Aus der Wörtersammlung: kopf

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alpha : 3.28 — Ich den­ke an eine Appa­ra­tur, die in der Lage sein könn­te, ein Buch in einem vor­ge­ge­be­nen Rhyth­mus selbst­stän­dig umzu­blät­tern. Ich habe von die­ser Maschi­ne vor zwei Jah­ren bereits schon ein­mal berich­tet. Auch davon, dass ich die Maschi­ne in mei­nem Kopf zusam­men­setz­te, wäh­rend ich zur glei­chen Zeit die Anzahl der Schrau­ben notier­te, die im wirk­li­chen Leben zur Fer­ti­gung nötig sein wer­den. Ich könn­te die­se Geschich­te im Grun­de Wort für Wort noch ein­mal erzäh­len, weil ich sie gera­de erleb­te oder weil ich mich an sie erin­ner­te. Die Maschi­ne in mei­ner Geschich­te soll­te über zwei Arme ver­fü­gen, gleich­wohl über fin­ger­ähn­li­che Fort­sät­ze, einen Motor und Sen­so­ren, emp­find­lich für Licht. Wäh­rend ich die Maschi­ne in mei­nem Kopf zusam­men­setz­te, notier­te ich wie­der­um die Anzahl der Schrau­ben, die im wirk­li­chen Leben zur Fer­ti­gung nötig sein wer­den, hand­schrift­lich auf ein Blatt Papier. Immer wie­der, wenn ich in mei­ner Arbeit gestört wur­de, setz­te ich neu an. Das ist näm­lich nach wie vor sehr merk­wür­dig mit Maschi­nen, die ich erfin­dend mon­tie­re, sie ver­schwin­den voll­stän­dig aus dem Kopf, sobald ich nur für eine Sekun­de mei­ne Arbeit zu unter­bre­chen habe, sagen wir, weil ich höre, wie drau­ßen weit unten auf der Stra­ße Schrit­te lau­fen. — Noch zu tun: Das Wort Zitro­nen­bach unter­su­chen. — stop
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sophia

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echo : 2.10 — Lud­wig schick­te mir einen Wecker, der es in sich hat. Als wür­den fünf oder sechs Bie­nen im Wecker­ge­häu­se ihre Run­den dre­hen, solch ein Geräusch kommt aus dem Wecker. Eigent­lich sieht der Wecker aus wie jeder ande­re Wecker sei­ner Art, etwas alt­mo­disch in der Gestal­tung. Er ruht auf drei Bein­chen, und sein Zif­fer­blatt ist rund und mit einer Zeich­nung geschmückt, irgend­wel­che Blu­men, Blü­ten, weiß, rot und blau. Oben auf dem Wecker sit­zen zwei metal­le­ne Schir­me fest, zwi­schen ihnen ruht ein Kegel, damit könn­te der Wecker sich ver­stän­di­gen, wenn man ihn dazu auf­for­dern soll­te. Natür­lich han­delt es sich bei die­sem Wecker, den Lud­wig mir schick­te, um einen beson­de­ren Appa­rat, der nicht nur die Zeit mes­sen, son­dern angeb­lich auch Zeit­räu­me aus­lö­schen kann, in dem er jedes mensch­li­che Wesen, das sich in sei­ner Nähe auf­hält, in den Schlaf zu schi­cken ver­mag. Ja, tat­säch­lich, kein Irr­tum. Man habe, hör­te ich, Lud­wigs Gelieb­te Sophia unlängst auf­ge­fun­den, wie sie vor einem Wecker saß, genau so einem Wecker, wie Lud­wig ihn mir schick­te. Lan­ge Zeit war sie ver­schwun­den gewe­sen. Als man ihre Woh­nung gewalt­sam öff­ne­te, war nichts zu hören als ein Radio, das lei­se spiel­te. Sophia saß in der Küche vor dem Küchen­tisch, ihr Kopf war etwas geneigt von der Schwer­kraft, ihre Hän­de lagen im Schoss, ein Glas, das Was­ser dar­in weit­ge­hend ver­duns­tet, stand neben dem Wecker auf dem Tisch. Sie wirk­te fried­voll, schien zu lächeln, ver­mut­lich hat­te sie bis zuletzt geschla­fen. Schmal war sie gewor­den und blass, ihre Haut fühl­te sich an, als wäre sie von Papier. Die Luft im Raum muss schwer gewe­sen sein, und süß und scharf in glei­cher Wei­se. Alle, die sich dem Wecker auf dem Tisch näher­ten, schlie­fen auf der Stel­le ein, sodass man sich nicht anders zu hel­fen wuss­te, als auf den Wecker zu schie­ßen. — stop
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ein zeppelinkäfer

