Aus der Wörtersammlung: net

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radio

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kili­man­dscha­ro : 2.12 — Es ist jetzt kurz nach 2 Uhr. Seit einer hal­ben Stun­de schaue ich aus dem Fens­ter. Angeb­lich soll die Raum­sta­ti­on ISS soeben den Him­mel über mir pas­sie­ren. Ich suche ver­geb­lich. Wol­ken ver­sper­ren die Sicht, auch ist die Stadt viel zu hell, um das For­schungs­schiff erken­nen zu kön­nen. Trotz­dem schaue ich nach oben und freue mich. Vor­hin habe ich noch einen Text notiert, der von einem alten Radio han­delt, das von einem Tisch fällt, weil es Maceo Par­ker spiel­te. Gera­de noch recht­zei­tig, ehe es den Boden erreich­te, wur­de es auf­ge­fan­gen, um kurz dar­auf auf dem Tisch fest­ge­klebt zu wer­den. Das Radio war eines gewe­sen, wie ich es frü­her ein­mal hat­te, ein Radio mit einem elek­tri­schen Auge. Sobald ich auf einen Knopf drück­te, glüh­te das Auge zunächst däm­mernd, dann leuch­te­te das Auge grün wie das Was­ser eines Berg­sees und ich hör­te selt­sa­me Stim­men und Rau­schen und Pfei­fen. Das Radio war ein sehr gutes Radio. Es exis­tier­te seit dem Jah­re 1952, war also viel älter als ich selbst und muss­te nie zur Repa­ra­tur gebracht wer­den. Nur ein­mal hüpf­te eine Tas­te her­aus und das Radio sah fort­an aus, als habe es einen Zahn ver­lo­ren. An einem sehr hei­ßen Juli­tag des Jah­res 1974 saß ich gera­de vor dem Radio ohne Zahn, als gemel­det wur­de, Fall­schirm­jä­ger sei­en über Zypern abge­sprun­gen. Von einem Kon­flikt war die Rede und das Auge des Radi­os leuch­te­te dazu und die Mem­bran sei­nes Laut­spre­chers zit­ter­te. Ich erin­ne­re mich, dass ich dach­te, dass nun Krieg sei, ein wirk­li­cher Krieg, der ers­te Kriegs­be­ginn, den ich als Wel­len­emp­fän­ger mit­er­leb­te. Spä­ter ver­schwand das alte Radio und ich bekam ein neu­es Radio. Die­ses Radio konn­te Geräu­sche spei­chern, und so spei­cher­te ich Geräu­sche, sin­gen­de Frö­sche viel­leicht, oder mei­ne Stim­me, die mich befrem­de­te, die nie mei­ne eige­ne Stim­me gewe­sen war, son­dern immer die Stim­me eines ande­ren, der ähn­li­che Din­ge sag­te. Bald mach­te ich mit einer wei­te­ren Maschi­ne Fil­me, nein, ich zeich­ne­te Fil­me auf ein Band, den Film der Stadt Bag­dad an einem Vor­kriegs­mor­gen zum Bei­spiel. Die Son­ne strahl­te vom Him­mel, und ein Vogel, der nicht zu sehen war, zwit­scher­te. Viel­leicht saß der Vogel auf einer gepan­zer­ten Kame­ra, die das Bild der leuch­ten­den Stadt zu mir hin über­trug. Die­ser Vogel war noch Radio gewe­sen. — stop
ping

