echo : 3.01 — Heute Nacht erlebte ich ein lustiges Déjà-vu. Das war ungefähr so gewesen, dass ich in dem Moment des Déjà-vus gerade bei geöffneten Fenstern Schiffe beobachtete, die auf meinem Bildschirm durch einen weit entfernten Hafen pendelten in echter Zeit. Es war kurz nach zwei Uhr, da landete ein Marienkäfer auf meiner linken Wange. Ich konnte mich, wie schon im vergangenen Jahr, nicht entscheiden, ob das vielleicht ein Zufall gewesen war. Indem ich das rechte Auge schloss, aber mit dem linken Auge so weit wie möglich nach unten sah, konnte ich die halbkugelförmige Wölbung seines Rückens erkennen. Und ich spürte eine leichte Bewegung, der Käfer schien mich zu betasten. Natürlich überlegte ich sofort, ob es sich bei diesem Käfer nicht um ein ferngesteuertes Wesen handeln könnte, das mich besuchte, um Proben von meiner Körperoberfläche aufzunehmen. Nach einigen Minuten veränderte der Käfer seine Position, er ging zu Fuß, kletterte an mir herab, saß für einige Minuten an meinem Hals, dort konnte ich ihn weder sehen noch spüren, um kurze Zeit später auf meinem Hemd zu erscheinen, wo er sich sehr wohlgefühlt haben mochte, weil er dort eine gute Stunde seiner Lebenszeit verbrachte. Vielleicht hatte der Käfer geschlafen, oder sich von Strapazen erholt, die mir unbekannt. In diesem Moment nun, da ich meinen Text notiere, sitzt der in Wörtern vermerkte Käfer am linken unteren Rand des Bildschirmes meiner Schreibmaschine. Er presst sich fest an das Gehäuse. Weitere Käfer sitzen an den Wänden, es sind ein gutes Dutzend, auch Käfer mit gelbem Gehäuse sind darunter. Gestern habe ich beobachtet, dass gelb Käfer mit vierundzwanzig Punkten, wenn ich sie behutsam in eine meiner Hände setze und in die Dunkelheit werfe, sofort wieder zurückkommen. Man könnte sagen, dass es sich bei dieser Art um Bumerangkäfer handeln könnte. In diesem Jahr tragen sie Streifen. — stop

Aus der Wörtersammlung: fenster
zwergherzrose
~ : malcolm
to : louis
subject : ZWERGHERZROSE
date : jun 3 14 4.28 p.m.
Es ist vier Uhr nachmittags, ein heißer Tag in New York. Wir sitzen auf dem Promenadendeck, fahren in Richtung Staten Island. Die Flut kommt, der Schiffskörper unter uns zittert. Eichhörnchen Frankie kauert auf einer Bank, als wäre er ein Mensch. Kinder füttern ihn mit Nüssen. Er hält sein Gesicht in den Wind, achtet auf Möwen, die ihn mehrfach attackierten. In seiner Nähe seit zwei Wochen immer wieder anzutreffen, eine junge Frau, auch in diesem Moment ist sie anwesend. Sie kommt am frühen Morgen auf das Schiff, setzt sich an eines der Fenster und beginnt zu lesen. An den Terminals geht sie je von Bord, nimmt ieine andere Fähre, um nach zwei oder drei Fahrten wieder auf der John F. Kennedy zurück zu sein. Frankie mag an ihr Gefallen gefunden zu haben. Er sitzt jedenfalls immer in ihrer Nähe, ohne einen Grund, den wir erkennen könnten, sie hat ihn bisher noch nie gefüttert. Auch beachtet sie ihn kaum, weil sie liest. Einmal durchstöberte Frankie ihre Handtasche, jagte mit einem Bleistift davon. Die junge Frau hatte ihn beobachtet, sie lächelte und folgte ihm mit ihrem Blick. Eine reizende Person. Elegant gekleidet, heute mit einem roten Strohhut auf dem Kopf. Allison hatte sie am dritten Tag ihres Erscheinens einige Stunden lang beschattet. Am Abend folgte sie ihr nach Brooklyn, sie scheint nicht verdächtig zu sein, eine Person, die über Zeit verfügt, die vielleicht Schiffsfahrten mag. Wir notieren sorgfältig ihre Lektüre, gestern noch Carson McCullers Roman Clock Without Hands. Auch kennen wir bereits ihren Namen, wissen, dass ihre Eltern noch leben, welche Schule sie besuchte, sie scheint noch nie in ihrem Leben angestellt gewesen zu sein. Ja, es ist vier Uhr nachmittags an einem heißen Tag in New York. Es ist kaum später geworden. Ein blauer Ball rollt hin und her, als suchte er einen Ausweg. Gestern war ein Mann von Bord gesprungen und wurde gerettet. — Ihr Malcolm / codewort : zwergherzrose
