Aus der Wörtersammlung: rinne

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nachtmann

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lima : 3.28 — Seit Jah­ren, Nacht für Nacht gegen drei Uhr, höre ich das Pfei­fen eines Zei­tungs­bo­ten, der auf einem Fahr­rad von Osten her in unse­re Stra­ße kommt, um nach einer Schlei­fe von weni­gen Minu­ten, die ihn west­wärts führt, wie­der zu ver­schwin­den. Ich bin ihm in die­ser lan­gen Zeit nie per­sön­lich begeg­net, und ich kann auch nicht mit Sicher­heit sagen, wel­che Zei­tung er in die Brief­käs­ten unse­res Hau­ses steckt. Ein ein­zi­ges Mal habe ich neu­gie­rig aus dem Fens­ter gespäht, ich erin­ne­re mich an eine bit­ter­kal­te Nacht. Die Gestalt des Man­nes war weit ent­fernt zu sehen gewe­sen, er trug eine Woll­müt­ze, Hand­schu­he und eine Leder­ja­cke, das ist viel­leicht der Grund, wes­halb er auch in hei­ßen Som­mer­näch­ten in mei­nen Augen wei­ter­hin eine Woll­müt­ze trägt und pfeift, weil ihm mög­li­cher­wei­se kalt ist und ein­sam. Es ist selt­sam, in all den Jah­ren sei­ner Gegen­wart in mei­nem Leben, schei­ne ich kei­nen wei­te­ren Gedan­ken zu sei­ner Per­son hin­zu­ge­fügt zu haben, als wäre der Mann eine abge­schlos­se­ne Geschich­te, die sich exakt wie­der­holt. Plötz­lich, vor weni­gen Minu­ten, die Fra­ge, ob der Mann even­tu­ell in der Zei­tung liest, die er zu den schla­fen­den Men­schen bringt, und ob ihm nicht manch­mal des­halb unheim­lich zumu­te sein könn­te. — stop

ping

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vor neufundland 3.05.22 uhr : schirokko

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ulys­ses : 4.05 — Ruhi­ge Nacht. Lek­tü­re: Ste­wart O’Nan Last Night at the Lobs­ter. Unter­des­sen Funk­spruch Noes, ich notie­re: 3.05.22 | | | > fan­gen wir noch ein­mal von vor­ne an. s t o p ich hei­ße noe. s t o p tie­fe 82 meter vor neu­fund­land. s t o p ich bin glück­lich. s t o p könn­te sein dass ich nicht ganz bei ver­stand bin. s t o p ich habe den ein­druck zu träu­men. g r a m o p h o n e f r o m a b o v e. s t o p ob mir jemand zuhört? s t o p ob jemand liest was ich schrei­be? s t o p wie oft schon habe ich das wort s c h i r o k k o mit mei­nem fin­ger in das was­ser ein­ge­tra­gen um das wort schi­rok­ko nicht zu ver­lie­ren. e n o n o r m o u s b l u e f i s h w i t h y e l l o w e y e s s t r a i g h t a h e a d. s t o p ich kann das wort g l ü h b i r n e gut erin­nern. s t o p < | | | ENDE 3.07.01