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nummer 6

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tan­go : 3.56 — An einem Som­mer­tag gehe ich mit Tom spa­zie­ren. Er ist ein ziem­lich gro­ßer, jun­ger Mann, schlak­sig, der, wäh­rend er von sei­nen Erleb­nis­sen im Prä­pa­rier­saal erzählt, immer wie­der ein­mal einen Stein oder ein Stück Holz vom Boden hebt, um es in den Fluss zu wer­fen. Da ist näm­lich ein Fluss, Tom woll­te am Fluss spa­zie­ren, ich ahne wes­halb. Er scheint, indem er Stei­ne wirft, genau­er den­ken zu kön­nen. Hin und wie­der läuft er in den Wald, der unse­ren Weg beglei­tet und bleibt für eini­ge Minu­ten ver­schwun­den. Er spricht sehr schnell, ich kann kaum fol­gen, er will mir des­halb noch eini­ge Gedan­ken notie­ren, damit ich sie aus­dru­cken kann. Weni­ge Tage nach unse­rem Spa­zier­gang kommt tat­säch­lich eine E‑Mail, eine sehr prä­zi­se Form der Beob­ach­tung. Tom: > Ich ver­su­che jetzt näher her­an­zu­ge­hen. Noch haben wir den 1. Tag. Wir haben mit der Prä­pa­ra­ti­on des Kör­pers begon­nen. Wir haben die Kör­per auf den Tischen inspi­ziert, wir haben ein Lei­chen­pro­to­koll ange­fer­tigt, Haut­schnit­te gesetzt. Sie sehen, wie wir uns über unse­re Arbeits­ti­sche beu­gen. Vier von uns befin­den sich auf der einen, vier auf der ande­ren Sei­te des Tisches. Jedem von uns wur­de eine Posi­ti­on am Prä­pa­rat zuge­ord­net. Ich habe die Num­mer 6. Also arbei­te ich zu die­sem Zeit­punkt in der Höhe der Brust. Wenn ich den Blick hebe, sehe ich Katha­ri­na. Von den Lei­chen steigt ein Dunst auf, den man nicht sehen kann, aber zu spü­ren bekommt. Unse­re Augen sind gerö­tet. Das ist eine Situa­ti­on, an die wir uns zunächst noch zu gewöh­nen haben. Skal­pel­le, Pin­zet­ten, Hän­de sind nur weni­ge Zen­ti­me­ter von­ein­an­der ent­fernt. Wir könn­ten uns ver­let­zen, des­halb hal­ten wir unse­re Werk­zeu­ge, als wür­den wir Blei­stif­te füh­ren. Wir zeich­nen auf sehr engen Bah­nen. Wir begin­nen in der regio praes­ter­na­lis. Dort haben die Haut­schnit­te des Assis­ten­ten Zugang erzeugt, dort kön­nen wir die Haut mit unse­ren Pin­zet­ten auf­neh­men und etwas vom Kör­per heben. Eine ers­te unsi­che­re Bewe­gung. Wir span­nen die Haut. Wir schnei­den von der sub­cu­tis in Rich­tung der gespann­ten Haut, arbei­ten von innen nach außen, arbei­ten von medi­al nach late­ral. Haben wir gespro­chen? Ich kann mich nicht erin­nern. Aber ich sehe, dass ich mei­ne Hand bereits auf die Brust des Toten gestützt habe. Ich spü­re die Erschüt­te­run­gen, die durch die Bewe­gun­gen mei­ner Freun­de in dem Kör­per her­vor­ge­ru­fen wer­den. Wenn ich mich auf­rich­te, um mei­nen Rücken zu ent­span­nen, erken­ne ich die Fort­schrit­te mei­ner Arbeit. Ich habe ein Stück der Haut so weit vom Kör­per gelöst, dass ich es zurück­klap­pen kann. Wor­an habe ich gedacht, in die­ser ers­ten Stun­de der Arbeit? Habe ich dar­an gedacht, dass ich begon­nen habe, einen Leich­nam zu zer­glie­dern? Ich weiß es nicht! Aber ich kann Ihnen sagen, dass es nicht leicht ist, ein Skal­pell zu füh­ren, als wür­de man damit schrei­ben. Ich kann Ihnen ver­si­chern, man geht nicht in die Tie­fe, wenn man Haut prä­pa­riert. Man packt einen Kör­per aus. Eine wah­re Gedulds­pro­be. Zen­ti­me­ter um Zen­ti­me­ter arbei­tet man sich über die Ober­flä­che des Kör­pers vor­an. Erstaun­lich, wie nah wir dem Leich­nam nach zwei Stun­den bereits gekom­men sind. — stop

polaroidwerkstatt

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PRÄPARIERSAAL : nachthörnchen

