Aus der Wörtersammlung: rinne

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salinenweg

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whis­key : 0.01 — Ich schlief über einem Buch des Schwei­zer Schrift­stel­lers Nico­las Bou­vier. Ehe ich fest ein­ge­schla­fen war, hat­te ich in letz­ter Sekun­de noch einen Gedan­ken wahr­ge­nom­men. Ich sag­te zu mir mit lei­ser wer­den­der Stim­me: Du soll­test ein­mal über­le­gen, ob es sinn­voll ist, nach einer Metho­de zu suchen, im Schlaf ein Buch lesen zu kön­nen. Ja, das wäre eine inter­es­san­te Geschich­te. Man wür­de sich natür­lich an die erzäh­len­de Wirk­lich­keit des Buches selbst nicht erin­nern, das man gera­de noch las oder hör­te, wäh­rend man schlief, weil man das Buch nicht bewusst wahr­neh­men konn­te, und doch wäre man mit Herrn Bou­vier nach Gal­way geflo­gen wegen eines Lochs im Sturm. Man wäre in einer Art und Wei­se nach Gal­way geflo­gen, dass man sich ein­mal spä­ter so gut an die­sen Flug erin­nern könn­te, als wäre man selbst dort in Kil­ro­nan gewe­sen, eine Ahnung, Geräu­sche, Luft und Leu­te. — Das geschmei­di­ge Wort Sali­nen­weg. Wie ich über eine höl­zer­ne Brü­cke gehe im Win­ter, ich strei­che mit einer Hand Schnee von einem Gelän­der. Immer wie­der, im Som­mer, im Früh­ling, im Herbst, wenn ich die­sen Ort pas­sier­te, erzähl­te ich von die­sem Moment, als ich im Win­ter den Schnee berühr­te. — stop
polaroidcentralpark

