Aus der Wörtersammlung: blick

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indulin

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char­lie : 2.12 — Der Ver­such in den ver­gan­ge­nen Minu­ten, Far­ben zu erin­nern, die ich in der Six­ti­ni­schen Kapel­le vor zwei Wochen noch beob­ach­tet habe. Es ist merk­wür­dig, die­se Far­ben, die doch von mei­nen per­sön­li­chen Augen auf­ge­nom­men wur­den, sind in die­ser Nacht nur sehr flüch­tig ver­füg­bar. Da ist zunächst ein inten­si­ves BLAU, ein Wort, wie das Wort BLAU in einer Geschich­te der kata­la­ni­schen Schrift­stel­le­rin Mer­cè Rodo­re­da, deren Exis­tenz mir wie­der in den Sinn gekom­men ist: Sie ist weiß und sie ist blau. Das heißt, sie ist weiß wie die wei­ße Rose, und ganz plötz­lich wird sie blau. Ein Insekt färbt sie, so scheint es, aber nie­mand weiß, wie es das macht. Ein Augen­blick der Zer­streut­heit und schon ist sie blau. Die­ses Insekt trägt in einem Knie, mit fädi­gem Spei­chel fest­ge­näht, ein Päck­chen, und in die­sem Päck­chen, umge­ben von Eiern und von Blau – reins­tes Indu­lin – ist der Ehe­mann. Die­ser Ehe­mann schläft den gan­zen Tag und bebrü­tet die Eier, die durch ein Loch in das Päck­chen fal­len, das in dem Knie ist, wor­an es fest­ge­näht ist. Wenn die Stun­de kommt, kriecht das Insekt der Blu­me ins Herz, lädt das Päck­chen ab, und die wei­ße Blu­me wird blau von oben bis unten. Sie sagen: – Oh, es ist näm­lich so, daß der Ehe­mann, sobald er sich blu­men­um­hüllt sieht, das Päck­chen auf­bricht und alles von blau­em Saft über­schwemmt wird und die Eier plat­zen und die Klei­nen sofort los­flie­gen, jedes mit sei­nem Päck­chen im Knie … ein­ver­stan­den. Aber das sind blo­ße Ver­mu­tun­gen. Die Wahr­heit ist, daß die Blu­me in einem Nu blau wird. Wie? Dahin­ter kommt man nie, und jeder­mann ist ein biß­chen durch­ein­an­der und ver­wirrt. — stop

