22 Uhr 38

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ulysses : 22.51 — Wie viele Wörter mein­er Sprache sind mir zu diesem Zeit­punkt unbekan­nt? — Das Wort Hohlbratze, von dem ich bish­er nichts wusste. Da kön­nten noch weit­ere Wörter sein. — stop

von apfelbäumen

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tan­go : 20.02 — In der Schnell­bahn hörte ich eine Stimme, die von Blütenbestäu­bern erzählte. Immer wieder unter­brochen von schep­pern­den Maschi­nengeräuschen, welche Hal­tes­ta­tio­nen kom­men­tierten, ver­mochte ich nicht alle Fäden der Geschichte wahrzunehmen. Soviel habe ich ver­standen. Ein Apfel­baum­garten soll existieren, dessen Bienen­völk­er ver­stor­ben sind, auch Hum­meln und Wespen und Schmetter­linge seien nicht erschienen, nicht ein­mal Fal­ter, nur sel­ten Vögel, Domp­faf­fen und Zeisige, Sper­linge aber nicht. Es sei nun der Aufruf ergan­gen, man möge sich, wenn man Zeit find­en könne, melden, man wür­den dann mit­tels eines feinen Pin­sels auf ein­er Leit­er in die Bäume steigen, um Biene oder Zitro­nen­fal­ter zu spie­len. Wie gern würd ich mich melden, wenn ich nur wüsste wo und beim wem? — stop

ping

lakritze

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MELDUNG. Ein halbes Pfund Lakritze im Lafayette [Rue de la Chaussee d’ Antin, Paris ], damit in der Tüte ist Odile, eine Rose, zwanzigzwölf voller Glück über die Straße gegan­gen. — stop

ping

winterherz

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gink­go : 15.08 — Nehmen wir ein­mal an, es existierten Men­schen, die je über ein schla­gen­des, demzu­folge ein aktives Herz ver­fü­gen, und außer­dem über ein wartendes Herz, das ganz still im Brustko­rb liegt, klein, gefal­tet, ein Alter­sh­erz oder ein Win­ter­herz. Von dieser Vorstel­lung wollte ich gestern ein­er Bekan­nten am Tele­fon erzählen als unsere Verbindung plöt­zlich unter­brochen wurde. — Claude Lanz­mann ist im Alter von 92 Jahren gestor­ben. — stop

ping

von lampen

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tan­go : 22.15 — Ein Mann schob einen kleinen Wagen einen Flur ent­lang. Der Wagen war bepackt mit größeren oder kleineren elek­trischen Lam­p­en, die der Mann entzün­det hat­te, so als wollte er, dass ich sie alle sehen kön­nte, vielle­icht um sie an mich zu verkaufen. Nein, eigentlich war das ganz anders gewe­sen, ich wusste, der Mann verkaufte keine Lam­p­en, son­dern er tauschte Lam­p­en aus, Deck­en­lam­p­en, Schreibtis­chlam­p­en, Notleucht­en, Licht­tape­ten, glim­mende Stäbchen, auch fliegende Lichter, Drohnen­leucht­en. Die Dro­hen, sehr kleine Wesen, sausten um seinen Kopf herum, als wären sie Insek­ten, Fliegen, die Stirn­lam­p­en tru­gen, mit welchen sie mehr oder min­der frei­willig aus­gerüstet, ihren Flug doku­men­tierten. Wahre Wolken von Licht waren zu bemerken, auch saßen Fliegen auf dem Rück­en des Mannes, der in ein­er Weise leuchtete, als wäre Schnee gefall­en. Da war noch eine Sch­necke, die sich über seinen Hals bewegte, auch die Sch­necke leuchtete: Das sehr schön aus, das viele Licht und der Mann, der seinen schaukel­nden Wagen über den Flur schob, ger­ade eben auf mich zu. Plöt­zlich blieb der Mann ste­hen. Er fragte, ob ich die Sch­necke haben wolle, sie sei zahm, sie ernähre sich von Staub, den sie zu sehr feinen Würm­chen pressen würde, welche ich dann bequem auf­sam­meln kön­nte. Außer­dem sei sie sehr schön anzuse­hen nachts auf ihrer Wan­derung durch die Dunkel­heit. Ohne eine Antwort abzuwarten, fasste sich der Mann an seinen Hals und zog am Gehäuse der Sch­necke, die sich wehrte, sie leuchtete zunächst rot und dann blau, und wurde schliesslich in dem Moment, da sie sich vom Hals des Mannes löste, grün. So, in dieser grü­nen Farbe leuch­t­end, reiste sie an der Hand des Mannes durch die Luft. Kurz darauf hock­te sie an meinem Hals dicht unter dem Kinn. Ich ver­mochte ihr Licht an mein­er Schul­ter erken­nen, die Sch­necke schien sich wohl zu fühlen, leuchtete in einem schwachen Orange, das pulsierte, langsam, beruhi­gend. Ich solle ihr einen Namen geben, sagte der Mann. Dann war Mor­gen, es reg­nete, selt­samer­weise aus ein­er Wolke, die sich unmit­tel­bar über meinem Bett unter Zim­merdecke türmte. — stop

