Aus der Wörtersammlung: erinnerung

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teilchen

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sier­ra : 2.01 — Erin­ne­rung scheint zeit­los zu sein, zufäl­lig, chro­no­lo­gisch unge­ord­net, kommt in Sekun­den­por­tio­nen ange­flo­gen, eine Stim­me, eine Foto­gra­fie, ein Geruch, ein Gedan­ke, Teil­chen wie Sand­stür­me, ver­gäng­lich, unscharf. Ich habe bemerkt, dass es mög­lich zu sein scheint, ein Teil­chen fest­zu­hal­ten, in dem ich das Teil­chen mit einem Wort ver­bin­de, um das Teil­chen von die­sem Wort aus zu erwei­tern, schwe­rer zu machen, und doch ist es immer so, dass ich das Teil­chen, an dem ich arbei­te, frü­her oder spä­ter los­las­sen wer­de, weil viel­leicht das Tele­fon klin­gelt oder eine Flie­ge vor­über kommt, die sich auf dem Rücken segelnd fort­be­wegt. Wie vie­le Ereig­nis­se mei­nes Lebens habe ich mehr­fach ver­ges­sen? Wie viel stil­le Zeit? — stop

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vor neufundland 22.14.08 uhr : zarte finger von licht

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lima : 2.22 — Ges­tern am Abend seit lan­ger Zeit end­lich wie­der ein Funk­spruch Noes. Ver­mut­li­che Tie­fe: 855 Fuß. Posi­ti­on: 80 See­mei­len süd­öst­lich der Küs­te Neu­fund­lands seit nun­mehr 1356 Tagen im Tief­see­tauch­an­zug unter Was­ser. Ich hör­te sei­ne schep­pern­de Stim­me gegen 2 Uhr Mor­gens mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit über Kurz­wel­le. Ver­trau­te Sät­ze. Dann lan­ge Zeit gewar­tet. Fol­gen­de Bot­schaft: ANFANG 22.14.08 | | | > groß­ar­ti­ge aus­sicht. s t o p lang­sam auf­stei­gen­der wal. s t o p muschel­rü­cken. s t o p kra­ter­haut. s t o p als wür­de der mond vor­über­zie­hen. s t o p lan­ge zei­ten der stil­le. s t o p lan­ge zei­ten ohne einen gedan­ken ohne einen wunsch ohne eine erin­ne­rung. s t o p blick ins was­ser. s t o p zar­te fin­ger von licht. s t o p ob mir jemand zuhört? s t o p < | | | ENDE 22.16.58

nach­rich­ten von noe »

