Aus der Wörtersammlung: fenster

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ballon

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sier­ra : 0.58 — Heu­te ist es mir gelun­gen, von einem Fens­ter aus, den ers­ten Flug­kör­per mei­nes erwach­se­nen Lebens auf­stei­gen zu las­sen. Ich hat­te eine Fla­sche Heli­um bestellt, eine Samm­lung roter, kugel­för­mi­ger Foli­en­bal­lo­ne, sowie fes­ten Zwirn. Alle die­se Din­ge wur­den an dem­sel­ben Tag per Post gelie­fert, ein erstaun­li­cher Vor­gang für sich. Ich notier­te also mei­ne Adres­se hand­schrift­lich auf eine Kar­te, die ich etwas spä­ter in einen trans­pa­ren­ten, was­ser­fes­ten Umschlag steck­te, sowie eine klei­ne Bot­schaft, die davon erzähl­te, dass vor­ge­fun­de­ne Kar­te, die ers­te Luft­post­kar­te gewe­sen sei, die ich über­haupt jemals abge­schickt haben wür­de. Es war Nach­mit­tag und es war noch hell. Der Bal­lon, den ich ver­suchs­wei­se mit Gas füt­ter­te, stieg an die Decke mei­ner Küche, um von dort aus lang­sam in Rich­tung mei­nes Wohn­zim­mers zu wan­dern. Am spä­ten Abend dann, vor Kur­zem, es war natür­lich dun­kel gewor­den, mein­te ich, von der Dich­te des Bal­lons über­zeugt zu sein, befes­tig­te mei­ne Kar­te, öff­ne­te das Fens­ter, und der Bal­lon stieg lang­sam auf. Er ist jetzt seit drei Stun­den unter­wegs, und selbst­ver­ständ­lich längst unsicht­bar gewor­den. — stop

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vom fliegen

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echo : 22.08 — Mein Vater ver­füg­te über ein her­vor­ra­gen­des Gedächt­nis. Jah­re­lang konn­te er sich an Geschich­ten erin­nern, die unmit­tel­bar mit Licht­bil­dern, die er auf­ge­nom­men hat­te, in Ver­bin­dung ste­hen. Nun, da er gestor­ben ist, exis­tie­ren vie­le die­ser Geschich­ten im Ver­bor­ge­nen, weil mein Vater sich nicht mehr an sie erin­nert, sie nicht mehr erzäh­len wird. In sei­nem Arbeits­zim­mer, wei­ter­hin unbe­rührt, steht ein schwe­rer, alter Schrank gleich neben einem Fens­ter zum Gar­ten, in wel­chem sich tau­sen­de Auf­nah­men in Maga­zi­nen befin­den. Eini­ge der Maga­zi­ne wur­den beschrif­tet. Ägyp­ten 1986, Chi­ca­go 1978 oder Wan­dern im Wal­lis 1969. Auf einer klei­nen Schach­tel ist Fol­gen­des notiert: Andre­as läuft. 87 Dia­fo­to­gra­fien sind in die­ser Schach­tel ent­hal­ten, far­bi­ge Auf­nah­men, die sich mit mei­nen ers­ten Spa­zier­ver­su­chen ver­bin­den. Ich tra­ge wei­che, hel­le Hosen und einen roten Pull­over. Ich schei­ne sehr begeis­tert gewe­sen zu sein, mache gro­ße, run­de Augen, manch­mal sit­ze ich auf dem Boden und lache, ein ander­mal sit­ze ich auf dem Boden und wei­ne. Auf der ein oder ande­ren Foto­gra­fie kom­men Hän­de von der Sei­te her ins Bild oder sie kom­men von oben. Ein­mal sind nur mei­ne Füße zu sehen, sehr klei­ne Füße in blau­en Strümp­fen. Man könn­te mei­nen, die­se Auf­nah­me wür­de doku­men­tie­ren, dass ich das Flie­gen lern­te, noch ehe ich rich­tig ste­hen und lau­fen konn­te. Indem ich die Bil­der mei­nes Vaters beob­ach­te, wird sei­ne Gegen­wart inten­siv spür­bar, er war bei jeder Auf­nah­me in mei­ner Nähe gewe­sen, in der Nähe eines Kin­des, das zur Zeit der Licht­nah­me noch kei­ne wirk­li­che Vor­stel­lung davon haben konn­te, was Erin­ne­rung ist. Und tat­säch­lich, ich kann mich nicht dar­an erin­nern, wie ich das Lau­fen lern­te. – Spä­ter Abend. stop. In Brook­lyn, Haus 77, Oran­ge St., soll eine Stein­kir­sche, Stein­kir­sche No 632, voll­endet wor­den sein. — stop. — 5.08 Gramm. — stop

