Aus der Wörtersammlung: rinne

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vögel

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del­ta

~ : oe som
to : louis
sub­ject : VOEGEL
date : april 24 13 2.05 p.m.

Ich hör­te, wie Noe mit Vögeln sprach. Eine Stun­de lang war sei­ne knis­tern­de Stim­me zu ver­neh­men. Er flüs­ter­te: Hal­lo, hier ist Noe, seht ihr mich? Schaut her, was für ein Wun­der!  Aber dann, sobald sich die Vögel von ihm ent­fern­ten, wur­de sei­ne Stim­me laut, sein Aus­druck nach­drück­lich. Er ver­such­te sich bemerk­bar zu machen, als ob er hoff­te, sie wür­den ihn mit sich neh­men. Nie­mand kann sei­ne Stim­me hören, nur wir kön­nen Noes Stim­me hören! Gegen drei Uhr habe ich Tau­cher Noe ange­spro­chen, um ihn fest­zu­hal­ten, um ihn dar­an zu erin­nern, dass wir noch bei ihm sind. Noe, sag­te ich, Noe, hör zu! Ich erwar­te, dass Du mir erzählst, was Du siehst! — Da sind Vögel, ant­wor­te­te Noe, sehr gro­ße Vögel, Vögel, wie ich sie noch nie zuvor gese­hen habe. Wir wol­len davon schwei­gen! — Der Mor­gen kam glück­li­cher­wei­se rasch, Mar­tin mach­te sich unver­züg­lich auf den Weg in die Tie­fe, noch drei oder vier Stun­den und er wird Noe errei­chen. Unser Tau­cher indes­sen war ein­ge­schla­fen. Mehr­fach habe ich ver­sucht, ihn zu wecken. Ich sag­te: Noe, wie geht es Dir? Erzähl mir, was sind das für Vögel, die Du siehst? Kei­ne Ant­wort. Stil­le von der Tie­fe her, nichts als Noes lang­sam schla­gen­des Herz. Gegen den Mit­tag zu ver­merk­te Noe plötz­lich, wir hät­ten ihm schon lan­ge Zeit eine Bril­le ver­spro­chen. Ich mei­ne, fuhr Noe fort, dass ich ein Recht auf eine Bril­le habe, wenn ich schon lese, stun­den­lang aus Büchern lese, die ich weder wähl­te noch wünsch­te. Mei­ne Augen schmer­zen, Ihr soll­tet mich her­auf­ho­len und mir eine Bril­le ver­pas­sen. Das sag­te Noe noch vor weni­gen Minu­ten. Es klang wie eine Dro­hung. — stop. — Mitt­woch, 24. April 2013. Tau­cher Noe seit 781 Tagen unter Was­ser. — stop. Tie­fe 828 Fuß. — stop. Ahoi! Dein OE SOM

gesen­det am
24.04.2013
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oe som to louis »