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holly

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reming­ton : 18.05 — Ich träum­te, von einer Sta­ten Island Fäh­re auf das offe­ne Meer hin­aus getra­gen wor­den zu sein. An Bord des Schif­fes waren zahl­rei­che Men­schen gewe­sen, sie foto­gra­fier­ten ein­an­der, man­che lasen in einer Zei­tung, ande­re tran­ken Kaf­fee aus Papp­be­chern oder tele­fo­nier­ten. Nie­mand schien sich zu wun­dern, dass die Fäh­re, hin­sicht­lich einer übli­chen Rei­se­dau­er von 25 Minu­ten, nicht lan­de­te. Stun­den ver­gin­gen. Ein­mal feg­te ein Sturm über das Schiff hin­weg, hun­der­te Möwen flat­ter­ten krei­schend über die Decks. Irgend­wann schlief ich ein, und ich träum­te, als ich erwach­te, eine Frau habe mir gegen­über Platz genom­men. Ich mei­ne, mich an ihren Namen erin­nern zu kön­nen, ich glau­be, sie hieß Hol­ly. In die­sem Augen­blick, als ich die Augen öff­ne­te, trans­fe­rier­te sie einen Text mit­tels eines Pin­sels auf ein qua­dra­ti­sches Blatt Papier, das von min­des­tens 50 cm Durch­mes­ser gewe­sen war. Sie trug eine Son­nen­bril­le sowie einen Som­mer­hut auf dem Kopf, außer­dem ein hel­les Kleid, auf wel­chem ver­ein­zelt Kir­schen auf­ge­druckt wor­den waren, und schwe­re Wan­der­schu­he, deren Schnür­sen­kel sie nicht ver­kno­tet hat­te. Von einer Sekun­de zur ande­ren Sekun­de schlief auch Hol­ly ein, ihr Kopf neig­te sich zur Sei­te, kurz dar­auf glitt das Papier, das sie beschrif­tet hat­te, von ihren Schen­keln und lan­de­te vor mir auf dem Boden, sodass ich lesen konn­te, was Hol­ly notier­te: Lese­ma­schi­ne No. 82 / Dach­gar­ten, 75, Green­wich Ave­nue Man­hat­tan [ Schlüs­sel : Mrs. M. Lin­ne­ker — 8. Stock ] > Die Geschich­te von den Papier­tier­chen. Hand­zeich­nung, ca. 68 pt: Man stel­le sich ein­mal vor, Papier­tier­chen exis­tier­ten in unse­rer Welt. Nicht etwa Tier­chen, die aus Papier gemacht oder ver­gleich­ba­rer Ware, son­dern tat­säch­li­che Lebe­we­sen, die so aus­ge­dacht sind, dass sie sich zu For­men ver­sam­meln, die einer Papier­sei­te ähn­lich sind. Weil die­se Lebe­we­sen, wie ich sie mir gera­de male, sehr klein sein soll­ten, sagen wir in der Flä­che so groß wie die Spit­ze einer Nadel, wür­de ein Maschi­nen­bo­gen von nicht weni­ger als zwei Mil­lio­nen Indi­vi­du­en nach­ge­bil­det sein. Jedes Papier­tier­chen, sicht­bar ganz für sich nur im Licht eines sehr guten Mikro­skops, ist nun von dem Wunsch beseelt, sich mit jeweils vier wei­te­ren Tier­chen, die es schon immer kennt, mit­tels feins­ter Ten­ta­keln zu ver­bin­den oder zu befreun­den, und zwar nur mit die­sen, sodass man von ein­deu­ti­ger Ord­nung spre­chen könn­te, nicht von einer belie­bi­gen Anord­nung. Ja, jedes der klei­nen Wesen für sich spricht von einem urei­ge­nen Ort, den es nie­mals ver­gisst. Sobald alles schön zu einer Sei­te geord­net ist, wer­den mit Licht, mit einem Licht­stift genau­er, Zei­chen gesetzt auf das leben­de Papier, indem man leich­ter Hand wie mit einem Fül­ler schreibt. Wird ein schnee­wei­ßes Tier­chen berührt vom notie­ren­den Licht, nimmt es sogleich die schwar­ze Far­be an und ver­bleibt von die­sem Schwarz, bis es von wei­te­rem Licht berührt wer­den könn­te, einem Licht natür­lich, das sehr stark sein muss, weil doch der Tag oder jede Lam­pe das Zei­chen der Nacht sofort über die Land­schaft der fili­gra­nen Kör­per schrei­ben wür­de. Ich hat­te, wäh­rend ich die­sem Gedan­ken noch auf einer gewöhn­li­chen Com­pu­ter­schreib­ma­schi­ne folg­te, die Idee, dass sie viel­leicht alle sehr schreck­haft sind, also zunächst unvoll­kom­men oder wild, dass sie, zum Bei­spiel, wenn ein Feu­er­wehr­au­to in ihrer Nähe vor­über kom­men soll­te, sofort aus­ein­an­der flie­gen in Panik, sich ver­ste­cken, um jedes für sich oder in grö­ße­ren Grup­pen an den Wän­den mei­ner Zim­mer zu sit­zen. Viel­leicht lun­gern sie auch auf Kaf­fee­tas­sen her­um oder in den Haar­blät­tern eines Ele­fan­ten­fuß­bau­mes, ja, das ist gut denk­bar. Ich wer­de dann war­ten, ruhig und gelas­sen war­ten, bis sie sich wie­der beru­higt haben wer­den und zurück­kom­men, sagen wir nach einer Stun­de oder zwei. Dann wei­ter schrei­ben oder lesen oder den­ken. Und jetzt habe ich einen Kno­ten im Kopf, soll­te bald ein­mal wach wer­den. — stop
ping