 

samia yusuf omar

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delta : 0.05 — Exakt 2142 Tage zurück, am Mon­tag, dem 20. August 2012, melde­ten Nachricht­e­na­gen­turen, die soma­lis­che Sprint­erin Samia Yusuf Omar sei auf dem Weg nach Lon­don zu den olymp­is­chen Spie­len ertrunk­en. Sie reiste auf einem Flüchtlingss­chiff von Libyen aus nord­wärts. Die Havarie des Bootes soll sich im Kanal von Sizilien nahe der Insel Mal­ta bere­its Anfang April ereignet haben. Einzige Vertreterin ihres Heimat­landes während der olymp­is­chen Spiele 2008 in Peking, hat­te sich Samia Yusuf Omar allein auf den gefährlichen Weg nach Europa begeben. Sie lebte 22 Jahre. — Und all die Namen­losen. — stop / Kof­fer­text

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afrika

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echo : 0.08 — Ein Mäd­chen wartet vor ein­er Ampel an der Hand sein­er Mut­ter. Auf der anderen Seite der Straße ste­ht ein Mann in einem weit­en, bun­ten Gewand. Er ist von schwarz­er Haut­farbe und spricht mit lauter Stimme in ein Tele­fon. Das Mäd­chen fragt die Mut­ter: Warum redet der Mann so laut? Die Mut­ter antwortet: Der Mann tele­foniert mit Afri­ka, das ist weit ent­fer­nt. Das Mäd­chen schaut zu dem Mann hinüber. Plöt­zlich sagt es: Das ist aber sehr weit ent­fer­nt. — stop

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denkbar

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marim­ba : 22.45 — Wenn ein­er schreibt in sein­er Wut, dass er den ein oder anderen Men­schen gerne vertreiben oder schla­gen oder pfählen würde, würde er in der Wirk­lichkeit jen­seits der Com­put­er­schreib­mas­chine vor seinem Haus nicht sofort tun, was er beschrieb. Aber vielle­icht, wenn viele Men­schen schreiben, dass sie den ein oder anderen Men­schen gerne vertreiben oder schla­gen oder pfählen wür­den, und er das liest und sich selb­st wieder­holt, wird er sich vielle­icht bald staunend bei der Pfäh­lung eines Men­schen beobacht­en, ein­er Hand­lung, die ihm kurz darauf schon selb­stver­ständlich und richtig vorkom­men wird. Das ist denkbar. — stop

