Aus der Wörtersammlung: fenster

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sieben punkte

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hima­la­ya : 5.06 — Drau­ßen, vor weni­gen Stun­den noch, rausch­te Was­ser vom Him­mel. Aber jetzt ist es still. Es ist eine tat­säch­lich nahe­zu geräusch­lo­se Nacht. Die letz­te Stra­ßen­bahn ist längst abge­fah­ren, kein Wind, des­halb auch die Bäu­me still und die Vögel, alle Men­schen im Haus unter mir schei­nen zu schla­fen. Für einen Moment dach­te ich, dass ich viel­leicht wie­der ein­mal mein Gehör ver­lo­ren haben könn­te, ich sag­te zur Sicher­heit ein Wort, das ich ges­tern ent­deck­te: Kapr­un­bi­ber. Das Wort war gut zu hören gewe­sen, mei­ne Stim­me klang wie immer. Aber auf dem Fens­ter­brett hockt jetzt ein Mari­en­kä­fer, einer mit gel­bem Pan­zer, sie­ben Punk­te, ich habe nicht bemerkt, wie er ins Zim­mer geflo­gen war. Es ist nicht der ers­te Käfer die­ses Jah­res, aber einer, den ich mit ganz ande­ren Augen betrach­te. Ich hat­te für eine Sekun­de die Idee, die­ser Käfer könn­te viel­leicht ein künst­li­cher Käfer sein, einer, der mich mit dem Vor­satz besuch­te, Foto­gra­fien mei­ner Woh­nung auf­zu­neh­men, oder Gesprä­che, die ich mit mir selbst füh­re, wäh­rend ich arbei­te. War­um nicht auch ich, dach­te ich, ein Ziel. Ich nahm den Käfer, der sei­ne Geh­werk­zeu­ge unver­züg­lich eng an sei­nen Kör­per leg­te, in mei­ne Hän­de und trans­por­tier­te ihn in die Küche, wo ich ihn in das grel­le Licht einer Tisch­lam­pe leg­te. Wie ich ihn betrach­te­te, bemerk­te ich zunächst, dass ich nicht erken­nen konn­te, ob der Käfer in der künst­li­chen Hel­lig­keit sei­ne Augen geschlos­sen hat­te. Weder Herz­schlag noch Atmung war zu erken­nen, auch nicht unter einer Lupe, nicht die gerings­te Bewe­gung, aber ich fühl­te mich von dem Käfer selbst beob­ach­tet. Also dreh­te ich den Käfer auf den Rücken und such­te nach einem Zugang, nach einem Schräub­chen da oder dort, einer Ker­be, in wel­che ich ein Mes­ser­werk­zeug ein­füh­ren könn­te, um den Pan­zer vom Käfer zu heben. Man stel­le sich ein­mal vor, ein sehr klei­ner Motor wäre dort zu fin­den, Mikro­fo­ne, Sen­der, Lin­sen, es wäre eine unge­heu­re Ent­de­ckung. Gegen­wär­tig zöge­re ich noch, den ers­ten Schnitt zu setz­ten, es reg­net wie­der, jawohl, ich wer­de am bes­ten zunächst noch ein wenig den Regen beob­ach­ten, es ist kurz nach drei. – stop

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kaprunbiber

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char­lie

~ : mal­colm
to : lou­is
sub­ject : KAPRUNBIBER
date : jun 24 12 10.12 p.m.