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im orbit

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india : 18.16 — Die zärt­lichs­te Art und Wei­se, einen Men­schen zu berüh­ren, ist viel­leicht die Berüh­rung durch Vor­stel­lungs­kraft. stop. Mut. stop. Mut zur Erin­ne­rung. stop. Das schwei­gen­de, ver­trau­te Gehen in den Ber­gen. stop. Zitro­nen­fal­ter. stop. Ein fröh­li­ches Lachen, das Doh­len­vö­gel lock­te. stop. Wol­ken. stop. Gemein­sa­me Wol­ken. stop. Der Geschmack von Apfel­schei­ben. stop. Zeit­los sein. stop. Leicht und von Sor­gen frei. stop. Gebor­gen. stop. Und Namen, Namen wie erfun­den: Müll­ner­horn. stop. Koli­brispit­ze. stop. Auf den Pfa­den der Blick über die Schul­ter zurück: Bist du noch da? stop. Das Geräusch einer Glo­cke seit unge­zähl­ten Jah­ren in einer Pum­pen­rad­sta­ti­on. stop. Das rie­seln­de Geräusch des Salz­was­sers. stop. Ein gebro­che­ner Arm, der Zeit für Nähe spen­det. stop. Eine Tas­se Kaf­fee am Mor­gen im Auf­bruch, ein war­mer Kuss, ein Lächeln. stop. Das Schnur­ren einer Kat­ze am Tele­fon. stop. Der süße Duft eines Ohres. stop. Ein roter Kof­fer, und im Win­ter Geis­ter­mas­ken, und wie man Feu­er in einem Kachel­ofen ent­facht. stop. Ja, wo bist Du, bist Du noch da? stop. Immer wie­der das Wort See­len­ort­fe­der in die­sen Tagen, das ich am 20. Okto­ber 2010 ent­deck­te und sofort ver­schenk­te. — stop
ping

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simon

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sier­ra : 10.15 — Ich hör­te, ges­tern sei in der Nähe mei­nes Hau­ses am Rand der Stra­ße in einem Vor­gar­ten ein Mann afri­ka­ni­scher Her­kunft erfro­ren. Von einem mei­ner Fens­ter aus kann ich die Stel­le sehen, wo der jun­ge Mann sich in sei­nen Schlaf­sack gelegt haben soll. Am Abend zuvor habe er noch gelebt, das erzähl­te ein Bekann­ter, er habe dem Lie­gen­den ein paar Mün­zen neben die Hän­de gelegt, auf wel­chen der Kopf des afri­ka­ni­schen Man­nes ruh­te. Er habe gesag­te, ihm sei kalt, das war um kurz vor zehn Uhr bei minus 4 Grad Cel­si­us gewe­sen. Viel­leicht waren die­se Wor­te die letz­ten, die der jun­ge Mann zu einem wei­te­ren mensch­li­chen Wesen sag­te. Mor­gens Blau­licht. Ich erin­ne­re mich, zwei Stun­den spä­ter der Anruf mei­nes Bekann­ten, der sehr auf­ge­regt gewe­sen war. Er sag­te, er habe noch mit sich selbst gespro­chen, es habe gesagt, die Nacht sei eigent­lich viel zu kalt, um im Frei­en auf dem Boden zu schla­fen. Mor­gens sei er auf die Stra­ße geeilt, ein Poli­zist habe in die­sem Moment nach den Papie­ren des jun­gen Man­nes gesucht, ein Arzt war­te­te etwas abseits. Der leb­lo­se Kör­per, wenn man ihn beweg­te, sei merk­wür­dig in sei­nem Ver­hal­ten gewe­sen. Kurz dar­auf habe der Poli­zist einen Namen gesagt, nur einen Vor­na­men, er sag­te: Das ist Simon. — Nach­mit­tag. Ich kann die Stel­le von einem mei­ner Fens­ter aus erken­nen, wo Simon in einem Vor­gar­ten erfro­ren ist. — stop
ping