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überall liegen Bücher herum

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echo : 2.26 — Frü­her ein­mal exis­tier­ten Bücher, deren Sei­ten mit­ein­an­der ver­bun­den waren. Bevor man die Sei­ten die­ser Bücher lesen konn­te, muss­te man sie von­ein­an­der tren­nen. Selt­sa­mer­wei­se hat­te ich ihre Exis­tenz ver­ges­sen, bis ich soeben sol­che Bücher in einem Text von Natha­lie Sar­rau­te bemerk­te. Aber viel­leicht ist das Wort ver­ges­sen, in die­sem Zusam­men­hang nicht rich­tig gewählt, ich hat­te jah­re­lang nicht an sie gedacht, im Gehei­men waren sie ver­mut­lich immer anwe­send gewe­sen. Sofort begann ich damit, die Umge­bung mei­ner Erin­ne­rung zu erkun­den. Ich ent­deck­te eine Tan­te. Wenn die Tan­te zu Besuch kam, küss­te sie mich auf die Stirn. Es gab dann immer Lauch­sup­pe, weil sie einen Gemü­se­händ­ler kann­te, der ihr Lauch­stan­gen schenk­te. Die­se Tan­te also, deren Gesicht zer­furcht war von unzäh­li­gen Fal­ten, schenk­te mir ein­mal ein Buch genau die­ser erwähn­ten Art, ein Buch, des­sen Sei­ten mit­ein­an­der ver­bun­den waren, sodass ich jede Sei­te mit einer Sche­re zunächst von der nächs­ten tren­nen muss­te. Das Buch war kein Kin­der­buch gewe­sen, ich hat­te noch nicht sehr viel mit Büchern zu tun zu die­sem Zeit­punkt, aber Natha­lie Sar­rau­te, die damals unge­fähr in mei­nem Alter gewe­sen sein könn­te, in einem Alter, als mich die Tan­te mit den Lauch­stan­gen noch besuch­te. Sie notier­te: Es lie­gen über­all Bücher her­um, in allen Zim­mern, auf den Möbeln und sogar auf dem Boden, Bücher, die Mama und Kola gebracht haben oder die mit der Post gekom­men sind … klei­ne­re, mitt­le­re und gro­ße … Ich neh­me die Neu­an­kömm­lin­ge in Augen­schein, ich schät­ze die Mühe, die jedes erfor­dern wird, die Zeit, die es mich kos­ten wird … Ich wäh­le eins aus und set­ze mich mit dem auf­ge­schla­ge­nen Buch auf den Knien hin, ich umklam­me­re das brei­te Papier­mes­ser aus grau aus­se­hen­dem Horn, und ich fan­ge an … zuerst zer­trennt das waa­ge­recht gehal­te­ne Papier­mes­ser den obe­ren Falz der vier zusam­men­hän­gen­den Dop­pel­sei­ten, dann senkt es sich, rich­tet sich wie­der auf und glei­tet zwi­schen die bei­den Sei­ten, die nur noch längs­seits mit­ein­an­der ver­bun­den sind … dann kom­men die „leich­ten“ Sei­ten, sie sind an ihrem lan­gen Rand offen und bra­chen nur noch oben getrennt wer­den. Und wie­der die vier „schwie­ri­gen“ Sei­ten … und dann vier „leich­te“, und dann vier „schwie­ri­ge“, und so wei­ter, immer schnel­ler, mei­ne Hand wird müde, mein Kopf wird schwer, er brummt, mir wird ein wenig schwind­lig … „Hör jetzt auf, mein Lieb­ling, das reicht, hast du wirk­lich nichts Inter­es­san­te­res zu tun? Ich wer­de beim Lesen selbst auf­schnei­den, das stört mich nicht, ich mache das ganz auto­ma­tisch …“ Es kommt jedoch nicht infra­ge, dass ich auf­ge­be. — stop / Natha­lie Sar­rau­te Kind­heit — aus der fran­zö­si­schen Spra­che über­setzt von Eri­ka und Elmar Tophoven

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wanda

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del­ta : 0.18 — Wie Wan­da gera­de wie­der ein­mal glück­lich ist, weil ihm sein Freund Joseph ein Buch Peter Nadas’ schenk­te, 1305 Sei­ten: Das Buch der Erin­ne­rung. Wenn man das Buch in die Hand nimmt, wird man ver­mut­lich sagen: Das ist ein schwe­res Buch. Das Papier scheint dünn zu sein, auch die Schat­ten der Buch­sta­ben sind gut zu erken­nen, so dünn sind die Sei­ten des Buches, dass das Licht sie zu durch­drin­gen ver­mag. Wan­da hat das sofort bemerkt. Seit­her nimmt er jede Sei­te, ehe er zu lesen beginnt, zärt­lich zwi­schen sei­ne Fin­ger, fährt ihre Rän­der ent­lang, legt kurz dar­auf ein Blatt Papier auf einen Tisch, der sein per­sön­li­cher Tisch ist, spitzt einen Blei­stift und notiert einen wei­te­ren Satz des Buches der Erin­ne­rung. Win­zi­ge, wun­der­ba­re Schrift­zei­chen, akku­rat gesetzt. Sobald Wan­da am Ende des Sat­zes ange­kom­men ist, hält er inne, um jedes nie­der­ge­leg­te Wort Zei­chen für Zei­chen zu prü­fen: … hat­te ich schon Buda­örs erreicht, der Weg dort­hin war lang, kur­ven­reich und dun­kel gewe­sen, eine Art Steil­pfad führ­te hin­un­ter in die Ebe­ne ein umge­pflas­ter­ter Gra­ben mit gefro­re­nen Wagen­spu­ren, auf bei­den Sei­ten das dich­te Spa­lier hoch auf­ge­schos­se­nen Gestrüpps … So arbei­tet Wan­da Stun­de um Stun­de vor­an, er beginnt am Mor­gen um kurz nach Acht, mit­tags schläft er von Eins bis Drei, Punkt sechs Uhr abends schließt er das Buch und löscht das Licht über dem Tisch. Vor­sich­tig ver­lässt er den Saal, er kann kaum noch sehen. Er sagt, er mache noch die­ses eine Buch, aber das hat er schon oft gesagt, sei­nem letz­ten Buch folg­te ein wei­te­res letz­tes Buch, das ihm Joseph schenk­te. Joseph ist ein Guter unter den Men­schen. Joseph sagt: Solan­ge Du Bücher notierst, solan­ge Du arbei­test, wird Dich nie­mand fra­gen ... — stop
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von schnecken