371 West 11. Stra­ße. Wir haben unse­re Posi­ti­on kaum ver­än­dert. Fran­kie scheint sich auf dem Dach des Back­stein­hau­ses, von dem wir bereits erzähl­ten, für unbe­stimm­te Zeit ein­ge­rich­tet zu haben. Dass wir eine Woh­nung anmie­ten konn­ten im Haus gleich gegen­über, ist von gro­ßem Vor­teil, wir fal­len nicht wei­ter auf, in dem wir nach Fran­kie Aus­schau hal­ten. Eine klei­ne Woh­nung mit ram­po­nier­tem Die­len­bo­den, der unter unse­ren Schrit­ten ächzt und kracht. Bei gutem Wet­ter sit­zen wir auf einem der Bal­ko­ne des Hau­ses. Fran­kie besucht uns dort von Zeit zu Zeit, er wagt sich schon auf den Tisch, wenn wir Nüs­se für ihn abge­legt haben. Wüss­te er, wer wir sind, wür­de er sich ver­mut­lich fern­hal­ten. Er scheint sei­ne ers­te Begeg­nung mit uns tat­säch­lich ver­ges­sen zu haben. So nah kommt er her­an, dass wir die Umris­se des Spei­cher­me­di­ums, wel­ches wir unter sei­nem Fell ver­näh­ten, mit blo­ßem Auge erken­nen. Und so haben wir ange­neh­me Beob­ach­tungs­ta­ge. Juni. Die Näch­te sind ruhig, stünd­lich ver­neh­men wir Signal­zei­chen der Schif­fe vom nahen Fluss. Dann kommt die Son­ne und ihre Hit­ze, Fran­kie ruht, wie eine Kat­ze, flach auf dem Blech­dach des Hau­ses gegen­über. Manch­mal rast er das alte Gemäu­er senk­recht auf und nie­der, als wür­de er nach Flie­gen jagen. Es scheint ihm außer­or­dent­lich gut­zu­ge­hen, klap­pern­de Müll­ton­nen, die geöff­ne­ten Fens­ter der Woh­nun­gen, Was­ser­tanks auf den Dächern, in wel­chen Fran­kie badet, es ist ein wirk­lich guter Ort für ein jun­ges, kräf­ti­ges Eich­hörn­chen. Die Nach­rich­ten jedoch, die wir über unse­re Kanä­le emp­fan­gen, sind beun­ru­hi­gend. Ich zwei­fe­le manch­mal dar­an, ob wir noch in der Lage wären, Fran­kie zu töten, soll­te der Befehl zu sei­ner Besei­ti­gung kom­men. – Ihr Mal­colm / code­wort : kapr­un­bi­ber

emp­fan­gen am
24.06.2013
1950 zeichen

mal­colm to louis »

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vor den mangroven

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del­ta : 2.25 — Es darf nicht sein, dass Leu­te einem den Film kaputt machen. Man­chen habe ich schon das Essen aus der Hand geris­sen und weg­ge­wor­fen. Man muss sie ver­prü­geln oder bedro­hen, sonst ist der Film ver­dor­ben, man hat das Recht sie umzu­brin­gen, damit sie auf­hö­ren. Aber Mord ist kei­ne sehr gute Lösung, nach­her wird man noch ver­haf­tet, bevor der Film zu Ende ist. Als ich die „Lady von Shang­hai“ das letz­te Mal gese­hen habe, woll­te ich nicht ein­fach nur mit Rita Hay­worth schla­fen: Ich woll­te Sex mit ihr in Schwarz­weiß! Viel­leicht könn­te man das mit Kon­takt­lin­sen oder einer Bril­le hin­krie­gen, die alles in Mono­chrom ver­wan­delt. Das ist eine selt­sa­me Sache, dass ihre Lip­pen nicht rot sind. Und das liegt nicht am Lip­pen­stift. Ihr Mund hat die­se beson­de­re Far­be, weil er in die­sem silb­ri­gen Schwarz­weiß gefilmt wor­den ist. Sie ist ein Fetisch­ob­jekt, nicht nur, weil sie so schön ist, son­dern weil Wel­les’ Kame­ra sie foto­gra­fiert hat. Des­halb möch­te man nicht nur ein­fach Sex mit Rita Hay­worth, man möch­te genau mit die­ser Figur aus dem Film schla­fen. Der Grund, war­um ich sexu­ell total ver­küm­mert bin, liegt in mei­nem Schei­tern, den fil­mi­schen Vor­bil­dern gerecht zu wer­den. Im ech­ten Leben spielt sich Sex nie­mals in Schwarz­weiß ab. — Die­se klei­ne Geschich­te, die eigent­lich aus zwei Geschich­ten besteht, erzähl­te Jack Angst­reich gera­de noch in dem wun­der­vol­len Film Cine­ma­nia von Ange­la Christ­lieb und Ste­phen Kijak, einer Doku­men­ta­ti­on, die von dem Leben lei­den­schaft­li­cher Kino­gän­ger in New York berich­tet. — 2:15 Uhr. Regen nach wie vor, küh­ler, hell­grau­er Herbst­re­gen. Es könn­te sein, dass die­ser Regen nie wie­der auf­hö­ren wird. In eini­gen tau­send Jah­ren bald beweg­ten sich amphi­bi­sche Eich­hörn­chen vor mei­nem Fens­ter durchs Man­gro­ven­ge­biet. Eben­so denk­bar ist, dass ich zu die­sem Zeit­punkt über zuge­spitz­te Fin­ger­bee­ren ver­fü­gen wer­de, geeig­net, jede der fili­gra­nen Tas­ta­tu­ren moder­ner Tele­fon­ap­pa­ra­te feh­ler­frei und gelas­sen bespie­len zu kön­nen. — stop
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ein zeppelinkäfer