ping

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bohumil hrabal

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tan­go : 6.56 — Ich beob­ach­te mei­nen Fern­seh­bild­schirm. Er ist so flach, dass ich mei­ne, das beweg­te Bild, wel­ches er emp­fängt, müss­te trans­pa­rent sein wie ein Schmet­ter­lings­flü­gel. Ich könn­te in die­ser Vor­stel­lung durch das Zim­mer lau­fen, um jene Sequen­zen, die von Kriegs­vor­be­rei­tun­gen, von chir­ur­gi­schen, begrenz­ten Luft­schlä­gen erzäh­len, von der ande­ren Sei­te her zu betrach­ten. Erin­ne­re mich an Boh­u­mil Hra­bal, von dem berich­tet wird, er wür­de bevor­zugt hin­ter sei­nem Fern­seh­ge­rät Platz genom­men haben. Das muss zu einer Zeit gewe­sen sein, als Bild­schir­me in den Rah­men mons­trö­ser Appa­ra­tu­ren hock­ten, Röh­ren­bild­schir­me genau­er, die noch explo­die­ren konn­ten. Indem Hra­bal sei­nen Bild­emp­fän­ger von hin­ten betrach­te­te, han­del­te er mit dem Aus­druck äußers­ter Ver­wei­ge­rung, er saß dort und konn­te sich dar­auf ver­las­sen, kei­nes der emp­fan­ge­nen Bil­der sehen zu kön­nen, er war genau dort hin­ter jener Maschi­ne, die die Bil­der erzeug­te, vor den Bil­dern sicher. Viel­leicht hat­te er über­dies das Fern­seh­ge­rät aus­ge­schal­tet, ich weiß es nicht, gern wür­de ich ihn fra­gen, ihm erzäh­len, wie ich das mache in die­sen Tagen, da ich nicht mehr sicher bin, Lüge von Halb­wahr­heit oder Wahr­heit unter­schei­den zu kön­nen. Wirk­lich, wahr­haf­tig ist die­ses selt­sa­me, schmer­zen­de Gefühl, das ich bei dem Gedan­ken emp­fin­de, man könn­te die Armee des Dik­ta­tors Baschar al-Assad bom­bar­die­ren, sei­ne Flug­hä­fen, sei­ne Flug­zeu­ge, Rake­ten. Es ist ein zufrie­de­nes, zustim­men­des Gefühl, ein Reflex, wie ich so in mei­ner fried­li­chen, siche­ren Woh­nung sit­ze, eine Tas­se Kaf­fee in der Hand. Bald wan­de­re ich in die Küche und bra­te mir einen Fisch, eine klei­ne Dora­de. Ich höre die Stim­men der Kom­men­ta­to­ren vom Arbeits­zim­mer her, die wei­ter spre­chen, obwohl ich abwe­send bin. Und ich höre den Regen, es reg­net tat­säch­lich, dann hört es wie­der auf. Vögel flie­gen vor­über. Auf der Schei­be eines Fens­ters sitzt ein Mari­en­kä­fer und nascht von den Res­ten einer Wes­pe, die ich einen Tag zuvor töte­te, weil sie sich in der Dun­kel­heit mei­nem Bett näher­te. — stop
ping