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nord­pol : 5.15 — Seit zwei Stun­den sitzt ein Eich­hörn­chen auf mei­nem Fens­ter­brett. Es ist mit­ten in der Nacht und so kalt, dass ich den Atem des klei­nen Tie­res, das um die­se Uhr­zeit eigent­lich tief schla­fen soll­te, in der Dun­kel­heit zu erken­nen ver­mag. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich nicht viel­leicht täu­sche. Es ist denk­bar, dass ich mir das Eich­hörn­chen nur vor­stel­le. Und wie ich über die Mög­lich­keit der Täu­schung nach­den­ke, bemer­ke ich, dass die Vor­stel­lung eines Eich­hörn­chens mit­tels weit geöff­ne­ter Augen tat­säch­lich gelin­gen kann, und zwar je für ein oder zwei Sekun­den in einem Bild, das pul­siert, das in der drit­ten Sekun­de schon wie­der ver­lo­ren ist und zunächst dann wie­der erscheint, wenn ich das Wort Eich­hörn­chen den­ke oder Eich­hörn­chen­schweif. Ich muss das wei­ter beob­ach­ten. Wenn ich nun die Noti­zen Micha­els aus dem Prä­pa­rier­saal, die vor mir auf dem Tisch lie­gen, betrach­te, weiß ich, dass sie kei­ne Täu­schung sind, weil ich das Papier, auf dem sie sich befin­den, berüh­ren, vom Tisch heben, fal­ten und wie­der ent­fal­ten kann, und damit gleich­wohl Micha­els Zei­chen, die kei­ner­lei pul­sie­ren­der Bewe­gung unter­wor­fen sind. Er schreibt: Ich beob­ach­te, dass ich mei­nen leben­di­gen Kör­per mit dem toten Gewe­be vor mir auf dem Tisch ver­glei­che. Ich lege Ner­ven, Mus­keln und Gefä­ße einer Hand frei, bestau­ne die Fein­heit der Gestal­tung, über­le­ge, wie exakt das Zusam­men­spiel die­ser ana­to­mi­schen Struk­tu­ren doch funk­tio­nie­ren muss, damit ein Mensch Kla­vier spie­len, grei­fen, einen ande­ren Men­schen strei­cheln kann, wie umfas­send die Inner­va­ti­on der Haut, um Wär­me, Käl­te, ver­schie­de­ne Ober­flä­chen erfüh­len, ertas­ten zu kön­nen. Immer wie­der pen­delt mein Blick zwi­schen mei­ner leben­di­gen und der toten Hand hin und her. Ich bewe­ge mei­ne Fin­ger, ein­mal schnell, dann wie­der lang­sam, ich schrei­be, ich notie­re, was ich zu ler­nen habe, bis zur nächs­ten Prü­fung am Tisch, und beob­ach­te mich in die­sen Momen­ten des Schrei­bens. Abends tref­fen wir uns in der Biblio­thek hier gleich um die Ecke und ler­nen gemein­sam. Vor allem vor den Testa­ten wer­den die Näch­te lang. Ich kann zum Glück gut schla­fen. Unse­re Assis­ten­tin ist eine jun­ge Ärz­tin, die noch nicht ver­ges­sen hat, wie es für sie selbst gewe­sen war, im Saal. Sie ist immer sehr warm und freund­lich zu uns. Aber natür­lich ach­tet sie streng auf die Ein­hal­tung der Regeln, kein Han­dy, kein Kau­gum­mi im Mund, ange­mes­se­ne Klei­dung. Manch­mal ver­sam­melt sie uns und wir pro­ben am Tisch ste­hend das nahen­de Tes­tat, es gibt eigent­lich kaum einen Tag, da wir nicht von ihr befragt wer­den, das erhöht natür­lich unse­re Auf­merk­sam­keit und Kon­zen­tra­ti­on enorm. Ein­mal erzähl­te sie uns eine Geschich­te, die mich sehr berühr­te. Sie sag­te, ihre Mut­ter sei sehr stolz, dass sie eine Ärz­tin gewor­den ist. Sie habe ihr ein­ge­schärft: Was Du gelernt hast, kann Dir nie­mand mehr neh­men. Aber natür­lich, als wir die fei­nen Blut­ge­fä­ße betrach­te­ten, die unser Gehirn mit Sau­er­stoff ver­sor­gen, wur­de mir bewusst, dass wir doch auch zer­brech­lich sind, dass unser Leben sehr plötz­lich zu Ende gehen kann. Gegen­wär­tig will ich dar­an aber nicht den­ken. Ich bin froh hier sein zu dür­fen, ich habe lan­ge dar­auf gewar­tet. Manch­mal gehe ich durch den Saal spa­zie­ren. Wenn ich Lun­gen­flü­gel betrach­te, oder Her­zen, oder Kehl­köp­fe, Lage und Ver­lauf ein­zel­ner Struk­tu­ren, dann erken­ne ich, dass im All­ge­mei­nen alles das, was in dem einen Kör­per anzu­tref­fen ist, auch in dem ande­ren ent­deckt wer­den wird, kein Kör­per jedoch ist genau wie der ande­re, damit wer­de ich in Zukunft zu jeder Zeit rech­nen. — stop