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polaroidrose2

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kleiner kopf

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romeo : 22.01 – Ich begeg­ne­te ges­tern am frü­hen Mor­gen einem Mann, den ich vor Jah­ren schon ein­mal beob­ach­tet hat­te. Er war­te­te unter Fern­rei­sen­den ste­hend ver­geb­lich auf einen Zug. Ich erin­ne­re mich noch gut an unse­re ers­te Begeg­nung. Er hat sich seit­her kaum ver­än­dert, ver­fügt nach wie vor über einen unge­wöhn­lich klei­nen, zum Him­mel hin spitz zulau­fen­den Kopf. Damals, im Mai des Jah­res 2011, saß er auf einer Bank, Ter­mi­nal 2, des Flug­ha­fens, sei­ne Hän­de hiel­ten eine Tas­se Kaf­fee vor einen klei­nen Mund, klei­ne hel­le Augen starr­ten in die­se Tas­se, kurz fixier­ten sie mich, dann wie­der die Ober­flä­che des Kaf­fees, der sich im Gefäß lang­sam dreh­te. Stau­nend war­te­te ich in der Nähe des Man­nes auf einer wei­te­ren Bank, öff­ne­te ein Buch, aber anstatt zu lesen, sah ich immer wie­der hin zu dem klei­nen Kopf. Ich konn­te mir nicht den­ken, wie es mög­lich ist, mit einem der­art klei­nen Kopf zu über­le­ben. Man stel­le sich das ein­mal vor, der Kopf des Man­nes war nicht sehr viel grö­ßer gewe­sen als der Kopf eines Kin­des von zwei oder drei Jah­ren. Eigent­lich, dach­te ich, müss­te die­ser Mann tot sein oder aber von ein­ge­schränk­tem Denk­ver­mö­gen. Danach aller­dings sah der Mann nicht aus, er trug die fei­ne Klei­dung eines Geschäfts­rei­sen­den, außer­dem war er ver­mut­lich in der Lage, aus Bli­cken Gedan­ken zu lesen, wes­we­gen ich bald selbst zum Gegen­stand inten­si­ver Beob­ach­tung wur­de. — Null Uhr zwölf in Kobanê, Syria. — stop
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am nachttisch

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india : 3.02 — Ich träum­te von Win­ter­flie­gen. Als ich auf­wach­te, erin­ner­te ich mich, vor Jah­ren ein­mal über Win­ter­flie­gen nach­ge­dacht zu haben. Ich notier­te Fol­gen­des: Die Gat­tung der Win­ter­flie­gen soll­te in eisi­ger Umge­bung exis­tie­ren, in Höh­len, die sie mit ihren Flie­gen­fü­ßen per­sön­lich in den Schnee ein­gra­ben. Viel­leicht, das ist mög­lich, sind Win­ter­flie­gen von Natur aus eher küh­le Wesen, oder aber sie tra­gen einen wär­men­den Pelz, ein Fell, wie das der Eis­bä­ren, wei­che, wei­ße Män­tel von Haut und Haar, die ihre äußerst lang­sam schla­gen­den Her­zen schüt­zen. Die­se Flie­gen, dach­te ich, wer­den ein­hun­dert Jah­re oder älter, sie könn­ten sich von feins­ten Stäu­ben ernäh­ren, vom Plank­ton, das aus den vom Wind gebeug­ten Wäl­dern ange­flo­gen kommt, von Moo­sen, Bir­ken­pol­len, vom Kot­sand nor­di­scher Füch­se. Ich stell­te mir vor, sie sind weiß, so weiß, dass man sie nicht sehen wird, wenn sie über den Schnee spa­zie­ren. Man wird mei­nen, der Schnee bewe­ge sich selbst oder es wäre der Wind, der den Schnee bewegt, statt­des­sen sind es die Flie­gen, die nicht grö­ßer sind als jene Flie­gen, die nacht­wärts im Som­mer aus einem Apfel stei­gen. – Ein ruhi­ger Tag, Augen zu, warm, Son­ne. — Abends sit­ze ich in der Küche am Tisch. Ich öff­ne eine Schreib­ma­schi­ne, die ich vor drei Jah­ren aus dem akti­ven Schreib­ma­schi­nen­le­ben in mein Schreib­ma­schi­nen­mu­se­um trans­fe­rier­te, um nach­zu­se­hen, ob ich sie viel­leicht noch ein­mal in Gang set­zen könn­te. Klei­ne Schrau­ben tür­men sich zu einem Berg, es riecht nach Metall, nach Zinn, wie in der Kind­heit, wenn ich mei­ne Nase an Radio­ge­rä­te drück­te. An der Wand in nächs­ter Nähe hockt Esme­ral­da, sie scheint mich zu beob­ach­ten oder das Inne­re der Schreib­ma­schi­ne. Aus dem Neben­zim­mer drin­gen noch immer Kampf­ge­räu­sche, Schüs­se von Geweh­ren, hel­le Töne, als wür­den Kie­sel­stei­ne anein­an­der schla­gen. Auch gro­ße Kali­ber sind zu ver­neh­men, deren genaue Bezeich­nun­gen ich nicht ken­ne, Mör­ser viel­leicht, Pan­zer­ka­no­nen, Maschi­nen­waf­fen. Ein Mann, ich möch­te sei­nen Deck­na­men an die­ser Stel­le nicht ver­zeich­nen, sam­melt Fil­me in der digi­ta­len Sphä­re, die er zu end­lo­sen Ket­ten knüpft, Sze­nen aus dem syri­schen Bür­ger­krieg, zuletzt von dem Kampf um Kobanê. Per­so­nen ste­hen auf einer Stra­ße, sie feu­ern auf Häu­ser, plötz­lich fal­len sie um. Ein jun­ger Mann hüpft vor dem Kör­per einer jun­gen Frau, die auf dem Rücken liegt, ein Teil ihres Gesich­tes fehlt. Der jun­ge Mann preist Gott, er stellt sei­nen Stie­fel auf die Brust der jun­gen Frau, die ver­mut­lich, nein sicher, gegen ihn kämpf­te. Bär­ti­ge Män­ner eilen gebückt über Fel­der, einem der Män­ner fliegt ein Arm davon. — stop