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echo : 2.54 — Wann war es, dass ich zum ers­ten Mal bemerk­te, wie mei­ne Brie­fe klei­ner und klei­ner wur­den? Wesen von wirk­li­chem Papier, Bögen in Umschlä­gen, mit einem Post­wert­zei­chen, das zuletzt die Anschrif­ten­sei­te mei­nes Schrei­bens voll­stän­dig bedeck­te. Im Post­amt wer­de ich seit­her ernst genom­men. Vor eini­gen Wochen kauf­te ich sinn­vol­ler­wei­se ein hand­li­ches Mikro­skop und einen Satz Blei­stif­te von äußers­ter Här­te. Ich spitz­te das Schreib­werk­zeug eine Vier­tel­stun­de lang, dann leg­te ich einen Bogen Papier in das Licht einer Lin­se mitt­le­rer Stär­ke. Ich näher­te mich mit beben­den Fin­gern. Man soll­te mich in die­sem Moment gese­hen haben. Bei jedem Wort, das ich auf das klei­ne Blatt notier­te, hielt ich die Luft an. Tat­säch­lich habe ich in mei­nen Leben noch nie zuvor in einer der­art sorg­fäl­ti­gen Wei­se geschrie­ben. Ich brauch­te drei Stun­den Zeit, um das Papier, das nicht grö­ßer gewe­sen war als eine Brief­mar­ke von 1,5 cm Kan­ten­län­ge, voll­stän­dig zu beschrif­ten. Ich schrieb fol­gen­de Zei­len an einen Freund: Lie­ber Sta­nis­law, Du wirst es nicht glau­ben, nach 1 Uhr heu­te Nacht schweb­te ein Zep­pel­in­kä­fer einer nicht sicht­ba­ren, schnur­ge­ra­den Linie über den höl­zer­nen Fuß­bo­den mei­nes Arbeits­zim­mers ent­lang, wur­de in der Mit­te des Zim­mers von einer Luft­strö­mung erfasst, etwas ange­ho­ben, dann wie­der zurück­ge­wor­fen, ohne aller­dings mit dem Boden in Berüh­rung zu kom­men. – Ein merk­wür­di­ger Auf­tritt. – Und die­ser groß­ar­ti­ge Bal­lon von opa­k­em Weiß! Ein Licht, das kaum noch merk­lich fla­cker­te, als ob eine offe­ne Flam­me in ihm bren­nen wür­de. Ich habe mich zunächst gefürch­tet, dann aber vor­sich­tig auf Knien genä­hert, um den Käfer von allen Sei­ten her auf das Genau­es­te zu betrach­ten. – Fol­gen­des ist nun zu sagen. Sobald man einen Zep­pel­in­kä­fer von unten her besich­tigt, wird man sofort erken­nen, dass es sich bei einem Wesen die­ser Gat­tung eigent­lich um eine fili­gra­ne, flü­gel­lo­se Käfer­ge­stalt han­delt, um eine zer­brech­li­che Per­sön­lich­keit gera­de­zu, nicht grö­ßer als ein Streich­holz­kopf, aber schlan­ker, mit sechs recht lan­gen Ruder­bei­nen, gestreift, schwarz und weiß gestreift in der Art der Zebra­pfer­de. Fünf Augen in grau­blau­er Far­be, davon drei auf dem Bauch, also gegen den Erd­bo­den gerich­tet. Als ich bis auf eine Nasen­län­ge Ent­fer­nung an den Käfer her­an­ge­kom­men war, habe ich einen leich­ten Duft von Schwe­fel wahr­ge­nom­men, auch, dass der Käfer flüch­tet, sobald man ihn mit einem Fin­ger berüh­ren möch­te. Ein Wesen ohne Laut. Dein Lou­is, herz­lichst. — Es war eine wirk­lich har­te Arbeit, all die­se Zei­chen zu notie­ren. Dann fal­te­te ich das Blatt Papier ein­mal kreuz und quer. Ich arbei­te mit zwei Pin­zet­ten wie­der­um unter star­kem Licht, steck­te den Brief in ein Cou­vert, des­sen Her­stel­lung noch mühe­vol­ler gewe­sen war als das Schrei­ben des Brie­fes selbst, und mach­te mich auf den Weg in das nächs­te Post­amt. Dort wur­de ich unver­züg­lich an den Schal­ter für beson­de­re Brief­for­ma­te wei­ter­ge­lei­tet, wo mein Brief, den ich mit einer Pin­zet­te auf den Tre­sen beför­dert hat­te, von einer wei­te­ren Pin­zet­te ent­ge­gen­ge­nom­men wur­de. Ich war sehr glück­lich. Ich beob­ach­te­te, wie der Beam­te eine Brief­mar­ke von der Grö­ße eines Reis­korns behut­sam auf mei­nen Brief leg­te und mit­tels eines Stem­pels, der vor mei­nen blo­ßen Augen kaum noch sicht­bar gewe­sen war, ent­wer­te­te. Dann ging mein Brief auf Rei­sen. Er flog sehr weit durch die Luft, und ich habe ihn für kur­ze Zeit ver­ges­sen. Nun aber, vor weni­gen Stun­den, wur­de mir von einem Son­der­bo­ten der Post ein Brief von der­art leich­ter Gestalt über­ge­ben, dass ich zunächst die Anwei­sung erhielt, alle Fens­ter mei­ner Woh­nung zu schlie­ßen. Die­ser Brief, eine Depe­sche mei­nes Freun­des, ruht vor mir auf dem Tisch. Es ist ein klei­nes Kunst­werk. Auf sei­ner Brief­mar­ke sol­len sich zwei Para­dies­vö­gel befin­den, die ihre Schnä­bel kreu­zen. Ich wer­de das gleich über­prü­fen. — Es ist Frei­tag! Guten Mor­gen! — stop / fürs marie­chen

