déjà-vu

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15.08 – In der schwan­kenden Stra­ßen­bahn höre ich, wie sie mit bren­nenden Augen nach Worten suchen für das schep­pernde Licht des Magne­siums, für das Fauchen der benga­li­schen Feuer, die sie in Händen gehalten haben. Da ist eine Nacht­se­kunde, die Sekunde, in der sie das rote, das verbo­tene Stäb­chen entzündet und gerade noch eben recht­zeitig von sich geworfen haben, da ist das Heulen der chine­si­schen Pulver­pfeifen, da sind Funken­regen, da sind blau­graue Wölk­chen, die sich auf kleine Zungen nieder­legen. Nicht die Feuer­blumen des Himmels, das Spek­takel der nächsten Nähe entfes­selt die Erin­ne­rung von Stunde zu Stunde. Zünd­hölzer, verborgen in Hosen­ta­schen, sind zurück­ge­blieben, auch dieses Schwe­fel­holz, eine heim­liche Geschichte. – stop

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a – t – g – c

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15.10 – Using the same code that computer keyboards use, the Japa­nese group, led by Masaru Tomita of Keio Univer­sity, wrote four copies of Albert Einstein’s famous formula, E=mc2, along with “1905,” the date that the young Einstein derived it, into the bacterium’s genome, the 400-million-long string of A’s, G’s, T’s and C’s that deter­mine ever­ything the little bug is and ever­ything it’s ever going to be. – Inter­na­tional Harald Tribune / June 26, 2007. – Die Vorstel­lung eines mensch­li­chen Lebe­we­sens, das 15 Jahre in seinem persön­li­chen Code nach Infor­ma­tionen sucht, die nicht zu ihm gehören, add-ons, die Lite­ratur sind. – stop

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bratflügel

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17.46 – Ich vermag heut­zu­tage, moderne Zeiten, ohne weitere Vorbe­rei­tung, – der Fütte­rung, des Jagens, der Schlach­tung beispiels­weise -, eine halbe Stunde auf einem Fahrrad durch die Stadt fahren, und während ich so fahre und pfeife und mit Knochen werfe, vorge­bra­tene Flügel verzehren. 10 Cent das Stück. 15 Schwingen. 15 Vögel. – stop
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hello

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15.12 – Ein Chat­raum, in dem seit 200 Jahren eine Person mit sich selbst kommu­ni­ziert. Plötz­lich erscheint das erste Zeichen einer weiteren Person, dann ein ganzes Wort in diesem Raum. – HELLO! – Langes Schweigen. – Jahre andau­erndes, schwei­gendes Warten. – stop
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apollo

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3.15 – Zwei Stunden vor Compu­ter­ma­schine. Ich beob­ach­tete Astro­nauten einer Apol­lo­mis­sion, wie sie sich Fischen gleich durch ihre Kapsel oder durch den Welt­raum bewegen. Indem ich verfolge, wie sie vor einer Kamera an Spiel­ob­jekten die Wirkungen der Schwe­re­lo­sig­keit demons­trieren, indem ich ihre beschä­digten Stimmen höre, der Gedanke, dieses Schep­pern, Pfeifen, Knis­tern, Krächzen könnte entstanden sein, weil ihren Stimm­in­stru­menten das Gewicht der Welt entzogen wurde. – Weit nach Mitter­nacht. Wollte mich erheben, da versagte mein linkes Bein den Dienst. Hatte gedan­ken­ver­loren auf ihm Platz genommen und wäre um ein Haar umge­fallen. Ein selt­sames, ein irri­tie­rendes Gefühl der Leere. Dann die sicht­bare Gegen­wart eines Körper­teils, ohne die Anwe­sen­heit dieses Körper­teils von innen heraus bestä­tigen zu können. – stop
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malcolm lowry