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vor neufundland 22.14.08 uhr : zarte finger von licht

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lima : 2.22 — Ges­tern am Abend seit lan­ger Zeit end­lich wie­der ein Funk­spruch Noes. Ver­mut­li­che Tie­fe: 855 Fuß. Posi­ti­on: 80 See­mei­len süd­öst­lich der Küs­te Neu­fund­lands seit nun­mehr 1356 Tagen im Tief­see­tauch­an­zug unter Was­ser. Ich hör­te sei­ne schep­pern­de Stim­me gegen 2 Uhr Mor­gens mit­tel­eu­ro­päi­scher Zeit über Kurz­wel­le. Ver­trau­te Sät­ze. Dann lan­ge Zeit gewar­tet. Fol­gen­de Bot­schaft: ANFANG 22.14.08 | | | > groß­ar­ti­ge aus­sicht. s t o p lang­sam auf­stei­gen­der wal. s t o p muschel­rü­cken. s t o p kra­ter­haut. s t o p als wür­de der mond vor­über­zie­hen. s t o p lan­ge zei­ten der stil­le. s t o p lan­ge zei­ten ohne einen gedan­ken ohne einen wunsch ohne eine erin­ne­rung. s t o p blick ins was­ser. s t o p zar­te fin­ger von licht. s t o p ob mir jemand zuhört? s t o p < | | | ENDE 22.16.58