polaroidtraumzeichnung

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von den regenschirmtieren

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india : 2.05 – Ges­tern ist etwas Merk­wür­di­ges pas­siert. Ich hat­te einem Bekann­ten, den ich lan­ge Zeit nicht gese­hen habe, eine E‑Mail gesen­det. Kaum war die klei­ne elek­tri­sche Bot­schaft auf den Weg gebracht, kam eine Ant­wort zurück. Ich war sehr erstaunt gewe­sen, ich hat­te ange­nom­men, dass sich mein Bekann­ter viel Zeit neh­men wür­de, mir zu ant­wor­ten, immer­hin war ich etwas nach­läs­sig, zöger­lich dar­in, ihm zu schrei­ben. Ich hat­te sogar ein­mal das Gefühl, er könn­te viel­leicht längst nicht mehr am Leben sein, weiß der Teu­fel, war­um. Die Ant­wort, die ich erhielt, war fol­gen­de gewe­sen: Guten Tag! Ich habe Dei­ne Nach­richt erhal­ten, bin gera­de in Tas­ma­ni­en, ich wer­de so bald wie mög­lich ant­wor­ten. Um Dir die Zeit bis dahin zu ver­trei­ben, schi­cke ich Dir eine Geschich­te, die Dir viel­leicht Freu­de berei­ten wird. Es han­delt sich um eine Traum­ge­schich­te, die davon erzählt, dass ich wie­der ein­mal von Regen­schirm­tie­ren träum­te. Die Luft im Traum war hell vom Was­ser, und ich wun­der­te mich, wie ich in die­ser Wei­se, bei­de Hän­de frei, durch die Stadt gehen konn­te, obwohl ich doch allein unter einem Schirm spa­zier­te. Als ich an einer Ampel war­ten muss­te, betrach­te­te ich mei­nen Regen­schirm genau­er und staun­te, weil ich nie zuvor eine Erfin­dung die­ser Art zu Gesicht bekom­men hat­te. Ich konn­te dunk­le Haut erken­nen, die zwi­schen bleich schim­mern­den Kno­chen auf­ge­spannt war, Haut von der Art der  Flug­haut eines Abend­seg­lers. Sie war durch­blu­tet und so dünn, dass die Rinn­sa­le des abflie­ßen­den Regens deut­lich zu sehen waren. In jener Minu­te, da ich mei­nen Schirm betrach­te­te, hat­te ich den Ein­druck, er wür­de sich mit einem wei­te­ren Schirm unter­hal­ten, der sich in nächs­ter Nähe befand. Er voll­zog leicht schau­keln­de Bewe­gun­gen in einem Rhyth­mus, der dem Rhyth­mus des Nach­bar­schirms ähnel­te. Dann wach­te ich auf. Es war kurz nach Mit­ter­nacht. Es reg­net noch immer. — stop