empfangen am
4.06.2014
1948 zeichen

MELDUNGEN : MALCOLM TO LOUIS / ENDE
tucholsky : dos passos
echo : 5.32 — Um kurz nach vier Uhr entdecke ich das Patent eines Bürostuhls, der sich mit Strom versorgen lässt, um Schlafende durch leichte oder mittelschwere elektrische Schläge zu wecken. Kurz darauf, schon hell, ein Text Kurt Tucholskys aus dem Jahr 1928. Ich zitiere: John Dos Passos, ›Manhattan Transfer‹ Da ist ›Manhattan Transfer‹ von John Dos Passos (bei S. Fischer in Berlin). Dieser halbe Amerikaner, dessen ›Drei Soldaten‹ (im Malik-Verlag) gar nicht genug zu empfehlen sind, hat da etwas Gutes gemacht. Ich denke, dass die Mode der amerikanischen Romane, die uns die Verleger und die Snobs durch Übermaß sacht zu verekeln beginnen, nachgelassen hat – und das ist auch gut so. Nicht etwa, weil nervöse und wenig erfolgreiche Reaktionäre der Literatur, zum Beispiel in den ›Münchner Neuesten Nachrichten‹, gegen die Übersetzungen aus dem Fremdländischen poltern –, sondern weil es zwischen der Hysterie der Anbetung und der Neurasthenie der Verdammung ein vernünftiges Mittelmaß gibt. Man soll fremde Länder kennenlernen – man soll sie nicht sofort segnen und nicht gleich verfluchen. ›Manhattan Transfer‹ ist ein gutes Buch – die Amerikaner haben sich da einen neuen Naturalismus zurechtgemacht, der zu jung ist, um an den alten französischen heranzureichen, aber doch fesselnd genug. Es sind Fotografien, nein, eigentlich gute kleine Radierungen, die uns da gezeigt werden; ob sie echt sind, kann ich nicht beurteilen, die Leute, die lange genug drüben gelebt haben, sagen Ja. Es ist die Lyrik der Großstadt darin, eine männliche Lyrik. Der Einsame auf der Bank: »Fein hast du dein Leben versaut, Josef Harley. Fünfundvierzig und keine Freude und keinen Cent, um dir gütlich zu tun.« Das hat einmal so gehießen: »Qu’as tu fait de ta jeunesse?«, und das ist von Verlaine und ist schon lange her, aber doch neu wie am ersten Tag. Das Mädchen da liegt auf ihrem Zimmer in der großen Stadt, schwimmt in der Zeit und ist so allein. Sehr schön, wie ein Mann auf der Bettkante sitzt, und da ist eine Frau, seine Frau, und ein Kind, sein Kind – und plötzlich sieht er, dass er »hagere rötliche Füße hat, von Treppen und Trottoirs verkrümmt. Auf beiden kleinen Zehen saß ein Hühnerauge.« Und da hat er Mitleid mit sich und weint. Das Buch ist auch formal gut – Dos Passos ist nicht nur ein Dichter, sondern auch ein begabter Schriftsteller. Sehr hübsch ist diese Denkfigur, der man öfter bei ihm begegnet: »Auf dem Treppenabsatz befand sich ein Spiegel. Kapitän James Merivale blieb stehen, um Kapitän James Merivale zu betrachten.« Und diese, die gradezu programmatisch ist und viel tiefer als sie, leichtgefügt, wie sie ist, zu sein scheint: »Nichts hat so viel Erfolg wie der Erfolg.« Eine ähnliche Drehtür des Stils steht bei Sinclair Lewis, im ›Elmer Gantry‹, einem Buch von dem hier noch ausführlich die Rede sein soll … Ein einziger Klub, heißt es da, wird Herrn Gantry, den Prediger, vielleicht aufnehmen. »Des Ansehens wegen. Um zu beweisen, dass sie unmöglich den Gin in ihren Schränken haben können, den sie in ihren Schränken haben.« Die Übersetzung von ›Manhattan Transfer‹ durch Paul Baudisch ist sauber und anständig. Kleine Anmerkung: Man sagt im Deutschen kaum: »Das macht mich zipflig« –, sondern wohl immer: »Das macht mich kribblig«. Und was ist dies hier? »Dü Mauretania läuft öben eun; vürundzwanzig Stunden Verspötung« – Spricht eine alte gezierte Dame so? ein Oberhofprediger? Nein, das ist die Übersetzung irgendeines ›slang‹, und die Männer, die sich mit Übertragungen aus dem Englischen befassen, sollten sich das abmachen. — Der Morgen kommt. Tauben sitzen auf dem Fensterbrett. Sie haben tief geschlafen. — stop