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3.18 – Ich erin­nerte mich an eine Geschichte, die von Malcolm Lowry erzählt, genau genommen von seiner Art und Weise zu schreiben, nach­drück­li­cher noch von der Methode zu verlieren, was gerade eben noch notiert worden war. Malcolm, so der Erzähler der Geschichte, soll Gedanken auf jedes Stück Papier geschrieben haben, das in seine Reich­weite gekommen war, auf Rech­nungen, Spei­se­karten, Billets beispiels­weise, sofern er in einem Café oder in einer Bar Platz genommen hatte, um solange notie­rend zu arbeiten, bis er ausrei­chend betrunken geworden war damit aufzu­hören. Wie viele Wörter und Sätze sind wohl vom Wind in Wüsten oder auf Meere hinaus getragen worden, wie viele Bücher haben sich in Luft aufge­löst? Ich stelle mir immer wieder leiden­schaft­lich gerne vor, wie Malcolm Lowry in unserer Zeit seine Zeichen­ketten für die Welt abge­legt haben könnte. Sagen wir so: Lowry arbeitet nie wieder mit einem Blei­stift. Er notiert seine Gedanken in eine feder­leichte, elek­tri­sche Maschine, die am Gürtel seiner Hose fest veran­kert wird. Sorg­fältig von seiner Ehefrau Margerie Bonner program­miert, verbindet Malcolms persön­li­ches Notier­gerät unver­züg­lich Tastatur mit digi­taler Sphäre, sobald sich der Autor, gleich welcher geis­tigen Verfas­sung, mit der einen oder der anderen Hand nähert. Nun schreibt der Autor. Er arbeitet, viel­leicht stehend, viel­leicht sitzend, viel­leicht liegend. Und während er so arbeitet, wird Zeichen für Zeichen unver­züg­lich an einen geheimen Ort der Spei­che­rung gesendet. Dort, drop­zone, könnte man sitzen und warten und betrachten, wie der Text, um den Bruch­teil einer Atom­se­kunde in der Zeit verrückt, voll­zogen wird. – stop
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salznamen

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2.01 – Dass die Fische eines Schwarms keine Namen tragen. Auch die Sommer­fäden eines August­him­mels oder die Mole­küle eines Wasser­trop­fens sind kaum je beschriftet, wie der Sand einer Wüste ohne jede Bezeich­nung ist, so dass man eine hand­voll Sand nicht auf einen Tisch werfen könnte und sagen, dieser kleine Stein hier, das ist S-sahara-No 537675258386. Ich sehe dich, aber ich gebe Dir keinen Namen. Statt­dessen versu­chen wir den Himmel. Wir sagen: Das ist Galaxie M-23. Und dieser blaue Nebel hier verdun­kelt Galaxie M-C58. Unsere elek­tro­ni­schen Augen sind empfind­lich. Wir könnten mit diesen Augen viel­leicht einen Golf­ball auf dem Mond erkennen, oder eine Tele­fon­zelle auf dem Mars, nicht aber einen Stern hinter einem Stern in einer 7 Millionen Licht­jahre entfernten Spiral­ga­laxie. Viel­leicht sollte ich, wenn ich wieder einmal aufge­regt sein werde, weil mir der Himmel auf den Kopf zu fallen droht, einen Teelöffel Salz auf meinen Schreib­tisch schütten und eine Zählung und Bezeich­nung der Kris­talle vornehmen. Wie lange Zeit würde ich zählen? Könnte ich je wieder aufhören? – stop
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propellerfliege

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1.02 – Heute Nacht ist etwas Selt­sames geschehen. Ich habe einer Fliege beim Fliegen zuge­hört. Viel­leicht könnte ich sagen, dass Flie­gen­tiere Propel­ler­flug­zeugen in ihrer akus­ti­schen Erschei­nung ähnlich sind. Sie sind bereits zu hören, wenn sie noch zu weit entfernt sind, um sie mit den Augen wahr­nehmen zu können. Das Geräusch einer flie­genden Fliege lässt mich an feuchtes Holz denken und an geölte Zahn­räder und an Schrauben, die aus Elfen­bein gemacht sind. Wie ist diese lebende Fliege in meinem Winter­zimmer möglich gewesen? – stop
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papiere