polaroidqualle

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ein leises pfeifen

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bamako : 2.25 — Eine kur­di­sche Freun­din ale­vi­ti­schen Glau­bens erzähl­te mir eine Geschich­te, die eigent­lich kei­ne Geschich­te ist, son­dern ein Bericht, weil sie per­sön­lich mehr­fach erle­ben muss­te, wie ihre Toch­ter eine Freun­din mit nach Hau­se brach­te, eine jun­ge Kur­din sun­ni­ti­schen Glau­bens, die zwar mit der Toch­ter Zeit ver­brin­gen, aber nicht mit der Fami­lie essen woll­te, weil sie fürch­te­te, viel­leicht ver­gif­tet zu wer­den. Ich beob­ach­te­te einen tie­fen Schmerz in den Augen mei­ner Freun­din, wäh­rend sie erzähl­te, und auch Zorn und Ent­täu­schung. Sie erklär­te: Das sind die Eltern, die ihre Kin­der imp­fen. Wir Ale­vi­ten sind gefähr­li­che Leu­te, ver­stehst Du, wir sind lebens­ge­fähr­li­che Leu­te. Ich fürch­te, das alles geht ein Leben lang nicht mehr aus den armen Kin­der­see­len raus! – Es ist jetzt 0 Uhr und 55 Minu­ten. Nicht wahr, das ist eine wirk­lich merk­wür­di­ge Bege­ben­heit, die ich in die­ser Nacht notie­re, um sie nicht zu ver­ges­sen. Über­haupt ver­ges­se ich zur­zeit recht viel. Vor eini­gen Tagen, wäh­rend ich mit einer wei­te­ren Freun­din tele­fo­nier­te, mach­te ich eine kur­ze Pau­se, um Kaf­fee zu kochen. Ich bat mei­ne Freun­din in der Lei­tung zu blei­ben und stand also in der Küche und erhitz­te das Was­ser, als eine Tau­be auf dem Fens­ter­brett lan­de­te. Immer, wenn ich eine Tau­be sehe, den­ke ich an Wolf­gang Koep­pen. Ich habe Wolf­gang Koep­pen ein­mal in Mün­chen in einem Kino beob­ach­tet, einen gebückt gehen­den, alten Mann mit Bril­le, der sich sehr lang­sam beweg­te. Nie­mand schien ihn erkannt zu haben, wor­über ich mich damals wun­der­te. Ich erin­ne­re mich genau, ich wun­der­te mich vie­le Tage lang und über­leg­te, ob ich Wolf­gang Koep­pen nicht einen Brief schrei­ben soll­te, um ihm zu erzäh­len, dass ich ihn gese­hen habe, im Kino und dass ich mich dar­über sehr freu­te. Plötz­lich hör­te ich vom Tisch her, auf dem mein Tele­fon lag, ein lei­ses Pfei­fen. Das Pfei­fen kam tat­säch­lich aus dem klei­nen Appa­rat her­aus. Als ich das Tele­fon anhob, wur­de das Pfei­fen lau­ter und lau­ter, und mei­ne Freun­din erzähl­te nur Sekun­den spä­ter, sie habe nicht mehr dar­an geglaubt, dass ich sie noch hören wür­de oder mich an sie erin­nern. Sie habe mei­ne Schrit­te deut­lich gehört, außer­dem soll ich mit mir selbst gespro­chen haben. – stop