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rom : taschen

ping

ping

marim­ba : 22.05 — Man wird viel­leicht nicht sofort bemer­ken, dass man sich in einem Jagd­ge­sche­hen befin­det. Nein, von Jägern ist auf der Piaz­za Navo­na zunächst nichts zu sehen und nichts zu hören. Ein zau­ber­haf­ter Platz, läng­lich in der Form, drei Brun­nen, eine Kir­che, und Cafés, eines nach dem ande­ren, klei­ne­re Läden, in wel­chen wir Pas­ta in allen mög­li­chen For­men und Far­ben ent­de­cken, Wei­ne, Schin­ken, Käse. Am Abend flie­gen beleuch­te­te Pro­pel­ler durch die Luft. Maler, wel­che ent­setz­li­che Bil­der pro­du­zie­ren, erwar­ten ame­ri­ka­ni­sche Kun­den, sie sit­zen auf Klapp­stüh­len im Licht ihrer Glüh­lam­pen, die sie mit­tels Bat­te­rien mit Strom ver­sor­gen. Stra­ßen­mu­si­kan­ten sind da noch, mit ihren Ban­do­ne­ons, Gei­gen, Kon­tra­bäs­sen, und Ange­stell­te der Müll­ent­sor­gung, Frau­en, jün­ge­re Frau­en in wein­ro­ten Over­alls, ihre Hän­de sind gepflegt, ihre Fin­ger­nä­gel rot lackiert. Aber jetzt, wenn man in Rich­tung jener schwarz­häu­ti­gen jun­gen Män­ner blickt, die vor einem der Brun­nen den Ver­such unter­neh­men, ihre Arbeit zu ver­rich­ten, wird es ernst. Sie haben Hand­ta­schen in allen mög­li­chen For­men auf den Boden vor sich abge­stellt, je zwei Rei­hen, Behäl­ter von Pra­da, Picard, Cha­nel, Grif­fe der­art aus­ge­rich­tet, dass man sie mit je einer Hand­be­we­gung alle­samt sofort ergrei­fen und flüch­ten kann. Eine typi­sche Ges­te, sind doch jene arm­se­lig wir­ken­den Händ­ler der Luxus­ta­schen mehr oder weni­ger flüch­ten­de Wesen. Kaum haben sie ihre Anord­nung im Fla­nier­be­zirk mög­li­cher Kun­den sorg­fäl­tigst auf­ge­baut, raf­fen sie ihre Ware wie­der zusam­men und rasen in eine der Sei­ten­stra­ßen davon, um nach weni­gen Minu­ten wie­der her­vor­zu­kom­men, wie in einem Spiel, wie auf­ge­zo­gen. Am ers­ten Abend mei­ner Beob­ach­tun­gen auf der Piaz­za Navo­na, waren nur Flüch­ten­de zu sehen, nicht aber die Jäger, eine eigen­ar­ti­ge Situa­ti­on, aber schon am zwei­ten Abend war eine jagen­de Gestalt vor mei­nen Augen in Erschei­nung getre­ten. Es han­del­te sich um einen Haupt­mann der Cara­bi­nie­ri, um einen Herrn prä­zi­se mit äußerst auf­rech­tem Gang. Er trug wei­ße Strei­fen an sei­nen Hosen, und eine Uni­form­ja­cke, tadel­los, und eine Müt­ze, sehr amt­lich, er war eine wirk­li­che Zier­de, ein Staats­mann, wie er so über den Platz schritt, hin­ter den flüch­ten­den afri­ka­ni­schen Män­ner her, aus­dau­ernd, lau­ernd, ein Ansitz­jä­ger, möch­te ich sagen, einer, der an Stra­ßen­ecken war­tet, um die Wie­der­kehr der schwar­zen Händ­ler zu unter­bin­den oder um einen von ihnen ein­zu­fan­gen und an Ort und Stel­le unver­züg­lich zu ver­spei­sen. Stop. Frei­tag­abend. stop. Eine Bie­ne über­quert zur Unzeit den Platz in süd­li­che Rich­tung, als wär sie ein Zug­vo­gel. — stop
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rom : synapsen

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marim­ba : 16.33 — Ich fol­ge einer Wen­del­trep­pe, bis ich ein fla­ches Dach errei­che, sofort stei­ge ich wei­ter. Plötz­lich befin­de ich mich inner­halb der Kup­pel des Doms auf einem schma­len Absatz, groß­ar­ti­ger Aus­blick in die Tie­fe. Win­zi­ge Gestal­ten da unten vor dem zen­tra­len Altar der Kir­che, man meint sich selbst in jeder der Men­schen­minia­tu­ren, die sich über den Mar­mor­bo­den lang­sam fort­be­we­gen, erken­nen zu kön­nen. Ein Poli­zist sitzt nur weni­ge Meter ent­fernt vor einem Moni­tor, der ein Bild zeigt, das über ein Tele­ob­jek­tiv auf­ge­nom­men wird. Es könn­te sein, dass der Mann jene Minia­tur­men­schen beob­ach­tet, die mir so ähn­lich sind. Wer ist ver­däch­tig? Wie, fra­ge ich, müss­te ich mich ver­hal­ten, um in die Andacht die­ses Appa­ra­tes genom­men zu wer­den? Kann der Appa­rat viel­leicht erken­nen, ob ich Fie­ber habe oder nicht? In die­sem Moment nimmt mich der Poli­zist tat­säch­lich ins Visier sei­ner per­sön­li­chen Augen, weil er bemerk­te, dass ich mich für sei­ne Instru­men­te inter­es­sie­re. Wei­ter auf­wärts in der Scha­le, die die Kup­pel formt, immer im Kreis her­um eine enge Wen­del­trep­pe, bald gehe ich gebückt. Dann der Him­mel und Men­schen und am Hori­zont das Meer, und die Stadt in der Wär­me flim­mernd. Ich erken­ne, wenn ich mich ost­wärts um die Kup­pel­la­ter­ne der Kir­che her­um­be­we­ge, die Stra­ße, in wel­cher sich das Haus befin­det, in dem ich woh­ne. Gewal­ti­ge Pini­en­bäu­me, Syn­ap­sen, weit ent­fernt in den Gär­ten der Vil­la Borg­he­se. Ein Mann has­tet über den alten, gro­ßen Platz. Das Gespräch der Möwen in der Luft in nächs­ter Nähe. — stop

