Aus der Wörtersammlung: rinne

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wanda

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del­ta : 0.18 — Wie Wan­da gera­de wie­der ein­mal glück­lich ist, weil ihm sein Freund Joseph ein Buch Peter Nadas’ schenk­te, 1305 Sei­ten: Das Buch der Erin­ne­rung. Wenn man das Buch in die Hand nimmt, wird man ver­mut­lich sagen: Das ist ein schwe­res Buch. Das Papier scheint dünn zu sein, auch die Schat­ten der Buch­sta­ben sind gut zu erken­nen, so dünn sind die Sei­ten des Buches, dass das Licht sie zu durch­drin­gen ver­mag. Wan­da hat das sofort bemerkt. Seit­her nimmt er jede Sei­te, ehe er zu lesen beginnt, zärt­lich zwi­schen sei­ne Fin­ger, fährt ihre Rän­der ent­lang, legt kurz dar­auf ein Blatt Papier auf einen Tisch, der sein per­sön­li­cher Tisch ist, spitzt einen Blei­stift und notiert einen wei­te­ren Satz des Buches der Erin­ne­rung. Win­zi­ge, wun­der­ba­re Schrift­zei­chen, akku­rat gesetzt. Sobald Wan­da am Ende des Sat­zes ange­kom­men ist, hält er inne, um jedes nie­der­ge­leg­te Wort Zei­chen für Zei­chen zu prü­fen: … hat­te ich schon Buda­örs erreicht, der Weg dort­hin war lang, kur­ven­reich und dun­kel gewe­sen, eine Art Steil­pfad führ­te hin­un­ter in die Ebe­ne ein umge­pflas­ter­ter Gra­ben mit gefro­re­nen Wagen­spu­ren, auf bei­den Sei­ten das dich­te Spa­lier hoch auf­ge­schos­se­nen Gestrüpps … So arbei­tet Wan­da Stun­de um Stun­de vor­an, er beginnt am Mor­gen um kurz nach Acht, mit­tags schläft er von Eins bis Drei, Punkt sechs Uhr abends schließt er das Buch und löscht das Licht über dem Tisch. Vor­sich­tig ver­lässt er den Saal, er kann kaum noch sehen. Er sagt, er mache noch die­ses eine Buch, aber das hat er schon oft gesagt, sei­nem letz­ten Buch folg­te ein wei­te­res letz­tes Buch, das ihm Joseph schenk­te. Joseph ist ein Guter unter den Men­schen. Joseph sagt: Solan­ge Du Bücher notierst, solan­ge Du arbei­test, wird Dich nie­mand fra­gen ... — stop
ping

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von schnecken

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lima : 4.15 — Ob es viel­leicht mög­lich ist, mensch­li­chen Gehir­nen Pro­gram­me zu ent­wi­ckeln, die Com­pu­ter­such­ma­schi­nen ähn­lich sind? Pro­zes­so­ren, zum Bei­spiel, die in der Lage wären, mit mei­nem Gehirn zu spre­chen, mein Gehirn anzu­re­gen, sei­ne Regis­ter nach Schne­cken­ge­schich­ten zu durch­su­chen. Wann also sind in mei­nem Leben Schne­cken vor­ge­kom­men, in wel­cher Gestalt, in wel­chem Auf­trag, wel­cher Art waren die Schne­cken gewe­sen, die mir begeg­ne­ten? Vor weni­gen Tagen noch hat­te ich Schne­cken­ge­schich­ten gesam­melt, so wie ich sie ohne gro­ße Anstren­gung in mir fin­den konn­te. Es waren vie­le Geschich­ten, aber ich könn­te zu die­sem Zeit­punkt nicht mit Sicher­heit sagen, ob mei­ne Erin­ne­rung voll­stän­dig gewe­sen ist, ob mein Kata­log auch nur annä­hernd alle wesent­li­chen Schne­cken­be­geg­nun­gen mei­nes Lebens in sich ver­sam­melt. — stop