ping

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elisabeth

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hima­la­ya : 6.10 — Im Win­ter des ver­gan­ge­nen Jah­res, an einem win­dig kal­ten Tag, besuch­te ich in Brook­lyn einen alten Herrn, Mr. Tomaszwes­ka und sei­ne Frau Eli­sa­beth. Sie woh­nen nahe der Clark Street in einem sechs­stö­cki­gen Haus mit Blick auf die Upper Bay von New York. Ich hat­te den alten Mann wäh­rend einer Fahrt auf einem Fähr­schiff zufäl­lig ken­nen­ge­lernt. Er beob­ach­te­te, wie ich Fahr­gäs­te foto­gra­fier­te, die ihre Namen heim­lich in die höl­zer­nen Sitz­bän­ke des Schif­fes ritz­ten. Er sprach mich freund­lich an, woll­te mir einen Schrift­zug zei­gen, den er selbst drei Jahr­zehn­te zuvor an Ort und Stel­le in der glei­chen Wei­se wie die beob­ach­te­ten Pas­sa­gie­re ein­ge­tra­gen hat­te. Stolz war der alte Mann gewe­sen. Wir führ­ten ein kur­zes Gespräch über die New Yor­ker Hafen­be­hör­de, Eisen­bah­nen und Flug­zeu­ge, weiß der Him­mel, wie dar­auf gekom­men waren. Als wir das Schiff ver­lie­ßen, lud Mr. Tomaszwes­ka mich ein, ein­mal zu ihm zu kom­men, dar­um stieg ich nur weni­ge Tage spä­ter in den sechs­ten Stock des schma­len Hau­ses auf den Höhen Brook­lyns. Die Tür zur Woh­nung stand offen, war­me Luft kam mir ent­ge­gen, die nach süßem Teig duf­te­te, nach Zimt und Früch­ten. Die Räu­me hin­ter der Tür waren ver­dun­kelt. Ich hat­te sogleich den Ein­druck, dass ich viel­leicht träum­te oder ver­rückt gewor­den sein könn­te, weil in die­sem Halb­dun­kel an den Wän­den, auch auf dem Boden, Lam­pen, Dioden­lich­ter, glüh­ten. Modell­ei­sen­bahn­zü­ge fuh­ren auf schma­len Gelei­sen her­um. Ich höre noch jetzt das lei­se Pfei­fen einer Dampf­lo­ko­mo­ti­ve, das mei­nen Besuch beglei­te­te. Es war eine rasen­de Zeit, Stun­den des Stau­nens, da in der Woh­nung des alten Herrn eine sehr beson­de­re Modell­an­la­ge gas­tier­te, ja, ich soll­te sagen, dass die Woh­nung selbst zur Anla­ge gehör­te, wie der Him­mel zur wirk­li­chen Welt. Alle Züge fuh­ren auto­ma­tisch von einem Com­pu­ter gesteu­ert, die Luft über den Gelei­sen roch scharf nach Zinn. Wir spra­chen indes­sen nicht viel, Mr. Tomaszwes­ka und ich, son­dern schau­ten dem Leben auf dem Boden in aller Stil­le zu. An einem Fens­ter, des­sen Vor­hän­ge zuge­zo­gen waren, saß Mr. Tomaszweska’s Frau Eli­sa­beth. Sie beach­te­te mich nicht, starr­te viel­mehr lächelnd auf eine klei­ne Klap­pe, die in die Wand des Hau­ses ein­ge­las­sen war. Manch­mal öff­ne­te sich die Klap­pe und ich konn­te für Momen­te das Meer erken­nen, das an die­sem Tag von grün­grau­er Far­be gewe­sen war, wun­der­ba­re Augen­bli­cke, denn immer dann, wenn das Meer in dem klei­nen Fens­ter erschien, lach­te die alte Frau mit glo­cken­hel­ler Stim­me auf, um kurz dar­auf wie­der zu erstar­ren. Ein­mal setz­te sich Mr. Tomaszwes­ka neben sei­ne Frau und füt­ter­te sie mit war­mem Oran­gen­ku­chen, den er selbst geba­cken hat­te. Und wie wir uns wie­der auf den Boden setz­ten, um ein Modell des Ori­ent­ex­press durch die Zim­mer der Woh­nung krei­sen zu sehen, erzählt der alte Mann, dass sie gemein­sam hier oben sehr glück­lich sei­en. Er kön­ne mit sei­ner Frau zwar nicht mehr spre­chen, er kön­ne sie nur noch strei­cheln, was sie irgend­wie ver­ste­hen wür­de oder sich erin­nern an die Spra­che sei­ner Hän­de. Ver­stehst Du, sag­te er, sie ver­gisst immer sofort, alles ver­gisst sie, auch wer ich bin, aber sie ver­gisst nie­mals nach den klei­nen Engeln zu sehen, die uns besu­chen, sie kom­men dort durch die Klap­pe, siehst Du, schau genau hin, es ist schon ein Wun­der, sag­te der alte Mann, wie schön sie lacht, mein jun­ges Mäd­chen, nicht wahr, mein jun­ges Mäd­chen. — stop

polaroidstrandburg

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amsterdam

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sier­ra : 7.05 — Immer wie­der wun­de­re ich mich dar­über, wie ein Bild, eine Vor­stel­lung, eine Idee, ohne mein Zutun, ohne dass ich also den Ein­druck haben wür­de, Arbeit ver­rich­tet zu haben, wei­te­re Bil­der erzeugt, Geschich­ten, Fil­me, Zeit­räu­me von Abwe­sen­heit. Ich erin­ne­re mich, in einem die­ser Räu­me kürz­lich in Ams­ter­dam gewe­sen zu sein, wäh­rend ich zur sel­ben Zeit im Zug durch süd­li­che Land­schaft reis­te. Ich hat­te das Bild eines Läd­chens vor Augen, in wel­chem in einer Pfan­ne mensch­li­che Ohren gerös­tet wur­den. Es roch gut nach gebra­te­nem Fleisch und natür­lich fra­ge ich mich, woher ich die­se Vor­stel­lung genom­men habe. Men­schen stan­den bis auf die Stra­ße hin­aus, war­te­ten gedul­dig, bis sie an der Rei­he waren, eine Por­ti­on der gerös­te­ten Ohren in einer Papier­tü­te ent­ge­gen­zu­neh­men. 100 Gramm kos­te­ten 72 eng­li­sche Pfund, viel­leicht war es des­halb, in Anbe­tracht des Prei­ses, so still im Laden, man hör­te nur ein Zischen, sobald aus einem Schäu­fel­chen eine wei­te­re Por­ti­on Ohren in die Pfan­ne fiel. Aber drau­ßen auf der Stra­ße war Tumult ent­stan­den. Wäh­rend die einen sich über den enor­men Preis der Ohren beschwer­ten, waren ande­re sehr deut­lich gegen den Ver­kauf mensch­li­cher Ohren über­haupt ein­ge­stellt. Das sind gezüch­te­te Orga­ne, sag­ten sie, sie waren nie an einem mensch­li­chen Kopf befes­tigt. Ande­re hin­ge­gen empör­ten sich dar­über, dass es doch ver­rückt sei, für etwas, das nie­mals echt gewe­sen war, eine der­art exzel­len­te Sum­me Gel­des pro Gramm bezah­len zu müs­sen. Die einen wie die ande­ren schie­nen mir recht zu haben. Fens­ter gin­gen zu Bruch, berit­te­ne Poli­zei feg­te über eine Brü­cke. Und wie ich in die­ser Wei­se in einem Zug sit­zend einen Film erleb­te aus dem Nichts, beob­ach­te­te mich ein Freund. Ich bemerk­te ihn nicht. Als ich ihm spä­ter erzähl­te, was ich erlebt hat­te, sag­te er, er habe indes­sen, in der Beob­ach­tung mei­ner Per­son, nicht den gerings­ten Laut gehört. — stop