vögel
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lima : 0.57 — Düstere Straße, düsteres Haus, düstere Treppe. Ich klingelte an einer Tür, ein Mann, der nicht mehr ganz jung gewesen war, öffnete. Kräftiger, bitterer Geruch strömte aus der Wohnung. Die Luft war warm, war feucht und dicht, meine Bewegungen, wie ich durch den Flur der Wohnung ging, mühevoll, als würde ich unter Wasser laufen. Ich trat in ein Zimmer, ein Tisch, ein Sofa, zwei Stühle, keine Vorhänge vor den Fenstern, hinter den Scheiben Kastanienbäume, die blühten. An den Wänden des Zimmers klebte eine Tapete mit Kirschmotiven. Sie war an der ein oder anderen Stelle von der Wand gefallen. Auf hölzernen Stangen, dicht unter der Decke, hockten hunderte Vögel ohne Federn. Ihre Haut war von hellem Braun, ihre Schnäbel zitronengelb. Der Mann, der mich in das Zimmer geführt hatte, nahm einen der Vögel in seine Hände. Der Vogel lag auf dem Rücken, ganz still. Er hatte seine Augen geschlossen, feine hellblaue Häutchen wie Schirme. Ich sollte an dem Vogel riechen, und so nahm ich ihn in die Hand. Der Leib des Vogels war warm. Er zitterte, als ich mich mit meiner Nase näherte, als würde er frieren. Der Mann, der mich an das Zimmer der Vögel geführt hatte, sagte, dass sie noch nicht ganz reif seien. Der Vogel duftete nach gebrannten Mandeln. In einer Ecke des Zimmers auf dem Boden ein Schallplattenspieler, ein uraltes Gerät, das Tommy Dorsey spielte: I’m Getting Sentimental Over You. — stop

stonington island
whiskey : 2.32 — Das Labor der Eisbücher, mit dem ich vor wenigen Minuten telefonierte, befindet sich seit zwölf Wochen auf Stonington Island, einer felsigen Gegend am nördlichen Rand des antarktischen Kontinents. Ich habe einen Text transferiert, der in diesen Minuten möglicherweise von feinsten Fräsen in Eisblätter eingetragen wird. Ich stelle mir vor, ein helles Geräusch ist zu vernehmen, in dem ein Roboter äußerst behutsam zu schreiben beginnt. Es geht darum, das Eisblatt nicht zu zerbrechen, das so dünn ist, dass man mit einer Taschenlampe hinter die Zeichen meines Textes leuchten könnte. Es ist kalt, der Wind pfeift um hölzerne Baracken, in welchen hunderte Schreibmaschinen bewegungslos warten, bis man sie anruft. Folgende Geschichte habe ich ins Telefon gesprochen: Draußen, vor wenigen Stunden noch, rauschte Wasser vom Himmel. Aber jetzt ist es still. Es ist eine tatsächlich nahezu geräuschlose Nacht. Die letzte Straßenbahn ist längst abgefahren, kein Wind, deshalb auch die Bäume still und die Vögel, alle Menschen im Haus unter mir scheinen zu schlafen. Für einen Moment dachte ich, dass ich vielleicht wieder einmal mein Gehör verloren haben könnte, ich sagte zur Sicherheit ein Wort, das ich gestern entdeckte: Kaprunbiber. Das Wort war gut zu hören gewesen, meine Stimme klang wie immer. Aber auf dem Fensterbrett hockt jetzt ein Marienkäfer, einer mit gelbem Panzer, sieben Punkte, ich habe nicht bemerkt, wie er ins Zimmer geflogen war. Es ist nicht der erste Käfer dieses Jahres, aber einer, den ich mit ganz anderen Augen betrachte. Ich hatte für eine Sekunde die Idee, dieser Käfer könnte vielleicht ein künstlicher Käfer sein, einer, der mich mit dem Vorsatz besuchte, Fotografien meiner Wohnung aufzunehmen, oder Gespräche, die ich mit mir selbst führe, während ich arbeite. Warum nicht auch ich, dachte ich, ein Ziel. Ich nahm den