polaroidlucy

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ohne radioradar

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nord­pol : 1.55 — Eine stil­le Arbeits­nacht. Auf dem Tisch in der höl­zer­nen Küche unter dem Dach sta­peln sich Ton­spu­len, die ich nach Zeit­punkt der Auf­nah­me oder den Namen der Per­so­nen, die ich befrag­te, sor­tier­te: Katin­ka 1 — 3. Vor weni­gen Minu­ten war ich kurz ein­ge­schla­fen, ohne vom Stuhl zu fal­len. Balan­ce scheint mög­lich zu sein, oder ich habe nicht sehr tief geschla­fen. Als ich erwach­te, saß Esme­ral­da vor mir auf dem Tisch. Sie betrach­te­te mich. Ihre Füh­ler­au­gen beweg­ten sich äußerst lang­sam auf und ab. Dann setz­te sie sich in Bewe­gung, wen­de­te sich einer Bana­ne zu, die auf dem Tel­ler lag, dort schien sie bald ein­ge­schla­fen zu sein. Ich kann sie der­zeit berüh­ren, ihren schim­mern­den Leib, sie flüch­tet nicht, sie ist kühl und sie riecht nach Eisen und Regen und etwas nach Salz. Ges­tern hat­te ich mich wie­der ein­mal gefragt, ob Esme­ral­da viel­leicht in der Lage sei, zu hören. Ich mach­te mich sofort auf den Weg zum Com­pu­ter, um nach­zu­for­schen, ob Schne­cken über ein Gehör ver­fü­gen. Dann klin­gel­te das Tele­fon, eine Stun­de spä­ter erin­ner­te ich mich, dass ich nach den Ohren der Schne­cken fra­gen woll­te. Heu­te aber ist eine sol­che Nacht, da ich nichts wis­sen will, auch nicht ob Esme­ral­da hören kann, wenn ich pfei­fe oder spre­che. In mei­ner Nähe, sie schla­fen ver­mut­lich gera­de, exis­tie­ren Per­so­nen, die nichts ahnen vom Mor­den in der Ukrai­ne, von Viren, die in Afri­ka Men­schen befal­len, von Flücht­lin­gen, die durch das Sing­schar — Gebir­ge irren. Sie lesen kei­ne Zei­tung, sie besit­zen weder Radio noch Fern­seh­ge­rät, aber sie lesen Bücher, die sich immer sehr weit hin­ter der Jetzt­zeit bewe­gen. — stop

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shanghai

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india : 6.52 — Haru­ki, der in einer klei­nen euro­päi­schen Stadt zu Hau­se ist, erzähl­te eine Geschich­te, die ich kaum glau­ben moch­te. Schon sein Name schien selt­sam zu sein. Er habe, sag­te er, manch­mal das Bedürf­nis, mit­ten in der Nacht zu tele­fo­nie­ren. Nicht weil er fürch­te, ster­ben zu wol­len, son­dern weil er glück­lich sei, wenn er ein­fach nur los erzäh­len kön­ne, wenn ihm sei­ne Wor­te von einem auf­merk­sa­men Ohr sozu­sa­gen aus dem Mund gezo­gen wür­den. Genau die­ses Bild eines Ohres habe er vor Augen, sobald er sich an wun­der­ba­re Gele­gen­hei­ten erin­ne­re, als er im Erzäh­len Geschich­ten ent­deck­te, die ihm ohne die­se Art des Spre­chens nie­mals ein­ge­fal­len wären. Lei­der wür­de ihm inmit­ten der Nacht nie­mand mehr zuhö­ren, Men­schen, die er per­sön­lich ken­ne, eil­ten längst nicht mehr ans Tele­fon, wenn er sich bei ihnen mel­de. Er habe des­halb ande­re, wild­frem­de Men­schen ange­ru­fen, die sich bei ihm beschwer­ten, ob er denn noch bei Ver­stand sei. Das war der Grund gewe­sen, wes­we­gen er vor weni­gen Wochen damit begon­nen habe, Ruf­num­mern in Über­see zu kon­tak­tie­ren. Es mel­de­ten sich dort Men­schen, die Haru­ki in eng­li­scher, fran­zö­si­scher, chi­ne­si­scher oder spa­ni­scher Spra­che begrüß­ten. Sobald die Stim­me eines Men­schen hör­bar wur­de, begann Haru­ki zu erzäh­len. Er for­mu­lier­te in einer so hohen Geschwin­dig­keit, dass er sich selbst kaum noch ver­ste­hen konn­te. 15 Minu­ten, län­ger durf­te ein Gespräch mit Shang­hai nicht dau­ern. Manch­mal ver­neh­me er Stim­men von der ande­ren Sei­te her, hel­le Stim­men, zit­tern­de, wis­pern­de Töne, wes­halb er das Tele­fon­ge­rät ein wenig von sei­nem Ohr ent­fer­ne, ohne indes­sen zu ver­stum­men. Nach 15 Minu­ten ver­ab­schie­de er sich. Er sage dann: Gute Nacht! — stop