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rom : am tiber

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nord­pol : 10.32 — Ges­tern, am spä­ten Abend, von einer Brü­cke über den Tiber aus einen Mann beob­ach­tet, der am Ufer des Flus­ses vor einer Insel­aus­buch­tung kau­er­te. Der Mann füt­ter­te grö­ße­re und klei­ne­re Tie­re mit sei­ner lin­ken Hand, in der rech­ten Hand hielt er eine Angel fest. Das war nicht sofort zu erken­nen gewe­sen, weil sich im Fluss und auch in der Luft über dem Fluss nichts beweg­te, nicht ein­mal das Was­ser zeig­te Strö­mung. Die Fluss­ober­flä­che schim­mer­te im Mond­licht wie ein See, und das Schilf des Ufers schien von Win­den, nicht von wil­dem Was­ser gebeugt. Da waren Schat­ten im Gras der klei­nen Insel, hun­der­te vor­wärts oder rück­wärts sprin­gen­de Sche­men. Noch nie zuvor habe ich so vie­le Rat­ten auf einen Blick gese­hen. Wie Eisen­spä­ne einer phy­si­ka­li­schen Anord­nung zur Unter­su­chung magne­ti­scher Fel­der waren sie zu dem Mann hin aus­ge­rich­tet, wir­bel­ten durch­ein­an­der, sobald der Mann Fut­ter­wa­re unter die Tie­re schleu­der­te. Dann wie­der stil­les War­ten. Eine Bisam­rat­te, scheu­er Herr­scher, enter­te das Land. — Am fol­gen­den Tag keh­re ich mor­gens zur Nacht­brü­cke zurück. Der Mann kau­ert noch immer vor der klei­nen Insel und angelt im Fluss. Möwen haben sich genä­hert. Rat­ten sind nur weni­ge zu sehen, aber Tau­ben. Wenn der Mann einen Fisch erbeu­tet, wirft er ihn sei­nen Freun­den vor die Füße. An den stei­len Wän­den der künst­li­chen Tiber­fas­sung da und dort blü­hen­de Büsche. Eidech­sen zün­geln gegen die Son­ne. — stop
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rom : ein flugzeug