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überall liegen Bücher herum

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echo : 2.26 — Frü­her ein­mal exis­tier­ten Bücher, deren Sei­ten mit­ein­an­der ver­bun­den waren. Bevor man die Sei­ten die­ser Bücher lesen konn­te, muss­te man sie von­ein­an­der tren­nen. Selt­sa­mer­wei­se hat­te ich ihre Exis­tenz ver­ges­sen, bis ich soeben sol­che Bücher in einem Text von Natha­lie Sar­rau­te bemerk­te. Aber viel­leicht ist das Wort ver­ges­sen, in die­sem Zusam­men­hang nicht rich­tig gewählt, ich hat­te jah­re­lang nicht an sie gedacht, im Gehei­men waren sie ver­mut­lich immer anwe­send gewe­sen. Sofort begann ich damit, die Umge­bung mei­ner Erin­ne­rung zu erkun­den. Ich ent­deck­te eine Tan­te. Wenn die Tan­te zu Besuch kam, küss­te sie mich auf die Stirn. Es gab dann immer Lauch­sup­pe, weil sie einen Gemü­se­händ­ler kann­te, der ihr Lauch­stan­gen schenk­te. Die­se Tan­te also, deren Gesicht zer­furcht war von unzäh­li­gen Fal­ten, schenk­te mir ein­mal ein Buch genau die­ser erwähn­ten Art, ein Buch, des­sen Sei­ten mit­ein­an­der ver­bun­den waren, sodass ich jede Sei­te mit einer Sche­re zunächst von der nächs­ten tren­nen muss­te. Das Buch war kein Kin­der­buch gewe­sen, ich hat­te noch nicht sehr viel mit Büchern zu tun zu die­sem Zeit­punkt, aber Natha­lie Sar­rau­te, die damals unge­fähr in mei­nem Alter gewe­sen sein könn­te, in einem Alter, als mich die Tan­te mit den Lauch­stan­gen noch besuch­te. Sie notier­te: Es lie­gen über­all Bücher her­um, in allen Zim­mern, auf den Möbeln und sogar auf dem Boden, Bücher, die Mama und Kola gebracht haben oder die mit der Post gekom­men sind … klei­ne­re, mitt­le­re und gro­ße … Ich neh­me die Neu­an­kömm­lin­ge in Augen­schein, ich schät­ze die Mühe, die jedes erfor­dern wird, die Zeit, die es mich kos­ten wird … Ich wäh­le eins aus und set­ze mich mit dem auf­ge­schla­ge­nen Buch auf den Knien hin, ich umklam­me­re das brei­te Papier­mes­ser aus grau aus­se­hen­dem Horn, und ich fan­ge an … zuerst zer­trennt das waa­ge­recht gehal­te­ne Papier­mes­ser den obe­ren Falz der vier zusam­men­hän­gen­den Dop­pel­sei­ten, dann senkt es sich, rich­tet sich wie­der auf und glei­tet zwi­schen die bei­den Sei­ten, die nur noch längs­seits mit­ein­an­der ver­bun­den sind … dann kom­men die „leich­ten“ Sei­ten, sie sind an ihrem lan­gen Rand offen und bra­chen nur noch oben getrennt wer­den. Und wie­der die vier „schwie­ri­gen“ Sei­ten … und dann vier „leich­te“, und dann vier „schwie­ri­ge“, und so wei­ter, immer schnel­ler, mei­ne Hand wird müde, mein Kopf wird schwer, er brummt, mir wird ein wenig schwind­lig … „Hör jetzt auf, mein Lieb­ling, das reicht, hast du wirk­lich nichts Inter­es­san­te­res zu tun? Ich wer­de beim Lesen selbst auf­schnei­den, das stört mich nicht, ich mache das ganz auto­ma­tisch …“ Es kommt jedoch nicht infra­ge, dass ich auf­ge­be. — stop / Natha­lie Sar­rau­te Kind­heit — aus der fran­zö­si­schen Spra­che über­setzt von Eri­ka und Elmar Tophoven