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echo : 2.54 — Wann war es, dass ich zum ers­ten Mal bemerk­te, wie mei­ne Brie­fe klei­ner und klei­ner wur­den? Wesen von wirk­li­chem Papier, Bögen in Umschlä­gen, mit einem Post­wert­zei­chen, das zuletzt die Anschrif­ten­sei­te mei­nes Schrei­bens voll­stän­dig bedeck­te. Im Post­amt wer­de ich seit­her ernst genom­men. Vor eini­gen Wochen kauf­te ich sinn­vol­ler­wei­se ein hand­li­ches Mikro­skop und einen Satz Blei­stif­te von äußers­ter Här­te. Ich spitz­te das Schreib­werk­zeug eine Vier­tel­stun­de lang, dann leg­te ich einen Bogen Papier in das Licht einer Lin­se mitt­le­rer Stär­ke. Ich näher­te mich mit beben­den Fin­gern. Man soll­te mich in die­sem Moment gese­hen haben. Bei jedem Wort, das ich auf das klei­ne Blatt notier­te, hielt ich die Luft an. Tat­säch­lich habe ich in mei­nen Leben noch nie zuvor in einer der­art sorg­fäl­ti­gen Wei­se geschrie­ben. Ich brauch­te drei Stun­den Zeit, um das Papier, das nicht grö­ßer gewe­sen war als eine Brief­mar­ke von 1,5 cm Kan­ten­län­ge, voll­stän­dig zu beschrif­ten. Ich schrieb fol­gen­de Zei­len an einen Freund: Lie­ber Sta­nis­law, Du wirst es nicht glau­ben, nach 1 Uhr heu­te Nacht schweb­te ein Zep­pel­in­kä­fer einer nicht sicht­ba­ren, schnur­ge­ra­den Linie über den höl­zer­nen Fuß­bo­den mei­nes Arbeits­zim­mers ent­lang, wur­de in der Mit­te des Zim­mers von einer Luft­strö­mung erfasst, etwas ange­ho­ben, dann wie­der zurück­ge­wor­fen, ohne aller­dings mit dem Boden in Berüh­rung zu kom­men. – Ein merk­wür­di­ger Auf­tritt. – Und die­ser groß­ar­ti­ge Bal­lon von opa­k­em Weiß! Ein Licht, das kaum noch merk­lich fla­cker­te, als ob eine offe­ne Flam­me in ihm bren­nen wür­de. Ich habe mich zunächst gefürch­tet, dann aber vor­sich­tig auf Knien genä­hert, um den Käfer von allen Sei­ten her auf das Genau­es­te zu betrach­ten. – Fol­gen­des ist nun zu sagen. Sobald man einen Zep­pel­in­kä­fer von unten her besich­tigt, wird man sofort erken­nen, dass es sich bei einem Wesen die­ser Gat­tung eigent­lich um eine fili­gra­ne, flü­gel­lo­se Käfer­ge­stalt han­delt, um eine zer­brech­li­che Per­sön­lich­keit gera­de­zu, nicht grö­ßer als ein Streich­holz­kopf, aber schlan­ker, mit sechs recht lan­gen Ruder­bei­nen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebra­pfer­de. Fünf Augen in grau­blau­er Far­be, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erd­bo­den gerich­tet. Als ich bis auf eine Nasen­län­ge Ent­fer­nung an den Käfer her­an­ge­kom­men war, habe ich einen leich­ten Duft von Schwe­fel wahr­ge­nom­men, auch, dass der Käfer flüch­tet, sobald man ihn mit einem Fin­ger berüh­ren möch­te. Ein Wesen ohne Laut. Dein Lou­is, herz­lichst. — Es war eine wirk­lich har­te Arbeit, all die­se Zei­chen zu notie­ren. Dann fal­te­te ich das Blatt Papier ein­mal kreuz und quer. Ich arbei­te mit zwei Pin­zet­ten wie­der­um unter star­kem Licht, steck­te den Brief in ein Cou­vert, des­sen Her­stel­lung noch mühe­vol­ler gewe­sen war als das Schrei­ben des Brie­fes selbst, und mach­te mich auf den Weg in das nächs­te Post­amt. Dort wur­de ich unver­züg­lich an den Schal­ter für beson­de­re Brief­for­ma­te wei­ter­ge­lei­tet, wo mein Brief, den ich mit einer Pin­zet­te auf den Tre­sen beför­dert hat­te, von einer wei­te­ren Pin­zet­te ent­ge­gen­ge­nom­men wur­de. Ich war sehr glück­lich. Ich beob­ach­te­te, wie der Beam­te eine Brief­mar­ke von der Grö­ße eines Reis­korns behut­sam auf mei­nen Brief leg­te und mit­tels eines Stem­pels, der vor mei­nen blo­ßen Augen kaum noch sicht­bar gewe­sen war, ent­wer­te­te. Dann ging mein Brief auf Rei­sen. Er flog sehr weit durch die Luft, und ich habe ihn für kur­ze Zeit ver­ges­sen. Nun aber, vor weni­gen Stun­den, wur­de mir von einem Son­der­bo­ten der Post ein Brief von der­art leich­ter Gestalt über­ge­ben, dass ich zunächst die Anwei­sung erhielt, alle Fens­ter mei­ner Woh­nung zu schlie­ßen. Die­ser Brief, eine Depe­sche mei­nes Freun­des, ruht vor mir auf dem Tisch. Es ist ein klei­nes Kunst­werk. Auf sei­ner Brief­mar­ke sol­len sich zwei Para­dies­vö­gel befin­den, die ihre Schnä­bel kreu­zen. Ich wer­de das gleich über­prü­fen. — Es ist Frei­tag! Guten Mor­gen! — stop / fürs marie­chen