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lima : 4.15 — Ob es viel­leicht mög­lich ist, mensch­li­chen Gehir­nen Pro­gram­me zu ent­wi­ckeln, die Com­pu­ter­such­ma­schi­nen ähn­lich sind? Pro­zes­so­ren, zum Bei­spiel, die in der Lage wären, mit mei­nem Gehirn zu spre­chen, mein Gehirn anzu­re­gen, sei­ne Regis­ter nach Schne­cken­ge­schich­ten zu durch­su­chen. Wann also sind in mei­nem Leben Schne­cken vor­ge­kom­men, in wel­cher Gestalt, in wel­chem Auf­trag, wel­cher Art waren die Schne­cken gewe­sen, die mir begeg­ne­ten? Vor weni­gen Tagen noch hat­te ich Schne­cken­ge­schich­ten gesam­melt, so wie ich sie ohne gro­ße Anstren­gung in mir fin­den konn­te. Es waren vie­le Geschich­ten, aber ich könn­te zu die­sem Zeit­punkt nicht mit Sicher­heit sagen, ob mei­ne Erin­ne­rung voll­stän­dig gewe­sen ist, ob mein Kata­log auch nur annä­hernd alle wesent­li­chen Schne­cken­be­geg­nun­gen mei­nes Lebens in sich ver­sam­melt. — stop

polaroidlucy

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thessaloniki

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sier­ra : 6.24 — In Thes­sa­lo­ni­ki, am ver­gan­ge­nen Frei­tag, wur­de von Pas­san­ten beob­ach­tet, wie eine Frau, Groß­mutter, im Alter von 76 Jah­ren nahe dem zen­tra­len Bus­bahn­hof von einer Brü­cke sprang. Ist das eine Nach­richt? — stop
polaroidvogel5

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im zimmer. mitternacht

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oli­mam­bo : 0.15 — Auf der Suche nach Daniil Charms Text­samm­lung Fäl­le balan­cie­re ich vor dem Bücher­re­gal auf einem Stuhl. Noch ist Sams­tag. Ich erhof­fe mir in dem gesuch­ten Buch einen Ort zu fin­den, des­sen Exis­tenz ich fort­an bewei­sen könn­te. Ich ste­he mit­ten im Zim­mer. Wor­an den­ke ich? Ein bemer­kens­wer­ter Satz. Wie ich von mei­nem Stuhl stei­ge und wie­der auf dem Boden ste­he, hal­te ich den Kri­mi­nal­fall Der ver­schwun­de­ne Kopf des Dama­s­ce­no Mon­tei­ro in Hän­den. Das Buch wur­de im Jah­re 2000 gekauft und neun Jah­re spä­ter mit einer Wid­mung ver­se­hen. Der Lie­ben P. und dem lie­ben J. zur Erin­ne­rung an ihre Lis­sa­bon­rei­se, anläss­lich eines Blitz­be­su­ches. Von ihrer G. Nun fällt mir auf, dass G. und J. gestor­ben sind, wäh­rend P. und ich, der ich das Buch aus­ge­lie­hen habe, noch leben. Auch Daniil Charms ist tot und sein Über­set­zer Peter Urban seit weni­gen Wochen. Ein trau­ri­ger Moment. In mei­nem Kühl­schrank herr­schen 7 °C. Ich wer­de mich gleich auf die Suche nach mei­nen fünf Mari­en­kä­fern machen, die im Kühl­schrank in einer Schach­tel über­win­tern sol­len. Zwei habe ich bereits ent­deckt, das war vor drei Stun­den gewe­sen, ver­mut­lich ist das so, dass ich in die­ser Minu­te alle Käfer aus den Augen ver­lo­ren habe. Aber ich kann immer­hin sagen, dass ich die Käfer gese­hen, sie mir also ges­tern nicht ein­ge­bil­det hat­te. Käfer No 1 saß in der Die­le nahe der Tür, als wür­de er war­ten. Käfer No 2 beweg­te sich im Arbeits­zim­mer über das Fens­ter, hin­ter dem es stock­dun­kel gewe­sen war. Bevor ich mich auf die Suche mache, soll­te ich viel­leicht doch noch ein­mal einen Ver­such unter­neh­men, mei­nen Daniil Charms zu fin­den. Gleich vor­sich­tig, nur nicht stür­zen, den Stuhl bestei­gen. Bis­wei­len träum­te ich, von einem Berg zu fal­len. Lang­sam, ich gehe durchs Zim­mer. Und wäh­rend ich so gehe, erin­ne­re ich mich leb­haft an G., an unse­ren letz­ten gemein­sa­men Spa­zier­gang über den Mün­che­ner Süd­fried­hof, wie ich mich wun­der­te, dass sie genau die­sen Weg genom­men hat­te, um mich zur U‑Bahn zu brin­gen, da sie ahn­te oder wuss­te, dass sie bald ster­ben wür­de. Es war ein war­mer Som­mer­abend. Sie ging von Schmer­zen gebeugt. In der wind­lo­sen Luft tanz­ten Flie­gen­tür­me. Ich kann mich nicht erin­nern, wor­über wir gespro­chen haben. Aber an ihre Stim­me, an ihren Blick, ihren letz­ten Blick, der ein Abschied war. — stop
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an martha