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versuch über nachtsprache

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romeo : 22.58 — Vor einem mei­ner Fens­ter in der Höhe ist heu­te Abend eine klei­ne Spin­ne auf­ge­taucht, ein Jäger auf dem Fens­ter­brett, schnell, geschmei­dig, gestreif­ter Pelz, Augen so klein, dass ich sie nicht sehen kann. Mit die­sen Augen, die ich nicht sehen kann, beob­ach­te­te mich die Spin­ne ver­mut­lich, wäh­rend ich in ihrer Nähe am Fens­ter stand und Sät­ze wie­der­hol­te, die der­art ver­kno­tet waren, dass ich sie kaum aus­spre­chen konn­te. Die Spin­ne beweg­te sich nicht, und ich dach­te, viel­leicht hör­te sie mir zu, hört, was N., die seit zwölf Jah­ren als Sach­be­ar­bei­te­rin in der Nähe eines Flug­ha­fens arbei­tet, erzähl­te, war­um näm­lich die Begrü­ßung in der Nacht unter Nacht­ar­bei­tern eine selt­sa­me Ange­le­gen­heit sein kann. N’s Aus­sa­ge zur Fol­ge soll es jeweils nach Mit­ter­nacht zu Schwie­rig­kei­ten des­halb kom­men, weil man bis zur Mit­ter­nachts­stun­de noch einen guten Abend wün­schen kön­ne, indes­sen eine Per­son, der man im Auf­zug begeg­ne, in den ers­ten Minu­ten eines neu­en Tages bereits mit einem fröh­li­chen guten Mor­gen zu begrü­ßen sei, obwohl doch der nächs­te Mor­gen mit Licht oder Aus­sicht auf Fei­er­abend zu die­sem Zeit­punkt noch vie­le Stun­den weit ent­fernt sein müss­te. Ein eigen­tüm­li­ches Gefühl, sag­te N., das die­ser vor­aus­ei­len­de Mor­gen inmit­ten der Nacht noch nach Jah­ren in ihr erzeu­ge. Tat­säch­lich scheint es so zu sein, dass inmit­ten der Nacht die Nacht selbst in einer Begrü­ßungs­for­mel nicht ange­spro­chen wer­den kann, weil die For­mu­lie­rung Gute Nacht im all­ge­mei­nen Abschied bedeu­tet unter Men­schen, die zur übli­chen Wach­zeit exis­tie­ren, obwohl man doch im Moment des Abschie­des viel­leicht gera­de Stirn an Stirn in einem Bett liegt, man macht die Augen zu und schläft, sofern man glück­lich und zufrie­den ist. Zwei Schla­fen­de. Es ist so, als wären sie bei­de ver­reist, als wären sie bei­de nicht anwe­send, nicht erreich­bar, auch nicht für sich selbst, weil ein Schla­fen­der nie­mals zuver­läs­sig in der Lage sein wird, sich per­sön­lich zu wecken, ohne vor­beu­gend exter­nes Glo­cken­werk pro­gram­miert zu haben. Aber das ist schon wie­der eine ganz ande­re Geschich­te. — stop