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marim­ba : 22.58 — Man müss­te ein­mal ein Flug­zeug erfin­den, das nicht sicht­bar und doch wir­kungs­voll anwe­send ist. Unsicht­ba­re Sit­ze, auf wel­chen sicht­ba­re Pas­sa­gie­re Platz genom­men haben, durch­sich­ti­ge Steu­er­knüp­pel, durch­sich­ti­ge Flü­gel, ein durch­sich­ti­ges Leit­werk. Man sieht nun Men­schen, wie sie über Taxi­way­bah­nen eines Flug­ha­fens schwe­ben, gut sor­tiert, acht Per­so­nen zu einer Rei­he neben­ein­an­der, so sitzt man. Da und dort lie­gen schlam­pi­ger Wei­se Taschen her­um, Ruck­sä­cke, Zei­tun­gen, auch sie sind sicht­bar wie ihre Besit­zer und die Ben­zi­ne in den Flü­geln der Maschi­nen, das Nest der Kof­fer am Flug­zeug­heck, jene zwei Her­ren mit ihren akku­rat gefal­te­ten Flie­ger­hau­ben an der Spit­ze der Pro­zes­si­on, bald wird man sehen, wie das alles fliegt sehr steil gegen den Him­mel zu. Und die­ser Blick nun nach unten, Seen, Stra­ßen, Wäl­der, Schnee auf den Ber­gen, das Meer, die gro­ße Stadt im Anflug, ein röt­lich brau­ner Fleck in einer hel­len Land­schaft. Es war viel Wind unter­wegs und bestän­dig das Gefühl in die Tie­fe zu fal­len, weil die Sub­stan­zen des Flug­zeu­ges nicht zu sehen gewe­sen waren. Jetzt aber Rom. Da ste­he ich mit bei­den Bei­nen fest auf einem Boden, unter dem viel Zeit­spur im Ver­bor­ge­nen liegt. Das Taxi, das durch das groß­zü­gi­ge Spa­lier der Zedern glei­tet, Schirm­pi­ni­en da und dort in Step­pen­land­schaft jen­seits der Stra­ße. Plötz­lich dich­tes Häu­ser­ge­fü­ge in war­men, erdi­gen Far­ben, braun, ocker, gelb, rot, oran­ge, an den Ampeln hel­le Wölk­chen von Blei­luft, die aus knat­tern­den Rol­ler­mo­to­ren paf­fen. Via del­la Maglia­na, Via Por­tu­en­se, Via Qui­ri­no Majo­ra­na, Via del­le For­naci, Via del­le Mura Aure­lie. Vor dem Haus lie­gen drei scheue, schlan­ke Kat­zen. Das Gespräch der Möwen auf ihrem Flug gegen Tras­te­ve­re. – stop
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quallenuhr

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ulys­ses

~ : oe som
to : louis
sub­ject : QUALLENUHR
date : sept 12 12 10.22 a.m.

Ganz plötz­lich, lie­ber Lou­is, habe ich Lust bekom­men, Dir zu schrei­ben. Eigent­lich woll­te ich mich erst am kom­men­den Sams­tag mel­den, aber ein Sturm bewegt sich auf uns zu und es ist nichts zu tun, als zu war­ten, ob er uns mit vol­ler Wucht tref­fen wird. Ver­mut­lich ist es die­se War­te­rei, die an unse­ren Ner­ven zerrt. Auch, dass die Tage wie­der kür­zer wer­den. Ges­tern haben wir einen Schwarm Tin­ten­fi­sche beob­ach­tet, der unser Schiff umkreis­te. Ein unge­wöhn­li­cher Anblick, die Tie­re waren schnee­weiß. Wir haben eini­ge gefan­gen, sie schme­cken süß, wenn man sie brät, nach Brot, nach Gebäck, nach Man­deln. Beun­ru­hi­gend ist, dass sie weder über Her­zen noch Augen ver­fü­gen. Eine hal­be Nacht haben wir einen Fisch nach dem ande­ren durch­sucht. Als wir kein Exem­plar mehr hat­ten, um unse­re Suche fort­set­zen zu kön­nen, ist Mil­ler mit dem Bei­boot los­ge­fah­ren. Fast wind­still ist es hier unten auf Höhe des Mee­res, weit oben jedoch rasen­de Wol­ken von West nach Ost. Ja, lie­ber Lou­is, wir durch­le­ben schwie­ri­ge Tage. Und Noe, unser Noe in der Tie­fe, ist von Fie­ber befal­len. Wir haben ihn gut 150 Fuß ange­ho­ben, damit er Licht sehen kann. Seit meh­re­ren Stun­den wie­der­holt er eine klei­ne Geschich­te, von der wir nicht wis­sen, woher sie kommt. Noe sagt, Noe stel­le sich ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von aller­feins­ter Qual­len­haut, ein Zim­mer von Was­ser, ein Zim­mer von Salz, ein Zim­mer von Licht. Man könn­te die­ses Zim­mer, und alles, was sich im Zim­mer befin­det, das Qual­len­bett, die Qual­len­uhr, und all die Qual­len­bü­cher und auch die Schreib­ma­schi­nen von Qual­len­haut, trock­nen und fal­ten und sich 10 Gramm schwer in die Hosen­ta­sche ste­cken. Und dann geht man mit dem Zim­mer durch die Stadt spa­zie­ren. Oder man geht kurz mal um die Ecke und setzt sich in ein Kaf­fee­haus und war­tet. Noe sitzt also ganz still und zufrie­den unter einer Ven­ti­la­tor­ma­schi­ne an einem Tisch, trinkt eine Tas­se Kakao und lächelt und ist gedul­dig und sehr zufrie­den, weil nie­mand weiß, dass er ein Zim­mer in der Hosen­ta­sche mit sich führt, ein Zim­mer, das er jeder­zeit aus­pa­cken und mit etwas Was­ser, Salz und Licht, zur schöns­ten Ent­fal­tung brin­gen könn­te. Hier spricht Noe. Noe stellt sich ein Zim­mer vor, ein freund­li­ches, hel­les Zim­mer von feins­ter Qual­len­haut. — Bes­te Grü­ße. Ahoi. Dein OE SOM