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lichtbild 1–12

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echo : 6.08 — Wie Schnee, ein gutes Dut­zend Men­schen­fo­to­gra­fien. Von K., die vor zehn Jah­ren im August John­sons Jah­res­ta­ge kauf­te, ein Jahr ent­lang woll­te sie jeden Tag einen der Jah­res­ta­ge lesen. Von N., deren Schwes­ter ver­mut­lich in Kobanê kämpft. Sie soll N. ähn­lich sein, aber nie­mand weiß das so genau, weil sie vor 15 Jah­ren in den Unter­grund ver­schwand, weil sie in den Ber­gen kämpf­te, weil der Krieg mit Men­schen­ge­sich­tern macht, was er will. Von L., der nie wie­der ver­su­chen wird, die Stadt Man­hat­tan von einer Nacht­fäh­re aus zu foto­gra­fie­ren. Von W., die seit Jah­ren, ver­geb­lich, ein Inter­view mit einem Mann zu füh­ren ver­sucht, der in sei­ner Jugend­zeit Bil­der aus Film­rol­len trenn­te, um sie zu einem Film für sich zu mon­tie­ren. Die Zeit reich­te nicht, sei­ne und auch die ande­re Zeit reich­te nicht. Von M., die viel­leicht gera­de in die­sem Moment, da ich notie­re, lächelnd mit einer Schau­fel in der Hand vor einer Schnee­land­schaft steht und war­tet. Von B., die bald mit dem Schiff nach Bue­nos Aires rei­sen wird, um den Tan­go zu erler­nen. Vor­ges­tern ist sie 94 Jah­re alt gewor­den. Von I., der sich Tag für Tag dar­über freut, wie er sich an das Wort Kühl­schrank zu erin­nern ver­mag. Von Y., die sich im Monat April auf den Weg machen wird, im Kar­wen­del einen Zwerg­ken­taur zu fan­gen. Vom klei­nen J., der seit den letz­ten Nacht­stun­den weiß, dass er ein­mal zum Mars flie­gen wird. Von der klei­nen U. aus Alep­po, die sich wun­dert, dass sie noch immer lebt. Und von W., der viel­leicht nie­mals erfah­ren wird, wie sehr ich sei­ne Geschich­ten lie­be, die alle mit dem Wort Ein­mal begin­nen. — stop
polaroidselbst

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tod in peking 4

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del­ta : 0.25 — Wenn ich an die Stadt Peking den­ke, den­ke ich auch an einen Freund zurück, des­sen Leben in die­ser fer­nen Stadt vor zwei Jah­ren und vier­und­drei­ßig Tagen ende­te. Er war Foto­graf gewe­sen, sein Kör­per und sei­ne Woh­nung exis­tie­ren nicht mehr, sei­ne Foto­ap­pa­ra­te wur­den mög­li­cher­wei­se ver­schenkt oder ver­kauft, doch zahl­rei­che sei­ner Foto­gra­fien leben in der digi­ta­len Sphä­re wei­ter fort, auch Ein­trä­ge bei Face­book, da nie­mand zu fin­den ist, der sie löschen könn­te oder löschen woll­te. Die viel­leicht letz­te Auf­nah­me von sei­ner Hand in Euro­pa, zeigt einen Gepäck­wa­gen im Ter­mi­nal 1 des Frank­fur­ter Flug­ha­fens, 3 Kof­fer und 1 Ruck­sack. Weil der foto­gra­fie­ren­de Mensch hin­ter der Kame­ra stand, wir­ken sie schon ver­waist, oder viel­leicht nur des­halb, weil sie in Kennt­nis sei­nes nahen­den Todes von mir betrach­tet wer­den. Sicher ist, dass Men­schen nach dem Ver­stor­be­nen suchen, sie sto­ßen dann auch auf Tex­te, die ich notier­te, ver­wei­len, weil sie sich erin­nern oder weil sie sich wun­dern, viel­leicht haben sie einen ähn­lich tra­gi­schen Ver­lust erlebt. Ande­re blei­ben nur für Sekun­den, weiß der Him­mel, war­um, viel­leicht waren sie Such­ma­schi­nen, nie­mand schreibt, nie­mand kom­men­tiert, ein Schau­en und Schwei­gen. – stop