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am karibasee

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alpha : 20.22 — Nadi­ne Gor­di­mer erzähl­te vor weni­gen Tagen in einem Fern­seh­ge­spräch, man habe vor lan­ger Zeit ihren Roman Burger’s Daugh­ter auf gehei­men Wegen zu Nel­son Man­de­la ins Gefäng­nis geschmug­gelt. Auf den­sel­ben gehei­men Wegen sei ihr kurz dar­auf ein per­sön­li­cher Brief Nel­son Man­de­las über­mit­telt wor­den, zeit­le­bens ein kost­ba­res Doku­ment. Ich hör­te Nadi­ne Gordimer’s hel­le Stim­me zum ers­ten Mal. Wäh­rend ich lausch­te und ihr anmu­ti­ges Gesicht betrach­te­te, erin­ner­te ich mich an den ers­ten Moment, da ich vor Jah­ren die Lek­tü­re einer ihrer Erzäh­lun­gen auf­ge­nom­men hat­te, Some­thing out The­re. Ich folg­te damals nach weni­gen Sät­zen dem Wunsch, in der digi­ta­len Sphä­re eine Foto­gra­fie des Kari­ba­sees zu suchen, weil Nadi­ne Gor­di­mer vom künst­li­chen Gewäs­ser in der Savan­nen­land­schaft erzähl­te, von Ele­fan­ten gleich­wohl, die sich in sei­ne Flu­ten stürz­ten, um uralten Wan­der­rou­ten zu fol­gen. — Was hat­ten die ertrin­ken­den Tie­re dort unter dem Was­ser­spie­gel gese­hen? — Wovon hat­ten sie gehört in ihrer letz­ten Lebens­se­kun­de? — Ich las von der Tie­fe des Sees, von Fischen, die in ihm leben sol­len, von der Luft­feuch­tig­keit und vom Gewicht der Ele­fan­ten­kör­per, von der Bio­dich­te ihrer Kör­per und von Kul­tu­ren in See­nä­he sie­deln­der Men­schen. Und wäh­rend ich so vor mich hin stu­dier­te, von Sei­te zu Sei­te, von Link zu Link, ver­ging eine Stun­de Zeit. Plötz­lich erin­ner­te ich mich an das Buch, das ich neben mir abge­legt hat­te, und setz­te mei­ne Lek­tü­re fort. — Heu­te ist Nadi­ne Gor­di­mer gestor­ben. — stop