Käfer, der seine Gehwerkzeuge unverzüglich eng an seinen Körper legte, in meine Hände und transportierte ihn in die Küche, wo ich ihn in das grelle Licht einer Tischlampe legte. Wie ich ihn betrachtete, bemerkte ich zunächst, dass ich nicht erkennen konnte, ob der Käfer in der künstlichen Helligkeit seine Augen geschlossen hatte. Weder Herzschlag noch Atmung waren zu erkennen, auch nicht unter einer Lupe, nicht die geringste Bewegung, aber ich fühlte mich von dem Käfer selbst beobachtet. Also drehte ich den Käfer auf den Rücken und suchte nach einem Zugang, nach einem Schräubchen da oder dort, einer Kerbe, in welche ich ein Messerwerkzeug einführen könnte, um den Panzer vom Käfer zu heben. Man stelle sich einmal vor, ein kleiner Motor wäre dort zu finden, Mikrofone, Sender, Linsen, es wäre eine ungeheure Entdeckung. Gegenwärtig zögere ich noch, den ersten Schnitt zu setzten, es regnet wieder, jawohl, ich werde am besten zunächst noch ein wenig den Regen beobachten, es ist kurz nach drei. – stop

münchen — aleppo
kilimandscharo : 2.05 — Ich überlegte, ob ich, wenn ich bei wolkenlosem Himmel in 33000 Fuß Höhe befindlich aus einem Flugzeugfenster spähen würde, ein Schiff erkennen könnte, ein Schiff von der Größe der Queen Mary sagen wir, einen Luxusdampfer, der zur Zeit meiner Geburt noch regelmäßig zwischen New York und Southampton über den Atlantik hin und her gependelt war. — stop. Eine Reise von München südostwärts in Worten: Vom Hauptbahnhof in Richtung Bayerstraße starten 52 m weiter gesamt 52 m 2. Rechts abbiegen auf Bayerstraße 130 m weiter gesamt 180 m 3. 1. Abzweigung rechts nehmen, um auf Paul-Heyse-Unterführung zu wechseln300 m weiter gesamt 500 m 4. Weiter auf Seidlstraße 190 m weiter gesamt 700 m 5. Rechts abbiegen auf Marsstraße 270 m weiter gesamt 1,0 km 6. Weiter auf Elisenstraße Ca. 1 Minute 500 m weite gesamt 1,5 km 7. Rechts abbiegen auf Karlsplatz 160 m weiter gesamt 1,6 km 8. Weiter auf Sonnenstraße Ca. 1 Minute 700 m weiter gesamt 2,3 km 9. Weiter auf Blumenstraße Ca. 2 Minuten 850 m weiter gesamt 3,2 km 10. Rechts abbiegen auf Frauenstraße Ca. 57 Sekunde500 m weiter gesamt 3,7 km 11. Rechts abbiegen auf Isartorplatz 120 m weiter gesamt 3,8 km 12. Weiter auf Zweibrückenstraße 250 m weiter gesamt 4,0 km 13. Weiter auf Ludwigsbrücke 230 m weiter gesamt 4,3 km 14. Weiter auf Rosenheimer Straße 130 m weiter gesamt 4,4 km 15. Nach rechts abbiegen, um auf Rosenheimer Straße zu bleiben Ca. 5 Minuten 3,0 km weiter gesamt 7,4 km 16. Weiter auf A8 (Schilder nach Salzburg / Nürnberg / Flughafen München) Teilweise gebührenpflichtige Straße Ca. 1 Stunde 7 Minuten 126 km weiter gesamt 133 km 17. Weiter auf A1 gebührenpflichtige Straße ca. 1 Minute 2,1 km weiter gesamt 135 km 18. Am Autobahnkreuz Knoten Salzburg rechts halten und den Schildern A10/E55 in Richtung Villach / Salzburg Süd / Italien / Ljubljana / Slowenien folgen. Weiter auf A10 gebührenpflichtige Straße Ca. 1 Stunde 39 Minuten 182 km weiter gesamt 317 km. 19. Bei Ausfahrt A11/E61 Richtung Slowenien / Karawankentunnel >

lissabon
nordpol : 22.01 — Unter Zeitungen, die sich in meinem Briefkasten befanden, entdeckte ich eine seltsame Postkarte. Auf der einen Seite des Papiers war die Stadt Lissabon zu erkennen, eine gelbe Trambahn zwischen Häusern einer steil ansteigenden Straße. Es muss später Abend gewesen sein, als die Aufnahme gefertigt wurde. Menschen sitzen in beleuchteten Abteilen, einige schlafen, andere schauen aus den Fenstern der Waggons heraus. Wie ich sie betrachtete, die Überlegung, manche der fotografierten Menschen könnten vielleicht nicht mehr unter uns Lebenden sein, weil ihr Licht bereits Anfang der Fünfzigerjahre eingefangen