gesen­det am
12.09.2012
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oe som to louis »

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PRÄPARIERSAAL : xiangs momentaufnahme

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nord­pol : 8.27 — Xiang, 24, notiert in einer E‑Mail über Musik und Ana­to­mie – zwei Begrif­fe, die auf den ers­ten Blick unver­ein­bar schei­nen. Aber je län­ger ich dar­über nach­den­ke, des­to deut­li­cher erken­ne ich eine mög­li­che Ver­bin­dung. Sicher ist es das The­ma des Todes, dass die Musik dort domi­nie­ren wür­de, sodass mir spon­tan Beset­zun­gen wie Orgel (all­mäch­ti­ger Cha­rak­ter), Xylo­fon (Käl­te, Leb­lo­sig­keit) oder Chor (Toten­kla­ge) ein­fal­len. Ich kann mir ent­we­der sehr alte Musik­sti­le, wie Gre­go­ria­nik und Früh­ba­rock, oder Musik des 20./21. Jahr­hun­derts vor­stel­len, z. B. John Cage oder Geor­ge Crumb, deren Inten­ti­on immer­hin gera­de in einer gewis­sen Absur­di­tät, Grenz­über­schrei­tung, bzw. in gewoll­ter Ent­fer­nung von der Ästhe­tik der Wirk­lich­keit zu fin­den ist. Gera­de die­ses Moment prägt die Atmo­sphä­re des Prä­pa­rier­saa­les: eine zwar arti­fi­zi­el­le, jedoch nicht pri­mär ästhe­ti­sche Arbeit an mensch­li­chen Kör­pern, die durch den Tod und den Vor­gang des Halt­bar-Machens von einem Indi­vi­du­um zu einem Prä­pa­rat ver­wan­delt wur­den, sodass Zeit­lo­sig­keit an die Stel­le dyna­mi­schen Lebens getre­ten ist. Es ist nicht leicht an Musik in die­sem Zusam­men­hang zu den­ken, da sich Musik gera­de durch ihren ewi­gen Fluss, ihre im Inne­ren gebor­ge­ne Leben­dig­keit aus­zeich­net, ihre See­le, die nie­mals ster­ben kann, selbst dann nicht, wenn noch so vie­le Ver­su­che unter­nom­men wer­den, sie in Moment­auf­nah­men zu kon­ser­vie­ren. — stop