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capote

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nord­pol : 1.22 — Gegen sechs Uhr rief ich bei Lions Wri­ters Sup­port Ser­vices an. Guten Abend, sag­te ich, ich benö­ti­ge drin­gend einen Capo­te zum Spa­zie­ren am kom­men­den Sams­tag. Haben Sie viel­leicht einen für mich frei, den Sie mir lei­hen könn­ten von 3 Uhr am Nach­mit­tag bis in die Nacht irgend­wann? Das Fräu­lein am ande­ren Ende der Lei­tung ant­wor­te­te: Einen Capo­te? Bit­te war­ten Sie einen Moment. Also war­te­te ich. Ich war­te­te unge­fähr fünf Minu­ten, hör­te, wie sie mit irgend­wel­chen Leu­ten dis­ku­tier­te. Ich glau­be, sie bedeck­te, wäh­rend sie sprach, mit einer Hand die Mikro­fon­mu­schel ihres Tele­fon­hö­rers zu. Nach eini­gen Minu­ten kehr­te sie zurück: Ja, sag­te sie, wir haben einen Capo­te frei am kom­men­den Sams­tag. Wo wol­len sie ihn tref­fen? Ich ant­wor­te­te, dass ich unbe­dingt am Strand von Coney Island spa­zie­ren müs­se, Treib­gut sam­meln, Sturm­zei­chen notie­ren, das Meer betrach­ten, mit Tru­man über das Was­ser spre­chen, über digi­ta­le Schreib­ma­schi­nen, Funk­bü­cher und alle die­se Din­ge. Treff­punkt also Brigh­ton Beach Ave­nue Ecke 3th Street!  Wird gemacht, bestä­tig­te das Fräu­lein, Sie wis­sen schon, Capo­tes sind nicht ganz bil­lig? Oh, ja, sag­te ich, das will ich ger­ne glau­ben. Wie viel, frag­te ich, was habe ich zu erwar­ten? — 150 Dol­lar die Stun­de, ant­wor­te­te das Fräu­lein. Sie mach­te eine kur­ze Pau­se, um bald hin­zu­zu­set­zen, dass sie etwas weni­ger berech­nen wür­de, weil jener Capo­te, der für mich reser­viert war, bereits für eine Frei­tags­par­ty gebucht wor­den sei. Er wird nicht ganz frisch am Sams­tag vor Ihnen erschei­nen, sagen wir 120 Dol­lar, wäre das in Ord­nung? — Aber natür­lich wäre das in Ord­nung, ich jubi­lier­te, ein ver­ka­ter­ter Capo­te, even­tu­ell leicht betrun­ken, wun­der­voll! Ich quit­tier­te 1200 Dol­lar für zehn Stun­den und notier­te: Spa­zier­ge­spräch mit Tru­man Capo­te. Sams­tag, 18. Mai, 15 Uhr. Das war also ges­tern gewe­sen. Vor weni­gen Minu­ten wur­de mir per Kurier eine Gebrauchs­an­wei­sung für Herrn Tru­man Capo­te über­mit­telt. Ein Hand­buch. 15 Sei­ten. — stop
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ein gewehr für kinder