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tan­go : 12.15 — Im Gespräch mit einer alten Dame über das Ver­ges­sen. Sie sag­te, dass man, wenn man wirk­lich ver­gess­lich wird, die­se Ver­gess­lich­keit nur dann bemerkt, wenn man dar­auf auf­merk­sam gemacht wird. An Tagen, da sie sich allein in ihrer Woh­nung auf­hal­te, kön­ne sie ver­ges­sen, soviel sie wol­le, es wür­de ihr selbst nicht und nie­mand ande­rem auf­fal­len, dass sie eigent­lich einen Film betrach­ten woll­te, aber auf dem Weg zum Fern­seh­ge­rät plötz­lich ein Buch auf dem Tisch ent­deck­te, wes­halb ihr Film­wunsch ver­lo­ren ging. — Lie­be Mar­tha, Du hast ver­säumt, nach einem Text zu suchen, von dem ich Dir erzähl­te. Ich sen­de die­sen Text noch ein­mal und rufe Dich gleich an, damit Du ihn für mich vor­le­sen wirst. Hier ist er: Eines der letz­ten beweg­ten Bil­der, die ich von mei­nem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in sei­nem Arbeits­zim­mer am Com­pu­ter arbei­tet. Auf dem Bild­schirm sind dut­zen­de Pro­gramm­fens­ter geöff­net. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungs­los in sei­nem Ses­sel. Manch­mal tas­tet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wie­der auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zei­ger über den Bild­schirm fah­ren. Ein wei­te­res Pro­gramm­fens­ter öff­net sich. Ein klei­nes Mäd­chen fährt in die­sem Fens­ter auf einem Fahr­rad über einen san­di­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­ni­en dahin, lacht hoch zur Kame­ra, die rück­wärts durch die Luft zu flie­gen scheint. Es ist ein hei­te­rer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorn ab. Aber dann öff­net sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fens­ter, das den hei­te­ren Film ver­deckt. Eine Foto­gra­fie, Mut­ter nahe Lis­sa­bon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­pu­ter sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schu­he. Auch mei­ne Mut­ter trägt Turn­schu­he. Ich frag­te mich, wer die­se Auf­nah­me mach­te, und kom­me nicht dar­auf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Foto­gra­fen viel­leicht. In die­sem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­gra­fie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zim­mer her, dass das Mit­tag­essen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fens­ter, die er im Lau­fe des Vor­mit­ta­ges geöff­net hat­te, wie­der zu schlie­ßen. Nein, alles muss auf­ge­räumt wer­den. Mein Vater steht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsi­che­ren Schrit­tes auf die Trep­pe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zei­ger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Pro­gramm­fens­ter nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schlie­ßen der Fens­ter zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu ent­de­cken, nicht zu erken­nen. Der Zei­ger irrt auf dem Bild­schirm her­um, Fens­ter drän­gen sich in den Vor­der­grund und ver­schwin­den wie­der. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schrit­te auf der Trep­pe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Gar­ten her. Im Zim­mer auf dem Schreib­tisch ist der Com­pu­ter längst ein­ge­schla­fen. — stop

polaroidkolibris

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marlen

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sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : MARLEN
date : nov 03 13 8.15 p.m.