ping

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vom zufall

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del­ta : 0.12 — Hen­ry erzähl­te, er habe vor eini­gen Wochen eine Kar­ton­schach­tel erwor­ben für 80 Cent. Zu Hau­se habe er im Inne­ren der Schach­tel ein­hun­dert­und­zwölf Schwarz-Weiß-Foto­gra­fien ent­deckt, Foto­gra­fien einer Zeit um das Jahr 1965 her­um. Men­schen, die auf die­sen Foto­gra­fien zu sehen sind, tra­gen Schuh­werk jener Jah­re, Män­tel, Hüte. Auch Auto­mo­bi­le, die da und dort im Hin­ter­grund zu sehen sind, ver­wei­sen auf die Mit­te eines Jahr­zehn­tes, als Hen­ry selbst gebo­ren wor­den war. Er habe die Bil­der nun digi­ta­li­siert und wür­de sie in weni­gen Tagen auf einer Web­sei­te ver­öf­fent­li­chen mit der Bit­te, sich bei ihm zu mel­den, sobald man sich selbst auf einer der Foto­gra­fien ent­de­cken wür­de. Ich woll­te wis­sen, war­um er so han­de­le. Hen­ry ant­wor­te­te, er habe das Gefühl, die­se Auf­nah­men könn­ten viel­leicht feh­len, irgend­je­man­dem, einem Album, einer Geschich­te. Ja, selbst­ver­ständ­lich sei ihm bewusst, dass nur durch einen Zufall sei­ne Sei­te von genau jenen Men­schen besucht wer­den wür­de, die sich wie­der erken­nen könn­ten, es gehe ihm rein um die Mög­lich­keit, dass sich die­ser Zufall ereig­nen kön­ne, er habe im Grun­de die Mög­lich­keit eines Zufal­les geschaf­fen. Eine der Foto­gra­fien soll ein höl­zer­nes Feu­er­wehr­au­to zei­gen, das von Kin­der­hand geführt über einen Tep­pich fährt. In dem Tep­pich sei ein Loch, das ihn an ein Brand­loch erin­nert habe. Eine wei­te­re Auf­nah­me zei­ge eine Gar­di­ne, die sich im Wind zu bewe­gen schei­ne, im Hin­ter­grund etwas Him­mel, Wol­ken und ein Flug­zeug. Und die­se alte Frau, die auf einer Park­bank sitzt, sie wird, sag­te Hen­ry, viel­leicht oder sehr sicher nicht mehr unter den Leben­den sein. Sie hält einen Foto­ap­pa­rat, es könn­te sich um eine Lei­ca han­deln, in ihren Hän­den. Die alte Frau lacht, es ist Som­mer, sie lacht wie jene ande­re, etwas jün­ge­re Frau, die auf einem stei­ni­gen Weg breit­bei­nig steht, ein Fuß ist zur Sei­te geknickt, auch sie hält eine Kame­ra, ein Lei­ca viel­leicht, ihn ihren Hän­den. — stop