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del­ta : 6.16 — Irgend­wann ein­mal muss ich davon gehört haben, dass es in Ame­ri­ka mög­lich ist, Geweh­re für Kin­der zu kau­fen. Die­se Geweh­re sind ihrer Gestalt nach den Geweh­ren der Erwach­se­nen äußerst ähn­lich, aber sie sind klei­ner und bon­bon­far­ben und ver­mut­lich auch leich­ter. Das Selt­sa­me ist, dass die­se Kin­der­ge­weh­re eben­so wir­kungs­voll sind, wie die Geweh­re der Erwach­se­nen. Wenn ein Kind mit einem Kin­der­ge­wehr einen Schuss auf ein ande­res Kind abfeu­ern will, zum Bei­spiel auf des­sen Kopf, oder ver­se­hent­lich ein Schuss sich lösen soll­te, wird das schie­ßen­de Kind bemer­ken, dass das beschos­se­ne Kind zu Boden fällt und hef­tig blu­tet, ver­mut­lich aus einem Loch, das sehr plötz­lich in sei­ner Schä­del­de­cke ent­stan­den ist. Es liegt dann bebend ein­fach so da auf dem Tep­pich eines Zim­mers oder im Gar­ten unter einer blü­hen­den Magno­lie oder auf einer Stra­ße, die von wein­ro­ten Blät­tern bedeckt ist, weil der töd­li­che Schuss zur Herbst­zeit abge­feu­ert wur­de. Ver­wun­dert, viel­leicht schon wei­nend, wird das Kind, das die Fol­gen des Schus­ses betrach­te­te, in die Küche oder ins Schlaf­zim­mer stür­men, wo die Mut­ter einer­seits schläft oder ande­rer­seits gera­de das Mit­tag­essen zube­rei­tet. Viel­leicht hat die Mut­ter den Schuss selbst gehört und kommt ihrem bit­te­ren Kind ent­ge­gen, bei­de haben ihre Augen weit geöff­net. Das Kind, das an den Bauch der Mut­ter stürmt, will ver­mut­lich getrös­tet wer­den, es ist ja noch nicht ein­mal zehn Jah­re alt, es braucht die­sen Trost sehr sicher, weil das ande­re Kind nicht wie­der auf­ste­hen will, weil das gefal­le­ne Kind in einer Wei­se blu­tet, die nicht üblich ist. Wie dann die Mut­ter ihrem wei­nen­den Kind fol­gen wird, wie bei­de den Ort des Gesche­hens errei­chen, wie die Mut­ter zu Boden sinkt, wie sie weint und klagt, wie sie mit zit­tern­den Hän­den den schwer ver­sehr­ten Lei­chen­kör­per betas­tet, wie sie den Him­mel anruft, wie sie selbst kaum noch atmet, hin­ter ihr ste­hend das über­le­ben­de Kind, das die gelieb­te Mut­ter beob­ach­tet. Wie es jetzt zögernd näher kommt, ganz lei­se, weil es um Him­mels­wil­len die Repa­ra­tur­ar­bei­ten der Mut­ter nicht stö­ren will. – stop