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anna ludmilla

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nor­pol : 0.33 — Wäh­rend ich aus dem Fens­ter schaue, höre ich einen Bericht, der vom Fern­se­hen gesen­det wird. Uly­a­na M., das heißt die Stim­me ihrer Über­set­ze­rin, erzählt, sie habe mit ihrem Mann nahe Mariu­pol Zuflucht vor Gra­nat­be­schuss im Kel­ler eines Nach­barn gesucht. Ein Mann, den sie von Fer­ne kann­te, habe den Kel­ler ver­las­sen, um nach sei­nem Häus­chen zu sehen. Er sei nicht zurück­ge­kom­men. Als der Beschuss auf­ge­hört habe, sei­en sie zu ihrem Haus zurück­ge­kehrt. Auf dem Weg fan­den sie den Mann, der nach sei­nem Häus­chen gese­hen hat­te. Er lag in sei­nem Gar­ten ohne Kopf, sein Häus­chen brann­te. An die­ser Stel­le des Berich­tes mach­te die Stim­me, die ich hör­te, eine kur­ze, selt­sa­me Pau­se. Ich hat­te nicht den Ein­druck, dass die Stim­me der ori­gi­na­len Erzäh­le­rin Uly­a­na M. eine Pau­se mach­te, aber die Über­set­ze­rin macht eine Pau­se, ihre eige­ne Pau­se. Fünf Sekun­den spä­ter fuhr sie fort in ihrer Arbeit. Sie sag­te, man habe nach dem Kopf des Man­nes gesucht, man habe ihn gefun­den und zurück­ge­bracht zu dem Kör­per des Man­nes, der in sei­nem Gar­ten lag. – Frü­her Abend. Kas­ta­ni­en­bäu­me tief unten ste­hen bereits in Flam­men, Bahn­stei­ge der Stra­ßen­bahn­hal­te­stel­le bedeckt von Sta­chel­früch­ten, die nicht zer­plat­zen. Eich­hörn­chen­schat­ten tra­gen sie nachts davon, obwohl noch Anfang Sep­tem­ber ist. Anna Lud­mil­la L.. Ich erin­ne­re mich an Anna Lud­mil­la L., die in St. Peters­burg gebo­ren wur­de. Sie lebt seit 15 Jah­ren in Deutsch­land, woll­te Modell wer­den, heita­te­te, gebar eine Toch­ter und wur­de geschie­den. Seit Jah­ren arbei­tet sie in der Post­stel­le eines Frank­fur­ter Ver­lags­hau­ses. M. erzähl­te, Anna zwin­ke­re seit eini­gen Wochen, wenn man mit ihr spre­che, mit einem Auge, eine flat­tern­de Bewe­gung. Er habe sie ein­mal gefragt, wie es ihr gehe, wie ihrer Fami­lie, ob sie Ver­wand­te in der Ukrai­ne habe. Sie habe sich über sei­ne Fra­ge viel­leicht gefreut, er sei sich aber nicht sicher. — stop

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london tube

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echo : 6.50 — In einem Tun­nel des Lon­do­ner U‑Bahnsystems kau­er­ten Men­schen auf dem Boden. Kaum Licht, eine düs­te­re Sze­ne, die ein unbe­kann­ter Foto­graf auf­ge­nom­men hat­te, Anfang der 40er-Jah­re. Bret­ter waren über U‑Bahngeleise gelegt. In die­ser Wei­se ent­stan­den unter der Stadt Flä­chen, die Men­schen bege­hen, auf wel­chen sie sit­zen oder lie­gen konn­ten. Auch Kin­der waren zu sehen, sie tru­gen Röcke, Schul­uni­form­ja­cken und sehr klei­ne Schu­he. Auf einem Schau­kel­pferd saß ein Jun­ge, der schon älter gewe­sen war. Er beweg­te sich viel­leicht in dem Moment der Auf­nah­me, wes­halb er etwas unscharf wie­der­ge­ge­ben wur­de. In sei­ner unmit­tel­ba­ren Nähe lehn­te eine jun­ge Frau mit dem Rücken zur Wand, sie las in einem Buch oder war ein­ge­schla­fen. Ich erin­ne­re mich, dass ich die Foto­gra­fie, die ich aus einer Zei­tung geschnit­ten hat­te, ein­mal mit einer Lupe betrach­te­te. Irgend­wann hat­te ich sie ver­ges­sen. Ges­tern Abend nun kehr­te sie aus mei­nem Gedächt­nis zurück. – Neun Uhr in Luhansk, Ukrai­ne. Zehn Uhr in Mos­sul, Irak. stop