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pong

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alpha : 20.02 — Kaum eine halbe Stunde ist ver­gan­gen, seit ich den Wun­sch ver­spürte, mich zu beruhi­gen. Das war vor allem deshalb gewe­sen, weil ich meinen Puls in den Ohren schla­gen hörte. So sehr hat­te ich mich aufgeregt über einen kleinen Text, dem ich auf Posi­tion Twit­ter begeg­net war, dass ich kaum noch denken kon­nte. Ich dachte nur das eine: Du bist wütend, Louis! Ich set­zte mich also auf einen Stuhl und konzen­tri­erte mich auf die Erfind­ung eines Wortes. Das half, das war schon immer so gewe­sen. Einige Wörter, die ich bis­lang nicht kan­nte, also ent­deck­te, sind Geburten seel­is­ch­er Span­nung. Auch dies­mal war bald Ruhe eingekehrt, nach­dem ich das Wort Zikaden­pauke for­mulierte. Ver­mut­lich waren meine Ohrg­eräusche unmit­tel­bar für das Wort ver­ant­wortlich. Aber das ist im Grunde nicht wesentlich. Das Wort ist ent­deckt und kann nun von Such­maschi­nen gefun­den, fest­ge­hal­ten und weit­ergegeben wer­den. — stop

sandmann

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ulysses : 22.08 UTC — Irgend­wo, nicht les­bar für mich, soll im World Wide Web die schriftliche Arbeit ein­er Frau existieren, die vor Jahren ein­mal über eine ver­schlüs­selte Daten­verbindung mit einem Mann kon­fron­tiert gewe­sen war, der sie bedro­hte. Ich weiß nicht, was genau geschehen war. Nur soviel, dass diese Frau sei­ther einen Text notiert, der in ihrer Vorstel­lung niemals enden darf, weil sie der Überzeu­gung ist, ihre schreibende Arbeit würde sie schützen. Dieser Text, in chi­ne­sis­ch­er Sprache ver­fasst, soll sein­er­seits von ein­er bedro­ht­en Frau erzählen, die sich Tag für Tag erin­nert und fürchtet, eine Beschwörung, die Geschichte eines Lebens ohne Schlaf. — stop

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von geckos

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nord­pol : 22.32 UTC — Irgend­je­mand, ver­mut­lich eine Per­son, die von dem Haus der alten Men­schen prof­i­tiert, weil es ihr gehört, bewirk­te, dass das Dach über den Zim­mern der alten Men­schen, auch über jenen, die dem Tode nahe sind, abgeris­sen wird mit schw­eren Werkzeu­gen, um ein weit­eres Stock­w­erk auf dem Haus der alten Men­schen zu erricht­en. Staub rieselt here­in. Es reg­net. Wenn der Him­mel reg­net, reg­nen auch die Deck­en in den Zim­mern, als wären sie Wolken, und die Wände sind feucht, und die Augen der Kranken­schwest­ern zit­tern und ihre Nasen beben, während sie durch die Flure von Zim­mer zu Zim­mern eilen, um die alten Men­schen zu beruhi­gen, die kla­gen, die nicht ver­ste­hen, was geschieht. Es ist ein Fiasko, es ist unvorstell­bar, nie­mand würde eine Geschichte glauben, wie diese Geschichte, die nicht erfun­den ist, wenn man sie erfun­den haben würde. Wie die Geck­os über bebende Wände huschen, Geck­os in allen möglich Far­ben schillernd, See­len auf Füßen, die nicht wis­sen wohin. Davon muss erzählt wer­den, wenn ein­mal die richtige Zeit gekom­men ist. — stop