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lissabon

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sier­ra : 6.52 — Eines der letz­ten beweg­ten Bil­der, die ich von mei­nem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in sei­nem Arbeits­zim­mer am Com­pu­ter arbei­tet. Auf dem Bild­schirm sind dut­zen­de Pro­gramm­fens­ter geöff­net. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungs­los in sei­nem Ses­sel. Manch­mal tas­tet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wie­der auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zei­ger über den Bild­schirm fah­ren. Ein wei­te­res Pro­gramm­fens­ter öff­net sich. Ein klei­nes Mäd­chen fährt in die­sem Fens­ter auf einem Fahr­rad über einen san­di­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­ni­en dahin, lacht hoch zur Kame­ra, die rück­wärts durch die Luft zu flie­gen scheint. Es ist ein hei­te­rer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorn ab. Aber dann öff­net sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fens­ter, das den hei­te­ren Film ver­deckt. Eine Foto­gra­fie, Mut­ter nahe Lis­sa­bon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­pu­ter sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schu­he. Auch mei­ne Mut­ter trägt Turn­schu­he. Ich frag­te mich, wer die­se Auf­nah­me mach­te, und kom­me nicht dar­auf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Foto­gra­fen viel­leicht. In die­sem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­gra­fie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zim­mer her, dass das Mit­tag­essen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fens­ter, die er im Lau­fe des Vor­mit­ta­ges geöff­net hat­te, wie­der zu schlie­ßen. Nein, alles muss auf­ge­räumt wer­den. Mein Vater steht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsi­che­ren Schrit­tes auf die Trep­pe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zei­ger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Pro­gramm­fens­ter nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schlie­ßen der Fens­ter zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu ent­de­cken, nicht zu erken­nen. Der Zei­ger irrt auf dem Bild­schirm her­um, Fens­ter drän­gen sich in den Vor­der­grund und ver­schwin­den wie­der. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schrit­te auf der Trep­pe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Gar­ten her. Im Zim­mer auf dem Schreib­tisch ist der Com­pu­ter längst ein­ge­schla­fen. — stop

ping

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auf der roseninsel

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india : 5.15 — Ich habe etwas Lus­ti­ges geträumt. War nachts mit einem Zug nach Pos­sen­ho­fen gefah­ren. Ein har­ter Win­ter, ich schlen­der­te am Ufer des Starn­ber­ger Sees. Man­schet­ten von Eis umsäum­ten Stei­ne und Höl­zer, die im Nied­rig­was­ser sicht­bar gewor­den waren. Ich erin­ne­re mich, dass ich ver­such­te Wör­ter zu fin­den für Geräu­sche, die mei­ne Schrit­te auf dem gefro­re­nen Boden erzeug­ten. Ich hat­te viel Zeit, ich war auf dem Weg zur Rosen­in­sel. Eich­hörn­chen flitz­ten durchs Unter­holz, auf Bän­ken, wel­che ich pas­sier­te, saßen gefro­re­ne Men­schen, das war selt­sam, weil sie alle lächel­ten, als wäre das Erfrie­ren ein ange­neh­mer Vor­gang gewe­sen. Außer­dem konn­ten sie lei­se spre­chen. Wenn ich ihnen eine Fra­ge stell­te, näm­lich, ob ich auf dem rich­ti­gen Weg zur Rosen­in­sel sei, ant­wor­te­ten sie, ja ja, ihre Stim­men kamen aus den Ohren der gefro­re­nen Gestal­ten her­aus, sodass ich den Ein­druck hat­te, in den mensch­li­chen Kör­pern wür­den wei­te­re Kör­per sit­zen. Auch Fische spa­zier­ten im Traum her­um, auf Füs­sen, an wel­chen sie Wan­der­schu­he tru­gen. Dann war ich irgend­wann ange­kom­men und war­te­te am Ufer, ob mich jemand holen wür­de. Das Was­ser an die­ser Stel­le leuch­te­te, ein Licht, das sich beweg­te. Plötz­lich tauch­te ein klei­nes U‑Boot aus dem Was­ser. Es hat­te die Form einer Zigar­re und war durch­sich­tig und kam sehr nah an das Ufer her­an. Eine Luke öff­ne­te sich. Robert De Niro wink­te und er sag­te, ich sol­le zu ihm ins Boot stei­gen. Wir tauch­ten dann rüber zur Insel, es war Tag als wir ange­kom­men waren, Som­mer. Auf einer Bank saß mein Vater, er las in einer Zei­tung. Hier, in sei­ner Nähe, wach­te ich auf, weil mein Wecker klin­gel­te. Ich nahm den Wecker in die Hand, und als ich drei Stun­den spä­ter wie­der ein­mal wach gewor­den war, hat­te ich den Wecker noch immer der Hand, so wie es sein muss, mit den Weckern, wenn man sie träumt. — stop