wurde. Das jedenfalls ist so auf der Rückseite der Ansichtskarte vermerkt, Lisboa 1952. Ihr Postwertzeichen, das tatsächlich in Lissabon abgestempelt worden war, ist eines, wie man sie zu jener Zeit verwendete, sodass ich vermutete, die Postkarte habe eine sehr lange Reisezeit hinter sich gebracht. Sie ist in meinen Augen überhaupt eine erstaunliche Erscheinung. In diesem Moment ruht sie im Nachtlicht auf meinem Schreibtisch. Wörter, die ich nicht kenne. Nicht einmal die Buchstaben, die Wörter bilden, vermag ich zu entziffern, äußert feine Zeichen, eine Art geheimer Schrift, Malerei, die viele Stunden Arbeit gefordert haben dürfte. Merkwürdig vor allem, auf der Postkarte ist keine Anschrift zu finden. Sosehr ich nach meinem oder einem anderen Namen suchte, nichts ist zu entdecken, was eine Begründung dafür darstellen könnte, dass gerade ich diese Karte erhalten sollte. Ich habe keine Vorstellung, wer sie geschrieben haben könnte, auch nicht, ob eine Anschrift versehentlich oder mit Absicht vergessen wurde. — Dämmerung. Fledermäuse zwitschern durch die Luft. Vor wenigen Tagen ist Urs Widmer gestorben, vor genau zwei Jahren mein Vater um 17.32 Uhr. — stop

sahara
sierra : 3.28 — Jane Goodall erzählt eine faszinierende Geschichte von Wahrnehmung und Wirklichkeit in den ersten Minuten eines Dokumentarfilms, der ihr Leben schildert. Sie sagt Folgendes: Ich hatte es ziemlich satt, dass mich die Leute für Diane Fossey hielten und sagten: Ihr Film Gorillas im Nebel war wundervoll. Ich sagte dann immer: Sie haben den Film gesehen? — Ja! — Dann wissen die doch, dass die Dame getötet wurde, oder? — Ja! ‑Aber ich bin doch da! — stop. Frühe Nacht. In diesem Jahr zum ersten Mal die Fenster nach Mitternacht geöffnet. Esmeralda sitzt auf dem Brett neben Kakteen, sie scheint Sterne zu betrachten. Gedämpftes Licht vom nordostwärts reisenden Staub der Sahara. Gestern noch träumte ich von einem Telefongespräch mit Jules Verne, der mit heller Stimme Züge eines Schachspiels meldete. Merkwürdig insbesondere das Vorkommen einer Kentaurenfigur im Spiel, welche sich durch Bewegung auf unsichtbare Spielfelder in der Luft vor jedem Zugriff in Sicherheit bringen konnte. — stop

ping
sierra : 8.38 — Was, flüstert ein Junge in der Straßenbahn einem anderen Jungen zu, das weißt du nicht! Der angesprochene Junge, nachdenklich geworden, schweigt, während beide aus dem Fenster sehen. Kurz darauf antwortet er, gleichwohl flüsternd: Ich weiß etwas anderes! — stop
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von ohren
nordpol : 2.08 — Montag. Friedvolle Nacht, sofern ich meine Fenster schließe, meine Telefone, den Fernsehapparat, das Radio und meinen Router ausschalte, und mich mit nichts als mit Buchstaben beschäftige. Ich entdeckte bei den Gebrüdern Grimm 320 Wörter in der Umgebung des Wortes Ohr. Würde ich dieses Wort und seine zentrale Bedeutung nicht kennen, würde ich vermuten, dass es sich um ein bedeutendes Wort, eine bedeutende Eigenschaft oder einen bedeutenden Gegenstand handeln könnte. Schöne Wortlebewesen darunter, welche tatsächlich existieren. Eines aber habe ich höchstpersönlich erfunden. Auch dieses Wort existiert fortan als ein Wort unter den Öhrenwörtern: Ohrbacken Ohrberge Ohrbommel Ohrbrausen Ohrbusch Ohrenaffe Ohrenbläser Ohrengeflüster Ohrengel Ohrgewölbe Ohrengift Ohrenläpplein Ohrenperle Ohrenraupe Ohrensucht Ohrentaucher Ohrenteufel Ohrenzeuge Ohrenzirpe Ohrfasan Ohrfeige Ohrgäbelein Ohrgang Ohrgedächtnis Ohrgegend Ohrkruspel Ohrlillitaner Ohrküssen Ohrlippe Ohrlitze Ohrenlos Ohrmuschelstein Ohrpinsel Ohrrose Ohrschallen Ohrspritze Ohrsteinchen Ohrringen Uhrwerk — stop
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