polaroidfiguren

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+1 (212) 439–5XXX

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echo : 5.26 — Kurz nach Mit­ter­nacht euro­päi­scher Zeit führ­te ich ein Gespräch mit Herrn Hiko Aoi, des­sen Tele­fon­num­mer ich nicht bekannt geben darf, weil er andern­falls jede wei­te­re Unter­re­dung mit mir für immer ver­mei­den wür­de. Es dau­er­te nicht lan­ge, bis im Haus 818, Lex­ing­ton Ave­nue, mein Anruf ent­ge­gen­ge­nom­men wur­de. Eine ver­zerrt klin­gen­de Stim­me mel­de­te sich, es war die Stim­me einer Frau, die sich erkun­dig­te, wer ich sei und was ich von Herrn Aoi wis­sen wol­le. Ich gab mei­nen Namen zu Pro­to­koll, wei­ter­hin, dass ich drin­gend eine Fra­ge an Herrn Aoi rich­ten müs­se, deren Beant­wor­tung für mich drin­gend sei, und zwar noch in die­ser Nacht. Ich ahn­te, dass ich zunächst lan­ge war­ten wür­de, es han­delt sich bei Herrn Aoi um einen hoch­be­tag­ten Mann, der sich sehr vor­sich­tig durch sei­ne Woh­nung bewegt. Wie er sich dem Tele­fon­ap­pa­rat näher­te, hör­te ich sei­nen Atem, ein feuch­tes, ras­seln­des Geräusch, um mich dann freund­lich zu begrü­ßen. Ich stell­te mir vor, dass er viel­leicht lächel­te. Was gibt’s, Lou­is? frag­te er. Ich erkun­dig­te mich zunächst nach dem Wet­ter: Wie ist das Wet­ter bei Euch drü­ben? Nun, las­sen wir das, ich erklär­te, dass ich eine Fra­ge haben wür­de, eine quä­len­de Fra­ge, dass ich näm­lich drin­gend in Erfah­rung brin­gen müs­se, ob er, Mr. Hiko Aoi, sich für Flie­gen­tie­re inter­es­sie­re, für die Art und Wei­se wie sie sich durch die Luft bewe­gen, wie sie lan­den, und wie sie schla­fen. Ist es denk­bar, dass Sie sich viel­leicht für flie­gen­de Tie­re erwär­men könn­ten? Herr Aoi lach­te. Ich hör­te ihn tat­säch­lich lachen, ein gleich­falls feuch­tes, heu­len­des Geräusch. Der alte Mann bat mich um die Mög­lich­keit eines Rück­ru­fes. Ich war­te­te drei Stun­den, mach­te nichts in die­ser Zeit als ein­mal einen Kopf­stand. Gegen vier Uhr mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit klin­gel­te das Tele­fon. — stop

polaroidlesende

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mr. ganga datt padong

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echo : 5.15 — Nicht zum ers­ten Mal stell­te ich mir eine Minu­te vor, dann eine Stun­de, dann einen Tag. Ich stand auf und ging von Zim­mer zu Zim­mer. Ich aß eine Bana­ne, sah aus dem Fens­ter, set­ze mich an den Schreib­tisch und stell­te mir eine Woche vor, dann einen Monat, dann ein Jahr. Und wie­der sah ich aus dem Fens­ter, ver­ließ das Haus, spa­zier­te, kam zurück und mach­te einen Plan. Ich mach­te ihn gründ­lich, ich for­mu­lier­te die alt­be­kann­te Fra­ge, ob es wohl mög­lich ist, einen Zeit­raum von 5022 Jah­ren zu den­ken, das heißt, ein Gefühl zu fin­den für eine bibli­sche Zeit­di­men­si­on? Bald war Abend, bald war Nacht gewor­den und ich habe mich mit der Suche und Erfin­dung von Namen ver­gnügt. Wenn ich aus dem Fens­ter schaue, die Kro­nen der Bäu­me unter mir, in wel­chen Vögel schla­fen, fal­len mir tat­säch­lich sehr schö­ne Namen ein, Namen, die es ver­dien­ten, dass man die Geschich­ten, die hin­ter ihnen ste­hen, auf­spü­ren wird. Über­haupt sind Namen, genau genom­men, die Geräu­sche, die sie im Kopf erzeu­gen, gut dazu geeig­net, erzähl­ba­re Räu­me zu öff­nen. Einer der heu­te Nacht gefun­de­nen Namen lau­tet so: Mr. Ganga Datt Padong. Ich bemerk­te, dass ein Mann, der die­sen Namen tat­säch­lich trägt, sich ein­mal bei mir mel­den könn­te. Er schreibt: Mr. Lou­is, ich habe in die Such­ma­schi­ne geschaut. Woher ken­nen Sie mei­nen Namen? Ich ant­wor­te: Ver­ehr­ter Mr. Padong, ich habe Sie und ihren Namen erfun­den, könn­ten wir viel­leicht Freun­de wer­den? — Fol­gen­de Namen sind wei­ter­hin ver­zeich­net: Han­nah Pie­pen Pal­le Peter­son Pete Mai­do Franz Dant­zer Swet­la­na Anti­bes Julie P. Gol­ding Emil Dimit­rov Zine Hamm­dai Max Bus­ser Mer­go­zi­le Bier­manns Sophia Wie­sel­ha­gen Sarah Loui­sa Emmer Vero­ni­ka Pig­mat­ter Bas­heer Zeid Chris­tie Lee Ewe­li­na Zen­c­zak Miria Iri­na Save­do Sam Kek­ko­la Hoah Phat Cynet­te Krom­bou­te Laris­sa Todic Linea Apo Ludu Hil­mer Lil­li Marie Lorenz. — stop