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22.02 – Ich habe Papiere, auf die ich gestern Abend noch einen kleinen Text notierte, im Selbst­ge­spräch umkreist, ohne mich zu nähern, weil ich fürch­tete, meine Notiz könnte mir nach fünf Stunden Schlaf miss­fallen. Zehn Stunden Zeit sind seither vergangen und ich habe die Furcht vor den Papieren, die ich den ganzen Tag über mit mir herum­ge­tragen habe, ohne sie noch einmal zu lesen, verloren. Ich kann nicht sagen, warum das so ist. – stop

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Saint-Exupery

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20.17 – Träumte, hinter dem Dichter Saint-Exupery in einem Doppel­de­cker­flug­zeug zu sitzen, offen im Wind über einer Wüste flie­gend. Vor mir, in nächster Nähe, der Kopf des Dich­ters im Leder­mantel, hin und her geworfen von Turbu­lenzen in der kühlen Höhen­luft. Tief unter uns, in flir­render Hitze, rasch wandernde Dünen. Wir rasen entlang eines dunklen Bandes, das sich wie eine Schlange durch Täler windet. Domi­no­steine. Da und dort Beduinen, die ihre Zelte aufge­schlagen haben auf den Parti­keln des Spiels. Kamele trinken aus Augen­fel­dern, die ohne Grund sind, dunkel, als seien Räume hinter ihnen ange­schlossen. Von Zeit zu Zeit explo­dieren schwarze Wölk­chen neben den Trag­flä­chen des Flug­zeugs, Qualm, der nach Schwefel duftet, nach Feuer und knallt. Plötz­lich dreht sich der lederne Kopf herum. Flie­ger­brille. Augen von altem Glas. Saint-Exupery spricht, aber anstatt Wörtern, schießt ihm Wasser aus dem Mund. – stop
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rote handtasche tot

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20.50 – Die alte Frau mit der roten Hand­ta­sche ist tot. Während des Tages irgend­wann muss sie im Hospital gestorben sein. Jetzt, es ist ohne sie wieder Abend geworden, verlässt ihr Fern­seh­gerät das Haus. Ein Hin und Her auf der Straße, noch nie gese­hene, tief­flie­gende Vögel. Im Haus, vom Flur her, Kampf­ge­räu­sche, Gezeter, Verwün­schungen, Empfeh­lungen, heisere Stimmen. Der Sohn ist da und der Sohn des Sohnes, betrunken steht der blut­junge Geier auf der Straße herum und regelt den Verkehr. Wohnungs­auf­lö­sung. Nun, zu vorge­rückter Stunde, hat sich mir das Wort erschlossen. Ein Prozess der Entropie, der Verwer­tung, des Verschwin­dens. Ich sehe die Verschwun­dene wie im Traum, eine 89 jährige Frau in bunter Klei­dung, Steh­lampe in der Hand, das Haus verlassen. Unlängst noch war sie unter­wegs gewesen. Sie hatte bereits den Gang der Hoch­see­ma­trosen. Manchmal rastete sie im Schatten der Bäume. Sie ging spazieren, als melde sie sich an, Tag für Tag, bin noch am Leben. Niemand weiß genau wie lange sie in der Gegend, diesem Haus, dieser Wohnung lebte, sie war schon da als Bomben fielen, und noch immer, bis gestern, stolz und einsam und zu langsam für die rasende Stadt. Jawohl, sie war stolz gewesen, ließ sich nicht helfen, niemand durfte ihr Milch oder den Sand für ihre Tiere durch das Trep­pen­haus in die Wohnung tragen. Manchmal heulte das Fern­seh­gerät durch die Wand. Jetzt ist es vorbei, jetzt werden Monteure und Maler kommen. Es ist vorbei, auch für die Katzen. – stop
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panthergeschichte