ping

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fenster zum fluss

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sier­ra : 17.08 — Ein Freund, der sich seit län­ge­rer Zeit in Man­hat­tan auf­hält, erzählt via E‑Mail eine hei­te­re Geschich­te, die er selbst erlebt haben will. Vor eini­gen Tagen habe er dem­zu­fol­ge eine Bekann­te besucht, die ein Apart­ment in einem moder­nen Miets­haus der Upper East Side bewohnt. Es han­de­le sich um eine geräu­mi­ge Woh­nung in der 28. Eta­ge mit fas­zi­nie­ren­der Aus­sicht auf den East River. Eine Lei­den­schaft der Woh­nungs­be­sit­ze­rin, eine Pas­si­on gera­de­zu, sei die Beob­ach­tung der Schif­fe gewor­den, die den Fluss tief unten befah­ren. Der Anblick der Käh­ne und Oze­an­damp­fer beru­hi­ge sie, schon von Wei­tem kön­ne sie erken­nen, wenn sich ein grö­ße­res Schiff vom Atlan­tik her nähe­re. Nicht zu ver­ges­sen natür­lich, jene zier­li­chen, wei­ßen und gel­ben Amei­sen­schif­fe, Was­serta­xis bei Tag und Nacht, und das bestän­di­ge Blin­ken der Spie­ren­ton­nen, Pul­se, wel­che sie durch ihr Fern­glas wahr­neh­men kön­ne. Als nun mein Freund sei­nen Besuch tele­fo­nisch ankün­dig­te, wur­de er gewarnt, der Auf­zug des Hau­ses sei seit zwei Wochen defekt, wes­halb vie­le der älte­ren Bewoh­ner das Haus seit Tagen ent­we­der gar nicht oder für län­ge­re Zeit ganz ver­las­sen haben, er müs­se zu Fuß empor­stei­gen und eine hal­be Stun­de Zeit für sei­nen Auf­stieg berech­nen, er sol­le sich etwas Pro­vi­ant mit­neh­men. Mein Freund mach­te sich weni­ge Stun­den spä­ter auf den Weg nach oben. Weil er nicht trai­niert war, ging er lang­sam, zunächst zähl­te er noch sei­ne Schrit­te, aber bereits in der 6. Eta­ge muss­te er sich set­zen und sei­nen Atem beru­hi­gen. Eini­ge Boten, jun­ge Män­ner mit Ruck­sä­cken auf dem Rücken, kamen vor­über. Kurz dar­auf pas­sier­te ihn eine älte­re Dame, schla­fend oder bewusst­los, auf einer Tra­ge lie­gend abwärts. Höhe der 18. Eta­ge stand die Tür einer Woh­nung offen. Tre­ten Sie ein, war auf einem Zet­tel zu lesen. Im Wohn­zim­mer saß eine wei­te­re älte­re Dame hin­ter einem Tisch, reich gedeckt, Obst und kal­ter Fisch und Brot und Was­ser. Ein rei­zen­der Anblick, Kat­zen lagen auf dem Boden her­um. Die alte Frau war­te­te unter einem Son­nen­schirm. Sie sag­te: Komm, komm, in Zei­ten der Not muss man zusam­men­hal­ten, alles ist umsonst, aber Du darfst in der Stadt nicht davon erzäh­len! Eine Stun­de spä­ter erreich­te mein Freund end­lich die Woh­nung sei­ner Bekann­ten. Sie saßen lan­ge Zeit vor dem Fens­ter zum Fluss. Ein­mal näher­te sich ein Hub­schrau­ber. Er lan­de­te auf dem Dach. – stop

polaroidteller

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im zug

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marim­ba : 2.32 — Am Abend spät betrat ein jun­ger Mann einen Zug der Schnell­bahn­li­nie, wel­che die Stadt mit dem Flug­ha­fen ver­bin­det. Er schlepp­te ein Fahr­rad hin­ter sich her, das so schwer bepackt gewe­sen war, dass er sich, genau genom­men, nicht auf das Fahr­rad set­zen konn­te, es war kein Platz für sei­nen schma­len Kör­per. Auf der Spit­ze des Gepäck­ber­ges von Taschen und Tüten, ruh­te ein Körb­chen, dort schlief eine Kat­ze. Es war still, der Zug an die­sem Abend bei­na­he leer, ein Zug, der über Gepäck­ab­tei­le oder Nischen für Fahr­rä­der, Kin­der­wa­gen und gro­ße Kof­fer ver­füg­te. An kei­ner die­ser geeig­ne­ten Stel­len war der jun­ge Mann mit sei­nem Fahr­rad und sei­ner Kat­ze jedoch ein­ge­stie­gen, viel­mehr in ein Abteil, in wel­chem sich aus­schließ­lich Sitz­plät­ze befan­den. Nun geschah Fol­gen­des: Eine Stim­me in deut­scher Spra­che ersuch­te den jun­gen Mann an der nächs­ten Hal­te­stel­le, aus­zu­stei­gen und sich in ein Abteil zu bege­ben, das für ihn und sein Fahr­rad vor­ge­se­hen war. Da der jun­ge Mann nicht reagier­te, wie­der­hol­te die Stim­me ihr Anlie­gen in eben der deut­schen Spra­che. Auch die­se zwei­te Auf­for­de­rung blieb ohne Erfolg, wes­halb kurz dar­auf eine Anspra­che zunächst in eng­li­scher, dann in fran­zö­si­scher, schließ­lich in spa­ni­scher, zuletzt in por­tu­gie­si­scher Spra­che zu ver­neh­men war. Es han­del­te sich je um Ton­kon­ser­ven, die ver­mut­lich alle genau den­sel­ben Text ent­hiel­ten, die­sel­be Bot­schaft oder Bit­te, den Hin­weis dar­auf, dass Fahr­rä­der nur in den dafür vor­ge­se­he­nen Abtei­len beför­dert wer­den dür­fen. Die Stim­men waren freund­lich in ihrem Klang, ange­neh­me Stim­men, sie wickel­ten sich ab in einem Zeit­raum von drei oder vier Minu­ten. Es war ver­geb­lich, der jun­ge Mann beweg­te sich nicht. Nach einer kur­zen Pha­se der Stil­le hob sich die Stim­me des Fah­rers erneut. Er for­mu­lier­te nun in chi­ne­si­scher Spra­che, ich neh­me an, die­sel­be Bot­schaft wie zuvor, ein bemer­kens­wer­ter Vor­gang, ein Bei­spiel von Beharr­lich­keit. Als der Zug kurz dar­auf in einem klei­nen Bahn­hof stopp­te, erschien ein zier­li­cher Mann im Abteil. Er trug eine blaue Uni­form­ho­se und ein wei­ßes Hemd, es han­del­te sich um einen Mann chi­ne­si­scher Her­kunft. Er schien sehr auf­ge­bracht zu sein. Er näher­te sich dem jun­gen Mann, ges­ti­ku­lier­te hef­tig, deu­te­te mal auf den Besit­zer des Fahr­ra­des, dann auf das Fahr­rad selbst, hob die Hän­de zum Him­mel, um bald wie­der zu ver­schwin­den. Dann setz­te der Zug sich wie­der in Bewe­gung. Vor den Zug­fens­tern schim­mer­te Schnee in den Bäu­men. Ein Gespräch unter Rei­sen­den war zu hören. Die Kat­ze in ihrem Körb­chen hat­te für einen Moment die Augen geöff­net. — stop
polaroidmonroe