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miranda

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india : 5.45 — Bei leich­tem Regen ges­tern im Park einen älte­ren Herrn beob­ach­tet. Er arbei­te­te an einem Buch, das ich zunächst nicht bemerk­te, weil der Herr auf einer Bank saß im Schat­ten eines Regen­schir­mes. Als ich neben ihm Platz genom­men hat­te, konn­te ich erken­nen, wie der Mann tat­säch­lich Zei­chen in einem Buch notier­te, das nicht grö­ßer gewe­sen war als eine Streich­holz­schach­tel. Neben ihm lag ein wei­te­res Buch, Phil­ip Roths Roman Ever­y­man. Der Mann schien das eine Buch hand­schrift­lich in das ande­re Buch zu über­tra­gen. Er notier­te mit einem Blei­stift, den er nach jedem geschrie­be­nen Zei­chen spitz­te. Rot­kehl­chen hüpf­ten zu sei­nen Füßen her­um, pick­ten das leich­te, hauch­dün­ne Holz, das aus der Spitz­ma­schi­ne fiel, vom Boden und tru­gen es fort ins nahe Unter­holz. Ein Ver­grö­ße­rungs­glas, eine Lupe, klemm­te im lin­ken Auge des Herrn, des­halb ver­mut­lich mach­te er den Ein­druck, Schmer­zen zu haben. Manch­mal biss er sich auf die Zun­ge. Wenn ich mich nicht irre, dann hat­te der Mann bereits etwa 100 Sei­ten des Roma­nes trans­fe­riert. Ich sah ihm bald eine Stun­de zu, ohne ein Wort mit ihm zu wech­seln. Fried­lichs­te Stim­mung. Auf dem See drau­ßen hüpf­ten Karp­fen aus dem Was­ser, schwe­re Kör­per. Ein paar Amei­sen trie­ben auf einem Blatt an uns vor­bei. Ich hät­te mich ger­ne unter­hal­ten, weil mir in den ver­gan­ge­nen Tagen unheim­lich zumu­te gewe­sen ist, wäh­rend ich Fern­seh­bil­der aus der Stadt Bos­ton beob­ach­te­te. Der alte, schrei­ben­de Mann aber war so ver­tieft in sei­ne Arbeit, dass er mei­ne Gegen­wart schnell ver­ges­sen zu haben schien. Ich stell­te mir vor, dass er in die­ser Arbeit gefan­gen oder gebor­gen, viel­leicht über­haupt nicht wahr­ge­nom­men hat­te, was in Bos­ton gesche­hen war. Viel­leicht wuss­te er nicht ein­mal vom Krieg in Syri­en oder von der Ent­de­ckung des Higgs-Teil­chens. Als es dun­kel wur­de, setz­te sich der alte Mann eine Stirn­lam­pe auf den Kopf. Für einen Moment leuch­te­te er mir ins Gesicht, um sofort in sei­ner Arbeit fort­zu­fah­ren. — stop