Zum ers­ten Mal in die­sem Herbst ist Schnee gefal­len. Hel­les Licht am Nach­mit­tag, aber die Son­ne war nicht zu sehen gewe­sen. Wol­ken, fei­nes Gewe­be, berühr­ten das Was­ser, als sie sich lös­ten, begann es zu schnei­en. – Ver­gan­ge­ne Woche ist Mar­len an Bord gekom­men. Sie wird sich Noe kom­men­de Woche in einem schwe­ren Tau­cher­an­zug nähern. Wir haben dar­über gespro­chen, ob sie nicht eini­ge Tage in der Tie­fe blei­ben soll­te, ein Gespräch füh­ren Auge in Auge. Sie scheint sich zu fürch­ten vor der Enge, die sie erwar­tet, eine fröh­li­che, jun­ge Frau. Sie ver­bringt vie­le Stun­den Zeit damit, das Was­ser zu beob­ach­ten, das fast ohne Bewe­gung zu sein scheint. Aber es ist eine star­ke Strö­mung auf­ge­kom­men, wir haben zwei Moto­ren ange­wor­fen, um unse­re Posi­ti­on hal­ten zu kön­nen, das Schiff bebt. Noe berich­tet, dass er uns in der Tie­fe hören kön­ne. Noch weiß er nicht, dass er bald Besuch bekom­men wird. Er liest in die­sen Tagen Wal­ter Ben­ja­mins Geschich­ten einer Ber­li­ner Kind­heit, sehr lang­sam. Dann wie­der, nach Pau­se, Noe’s Selbst­ge­spräch: Lan­ge Zei­ten ohne einen Gedan­ken ohne einen Wunsch ohne eine Erin­ne­rung. Der Blick ins Was­ser. Zar­te Fin­ger von Licht. Höre das Geräusch der Luft. Wünsch­te, ich hät­te eine Uhr. — Ahoi, lie­ber Lou­is, DEIN OE SOM – stop

gesen­det am
3.11.2013
1311 zeichen

oe som to louis »

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vom fliegen

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echo : 22.08 — Mein Vater ver­füg­te über ein her­vor­ra­gen­des Gedächt­nis. Jah­re­lang konn­te er sich an Geschich­ten erin­nern, die unmit­tel­bar mit Licht­bil­dern, die er auf­ge­nom­men hat­te, in Ver­bin­dung ste­hen. Nun, da er gestor­ben ist, exis­tie­ren vie­le die­ser Geschich­ten im Ver­bor­ge­nen, weil mein Vater sich nicht mehr an sie erin­nert, sie nicht mehr erzäh­len wird. In sei­nem Arbeits­zim­mer, wei­ter­hin unbe­rührt, steht ein schwe­rer, alter Schrank gleich neben einem Fens­ter zum Gar­ten, in wel­chem sich tau­sen­de Auf­nah­men in Maga­zi­nen befin­den. Eini­ge der Maga­zi­ne wur­den beschrif­tet. Ägyp­ten 1986, Chi­ca­go 1978 oder Wan­dern im Wal­lis 1969. Auf einer klei­nen Schach­tel ist Fol­gen­des notiert: Andre­as läuft. 87 Dia­fo­to­gra­fien sind in die­ser Schach­tel ent­hal­ten, far­bi­ge Auf­nah­men, die sich mit mei­nen ers­ten Spa­zier­ver­su­chen ver­bin­den. Ich tra­ge wei­che, hel­le Hosen und einen roten Pull­over. Ich schei­ne sehr begeis­tert gewe­sen zu sein, mache gro­ße, run­de Augen, manch­mal sit­ze ich auf dem Boden und lache, ein ander­mal sit­ze ich auf dem Boden und wei­ne. Auf der ein oder ande­ren Foto­gra­fie kom­men Hän­de von der Sei­te her ins Bild oder sie kom­men von oben. Ein­mal sind nur mei­ne Füße zu sehen, sehr klei­ne Füße in blau­en Strümp­fen. Man könn­te mei­nen, die­se Auf­nah­me wür­de doku­men­tie­ren, dass ich das Flie­gen lern­te, noch ehe ich rich­tig ste­hen und lau­fen konn­te. Indem ich die Bil­der mei­nes Vaters beob­ach­te, wird sei­ne Gegen­wart inten­siv spür­bar, er war bei jeder Auf­nah­me in mei­ner Nähe gewe­sen, in der Nähe eines Kin­des, das zur Zeit der Licht­nah­me noch kei­ne wirk­li­che Vor­stel­lung davon haben konn­te, was Erin­ne­rung ist. Und tat­säch­lich, ich kann mich nicht dar­an erin­nern, wie ich das Lau­fen lern­te. – Spä­ter Abend. stop. In Brook­lyn, Haus 77, Oran­ge St., soll eine Stein­kir­sche, Stein­kir­sche No 632, voll­endet wor­den sein. — stop. — 5.08 Gramm. — stop

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