prome­nade spazieren Menschen mit Foto­ap­pa­raten. Es ist ein schöner Spät­som­mer­abend. Seit vielen Stunden rollt ein Ball von einer Seite des Schiffes zur anderen. Ich werde müde, indem ich ihm mit den Augen folge. Niemand scheint sich an seiner Bewe­gung zu stören, es ist so, als würde der Ball zum Schiff gehören, als würde er schon seit vielen Jahren über das Hurri­ka­ne­deck rollen. Frankie schläft. Er ruht in einer Rettungs­weste, die unter einer Sitz­bank baumelt. Die Weste schau­kelt im leichten Seegang hin und her. – Ihr Malcolm / code­wort : hirn­hum­meltee

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8.10.2013
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rooseveltblüte

2

sierra

~ : malcolm
to : louis
subject : ROOSEVELTBLÜTE
date : nov 22 13 8.15 p.m.

Am 22. November berichtet die New York Times über Eich­hörn­chen Frankie, das seit Wochen auf dem Hurri­kane Deck der Staten Island Fähre John F. Kennedy lebt. Wir konnten das nicht aufhalten. Weder den Bericht selbst, noch eine Foto­grafie, die das Eich­hörn­chen zeigt, wie es auf einer Sitz­bank nach einem Finger greift. Frankie scheint sich auf dem Schiff wohl­zu­fühlen. Viel­leicht ist es die Wärme, viel­leicht sind es die Bewe­gungen der Fähre auf dem Meer, die ihm gefallen. Natür­lich ist er längst zur Attrak­tion geworden, zum Stadt­ge­spräch, wird foto­gra­fiert und mit frischen Erdnüssen versorgt. Seit einigen Tagen nimmt Frankie gleich­wohl Bananen zu sich, zutrau­lich wagt er sich nah an die Passa­giere der Fähre heran, greift mit seinen Händen nach den Früchten, vermag sie zu öffnen, duckt sich, hastet mit seiner Beute je unter eine der Sitz­bänke, weshalb zahl­reiche Passa­giere nieder­knien, um Frankie nicht aus den Augen zu verlieren. Gestern beob­ach­teten wir, wie ein Mädchen Frankie berühren durfte. Er zitterte leicht, als das Kind mit einer Hand über seinen Rücken fuhr. Das Mädchen bemerkte Fran­kies Sender, der dicht unter seiner Haut verborgen liegt, rasch zog es seine Hand zurück. Es ist beun­ru­hi­gend, welch große Aufmerk­sam­keit Frankie geniesst. Wir haben den Eindruck, manche der Passa­giere fahren nur deshalb mit der Fähre, um Frankie besich­tigen zu können. Kaum noch kommen wir an ihn heran, ohne selbst foto­gra­fiert zu werden. Heute ist es sehr windig. Brooklyn und New Jersey liegen im Nebel. Man könnte glauben, dass wir uns auf hoher See befinden. Die Scheiben des Schiffes schep­pern. Wasser peitscht über die Vordecks der Fähre. Menschen mit Foto­ap­pa­raten stehn im Wind und suchen nach Manhattan. Etwas seekrank sende ich aller­beste Grüße aus New York – Malcolm / code­wort : roose­velt­blüte

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23.11.2013
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polaroidbadende

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code blue

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ginkgo

~ : malcolm
to : louis
subject : CODEBLUE
date : jan 8 14 3.15 p.m.