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amsterdam

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sier­ra : 7.05 — Immer wie­der wun­de­re ich mich dar­über, wie ein Bild, eine Vor­stel­lung, eine Idee, ohne mein Zutun, ohne dass ich also den Ein­druck haben wür­de, Arbeit ver­rich­tet zu haben, wei­te­re Bil­der erzeugt, Geschich­ten, Fil­me, Zeit­räu­me von Abwe­sen­heit. Ich erin­ne­re mich, in einem die­ser Räu­me kürz­lich in Ams­ter­dam gewe­sen zu sein, wäh­rend ich zur sel­ben Zeit im Zug durch süd­li­che Land­schaft reis­te. Ich hat­te das Bild eines Läd­chens vor Augen, in wel­chem in einer Pfan­ne mensch­li­che Ohren gerös­tet wur­den. Es roch gut nach gebra­te­nem Fleisch und natür­lich fra­ge ich mich, woher ich die­se Vor­stel­lung genom­men habe. Men­schen stan­den bis auf die Stra­ße hin­aus, war­te­ten gedul­dig, bis sie an der Rei­he waren, eine Por­ti­on der gerös­te­ten Ohren in einer Papier­tü­te ent­ge­gen­zu­neh­men. 100 Gramm kos­te­ten 72 eng­li­sche Pfund, viel­leicht war es des­halb, in Anbe­tracht des Prei­ses, so still im Laden, man hör­te nur ein Zischen, sobald aus einem Schäu­fel­chen eine wei­te­re Por­ti­on Ohren in die Pfan­ne fiel. Aber drau­ßen auf der Stra­ße war Tumult ent­stan­den. Wäh­rend die einen sich über den enor­men Preis der Ohren beschwer­ten, waren ande­re sehr deut­lich gegen den Ver­kauf mensch­li­cher Ohren über­haupt ein­ge­stellt. Das sind gezüch­te­te Orga­ne, sag­ten sie, sie waren nie an einem mensch­li­chen Kopf befes­tigt. Ande­re hin­ge­gen empör­ten sich dar­über, dass es doch ver­rückt sei, für etwas, das nie­mals echt gewe­sen war, eine der­art exzel­len­te Sum­me Gel­des pro Gramm bezah­len zu müs­sen. Die einen wie die ande­ren schie­nen mir recht zu haben. Fens­ter gin­gen zu Bruch, berit­te­ne Poli­zei feg­te über eine Brü­cke. Und wie ich in die­ser Wei­se in einem Zug sit­zend einen Film erleb­te aus dem Nichts, beob­ach­te­te mich ein Freund. Ich bemerk­te ihn nicht. Als ich ihm spä­ter erzähl­te, was ich erlebt hat­te, sag­te er, er habe indes­sen, in der Beob­ach­tung mei­ner Per­son, nicht den gerings­ten Laut gehört. — stop

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ameisengesellschaft lh — 1232

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MELDUNG. Amei­sen­ge­sell­schaft LN — 1232 [ lin­e­pi­the­ma humi­le ] Posi­ti­on 42°27’N 14°0’O nahe Pes­ca­ra / Fol­gen­de Objek­te wur­den von 18.00 — 18.55 Uhr MESZ über das süd­west­li­che Wen­del­por­tal ins Waren­haus ein­ge­führt : acht­und­zwan­zig tro­cke­ne Flie­gen­tor­si mitt­le­rer Grö­ße [ je ohne Kopf ], zwei­und­fünf­zig Baum­stäm­me [ à 12 Gramm ], acht Rau­pen in Grün, drei­und­dreis­sig Rau­pen in Oran­ge, fünf Insek­ten­flü­gel [ ver­mut­lich die drei­er Zitro­nen­fal­ter ], acht Streich­holz­köp­fe [ à ca. 2 Gramm ], sechs Flie­gen der Gat­tung Cyclor­rha­pha [ Deckel­schlüp­fer ] in vol­lem Saft, son­nen­ge­trock­ne­te Rosen­blät­ter [ ca. 150 Gramm aus ver­gan­ge­nem Jahr ], drei Schne­cken­häu­ser [ je ohne Schne­cke ], drei gelähm­te Schne­cken [ je ohne Haus ], 7252 Amei­sen anlie­gen­der Staa­ten [ betäubt oder tran­chiert ], zwei Ele­phan­ten­kä­fer [ blau­tür­ki­se ], drei Aas­ku­geln eines Pil­len­dre­hers, wenig spä­ter der Pil­len­dre­her selbst, sechs Wild­bie­nen, eine Kar­ne­vals­kro­ne [ Mat­tel X7892 — Bar­bie Glam ] 5.6 Gramm. — stop

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