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lunar caustic

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sier­ra : 22.02 — Wie ich an die­sem schö­nen war­men Sonn­tag­abend aus dem Fens­ter sehe, ent­deck­te ich eine Eidech­se, die sich bis zu mir hin­auf unter das Dach vor­ge­ar­bei­tet hat­te. Sie saß nur eine Arm­län­ge ent­fernt, gel­be Augen, blau­grün schil­lern­de Haut und beob­ach­te­te mich natür­lich. Ich konn­te nicht ent­schei­den, ob sie mich nun mit den Augen oder mit ihrer ner­vö­sen Zun­ge prä­zi­ser zu erfas­sen ver­moch­te. Ich schien ihr nicht ver­däch­tig gewe­sen zu sein, das schlan­ke Tier flüch­te­te nicht. Im Gegen­teil, die Eidech­se kam noch näher her­an, kau­er­te bald auf dem Fens­ter­brett, das warm von der Son­ne war, und schau­te wie ich gegen den Him­mel. Es war ein schö­ner Him­mel voll bau­schi­ger Wol­ken, die sich kaum beweg­ten. Nach einer Vier­tel­stun­de zog ich mich vor­sich­tig vom Fens­ter zurück, hoff­te, die Eidech­se wür­de in mein Zim­mer kom­men, wür­de eini­ge Wochen Lebens­zeit bei mir ver­brin­gen, über die Wän­de mei­ner Woh­nung huschen, Flie­gen und Fal­ter jagen, die mei­ne Räu­me in gro­ßer Zahl bewoh­nen. Es ist jetzt 22 Uhr. Bis­lang ist am Fens­ter noch nichts gesche­hen. Ich wüss­te ger­ne, ob es zu die­sem Zeit­punkt sinn­voll wäre, das klei­ne Tier mit etwas Fleisch oder Musik anzu­lo­cken, Stra­win­sky, zum Bei­spiel, oder Col­tra­ne. Ja, die­ser Abend ist ein sehr ange­neh­mer Abend. End­lich ist es mir gelun­gen, für Mr. Oe Som eine Lis­te von Büchern zu erstel­len, die unbe­dingt in die Sphä­re was­ser­fes­ter Lek­tü­ren tran­skri­biert wer­den soll­ten. Ich habe fol­gen­de Aus­wahl über­mit­telt: Ali­ce Mun­ro Coll­ec­ted Sto­ries . Lou­is Begley Novels . Max Frisch Montauk . Don DeL­il­lo The Body Artist . James Sal­ter Coll­ec­ted Sro­ries . Jef­frey Euge­ni­dis Middke­sex . Bruce Chat­win The Songli­nes . Con­rad Aiken Stran­ge Moon­light . Samu­el Beckett Krapps Last Tape . Italo Cal­vi­no Der Baron auf den Bäu­men . Eli­as Canet­ti Die Stim­men von Mar­ra­kesch . Jürg Feder­spiel Die Bal­la­de von der Typho­id Mary . Albert San­chez Pinol Im Rausch der Stil­le . John Stein­beck Tra­vels with Char­ley . José Sara­ma­go Klei­ne Erin­ne­run­gen . H.G.Wells The Island of Dr. Moreau . Paul Aus­ter Red Note­book . Charles Sim­mons Salt Water . Jack Kerouac Book of Dreams . Mal­colm Lowry Lunar Cau­st­ic . Patri­cia High­s­mith Sto­ries . Nata­lie Sar­rau­te Kind­heit . Her­ta Mül­ler Herz­tier . Lutz Sei­ler Die Zeit­waa­ge — stop