polaroidwolken

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eleonore

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del­ta : 2.42 — Von Eleo­no­re weiß ich nichts, außer, dass sie über win­zi­ge Hän­de ver­fügt. Das ist nicht viel, nein, nicht viel, viel­leicht soll­te ich erwäh­nen, dass sie die Luft sehr lan­ge Zeit anzu­hal­ten ver­mag. Ich habe vor Kur­zem noch mit ihr das Luft­an­hal­ten geübt, wie saßen vor­ein­an­der und lach­ten, dann sag­te sie: Jetzt, und schloss ihren Mund. Auch ich schloss mei­nen Mund, ich mach­te einen Strich aus ihm in mei­nem Gesicht. Es war natür­lich Ehren­sa­che, dass in der Zeit unse­res Wett­kamp­fes weder von ihr noch von mir durch die Nase geat­met wur­de. Zunächst übten wir eine Minu­te, dann zwei, bis dahin hat­ten wir uns nur gewärmt oder ent­spannt, um sehr bald 2 Minu­ten und drei­ßig Sekun­den lang die Luft anzu­hal­ten, was mir bereits Schmer­zen berei­te­te, ich muss­te mich kon­zen­trie­ren, wäh­rend Eleo­no­re mich völ­lig ent­spannt betrach­te­te. In der Dis­zi­plin eines Atem­still­stan­des von drei Minu­ten und drei­ßig Sekun­den senk­te sie ihre Augen, nicht weil sie kämp­fen muss­te, son­dern weil sie mei­ne Hän­de beob­ach­te­te, die ein wenig zit­ter­ten, ich hat­te sie zu Fäus­ten geballt, ein Zei­chen, dass ich bald auf­ge­ben wür­de, wie man mir spä­ter erzähl­te. Das war nach mei­ner zwei­ten Ohn­macht gewe­sen, ich wur­de näm­lich schläf­rig nach 3 Minu­ten und 45 Sekun­den, sowie nach einer Übung von über 4 Minu­ten. Hier ende­te unser gemein­sa­mes Trai­ning, weil Eleo­no­re nicht wei­ter­ma­chen woll­te, da ich kein ernst­zu­neh­men­der Geg­ner für sie war. Statt­des­sen durf­te ich ihr zuse­hen, wie sie ver­such­te, in ihrer Lieb­lings­dis­zi­plin, der Lang­zeit­stre­cke von über sechs Minu­ten, eine schwie­ri­ge Rechen­auf­ga­be zu lösen. Sie notier­te ein Ergeb­nis, eine grö­ße­re Zahl, auf ein Blatt Papier in der ach­ten Minu­te, und sank dann laut­los in ihrem Stuhl in sich zusam­men, wo sie in die­ser Minu­te noch immer sitzt und fest zu schla­fen scheint. Mehr­fach habe ich ver­sucht, sie zu wecken, indem ich ihren Namen rief. Mit jedem mei­ner Rufe wuchs die Furcht, sie zu berüh­ren. Es ist jetzt eine hal­be Stun­de ver­gan­gen, drau­ßen vor dem Fens­ter summt eine kal­te Nacht. Nein, nein, ich bin nicht wirk­lich beun­ru­higt, denn ich mei­ne zu erken­nen, dass sich Eleo­no­res Brüs­te heben und sen­ken. Auch ihre Hän­de schei­nen sich leicht zu bewe­gen. Sie sind tat­säch­lich außer­or­dent­lich klein, es sind die Hän­de eines Mäd­chens an den Armen einer erwach­se­nen Frau, und sie sind weiß, ich erin­ne­re mich, sie waren schon immer sehr weiß gewe­sen. — stop