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raymond carver goes to hasbrouck heights / 2

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zou­lou : 3.55 — Ich kann nicht mit Sicher­heit sagen, war­um ich mich ges­tern, wäh­rend ich einen Bericht über Unter­su­chun­gen der CIA-Fol­ter­prak­ti­ken durch Ermitt­ler des US-Senats stu­dier­te, an eine klei­ne Stadt erin­ner­te, die ich vor weni­gen Jah­ren ein­mal von Man­hat­tan aus besuch­te. Ich las von Schlaf­ent­zug, von Water­boar­ding, von engen, dunk­len Kis­ten, in wel­che man Men­schen tage­lang sperr­te, von Lärm, von rus­si­schem Rou­lette und plötz­lich also erin­ner­te ich mich an Ole­an­der­bäu­me, die ich gese­hen hat­te in Has­b­rouck Heights an einem son­ni­gen Tag im Mai, an ihren Duft, an einen glück­li­chen Abend am Strand von Coney Island, an ein Jazz­kon­zert nahe der Strand­pro­me­na­de. Ich notier­te damals: Es ist die Welt des Ray­mond Car­ver, die ich betre­te, als ich mit dem Bus die Stadt ver­las­se, west­wärts, durch den Lin­coln Tun­nel nach New Jer­sey. Der Blick auf den von Stei­nen bewach­se­nen Mus­kel Man­hat­tans, zum Grei­fen nah an die­sem Mor­gen küh­ler Luft. Dunst flim­mert in den Stra­ßen, deren Fluch­ten sich für Sekun­den­bruch­tei­le öff­nen, bald sind wir ins Gebiet nied­ri­ger Häu­ser vor­ge­drun­gen, Eis­zap­fen von Plas­tik fun­keln im Licht der Son­ne unter Regen­rin­nen. Der Bus­fah­rer, ein älte­rer Herr, begrüßt jeden zustei­gen­den Gast per­sön­lich, man kennt sich hier, man ist schwarz oder weiß oder gelb oder braun, man ist auf dem Weg nach Has­b­rouck Heights, eine hal­be Stun­de Zeit, des­halb liest man in der Zei­tung, schläft oder schaut auf die Land­schaft, auf ros­ti­ge Brü­cken­rie­sen, die flach über die sump­fi­ge Gegend füh­ren. Und schon sind wir ange­kom­men, ein lie­be­voll gepfleg­ter Ort, der sich an eine stei­le Höhe lehnt, ein­stö­cki­ge Häu­ser in allen mög­li­chen Far­ben, groß­zü­gi­ge Gär­ten, Hecken, Büsche, Bäu­me sind auf den Zen­ti­me­ter genau nach Wün­schen ihrer Besit­zer zuge­schnit­ten. Nur sel­ten ist ein Mensch zu sehen, in dem ich hier schlen­de­re von Stra­ße zu Stra­ße, wer­de dann freund­lichst gegrüßt, how are you doing, ich spü­re die Bli­cke, die mir fol­gen, Bäu­me, Blu­men, Grä­ser schau­en mich an, das Feu­er der Aza­leen, Eich­hörn­chen stür­men über sanft geneig­te Dächer: Habt ihr ihn schon gese­hen, die­sen frem­den Mann mit sei­ner Pola­roid­ka­me­ra, die­sen Mann ohne Arme! Gleich wird er ein Bild von uns neh­men, wird klin­geln, wird sagen: Guten Tag! Ich habe Sie gera­de foto­gra­fiert. Wol­len Sie sich betrach­ten? — stop