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mohn

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del­ta : 4.02 — In einem Brief, von dem ich berich­ten darf, erzählt M. von der kur­di­schen Land­schaft, in der sie groß gewor­den war, eine kar­ge Gegend, Gebir­ge. Ich ken­ne den Namen der klei­nen Stadt, in der M. die höhe­re Schu­le besuch­te, ja, ich ken­ne den Namen die­ser Stadt mit ihren brau­nen und grau­en Häu­sern. Ich darf den Schnee beschrei­ben, den Schnee, der Meter hoch in den Dör­fern lag, aber nicht den Namen der Dör­fer selbst, oder den Namen der Stadt, die zwei Fuß­stun­den ent­fernt von M.s Hei­mat­dorf am Fuße eines Ber­ges liegt, der so hoch in den Him­mel ragt, dass manch­mal der Schnee auf sei­nen Gip­fel­hän­gen über den Som­mer hin lie­gen bleibt. Wie lang der Tag sein kann, wenn man allein ist, schreibt M. Wenn ihr schwer sei, spie­le sie mit Stei­nen, die sie gegen eine Wand ihres Zim­mers wer­fe, es ist ein Kin­der­spiel, und die Stei­ne sind so alt wie M. selbst. Sie erin­nert sich, dass ihre Brü­der im Som­mer, man konn­te den Schnee auf dem hohen Berg in der Nähe leuch­ten sehen, auf einer Wie­se über dem Dorf Fuß­ball spiel­ten. Es war ein stark geneig­tes Spiel­feld, man spiel­te berg­auf oder man spiel­te berg­ab. Die jun­gen Män­ner hat­ten zum Tal hin einen Stein­wall errich­tet, um den Ball dar­an zu hin­dern, ins Tal zu rol­len. Jetzt, schreibt M., sei die Wie­se wie­der eine Wie­se ohne Tore. Im Früh­ling wächst auf der Wie­se Mohn, dass alles ganz rot ist. Von den Brü­dern lebt nur noch einer, von dem nie­mand weiß, wo er sich befin­det. — stop
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von stäbchen von rädchen

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del­ta : 6.12 — Im Traum hat­te ich an einer Appa­ra­tur gear­bei­tet, mit deren Hil­fe ich bald in der Lage sein wer­de, hand­schrift­li­che Noti­zen der­art zu ver­klei­nern, dass ich Papie­re von der Grö­ße einer Brief­mar­ke beschrei­ben könn­te, sagen wir, eine Erzäh­lung von 85 Sei­ten à 1800 Zei­chen auf einer Luft­post­mar­ke Finn­lands zu 80 Cent. Ich könn­te in die­ser Arbeit der Ver­klei­ne­rung oder Ver­dich­tung auf eine Lupe ver­zich­ten, wür­de auf übli­chen Papie­ren notie­ren, wäh­rend mit­tels mecha­ni­scher Über­tra­gung, fast geräusch­los von hun­der­ten Stäb­chen zu hun­der­ten Räd­chen, Zei­chen für Zei­chen in mikro­sko­pi­sche Dimen­sio­nen tran­skri­biert wer­den wür­de. Eine Biblio­thek könn­te in weni­gen Jah­ren mit mir in einem Brief­mar­ken­al­bum rei­sen, eine Biblio­thek, deren Mikro­gramm­bü­cher selbst­ver­ständ­lich nicht les­bar wären, ohne sie unter ein Mikro­skop zu legen, eine Biblio­thek jedoch, die mich glück­lich stim­men wür­de, ich wüss­te, dass sie exis­tiert und mit ihr die Mög­lich­keit des Lesens all der ver­steck­ten Geschich­ten, die im Moment des erin­nern­den Gedan­kens, schon wie­der so groß gewor­den sind, wie sie immer waren. — stop
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frau blum