Eis schin­delt auf der Upper New York Bay. Es ist kalt geworden, klare Luft. Seit zwei Tagen ankert das Fähr­schiff John F. Kennedy vor dem Saint George Terminal. Wir haben Erlaubnis an Bord zu bleiben. Notbe­leuch­tung auf den Decks. Allison war kurz an Land gegangen, um Erdnüsse für Frankie zu besorgen. Er tollt jetzt schon seit Stunden auf dem Schiff herum, als würde es ihm allein gehören. Wir erleben in dieser Weise eine ruhige Zeit, niemand hier, der Frankie zu nahe kommen könnte. Von der Besat­zung des Schiffes ist nur ein Matrose geblieben. Er hat damit begonnen, die Rahmen der Fenster zu strei­chen. Auf den Fähr­schiffen, die an uns vorbei­ziehen, sind vermummte Passa­giere zu erkennen. Manche wagen sich auf die Prome­naden hinaus, viele tragen Masken vor ihrem Gesicht, ein unheim­li­cher Anblick. Und das Knis­tern des Eises, das sich in Ufer­nähe sofort wieder hinter den Schiffen schliesst. Noch ist es kein Hindernis. Schollen richten sich senk­recht auf, bleiben stehen wie messer­scharfe Zähne. Ein Tran­sis­tor­radio spielt Jazz­musik. Stünd­lich Nach­richten von der Lage in der Stadt. Kirchen und Schutz­räume sollen für Personen ohne Wohnung geöffnet worden sein. Wir fragen uns, ob Frankie im Central Park über­lebt haben würde. Weiterhin, auch nachts, sind Möwen am Himmel. – Mal­colm. Ahoi! / code­wort : code­blue

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8.01.2014
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polaroidlungen

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zwergherzrose

2

echo

~ : malcolm
to : louis
subject : ZWERGHERZROSE
date : jun 3 14 4.28 p.m.

Es ist vier Uhr nach­mit­tags, ein heißer Tag in New York. Wir sitzen auf dem Prome­na­den­deck, fahren in Rich­tung Staten Island. Die Flut kommt, der Schiffs­körper unter uns zittert. Eich­hörn­chen Frankie kauert auf einer Bank, als wäre er ein Mensch. Kinder füttern ihn mit Nüssen. Er hält sein Gesicht in den Wind, achtet auf Möwen, die ihn mehr­fach atta­ckierten. In seiner Nähe seit zwei Wochen immer wieder anzu­treffen, eine junge Frau, auch in diesem Moment ist sie anwe­send. Sie kommt am frühen Morgen auf das Schiff, setzt sich an eines der Fenster und beginnt zu lesen. An den Termi­nals geht sie je von Bord, nimmt irgend­eine andere Fähre, um nach zwei oder drei Fahrten wieder auf der John F. Kennedy zurück zu sein. Frankie mag an ihr Gefallen gefunden zu haben. Er sitzt jeden­falls immer in ihrer Nähe, ohne einen Grund, den wir erkennen könnten, sie hat ihn bisher noch nie gefüt­tert. Auch beachtet sie ihn kaum, weil sie liest. Einmal durch­stö­berte Frankie ihre Hand­ta­sche, jagte mit einem Blei­stift davon. Die junge Frau hatte ihn beob­achtet, sie lächelte und folgte ihm mit ihrem Blick. Eine reizende Person. Elegant gekleidet, heute mit einem roten Strohhut auf dem Kopf. Allison hatte sie am dritten Tag ihres Erschei­nens einige Stunden lang beschattet. Am Abend folgte sie ihr nach Brooklyn, sie scheint nicht verdächtig zu sein, eine Person, die über Zeit verfügt, die viel­leicht Schiff­fahrten mag. Wir notieren sorg­fältig ihre Lektüre, gestern noch Carson McCul­lers Roman Clock Without Hands. Auch kennen wir bereits ihren Namen, wissen, dass ihre Eltern noch leben, welche Schule sie besuchte, sie scheint noch nie in ihrem Leben ange­stellt gewesen zu sein. Ja, es ist vier Uhr nach­mit­tags an einem heißen Tag in New York. Es ist kaum später geworden. Ein blauer Ball rollt hin und her, als suchte er einen Ausweg. Gestern war ein Mann von Bord gesprungen und wurde gerettet. – Ihr Malcolm / code­wort : zwerg­herz­rose

empfangen am
4.06.2014
1948 zeichen

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