ping

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von den ohrenvögeln

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marim­ba : 18.15 — Über Ohren­vö­gel notie­ren. Ich ent­deck­te sie ges­tern wäh­rend eines Spa­zier­gangs. Ohren­vö­gel kom­men ohne Aus­nah­me paar­wei­se vor. Haut von hel­lem Leder, Haut, die man als Beob­ach­ter oder als Besit­zer eines Ohren­vo­gel­pär­chens weit­hin über­bli­cken kann, weil sie voll­kom­men nackt sind, abge­se­hen von ihren Flü­geln, dort exis­tie­ren Federn, so fei­ne Federn, dass man sie, wüss­te man es nicht bes­ser, für Pelz hal­ten könn­te, Feder­pel­ze in Gelb und Rot und Blau, kräf­ti­ge Far­ben, die eigen­ar­tigs­te Mus­ter bil­den, so indi­vi­du­ell wie die Fin­ger­ab­drü­cke an den Hän­den mensch­li­cher Wesen. Ohren­vö­gel sind von eher klei­ner Gestalt, sind etwa so groß wie ein Fin­ger­hut, und ver­fü­gen über Schna­bel­at­trap­pen, die den Schnä­beln der Koli­bris ähn­lich sind. Über­haupt wird man sich als Betrach­ter der Ohren­vö­gel oft an genau die­se Gat­tung kleins­ter Luft­we­sen erin­nert füh­len. Das sehr Beson­de­re an ihrer Exis­tenz ist jedoch, dass sie den Kör­pern jener Men­schen, die sie bewoh­nen, eng ver­bun­den sind. Genau­er gesagt, wür­den sie ohne die­se Ver­bin­dung über­haupt nicht exis­tie­ren, eine blaue, zar­te Nabel­schnur, so fein wie ein Faden Zwirn schließt sie an die Ohren der Men­schen an, je ein Vogel links und ein Vogel rechts des Hal­ses. Blut fließt von da nach dort, wes­we­gen Ohren­vö­gel weder trin­ken noch essen, also auch nicht jagen oder sam­meln. Man könn­te viel­leicht sagen, dass sie nur zum Ver­gnü­gen leben, zur Zier­de und Freu­de auch jener Men­schen, die sie beglei­ten. Wenn sie nicht Stun­de um Stun­de unter den Ohren ihrer Besit­zer schau­keln und schla­fen, flie­gen sie sehr gern in der nähe­ren Umge­bung her­um. Weit kom­men sie selbst­ver­ständ­lich nicht, aber weit genug immer­hin, um ein­an­der begeg­nen zu kön­nen, der eine Vogel zu Besuch auf der Hals­sei­te des ande­ren, man sitzt dann gemein­sam auf einer Schul­ter und schaut auf die gro­ße Welt hin­aus. Oder man trifft sich heim­lich hoch oben auf dem Kopf des bewohn­ten Men­schen, eine ver­trau­te Welt, zur gegen­sei­ti­gen Pfle­ge und zum Gespräch. Ihre Stim­men sind so hell, dass mensch­li­che Ohren nicht in der Lage sind, sie zu ver­neh­men. Nichts wei­ter. – stop
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schrödingers katze