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del­ta : 5.08 — In der Biblio­thek ent­deck­te ich vor eini­ger Zeit einen Zet­tel. Der Zet­tel steck­te in einem Buch, das ich ent­lie­hen hat­te, um nach einer Geschich­te zu suchen, die ich viel­leicht schon ein­mal gele­sen haben könn­te vor vie­len Jah­ren. Es war eine Geschich­te, die von einem Gespräch erzählt, wel­ches Frau Blum mit ihrem Milch­mann führ­te, in dem sie dem Milch­mann Bot­schaf­ten sen­de­te, ein Ver­hal­ten, das not­wen­dig gewe­sen war, weil Frau Blum übli­cher­wei­se schlief, wenn der Milch­mann früh­mor­gens das Haus besuch­te, in dem sie wohn­te. Die­se Geschich­te, ein wun­der­ba­res Stück, hat Peter Bich­sel geschrie­ben, eine gan­ze Welt scheint in ihr ent­hal­ten zu sein, obwohl sie so kurz ist, drei Sei­ten, dass man sie von einer Sta­ti­on zur nächs­ten Sta­ti­on in einer Stra­ßen­bahn rei­send Wort für Wort zu Ende lesen könn­te. Ich erin­ne­re mich, das Buch lag weich in mei­ner Hand, es war etwas schmut­zig, zer­le­sen, auf sei­ner Rück­sei­te waren eini­ge dut­zend Stem­pel­auf­trä­ge zu fin­den, so wie man das frü­her noch mach­te, Bücher mit Rück­ga­be­ter­mi­nen zu ver­se­hen, so dass jeder sehen konn­te, wie oft das Buch bereits gele­sen wor­den war. Die­ses Buch, von dem ich gera­de erzäh­le, war seit über zwan­zig Jah­ren nicht mehr aus­ge­lie­hen wor­den. Ich stell­te mir vor, dass das Bänd­chen viel­leicht hin­ter eine der Bücher­rei­hen gerutscht sein könn­te, wes­we­gen es lan­ge Zeit nicht gefun­den wer­den konn­te. Ver­mut­lich war das Buch längst ver­lo­ren gemel­det, so dass ich ein Buch­ex­em­plar in Hän­den hielt, das in den Ver­zeich­nis­sen der Biblio­thek nicht län­ger exis­tier­te. Ander­seits scheint es mög­lich zu sein, dass das Buch ver­steckt wor­den sein könn­te. Viel­leicht war es von genau jener Per­son ver­steckt wor­den, die den Zet­tel in das Buch gelegt hat­te, eine Per­son, die mög­li­cher­wei­se bereits gestor­ben ist. Das alles ist natür­lich rei­ne Spe­ku­la­ti­on, allein die Exis­tenz des Zet­tels ist sicher. Dort war in blau­er, akku­ra­ter Schrift zu lesen: Wie man einen Ver­merk schreibt, um sich an gele­se­ne Geschich­ten erin­nern zu kön­nen. – stop
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mosul

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india : 4.38 — Auf Ton­do­ku­ment 150105 ent­deck­te ich mei­ne Stim­me. Ich konn­te mich an Gedan­ken, die ich vor lan­ger Zeit in mein Auf­nah­me­ge­rät gespro­chen hat­te, nicht erin­nern. Es war so gewe­sen, als ob ein ande­rer mit mei­ner Stim­me gespro­chen haben wür­de. Ich beob­ach­te­te damals eine Uhr, wäh­rend ich erzähl­te, was ich sah. Es war ver­mut­lich die Uhr eines bota­ni­schen Gar­tens. Die Stim­me eines fröh­li­chen Kin­des sprach von der Schön­heit blü­hen­der Kak­teen in mei­ner Nähe. Ich sag­te: Über einer höl­zer­nen Schwing­tü­re wur­de eine Uhr befes­tigt, die sich sel­ten bewegt. Man scheint immer nur das Ergeb­nis der Bewe­gung des Minu­ten­zei­gers zu sehen, nie die Bewe­gung selbst, weil sie sich rasend schnell voll­zieht. Man muss dar­um eine Zeit lang war­ten, bis man tat­säch­lich wahr­neh­men kann, dass der Zei­ger sich bewegt. Es ist drin­gend erfor­der­lich, die Augen nicht zu schlie­ßen und sich zugleich das Ant­litz der Uhr­schei­be gut ein­zu­prä­gen. Zu war­ten lohnt sich. — Fünf Uhr sechs­und­drei­ßig in Mos­ul, Irak. — stop
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valletta : west street