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jean paul

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char­lie : 3.08 — Wäh­rend eines Gesprä­ches im Gehen erzähl­te ich Mut­ter, dass ich vor Jah­ren ein­mal fürch­te­te, ihr Leben könn­te vor dem Leben mei­nes Vaters enden. In Bruch­tei­len einer Sekun­de ant­wor­te­te sie, dass Vater ihr in die­sem Fal­le unmit­tel­bar nach­ge­stor­ben wäre. Ich war sofort ste­hen geblie­ben, das Wort nach­ster­ben irri­tier­te. Ich mein­te die­ses Wort noch nie zuvor gehört zu haben, und über­leg­te, ob Mut­ter das Wort viel­leicht erfun­den haben könn­te, ein Wort also für eine Situa­ti­on, die sie sich selbst vor­ge­stellt haben moch­te. Eini­ge Stun­den spä­ter such­te ich nach dem Wort in der digi­ta­len Sphä­re. Tat­säch­lich exis­tiert die­ses Wort bereits seit lan­ger Zeit. Ich war nun ein altes Kind gewe­sen, das Wör­ter lernt, in dem es Geräu­sche von den Lip­pen sei­ner Mut­ter liest. Habe auf der Suche nach den Spu­ren jenes Wor­tes eine fei­ne Beob­ach­tung Jean Pauls ent­deckt: Außer­halb des Traums kom­men uns Emp­find­bil­der öfter von Tönen als von Reden und Schäl­len vor; nach einer Musik­nacht kann die beweg­te See­le sich will­kür­lich die Melo­dien, aber nicht die Gesprä­che wie­der­klin­gen las­sen; denn wie sehr der Musik­ton, die Poe­sie des Klan­ges, so tief mehr in uns als um uns zu spie­len und unter allen Emp­fin­dun­gen von uns mehr geschaf­fen als emp­fan­gen zu wer­den scheint, bewei­set die schon ange­führ­te Erfah­rung, daß wir an einem Sin­gen und Flö­ten, das in immer wei­te­re Fer­ne ver­fließt, gera­de mit dem gespann­tes­ten Ohre die letz­ten aus­ster­ben­den Töne von Außen nicht von den nach­ster­ben­den von Innen son­dern kön­nen. — stop. Drei Uhr. stop. Heu­te Nacht pfeift ein Vogel im Dun­keln, obwohl es noch lan­ge Zeit nicht hell wer­den wird. Das ist selt­sam. Er scheint mich im Auge zu behal­ten. Ich ste­he am Fens­ter und bewe­ge einen Arm und eine Hand, als wür­de ich win­ken. Die­se Ges­te lässt den Vogel ver­stum­men, war­um? — stop
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echoes