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0 Uhr 28

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delta : 0.28 — Jede der Schreib­maschi­nen, die ich besitze, jene in der Küche, jene im Arbeit­sz­im­mer, jene in meinem Ruck­sack oder jene in mein­er Hosen­tasche, kön­nte ein sen­si­bles Hör- oder Sehrohr sein. Als ich gestern für eine mein­er Schreib­maschi­nen mit­tels eines Pro­gramm­codes sicht­bar machte, welche Daten­lin­ien präzise von und zu mein­er Schreib­mas­chine hin sendend existieren, stellte ich mir vor, jede dieser Daten­lin­ien wäre ein Faden, ich kön­nte mich nicht länger bewe­gen, ein dicht­es Gewebe würde sich mit weit­eren Datengeweben vor den Fen­stern verknüpfen. Selt­same Geschichte. — stop

mammillaria lux — 325

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MELDUNG. Fünf Kak­teen [ Gat­tung : Mam­mil­lar­ia LUX — 325 ] haben gestern, 16. Juli 2018 um Zwölf Uhr achtund­fün­fzig MESZ, 4 Gramm fil­igranes Stachel­horn auf flüch­t­ende Lab­o­ran­ten geschossen. [ MPI für Biotech­nolo­gie, 5th floor : Labor IIId-7 : Lev­el 4 ] — stop

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zeitwort

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india : 22.55 UTC — Ich kön­nte das Wort Zikaden­pauke schreiben. stop. Wie viel Zeit verge­ht, ehe ich das Wort Zikaden­pauke zu Ende geschrieben haben werde? stop. Ein­hun­dert Pauken­zeit­en. stop. Wie viele Pauken­zeit­en machen einen Tag? — stop.

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neufundland 18.01.45 uhr : schneeweiße stimme

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delta : 20.01 UTCNoe, wir sind glück­lich, meldete sich am frühen Abend endlich wieder. Ver­mut­liche Tiefe: 886 Fuß. Posi­tion: 78 Seemeilen südöstlich der Küste Neu­fund­lands seit nun­mehr 2732 Tagen im Tief­see­tauchanzug unter Wass­er. ANFANG 18.01.45 | | | schreibe oder denke ich? s t o p alles da draußen ohne das geräusch ein­er sprache. s t o p nur das sin­gen der wale. s t o p was sehen sie in mir? s t o p einen fisch? b l a c k s h o e f r o m a b o v e. s t o p das rauschen der luft links und rechts mein­er ohren. s t o p das wass­er nur eine schwache vorstel­lung. s t o p — e n o r m o u s g r e y f i s h r i g h t h a n d . s t o p ich habe den ver­dacht jünger zu wer­den. s t o p viel­leicht deshalb jünger werde weil ich meinen kör­p­er nicht sehen kann. s t o p unmög­lich das geräusch des regens noch vorzu­stellen. s m a l l s p o o n f r o m a b o v e . s t o p einen atemzug lang habe ich meinen namen vergessen. s t o p t h r e e b l u e f i s h e s l e f t h a n d . s t o p immer wieder diesel­ben träume. s t o p von kiemen. s t o p von uhren. s t o p. von astro­nauten. s t o p von yoko. s t o p von ihrer stimme die nicht erin­nert wer­den kann. s t o p schnee­weiße stimme. s t o p schnee­weiße haut. s t o p schnee­weißer sand. s t o p ich sollte wieder ein wenig schweigen. stop | | | ENDE 18.03.58

nachricht­en von noe »