polaroidmother

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3 uhr

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echo : 3.57 — Wäh­rend der Nacht lan­ge sit­zen. Nichts tun. Nur atmen. Gegen drei Uhr Abstieg zur Stra­ße. Die Trep­pe knarrt bei jedem Schritt vor Türen, hin­ter wel­chen Men­schen schla­fen. Auf der Stra­ße ein leich­ter Wind. Es ist kühl gewor­den. In den Bäu­men Geräu­sche, lei­se, lei­se, als wür­den die Vögel mur­meln im Schlaf. Es ist aber des­halb, weil es nie wirk­lich dun­kel wird in der Stadt. Stun­den­lang kann man sich über das Nahen des Mor­gens strei­ten. Wie ich zurück­kom­me, Licht weit oben, vier Fens­ter, beleuch­tet, alle wei­te­ren Fens­ter sind dun­kel. Der Blick auf ein Haus, in dem ein Nacht­mensch wohnt. Plötz­lich bin ich wie­der bei mir, tre­te in Zim­mer, die vor Kur­zem noch ohne mich gewe­sen sind. Mein Heft auf dem Tisch. Ich notie­re: Es ist sinn­voll, Süss­was­ser­kie­men­men­schen von Salz­was­ser­kie­men­men­schen zu unter­schei­den. Ich muss den Satz nicht begrün­den. Noch Dun­kel. — stop
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kekkola