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sier­ra : 5.28 — Eine Amei­se hat­te trotz der gro­ßen Höhe, in der sich mei­ne Woh­nung befin­det, zu mir gefun­den. Sie klet­ter­te vor­sich­tig gegen den Boden zu, tas­te­te sich über war­mes Holz, erreich­te ein Tisch­bein, um kurz dar­auf direkt vor mei­nen Augen zu erschei­nen. Viel­leicht wird sie mei­nen Atem wahr­ge­nom­men haben, einen Wind, denn sie duck­te sich kurz, ich hat­te den Ein­druck, dass sie mich betrach­te­te. Aber dann lief sie wei­ter, umrun­de­te mei­ne Schreib­ma­schi­ne, kreuz­te über den Tisch, um auf der ande­ren Sei­te wie­der abzu­stei­gen und in der Dun­kel­heit des Fens­ters zu ver­schwin­den. Nur weni­ge Minu­ten spä­ter, ich hat­te das Zim­mer kurz ver­las­sen, beweg­te sich eine dun­kel schim­mern­de Amei­sen­her­de exakt auf dem Pfad, den zuvor das ein­sa­me Tier genom­men hat­te, durch den Raum. Ein doch äußerst bemer­kens­wer­ter Vor­gang. Mög­li­cher­wei­se hat­te es sich zunächst um eine Kund­schaf­ter­amei­se gehan­delt, die mich besuch­te. Ihre Brü­der, ihre Schwes­tern waren nun sehr ziel­stre­big in mei­nem Zim­mer unter­wegs. Ich mein­te, das Geräusch hun­der­ter Bei­ne ver­neh­men zu kön­nen. Sie tru­gen Papie­re in ihren Zan­gen wie Fah­nen. Tat­säch­lich waren Zei­chen oder Tei­le von Zei­chen auf der Amei­sen­beu­te zu erken­nen, die sie gleich hin­ter mei­ner Schreib­ma­schi­ne zu einem Berg schich­te­ten, um sofort wie­der zum Boden hin abzu­stei­gen. Nach einer hal­ben Stun­de, alle Amei­sen waren ver­schwun­den, schloss ich das Fens­ter. Ich hät­te schwö­ren kön­nen, mir den Besuch der Amei­sen nur ein­ge­bil­det zu haben, wenn nicht auf dem Tisch das Papier­werk der Wan­de­rer als Beweis zurück­ge­blie­ben wäre. Natür­lich mach­te ich mich sofort an die Arbeit. Eine Stun­de ver­ging, dann war ich mir sicher gewe­sen, dass es sich bei dem Arte­fakt auf mei­nem Tisch um eine ein­zel­ne, zer­teil­te Buch­sei­te han­deln muss­te. Vier wei­te­re Stun­den spä­ter hat­te ich die Sei­te und ihre Zei­chen rekon­stru­iert. Fol­gen­der Text wur­de sicher­ge­stellt: ZUVIEL / Die Welt ist „unzähl­bar“, gefüllt mit Din­gen, Büchern, Büchern, die über Din­ge spre­chen, / die Welt trägt zusam­men und die Bücher tra­gen zusam­men, was die Welt zusam­men­trägt, / und auf sei­nem Tisch Bücher und noch­mals Bücher zu sehen / und Foto­bü­cher, Kunst­bü­cher und Bücher, die von ande­ren Büchern reden, und sich nun selbst eben­falls anschi­cken, die Welt auf einem Blatt Papier zu erfas­sen, die­se ver­fluch­te Sum­me von Aus­las­sun­gen zu erfas­sen, um dem Sta­pel noch ein eige­nes Echo hin­zu­zu­fü­gen … Es ist fünf Uhr gewor­den. Ich bin zufrie­den. Ich habe den Ursprung des Tex­tes erin­nert. Er wur­de von Yas­mi­na Reza in ihrer Sona­te Ham­mer­kla­vier ver­öf­fent­licht und von Eugen Helm­lé aus der fran­zö­si­schen in die deut­sche Spra­che über­tra­gen. Drau­ßen wird es lang­sam hell, Regen fällt. — stop
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zwei zimmer