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buenos aires

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nord­pol : Ein­mal, wäh­rend einer Zug­fahrt süd­wärts, lern­te ich Valen­tin Ruiz ken­nen, einen damals schon hoch­be­tag­ten Mann. Er bemerk­te bald, nach­dem ich in sein Abteil getre­ten war, dass ich ihn beob­ach­te­te, wie er in sein Notiz­buch schrieb. Wir kamen ins Gespräch. Herr Ruiz erzähl­te, er habe lan­ge Zeit in Argen­ti­ni­en gelebt, nahe der Stadt Bue­nos Aires. Er mon­tier­te dort Auto­mo­bi­le in einer Fabrik. Als Robo­ter­ma­schi­nen die Stadt besuch­ten, war das eine schwe­re Zeit gewe­sen. Dar­über den­ke er gera­de nach. Er berich­te­te von sei­nen Erfah­run­gen, von erstaun­li­chen Gedan­ken, sodass ich mei­ner­seits mein Notiz­buch öff­ne­te. Kurz nach­dem ich den Zug ver­las­sen hat­te, Herr Ruiz war in der war­ten­den Men­schen­men­ge ver­schwun­den, ver­such­te ich mei­ne Gesprächs­no­tiz zu ergän­zen. Ich muss­te mich beei­len, Herr Ruiz hat­te sehr schnell, ja auf­ge­regt gespro­chen, und ich hat­te den Ein­druck, mei­ne Erin­ne­rung könn­te sich eben­so schnell ver­flüch­ti­gen. Ich notier­te: Mit­tels Wör­tern sind zeit­ge­nös­si­sche Maschi­nen an einem Ort bereits ein­ge­trof­fen, lan­ge bevor auch nur eine ihrer Schrau­ben ange­kom­men ist. Sie sind Gegen­stand der Begeis­te­rung einer­seits, aber auch von Furcht, sodass sie in jeder Rich­tung grö­ßer erschei­nen, als sie in Wirk­lich­keit sind. Wo eine Maschi­ne zum Auf­bau kom­men wird, ist zunächst ein Raum ange­nom­men, ein Raum, der bereits frei­ge­räumt wur­de oder zunächst befreit wer­den muss. Dann kommt die Maschi­ne in der Wirk­lich­keit an, in der Mehr­zahl der Fäl­le in Tei­len. Beglei­tet wird sie von Men­schen, die sich um ihre Rei­se bemü­hen. Manch­mal blei­ben Men­schen, die die Maschi­ne beglei­ten, an Ort und Stel­le, dem­zu­fol­ge in der Nähe der Maschi­ne, um aus Tei­len ein Gan­zes zu fügen. Man kann dar­über stau­nen, dass an einem Ort, an dem zunächst nichts zu sehen war, sehr bald eine Ver­samm­lung tech­ni­scher Par­ti­kel zu bemer­ken ist, die sinn­vol­ler­wei­se bereits sich in einem logi­schen Zusam­men­hang befin­den. Eine Maschi­ne ist stumm, solan­ge sie nicht leuch­tet. Schon eine blin­ken­de Diode genügt, um Gesprächs­be­reit­schaft anzu­deu­ten. Maschi­nen, die mit elek­tri­schen Strö­men in Bewe­gung gesetzt wer­den, nei­gen zur Erhit­zung, wes­halb sie an der ein oder ande­ren Stel­le atmen, also bla­sen. Tei­le der Maschi­nen sind so groß, dass sie von einem Men­schen nicht geho­ben, oder so klein, dass sie von einem mensch­li­chen Auge nicht wahr­ge­nom­men wer­den kön­nen. Wo Maschi­nen erschei­nen, ver­schwin­den Men­schen jeder Grö­ße. — stop

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josephine begegnet louis armstrong