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ulys­ses : 22.00 — Schnell erzäh­len, was ich ent­deck­te, als ich Kek­ko­la besuch­te, dem ich seit eini­gen Jah­ren ver­bun­den bin, weil er gern sehr selt­sa­me Din­ge tut. Eigent­lich ist er nicht son­der­lich ver­rückt, viel­mehr sind die Men­schen ver­rückt, von deren Leben Kek­ko­la erzählt. Ich habe kei­ne Ahnung, ob sie tat­säch­lich jemals exis­tier­ten, jeden­falls nimmt es Kek­ko­la sehr genau damit, sie zu ver­ste­hen, sich in sie ein­zu­füh­len. Ein­mal soll er drei Tage lang mit einem Luft­ge­wehr reg­los auf sei­nem Bal­kon gekau­ert haben. Er ziel­te gegen einen wei­te­ren Bal­kon, oder auf ein Fens­ter, das sich hin­ter die­sem Bal­kon befand. Er war­te­te. Es war im Win­ter gewe­sen und es war kalt im 38. Stock, ein Schnee­sturm pas­sier­te, ohne Kek­ko­la vom Bal­kon ver­trei­ben zu kön­nen. Als ich ges­tern mit ihm tele­fo­nier­te, hör­te ich im Hin­ter­grund Was­ser­ge­räu­sche. Ich frag­te, ob er zu Hau­se sei und ob ich vor­bei­kom­men sol­le. Ich hat­te den Ein­druck, dass er viel­leicht Fie­ber haben könn­te, weil er nicht sehr deut­lich for­mu­lier­te, schläf­rig und etwas irr. Also eil­te ich zu ihm. Er bemerk­te noch, dass er mir nicht öff­nen wür­de, weil er sich in einem Ver­such befän­de, der Schlüs­sel zur Woh­nung sei in der Lob­by abzu­ho­len. Kek­ko­la saß im Bad auf einem Stuhl vor sei­ner Wan­ne. Um ihn her­um auf dem Boden lagen Was­ser­fla­schen, auch Whis­key, Brot­stan­gen, Bücher und eine Decke, die ihm von den Schen­keln gerutscht sein muss­te. Sei­ne Füße stan­den in der Bade­wan­ne in Salz­was­ser, das von einer grün­li­chen Far­be war. Es roch moo­rig in der Zel­le gleich neben der Küche. Glück­li­cher­wei­se war Kek­ko­la noch am Leben. Er hat­te tat­säch­lich hohes Fie­ber. Ich bat einen Nach­barn um Hil­fe. Wir hoben sei­ne Bei­ne vor­sich­tig aus dem Was­ser, sie waren schwer ent­zün­det, an sei­nen Zehen begann sich die Haut vom Kör­per zu lösen, eine Blau­krab­be hat­te sich in sei­ne lin­ke Wade ver­bis­sen. Kekkola’s Füße stan­ken fürch­ter­lich, er fluch­te, wie wir ihn ins Schlaf­zim­mer schlepp­ten. Vier Tage hat­te er in beschrie­be­ner Hal­tung aus­ge­harrt, fünf Tage woll­te er schaf­fen. Als ich die Bade­wan­ne, der Aus­fluss war ver­stopft, von Hand aus­zu­schöp­fen begann, ent­de­cke ich einen jun­gen Horn­hecht, drei Atlan­ti­kaa­le, Sand­wür­mer, Glas­scher­ben, Schlick­gar­ne­len, Muschel­scha­len und fünf wei­te­re Blau­krab­ben, die sich hef­tig wehr­ten. — stop
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murphy

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india : 5.01 — Um 2 Uhr nachts sit­zen plötz­lich hun­der­te Flie­gen an den Fens­tern. Beben­de Flü­gel, hel­le, fast wei­ße Kör­per. Unter ihren Füßen das Licht eines künst­li­chen Tages, hin­ter ihren Rücken Gewit­ter­blit­ze. Indes­sen brum­men drei Mari­en­kä­fer durchs Zim­mer. Beob­ach­te­te Becketts absur­de Schach­par­tie, die in sei­nem Roman Mur­phy zu fin­den ist. Unge­üb­te Augen könn­ten irren: e4 Ng8h6 2. Ng1h3 Rh8g8 3. Rh1g1 Nb8c6 4. Nb1c3 Nc6e5 5. Nc3d5 Rg8h8 6. Rg1h1 Ne5c6 7. Nd5c3 Nh6g8 8. Nc3b1 Nc6b8 9. Nh3g1 e6 10. g3 Ng8e7 11. Ng1e2 Ne7g6 12. g4 Bf8e7 13. Ne2g3 d6 14. Bf1e2 Qd8d7 15. d3 Ke8d8 16. Qd1d2 Qd7e8 17. Ke1d1 Nb8d7 18. Nb1c3 Ra8b8 19. Ra1b1 Nd7b6 20. Nc3a4 Bc8d7 21. b3 Rh8g8 22. Rh1g1 Kd8c8 23. Bc1b2 Qe8f8 24. Kd1c1 Bd7e8 25. Bb2c Ng6h8 26. b4 Be7d8 27. Qd2h6 Nb6a8 28. Qh6f6 Nh8g6 29. Bc3e5 Bd8e7 30. Na4c5 Kc8d8 31. Ng3h1 Be8d7 32. Kc1b2 Rg8h8 33. Kb2b3 Bd7c8 34. Kb3a4 Qf8e8 35. Ka4a5 Na8b6 36. Be5f4 Nb6d7 37. Qf6c3 Rb8a8 38. Nc5a6 Be7f8 39. Ka5b5 Ng6e7 40. Kb5a5 Nd7b8 41. Qc3cNe7g8 42. Ka5b5 Kd8e7 43. Kb5a5 Qe8d8 — stop

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