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sier­ra : 5.16 — Nachts, sobald ich die Vögel pfei­fen höre, meis­tens ist es einer für sich allein, der in Ahnung ers­ten Lichts zu sin­gen beginnt, weiß ich, dass ich auf­ste­hen soll­te und zu den Fens­tern gehen, um mei­ne Rol­los für Schlaf her­un­ter­zu­las­sen. In genau die­sem Moment dre­hen sich Tag und Nacht schein­bar um eine Ach­se, Tag­zim­mer bei Nacht wer­den zu Nacht­zim­mern bei Tag. Gleich, in einer Minu­te, ist es wie­der so weit. Guten Mor­gen. — stop
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stehen … schlafen

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nord­pol : 3.08 — Wenn man ein Hotel für Steh­schlä­fer betritt, ist das meis­tens spät in der Nacht, alle wei­te­ren Hotels, wel­che geeig­net wären, im Lie­gen zu schla­fen, sind aus­ge­bucht. Auch mit klei­ne­ren Spen­den, die man ger­ne offe­riert, weil man müde ist, weil man kei­nen wei­te­ren Schritt zu tun in der Lage zu sein glaubt, war an den Rezep­tio­nen nichts zu machen. Jetzt ist man also hier, wo man sehr preis­wert in Schlaf­spin­den oder ganz ein­fach an Wän­den leh­nend schla­fen kann. Das Beson­de­re an einem Hotel für Steh­schlä­fer ist, dass sich das Per­so­nal um schla­fen­de Gäs­te auch dann noch bemüht, wenn das Licht längst aus­ge­schal­tet ist. Gur­te, wel­che zur Sta­bi­li­tät um Ober,- und Unter­schen­kel gewi­ckelt sind, wer­den straff gehal­ten, fal­len­de Per­so­nen wie­der auf­ge­rich­tet. Auch für einen tie­fen Schlaf wird gesorgt, wie das gemacht wird, davon soll­te ich nicht erzäh­len, nicht das lei­ses­te Wort, nie­mand will das wirk­lich wis­sen, selbst die Schla­fen­den nicht. Man schläft behü­tet, man schläft so lan­ge man will, eine Stun­de oder eine Nacht oder meh­re­re Tage. Sobald man nun erwacht, nimmt man sei­nen Kof­fer vom Boden auf und geht ganz ein­fach davon. Es ist schon ein merk­wür­di­ger Anblick, hun­der­te Men­schen, die ent­lang der Wän­de eines Saa­les neben ihren Kof­fern ste­hen. Man­che spre­chen, ande­re sin­gen lei­se im Schlaf. Vögel flie­gen umher oder sit­zen auf den Schla­fen­den selbst, die sich nicht rüh­ren, obwohl sie noch leben. Irgend­wo muss ein Fens­ter offen ste­hen. Ein leich­ter Wind geht. Ich höre das Horn eines Schif­fes, aber ich bin mir nicht sicher, ob das Schiff wirk­lich exis­tiert. Für einen Moment wird es hell wie am Tag, als ob die Son­ne mir direkt ins Auge leuch­tet. Eine Hand fährt über mei­ne Stirn, ich höre ein Flüs­tern, ich mei­ne gehört zu haben, wie jemand sag­te: Er ist schon vier Wochen hier, wir müs­sen ihn wecken oder baden. Ja, irgend­wo muss ein Fens­ter offen ste­hen. Ein leich­ter Wind. — stop