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nord­pol : 2.54 — Ges­tern Abend erreich­te mich eine E‑Mail von Geor­ges. Er schreibt: Mein lie­ber Lou­is, wie ich durch die Stadt Val­let­ta schlen­der­te, bemerk­te ich in der West Street nahe St. Lucia eine klei­ne Werk­statt. Sie war düs­ter, aber gera­de noch hell genug, dass ich ein Mäd­chen erken­nen konn­te, das an einem Tisch saß, sie schien Haus­auf­ga­ben zu machen. Ich rich­te­te mei­ne Kame­ra auf das Mäd­chen, um es zu foto­gra­fie­ren, da hob sie den Kopf und sah mich an, mit einem freund­li­chen Blick. Ich frag­te, ob ich ein­tre­ten dür­fe. Es war ein wirk­lich düs­te­rer Ort, das Licht der Stra­ße erreich­te gera­de noch den Tisch, auf dem das Schul­heft des Mäd­chens lag, und es war kühl, und es ging ein leich­ter Wind. In der Tie­fe des Rau­mes erkann­te ich einen wei­te­ren Tisch, der von einer Glüh­bir­ne beleuch­tet wur­de, die ohne Schirm von der Decke bau­mel­te. Hin­ter dem Tisch hock­te ein dun­kel­häu­ti­ger, alter Mann mit wei­ßem Haar. Ich grüß­te auch in sei­ne Rich­tung. Als ich mich gera­de her­um­dre­hen woll­te, um auf die Stra­ße zurück­zu­keh­ren, schal­te­te der Mann einen glä­ser­nen Leucht­glo­bus an. Ein schö­nes blau­es und gel­bes Licht von Mee­ren und Wüs­ten strahl­te in den Raum, vor des­sen Wän­den Rega­le bis zur Decke rag­ten. Dort war­te­ten wei­te­re Erd­ku­geln, es waren eini­ge Hun­dert bestimmt. Ich bemerk­te, dass der Mann auf dem Tisch Gläs­chen mit Far­be zu einer Rei­he abge­stellt hat­te, er selbst hielt einen fei­nen Pin­sel und ein Mes­ser mit einer win­zi­gen Klin­ge in der Hand. Außer­dem ruh­te der Glo­bus vor dem Mann auf dem Kopf, viel­leicht des­halb, weil er ein­mal aus sei­ner Fas­sung genom­men und augen­schein­lich her­um­ge­dreht wor­den war, der Süd­pol befand sich im Nor­den, der Nord­pol im Süden der leuch­ten­den Kugel, an wel­cher der Mann mit sei­nen Werk­zeu­gen arbei­te­te. Es war eine Arbeit für ruhi­ge Hän­de. In dem Moment, als ich näher gekom­men war, nah­men sie gera­de die Ent­fer­nung des Schrift­zu­ges Cape Town vor, der selbst auf dem Kopf ste­hend in das Blau des Mee­res jen­seits des afri­ka­ni­schen Kon­ti­nen­tes reich­te. Aus nächs­ter Nähe nun beob­ach­te­te ich, wie der alte Mann die Spu­ren, die die Radie­rung des Schrift­zu­ges erzeugt hat­te, mit blau­er Far­be füll­te. Immer wie­der prüf­te er indes­sen den Ton der Pig­men­te, in dem er eine Lupe in sein lin­kes Auge klemm­te. Er schien weit­ge­hen­de Erfah­rung in die­ser Arbeit gesam­melt zu haben, sei­ne Hän­de beweg­ten sich schnell, es roch nach Ter­pen­tin, und der Mann hauch­te gegen das Meer, wohl um sei­ne Trock­nung zu beschleu­ni­gen. Dann begann er zu schrei­ben, er schrieb Cape Town, er schrieb die Wör­ter so, dass sie rich­tig her­um vor unse­ren Augen erschie­nen. Ich erin­ne­re mich an ein Motor­rad, das auf der Stra­ße vor­bei knat­ter­te. Das Mäd­chen hat­te sei­ne Schul­hef­te geschlos­sen und war ins Licht der Son­ne getre­ten. Plötz­lich war es ver­wun­den. — stop
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