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nord­pol : 5.18 — Wie Sor­ge nach und nach lei­se ein Haus betritt, in wel­chem Men­schen leben, die alt gewor­den sind. Sie erscheint als ein Tier, das nicht sicht­bar ist, feins­tes Gewe­be in Bewe­gun­gen der Haus­be­woh­ner, in der Art, wie sie mit­ein­an­der spre­chen oder wovon sie nicht spre­chen. Vater, der an sei­nem Tisch sitzt im Wohn­zim­mer. Sein leicht geneig­ter Kopf. Und die­ser Blick, spre­chen­des Licht. Bin ich nicht viel­leicht viel zu lang­sam gewor­den? Kann ich noch wirk­lich ver­ste­hen, was ihr mir zu sagen habt? Wer bin ich über­haupt? Bin ich noch der, für den Ihr mich hal­tet? Was erzählt ihr Euch über mich? Habt Ihr Geheim­nis­se vor mir, die mich betref­fen? Ich bin so müde, wie kann man nur so müde sein, wie kann man nur immer­zu so ger­ne schla­fen. – Die Hand mei­nes Vaters, die nicht mehr schrei­ben kann, nicht mehr so wie frü­her schrei­ben, die­se klei­nen genau kal­ku­lier­ten Zei­chen auf begrenz­ter Flä­che der Papie­re. Und die­ser Com­pu­ter, der macht, was er will. Und all die­se Bücher, die noch ein­mal zu lesen sind, über den Urknall, sol­che Bücher, über Ägyp­ten, über das Leben, Schrö­din­gers Kat­ze. – stop

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robert walser

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marim­ba

~ : oe som
to : louis
sub­ject : KORALLEN
date : jul 31 12 4.37 p.m.

Seit 552 Tagen nun befin­det sich Tau­cher Noe vor Neu­fund­land in 820 Fuß Tie­fe von einem eiser­nen Anzug umfan­gen. Es ist ein Wun­der wie gut sich Noe hält. Jeden Mor­gen, wenn ich unse­ren Funk­raum betre­te, lau­sche ich in die Tie­fe, freu mich, wenn ich Noe’s lesen­de Stim­me oder sei­nen Atem höre. Wäh­rend mei­nes Besu­ches vor Kur­zem im Mai, habe ich Koral­len­ge­wäch­se von sei­nem Gehäu­se ent­fernt, Schne­cken und ande­re klei­ne Tie­re, die sich dort fest­ge­setzt hat­ten. Ich beob­ach­te­te Noe sehr genau, sei­nen Blick, sei­ne Augen hin­ter der gepan­zer­ten Schei­be. Wie er sich doch über mei­nen Besuch gefreut hat­te, gemein­sam schau­kel­ten wir durchs Meer viel­leicht ein­hun­dert Meter eines Weges in ewi­ger Däm­me­rung auf und ab. Ich hielt mich fest an sei­nen Anzug gepresst. Kurz vor mei­ner Rück­kehr an die Was­ser­ober­flä­che frag­te ich Noe, ob er noch eine Wei­le aus­hal­ten wür­de, die­ser Blick, lie­ber Lou­is, die­ser Blick. Manch­mal den­ke ich bei mir, wir soll­ten auf­hö­ren, wir soll­ten ihn zurück­ho­len. Aber immer dann, wenn wir Noe in Bewe­gung set­zen, wenn wir ihn anhe­ben wol­len, beginnt er zu pro­tes­tie­ren, ein selt­sa­mes Geräusch, das ich so nie zuvor ver­nom­men habe. Aus dem heu­ti­gen Tag ist ein äußerst ange­neh­mer Som­mer­tag gewor­den. Das Meer voll­stän­dig ohne Bewe­gung. Flie­gen­schwär­me ste­hen dicht über dem Was­ser. Wir haben kei­ne Vor­stel­lung, woher sie kom­men und wohin sie wol­len. Noe liest mir sanf­ter Stim­me seit fünf Stun­den aus einem wei­te­ren Unter­was­ser­buch, Robert Walsers Geschich­ten, das wir vor einer Woche fer­tig­stel­len konn­ten: Es gibt Vor­mit­ta­ge in Schus­ter­werk­stät­ten, Vor­mit­ta­ge in Stra­ßen und Vor­mit­ta­ge auf den Ber­gen, und letz­te­re mögen so ziem­lich das Schöns­te auf der Welt sein, aber ein Bank­haus­vor­mit­tag gibt ent­schie­den noch mehr her. – Ahoi! Bis bald ein­mal wie­der Dein OE SOM

gesen­det am
31.07.2012
1877 zeichen

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