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mr. ganga datt padong

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echo : 5.15 — Nicht zum ers­ten Mal stell­te ich mir eine Minu­te vor, dann eine Stun­de, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer. Ich aß eine Bana­ne, sah aus dem Fens­ter, set­ze mich an den Schreib­tisch und stell­te mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Und wie­der sah ich aus dem Fens­ter, ver­ließ das Haus, spa­zier­te, kam zurück und mach­te einen Plan. Ich mach­te ihn gründ­lich, ich for­mu­lier­te die alt­be­kann­te Fra­ge, ob es wohl mög­lich ist, einen Zeit­raum von 5022 Jah­ren zu den­ken, das heißt, ein Gefühl zu fin­den für eine bibli­sche Zeit­di­men­si­on? Bald war Abend, bald war Nacht gewor­den und ich habe mich mit der Suche und Erfin­dung von Namen ver­gnügt. Wenn ich aus dem Fens­ter schaue, die Kro­nen der Bäu­me unter mir, in wel­chen Vögel schla­fen, fal­len mir tat­säch­lich sehr schö­ne Namen ein, Namen, die es ver­dien­ten, dass man die Geschich­ten, die hin­ter ihnen ste­hen, auf­spü­ren wird. Über­haupt sind Namen, genau genom­men, die Geräu­sche, die sie im Kopf erzeu­gen, gut dazu geeig­net, erzähl­ba­re Räu­me zu öff­nen. Einer der heu­te Nacht gefun­de­nen Namen lau­tet so: Mr. Ganga Datt Padong. Ich bemerk­te, dass ein Mann, der die­sen Namen tat­säch­lich trägt, sich ein­mal bei mir mel­den könn­te. Er schreibt: Mr. Lou­is, ich habe in die Such­ma­schi­ne geschaut. Woher ken­nen Sie mei­nen Namen? Ich ant­wor­te: Ver­ehr­ter Mr. Padong, ich habe Sie und ihren Namen erfun­den, könn­ten wir viel­leicht Freun­de wer­den? — Fol­gen­de Namen sind wei­ter­hin ver­zeich­net: Han­nah Pie­pen Pal­le Peter­son Pete Mai­do Franz Dant­zer Swet­la­na Anti­bes Julie P. Gol­ding Emil Dimit­rov Zine Hamm­dai Max Bus­ser Mer­go­zi­le Bier­manns Sophia Wie­sel­ha­gen Sarah Loui­sa Emmer Vero­ni­ka Pig­mat­ter Bas­heer Zeid Chris­tie Lee Ewe­li­na Zen­c­zak Miria Iri­na Save­do Sam Kek­ko­la Hoah Phat Cynet­te Krom­bou­te Laris­sa Todic Linea Apo Ludu Hil­mer Lil­li Marie Lorenz. — stop

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mr. charles brown

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sier­ra : 6.28 — Mit­ten in der Nacht ent­de­cke ich, dass Charles Brown tat­säch­lich exis­tier­te. Er war Eng­län­der gewe­sen, sam­mel­te Uhren und trug die­se Uhren am eige­nen Kör­per. Nicht etwa eine Uhr nach der ande­ren Uhr, wie man mei­nen möch­te, viel­mehr eini­ge Uhren oder sehr vie­le Uhren zur glei­chen Zeit. Ich bin natür­lich äußerst begeis­tert, öff­ne zunächst das Fens­ter, lass fri­sche Luft in die Woh­nung, keh­re vor den Bild­schirm zurück, er ist immer doch da, Mr. Charles Brown oder ein Mann, der vor­gab, Mr. Charles Brown gewe­sen zu sein, ein Mann, der Uhren sam­mel­te, der Uhren beob­ach­te­te. Er soll Uhren an sei­nen Fin­gern getra­gen haben, Uhren am Revers, Uhren in der Gestalt von Man­schet­ten­knöp­fen. Ich stel­le mir vor, dass ein fei­nes Zeit­rau­schen von ihm aus­ge­gan­gen sein muss. Ist es nicht wun­der­bar, stun­den­lang an ein Geräusch wie die­ses Rau­schen der Zeit zu den­ken? — 3 Uhr und 10 Minu­ten. Ich habe heu­te nichts wei­ter zu tun, als wach zu blei­ben, bis es hell wer­den wird. — stop / ps. Bemerkt zunächst bei Peter Glaser

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