polaroidtimessquare

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san lorenzo de esmeraldas

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kili­man­dscha­ro : 6.55 — Am Sams­tag der ver­gan­ge­nen Woche erreich­te mich eine Waren­sen­dung, die in einem Dorf namens San Loren­zo de Esme­ral­das bereits im Juli auf­ge­ge­ben wor­den war. Die klei­ne Ort­schaft liegt nahe der Gren­ze zu Kolum­bi­en im Dschun­gel unweit der Pazi­fik­küs­te, lan­ge Näch­te, feuch­te Luft, krei­schen­de Tama­ri­ne. Das Päck­chen, ich hat­te lan­ge dar­auf gewar­tet, ent­hielt ein Käst­chen von Holz in der Grö­ße einer Zigar­ren­schach­tel, das mit­tels eines blau­en Gum­mi­rie­mens ver­schlos­sen wur­de. Ich stell­te das Käst­chen auf mei­nen Schreib­tisch ab, um es vor­sich­tig zu öff­nen. Fei­ner, hel­ler Sand wur­de sicht­bar, Sand, so fein wie gemah­le­ner Kam­pot-Pfef­fer. Bald arbei­te­te ich mich mit einem Pin­sel vor­sich­tig in die Tie­fe vor­an, bis ich auf zwei Kör­per stieß. Es han­del­te sich um Käfer­we­sen, die des­halb etwas Beson­de­res dar­stell­ten, weil sie je über zwei Köp­fe ver­füg­ten und über sechs Füh­ler, die im Moment mei­ner Besich­ti­gung nicht im Gerings­ten auf mei­ne Gegen­wart reagier­ten. Nach einer hal­ben Stun­de, ich hat­te die Käfer bis dahin lie­be­voll betrach­tet, waren end­lich Lebens­zei­chen zu erken­nen, die Füh­ler der Käfer beweg­ten sich, und ich hob sie aus ihrem Sand­bett und sie schlu­gen mit den Flü­geln, als woll­ten sie mich begrü­ßen. Ihre Kör­per waren weich, sie beb­ten, und sie ver­ström­ten einen fei­nen Duft, der mich an Man­deln erin­ner­te. Zur ers­ten Pro­be setz­te ich einen der Käfer an mein lin­kes Ohr, und der Käfer drang unver­züg­lich in mich ein, sehr behut­sam, bis ich bemerk­te, dass sei­ne Füh­ler mein Trom­mel­fell betas­te­ten. Kurz dar­auf wei­te­te sich sein Kör­per, ich hör­te ihn knis­tern, bis er mei­nen Gehör­gang voll­stän­dig füll­te. Ein Pochen war zu ver­neh­men, das mich müde wer­den ließ. Kaum hat­te ich den zwei­ten Käfer in das ande­re mei­ner Ohren gesetzt, schlief ich ein. Zwölf Stun­den lang schlief ich tief und fest, mei­ne Stirn ruh­te auf dem Schreib­tisch. Als ich erwach­te, hat­ten sich bei­de Käfer wie­der in ihr Sand­bett zurück­ge­zo­gen. Es ist jetzt frü­her Mor­gen. — stop
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kleine anatomische geschichte

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echo : 5.01 — Ges­tern ist mir wie­der ein­mal etwa Selt­sa­mes mit mir selbst pas­siert. Ich beob­ach­te­te im Spie­gel ein Augen­lid, das flat­ter­te. Ich war noch nicht lan­ge wach gewe­sen. Als sich das Augen­lid beru­higt hat­te, bemerk­te ich, dass auch ein klei­ner Mus­kel an mei­ner lin­ken Wan­ge beb­te und ich über­leg­te, wel­cher Mus­kel das genau sein könn­te. In die­sem Moment erin­ner­te ich mich an eine klei­ne Geschich­te, die ich vor weni­gen Jah­ren in einem Café erleb­te. Eine Freun­din saß mir gegen­über. Wir spra­chen über dies und das. Plötz­lich beschwer­te sie sich, ich wür­de sie so selt­sam anse­hen. Tat­säch­lich hat­te ich Bewe­gun­gen ihres Gesich­tes beob­ach­tet, in den Momen­ten genau, da sie sprach oder lach­te. Es war ein unwill­kür­li­cher Blick unter die Haut gewe­sen, ein sozu­sa­gen ana­to­mi­scher Blick, der sie irri­tier­te, ohne zu wis­sen, wes­halb genau. Sie mein­te, ich wür­de ihr nicht zuhö­ren, son­dern träu­men. In die­sem Moment wur­de deut­lich: Sobald ich einen Men­schen in ana­to­mi­scher Wei­se betrach­te, wird mein Blick in den Augen des Betrach­te­ten kein schar­fer Blick sein, wie man viel­leicht erwar­ten wür­de, son­dern ein unschar­fer Blick, eine Gren­ze über­schrei­tend, fan­ta­sie­rend. — stop
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