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chile

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echo : 6.05 — Der Spatz, der ges­tern Nach­mit­tag auf dem Brett vor dem Fens­ter saß, war ein küh­ler Vogel gewe­sen. Von der Käl­te der Luft so lang­sam gewor­den, konn­te ich ihn ohne Gegen­wehr in mei­ne Hän­de neh­men. Drau­ßen ist es jetzt schon lan­ge dun­kel gewor­den. Der klei­ne Vogel kau­ert in der Nähe der Hei­zung in einem Körb­chen auf einem Tuch und scheint zu schla­fen. Ich fra­ge mich, wie er den Novem­ber, den Dezem­ber, den Janu­ar über­le­ben konn­te. Es ist über­haupt seit län­ge­rer Zeit der ers­te Spatz, der mir begeg­net. Wenn ich dar­über nach­den­ke, weiß ich nicht ein­mal mehr, über wel­che Stim­me Spat­zen oder Sper­lin­ge gebie­ten. Ich höre hier in der Stadt im Som­mer noch das sir­ren­de Gespräch der Schwal­ben und im Win­ter das Gur­ren der Tau­ben vom Dach her und mor­gens ein­sa­me Amseln sin­gen. Die Stim­men der Sper­lin­ge aber sind ver­lo­ren gegan­gen. Gera­de noch habe ich in den Brief­mar­ken­samm­lun­gen mei­nes Vaters geblät­tert, die zu einer Zeit ange­legt wor­den waren, als in Mit­tel­eu­ro­pa noch Wol­ken von Spat­zen durch die Gär­ten wir­bel­ten. Es ist ein eigen­tüm­li­cher Geruch, der von den Alben aus­geht, lan­ge wur­den sie nicht geöff­net. Auch Brie­fe sind dort archi­viert, kost­ba­re Schrift­stü­cke einer Zeit, da mein Vater noch lan­ge nicht exis­tier­te. In die­ser Minu­te erin­ne­re ich mich an einen beson­de­ren Brief, den ich vor Jah­ren ein­mal auf mei­nem Schreib­tisch gefun­den hat­te, ich berich­te­te bereits, es war ein Luft­post­brief. Als ich das Cou­vert des Brie­fes genau­er betrach­te­te, das heißt, als ich den Brief so nahe an mei­ne Augen her­an­führ­te, dass ich die Stem­pel­ein­trä­ge sei­ner Anschrif­ten­sei­te ent­zif­fern konn­te, bemerk­te ich, dass der Luft­post­brief bereits vor lan­ger Zeit in Euro­pa auf­ge­ge­ben und über den Atlan­tik geflo­gen wor­den war. In Sant­ia­go de Chi­le dann ange­kom­men, konn­te der Brief nicht zuge­stellt wer­den, ver­mut­lich weil die Zei­chen, die den Brief beschrif­te­ten, kaum zu ent­zif­fern gewe­sen waren. Nach eini­gen Wochen War­te­zeit, reis­te der Brief, nun mar­kiert mit einem Schild­chen in blau­er, spa­ni­scher Far­be: Impo­si­ble de ent­re­gar! *, über den Atlan­tik zurück, um sich nur weni­ge Tage spä­ter erneut auf den Weg über das Meer nach Chi­le zu bege­ben. Ein wei­te­rer Schrift­zug war hin­zu­ge­kom­men, ein fei­ner, aber groß­zü­gi­ger Stem­pel­auf­druck: -Die­se Sen­dung wur­de von einem Blin­den geschrie­ben!- Zwei fri­sche Wert­mar­ken, nichts sonst ver­än­dert. Und so mach­te sich der Brief bald dar­auf ein vier­tes Mal auf den Weg über das Meer wie­der nach Euro­pa zurück und lan­de­te, weiß der Him­mel, war­um, in mei­ner Nähe, in der Nähe mei­ner Schreib­ma­schi­ne.- stop

* Nicht zustellbar

polaroidlouisa

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schwäne

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sier­ra : 6.26 — Beob­ach­tung in die­ser Nacht, eine Wie­der­ho­lung, dass sich in der Welt mei­ner Vor­stel­lung, die Zeit ohne Aus­nah­me in eine Rich­tung zu bewe­gen scheint. Sobald ich mich an einen Ort zurück­ver­set­ze oder mich mit einem Ereig­nis ver­bin­de, mich also erin­ne­re, an einen August­tag am Starn­ber­ger See bei­spiels­wei­se, bewe­ge ich mich als klei­ner, von der Son­ne gebräun­ter Jun­ge unver­züg­lich vor­wärts wei­ter. Auch alle Schwä­ne bewe­gen sich vor­wärts wei­ter, Flie­gen, Stim­men, Wel­len, Som­mer­fä­den. Es sind in mei­ner erin­nern­den Arbeit stets nur sprung­haf­te Bewe­gun­gen in der Zeit mög­lich, als wür­de der Raum, der zwi­schen bei­den vor­ge­stell­ten Zeit­or­ten liegt, nicht exis­tie­ren. — stop

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