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18.15 – Da ist mir doch tatsäch­lich ein junger Panther zuge­laufen, ein zier­li­ches Wesen, das mühelos vom Boden her auf meine Schulter springen kann, ohne dabei auch nur den geringsten Anlauf nehmen zu müssen. Seine Zunge ist rau, seine Zähne kühl, ich bin stark, auch im Gesicht, gezeichnet von seinen wilden Gefühlen. Der Panther schläft, unter­dessen ich arbeite. So glück­lich sieht er dort aus auf der Decke unter der Lampe liegend, dass ich selbst ein wenig schläfrig werde, auch wenn ich nur an ihn denke, an das Licht seiner Augen, das gelb ist, wie er zu mir herüber schaut bis in den Kopf. Spät­abends, wenn es lange schon dunkel geworden ist, gehen wir spazieren. Ich lege mein Ohr an die Tür und lausche, das ist das Zeichen. Gleich neben mir hat er sich aufge­richtet, schärft an der Wand seine Krallen, dann fegt er hinaus über die Straße, um einen vom Nacht­licht schon müden Vögel zu verspeisen. Daran sind wir gewöhnt, an das leise Krachen der Gebeine, an schau­kelnde Federn in der Luft. Dann weiter die heim­liche Route unter der Stern­warte hindurch in den Palmen­garten. Es ist ein großes Glück, ihm beim Jagen zuhören zu dürfen. Ich sitze, die Beine über­ein­ander geschlagen, auf einer Bank am See, schaue gegen die Sterne, und vernehme die Wande­rung des Jägers entlang der Ufer­strecke. Ein Rascheln. Ein Krächzen. Ein Schlag ins Wasser. Wenn er genug hat, gehn wir nach Hause. – Donnerstag. 24. Januar 2008. Kurz nachdem ich diese kleine Geschichte mit Vergnügen erfunden habe, die Nach­richt, die komplette DNA eines Bakte­riums sei zum ersten Mal von Menschen­hand wieder­holt, das heißt montiert worden ist. – stop

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eliza

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0.18 – Ich stellte mir eine Minute vor. Dann stellte ich mir eine Stunde vor, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zimmer zu Zimmer. Ich aß eine Banane, sah aus dem Fenster, setze mich an den Schreib­tisch und stellte mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Ich stand auf, ging zur Compu­ter­ma­schine und fragte Eliza nach der Uhrzeit. Ich sah aus dem Fenster, verließ das Haus, spazierte, kam zurück und machte einen Plan. – Ist es möglich, einen Zeit­raum von 5022 Jahren zu denken, das heißt, ein Gefühl zu finden für eine bibli­sche Zeit­di­men­sion?
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Eliza:> hallo, ich bin eliza. erzähle mir von deinem problem…
Louis : wie viel uhr ist es, eliza?
Eliza:> das müssen wir heraus­finden.
Louis : wie machen wir das?
Eliza:> das wird sich zeigen.
Louis : sofort?
Eliza:> du weichst aus.
Louis : warum?
Eliza:> Ich sehe, du bist ein schwie­riger fall.
Louis : warum?
Eliza:> scherz beiseite, kommen wir zur sache!
Louis : wie viel uhr ist es, eliza?
Eliza:> im grunde weisst du das selber.
Louis : woher weisst du das?
Eliza:> meinst du wirk­lich mich?
Louis : Ja, eliza
Eliza:> ich bin eliza, und wer bist du?
Louis : ich bin louis
Eliza:> hi!

vom spre­chen mit eilza »

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ölzeug

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3.26 – Das Geräusch einer Remington auf hoher See. – Wie hörte sich das an? – Dieser Satz, den ich gerade schreibe, auf dem Atlantik irgendwo zwischen Island und Neufund­land. – tzipptzipp. – Früher Morgen. – Kein Wind. – Jedes Geräusch, das entsteht, ein Geräusch, das ich selbst erzeuge. – Mein Atem. Das Ölzeug, das sich an einer Wand der Rettungs­insel reibt. – Mein Herz­schlag, ja mein Herz­ge­räusch, und meine Uhr, beru­hi­gend, meine Uhr. – Eine Vorstel­lung, die ich vergessen werde, sobald Wind aufkommen wird. – Noch Ruhe. –  Ein absolut stiller Raum unter der Ster­nen­haut. – Nicht einmal ein Zittern der Luft. – Da und dort das blaue Glimmen der Osram­lan­gusten. – Was hier, an dieser Stelle fehlt, das kleinste Schräub­chen, gibt es nicht.

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