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nord­pol : 5.02 — Im Sep­tem­ber des Jah­res 2010 fah­ren Jose­phi­ne und ich auf der Sta­ten Island Fäh­re John F. Ken­ne­dy spa­zie­ren. Ein schwül­war­mer Tag. Gewit­ter­wol­ken, vom Meer her gekom­men, hän­gen tief über der Upper Bay. Die Luft knis­tert. Möwen umkrei­sen das Schiff, wie irr stür­zen sie immer wie­der her­ab, schnap­pen nach Pas­sa­gie­ren, die auf der Pro­me­na­de foto­gra­fie­ren, als ob jede ein­zel­ne von ihnen bereits von einem Blitz getrof­fen wor­den sei. Wir sit­zen, unte­res Deck, auf einer der Holz­bän­ke der mitt­le­ren Rei­hen. Ich erin­ne­re mich noch gut an die Stim­me der alten Dame, wie sie auf­ge­regt erzählt. An einem ähn­li­chen Tag im Jahr 1966, sie war noch eine jun­ge Frau gewe­sen, habe sie an Bord der John F. Ken­ne­dy Lou­is Arm­strong beob­ach­tet. Dort, genau dort saß er, sagt sie, und deu­tet auf eine Bank in der Nähe der Fens­ter, die an die­sem Tag voll­kom­men leer ist. Ein Foto­graf und zwei wei­te­re Män­ner sei­en damals um die bedeu­ten­de Per­son her­um­ge­lau­fen, man habe ihn foto­gra­fiert. Ein schö­ner Mann, sagt Jose­phi­ne, ein wirk­lich schö­ner Mann, und so berühmt. Sie lacht jetzt und macht eine kur­ze Pau­se, schaut ost­wärts nach Brook­lyn hin. Ich war ein jun­ges Mäd­chen, erzählt sie wei­ter, und plötz­lich saß dort Lou­is Arm­strong, ganz unglaub­lich, ich war starr vor Schreck gewe­sen. Er sah müde aus, und er hat­te gro­ße Füße und war sehr schwarz für mei­ne Ver­hält­nis­se, ein wirk­lich schwar­zer Mann, der vor­nehm geklei­det war und ich glau­be, wenn ich mich erin­ne­re, dass sie auf etwas gewar­tet haben, immer­zu sahen sich die Män­ner um, sie wirk­ten ein wenig gehetzt, nur Lou­is Arm­strong nicht. Ich glau­be, er hat mich damals gese­hen, wie ich ihn anstarr­te. Ich war erst 26 Jah­re alt, und ich war glück­lich, die­sem Mann per­sön­lich zu begeg­nen. Seit­her habe ich immer, wenn ich die John F. Ken­ne­dy gese­hen habe, an Lou­is Arm­strong gedacht, jedes ein­zel­ne Mal. Die alte Dame Jose­phi­ne erhebt sich, schlen­dert zu einer der Türen, die auf die Pro­me­na­de füh­ren. Ich muss ihr schnell fol­gen, sie kann die schwe­ren Türen mit ihren eige­nen Hän­den nicht öff­nen. Drau­ßen Sturm, das Meer schäumt. Rie­si­ge See­mö­wen, gel­be Augen, sit­zen auf der Reling in unse­rer Nähe. — Ende der Geschich­te. — stop

jose­phi­ne

polaroidemily

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teilchen

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sier­ra : 2.01 — Erin­ne­rung scheint zeit­los zu sein, zufäl­lig, chro­no­lo­gisch unge­ord­net, kommt in Sekun­den­por­tio­nen ange­flo­gen, eine Stim­me, eine Foto­gra­fie, ein Geruch, ein Gedan­ke, Teil­chen wie Sand­stür­me, ver­gäng­lich, unscharf. Ich habe bemerkt, dass es mög­lich zu sein scheint, ein Teil­chen fest­zu­hal­ten, in dem ich das Teil­chen mit einem Wort ver­bin­de, um das Teil­chen von die­sem Wort aus zu erwei­tern, schwe­rer zu machen, und doch ist es immer so, dass ich das Teil­chen, an dem ich arbei­te, frü­her oder spä­ter los­las­sen wer­de, weil viel­leicht das Tele­fon klin­gelt oder eine Flie­ge vor­über kommt, die sich auf dem Rücken segelnd fort­be­wegt. Wie vie­le Ereig­nis­se mei­nes Lebens habe ich mehr­fach ver­ges­sen? Wie viel stil­le Zeit? — stop

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