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von den fächertieren

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echo : 18.06 UTC — Erin­nern Sie sich an das Geräusch der Tauben in einem Tauben­schlag, ich meine an das Geräusch der Flügel, wenn sie ihre Fed­ern schüt­teln? Soll­ten Sie sich erin­nern, wird Ihnen nicht schw­er­fall­en, einen kleinen Laden vorzustellen, in welchem Fächertiere wohnen, die erwarten, dass irgend jemand sie mit sich nimmt, ein Ort voller Winde kreuz und quer. Fächertiere sind wertvolle Geschöpfe. Ein aus­gewach­senes, gut trainiertes Exem­plar wird nicht unter 750 Pfund gehan­delt. Wenn man nun eines dieser Wesen aus ein­er Schar hun­dert­er weit­er­er Wesen wählte, wird es in einen beson­deren Kof­fer ver­staut. Es han­delt sich um einen knöch­er­nen Behäl­ter von länglich­er Form, in dem das Fächerti­er zur Ruhe gelegt wer­den kann. Nicht notwendig zu erwäh­nen, dass das Tier gegen seine Fes­selung mit­tels fauchen­der Laute protestieren wird, aber das gibt sich bald, das muss man sich nicht allzu sehr zu Herzen nehmen. Kaum aus dem Laden getreten, schläft das Fächerti­er ein, das machen sie in Zeit­en ein­er Reise immer, es ist ja nichts anderes zu tun. Und so geht man also spazieren. Bald sitzt man in ein­er Straßen­bahn, es ist heiss, es ist schwül, jet­zt sollte man das kleine Tier aus seinem Köch­er holen. Man hält es vor­sichtig in der Hand, unverzüglich wird das selt­same Wesen wach. Dort wo die Fed­ern des Tieres in einem Punkt zueinan­der laufen, ist nun, aus der Nähe betra­chtet, ein klein­er, run­der Kör­p­er zu ent­deck­en, so groß wie eine Murmel, der atmet, zwei Augen auch, und ein Schn­abel, in dem sich eine Zunge hin und her bewegt, die ein­er Karpfen­zunge ähnelt. Man darf das Tier an dieser Stelle berühren, san­ft, dann lässt man es los. Das Fächerti­er ent­fal­tet sich, prächtige Far­ben, Muster, die sich von Tier zu Tier unter­schei­den, keines gle­icht dem anderen. Und schon geht es los, eine Bewe­gung auf und ab, hin und her, küh­lende Winde, es ist ganz wun­der­bar. Indessen, in den ersten Minuten staunen­der Beobach­tung, wird man vielle­icht befürcht­en, sie kön­nten sich ent­fer­nen, aber das ist niemals der Fall. — stop

luftgesellschaft

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nord­pol : 0.05 UTC — Irgen­det­was fehlte, oder jemand. Ein Gefühl zunächst, ich begann zu zählen. Ich zählte von 23 Uhr bis Mit­ter­nacht fol­gende Besuch­er, die durch mein geöffnetes Fen­ster lichtwärts flo­gen: Zwei kleine Fliegen, eine grün, die andere bläulich schim­mernd. 3 Marienkäfer, rot, je 5 Punk­te. 1 Fal­ter, der mir ein Tag­fal­ter zu sein schien, er war aus dem Fen­ster hin­aus, ehe ich ihn unter­suchen kon­nte. 2 fast durch­sichtige Wesen von hellem Grün, die mir bekan­nt gewe­sen, weil ich mich seit Jahren sobald ihre Art an den Wän­den mein­er Zim­mer zit­ternd eingetrof­fen ist, beobachtet füh­le. Zulet­zt 1 Wespe. Es ist Ende Juli, und es ist warm und schwül. — stop

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radar

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juli­ett : 0.08 UTC — Wenn die alte Dame, sie trägt einen Som­mer­hut auf dem Kopf, in ihrem Roll­stuhl sitzend erwacht und ihre flinken Augen öffnet, fragt sich alle Welt, was sie wohl sehen und denken mag. — stop

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am mississippi

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alpha : 16.12 — Ramos erzählte gestern am späten Abend von ein­er Meth­ode, E-Mail der­art zu pro­gram­mieren, dass sie sich kurz nach ihrem Aufruf vor den Augen des Lesenden selb­st zer­stören oder auflösen wird, weil ihre Zeichen heller und heller wer­den, bis sie unsicht­bar gewor­den seien. Ramos selb­st will diese Möglichkeit des Ver­schwindens pro­gram­miert haben. Wir notierten zur Probe einen elek­trischen Brief an mich selb­st. Ich sendete also einen kurzen Text, den ich vor fünf Jahren bere­its aufgeschrieben hat­te: 6.15 – Während ich Stunde um Stunde in Stew­art O’Nan’s Roman Last Night at the Lob­ster lese, immer wieder das Wort Missis­sippi im Kopf. Die Idee, dass das Wort Missis­sippi in der Fort­set­zung der Lek­türe nach und nach alle weit­eren Wörter und Gedanken erset­zten kön­nte. In einem Wort ver­schwinden. — stop - Sobald die E-Mail, die mit­tels Ramos’ Pro­gramm notiert wor­den war, auf mein­er Schreib­mas­chine eingetrof­fen war, öffnete ich sie. Tat­säch­lich, kaum hat­te ich den Cur­sor mein­er Schreib­mas­chine über den Text hin bewegt, lösten sich seine Buch­staben auf, sie verblassten, waren bald nur noch eine Ahnung auf der Net­zhaut meines Auges. Ramos erk­lärte, alle Zeichen, die mit­tels seines Prog­a­r­mmes ver­schlüs­selt wor­den seien, wür­den für eine Minute zur Ver­fü­gung ste­hen, man dürfe den Text der E-Mail jedoch nicht berühren oder den Ver­such unternehmen, einen Screen­shot anzufer­ti­gen. Jede bekan­nte Meth­ode des Fan­gens auf kün­stlichem Wege sei unwirk­sam. Auch eine Fotografie zu nehmen mit­tels eines gewöhn­lichen Fotoap­pa­rates sei nicht möglich. Ramos, der höcht begeis­tert wirk­te, wollte mir nicht erzählen, wie dieses Ver­hal­ten pro­gram­miert sein kön­nte. Was bleibt, sagte Ramos, ist eine E-Mail dieser Art auswendig zu ler­nen, um sie kurz darauf auf Papieren zu rekon­stru­ieren. — stop

bogota

picping

MELDUNG. Bogo­ta, Calle 11 No 12, 5. Etage, stein­ernes Zim­mer : Kirsche No 5268 [ Mar­mor, Car­rara : 8.2 Gramm ] vol­len­det. — stop
ping

swetlana

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oli­mam­bo : 22.14 UTC — Ein­mal, vor zwei Jahren, spreche ich mit Swet­lana, die in einem Dorf weit hin­ter dem Ural in Sibirien geboren wor­den war. Es ist ein später Abend und warm. Ein­tags­fliegen zwirbeln durch die Luft. Ich sage: Wir, liebe Swet­lana, wir in Europa sind in großer Gefahr, weil wir nicht wis­sen wie der 45. Präsi­dent der USA und Wladimir Putin han­deln wer­den. Swet­lana ist partout nicht dieser Mei­n­ung. Sie schüt­telt sehr lange Zeit den Kopf: Da kenne ich Dich schon acht Jahre lang und Du liest noch immer die falschen Zeitun­gen. Es kommt mir so vor, als würdest Du eine ganz andere Welt bewohnen. Nein, wir sind nicht in Gefahr, Putin ist ein guter Mann, und der andere auch. Einen Moment schweigt sie. Dann fährt sie fort mit einem Lächeln: Wie kann man nur so klug sein, und doch die ganz falschen Zeitun­gen lesen. — stop
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feuersalamander

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romeo : 22.18 UTC — Brü­tende Hitze. Das ist ein schön­er Aus­druck, ich werde gebrütet von der Luft. Bin ges­pan­nt, was da aus mir her­auss­chlüpfen wird. Irgen­dein Wesen ver­mut­lich, das sich wohlfühlt, wenn es so richtig warm und schwül ist. Etwas, dass vor Freude bebt, wenn Tem­per­a­turen über 50 ° Cel­sius steigen wer­den, eine For­ten­twick­lung, Anpas­sung, vielle­icht eine Vari­antion mein­er selb­st, der ich nun bald in der Lage sein werde, Wüsten zu durchkreuzen, geschmei­dig, ohne auch nur einen Tropfen Wass­er trinken zu müssen. — stop
ping

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