polaroidkind

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schallplatte

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del­ta : 3.58 — Ich stell­te mir eine Schall­plat­te vor, eine Schall­plat­te von 200 Metern Durch­mes­ser, eine Ton­spur von 100 Jah­ren Dau­er. Was könn­te auf die­ser Schall­plat­te ver­zeich­net sein? Die Geräu­sche einer Lich­tung des Ama­zo­nas Regen­wal­des viel­leicht? Oder eine mensch­li­che Stim­me, alle jene Wör­ter eines Lebens, auch in Träu­men gespro­che­ne Wör­ter. Das Schrei­en eines Kin­des. Das Selbst­ge­spräch einer uralten Frau? — stop

ping

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dublin, chamber street

picping

MELDUNG. Trotz behörd­li­chen Ver­bo­tes wird am kom­men­den Abend im Hor­sy wei­te­res Kampf­trin­ken voll­zo­gen. Gefoch­ten wer­den schwe­re Ben­zi­ne ab 20 Uhr 45. Mit Toten darf gerech­net wer­den. Cham­bers St., 22. Ein­tritt frei. — stop
ping

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matrjoschka

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romeo : 6.28 — Seit mei­ner Kind­heit besit­ze ich eine Pup­pe von Holz. Ich habe sie unter dem Namen Babusch­ka ken­nen­ge­lernt. Die­ser Name war so lan­ge gül­tig gewe­sen, bis mir eine rus­si­sche Bekann­te erzähl­te, dass es sich eigent­lich um eine Matrjosch­ka­pup­pe han­deln wür­de. Man kann die­se Pup­pe öff­nen, indem man an ihr dreht, bis sie sich an ihrem Bauch der­art ent­zweit, dass sie tat­säch­lich aus zwei Tei­len mit exakt geschnit­te­nen Rän­dern besteht, einem unte­ren Teil mit Füs­sen, die in Far­be auf das hel­le Holz auf­ge­tra­gen sind, und einem obe­ren Teil mit einem gezeich­ne­ten Kopf. Mit die­ser Tren­nung geht die Gestalt der Pup­pe jedoch nicht wirk­lich ver­lo­ren, weil sie in einer klei­ner gewor­de­nen Aus­ga­be, die sich in der grö­ße­ren Pup­pen­form ver­steck­te, wei­ter­hin vor­liegt. Sie ver­fügt über das glei­che Gesicht, wie ihre Hül­le, über einen etwas klei­ne­ren Mund, und gleich­falls gerö­te­te Wan­gen und klei­ne­re Augen, und sie drückt in die­ser Erschei­nung nichts ande­res aus als: Ich bin nur eine Hül­le, ich tra­ge mein eigent­li­ches Inne­res in mir, mein Wesen, öff­ne mich! Und so wei­ter und so fort. Ges­tern nun habe ich einen Brief gele­sen, in dem von der Gat­tung der Babusch­ka­pup­pen die Rede war. Ich hat­te den Brief noch nicht zu Ende stu­diert, da stand ich auf und ging zum Regal, nahm mei­ne Pup­pe seit vie­len Jah­ren zum ers­ten Mal wie­der in die Hand und öff­ne­te sie. Tat­säch­lich habe ich sofort ein inten­si­ves Gefühl wahr­ge­nom­men, eine Emp­fin­dung mei­ner Kind­heit, zugleich in der Zeit weit ent­fernt und nah und ver­traut. Hier der Brief, der mir mei­ne Pup­pe von Holz in Erin­ne­rung geru­fen hat­te. Miri­am erzählt von Erfah­run­gen des Prä­pa­rier­saa­les: Zuerst also haben wir die Haut ent­fernt und dann das Fett. Das war wie ein zwei­ter Man­tel gewe­sen, und dann kamen die Mus­keln dran, und plötz­lich war der Bauch offen. Bis dahin habe ich immer an die­se Babusch­ka­pup­pen gedacht. Die wer­den ja auch immer klei­ner, wenn man eine geöff­net hat und danach die nächs­te. Aber dann waren auf dem Tisch plötz­lich nur noch Arme und Bei­ne und ein Kopf, der aus zwei Tei­len bestand. Ich weiß noch, wie ich am Ende des Tages alles so hin­ge­legt habe, als wäre der Rumpf noch da, solch eine Ord­nung habe ich ver­sucht. Das sah also aus wie ein Strich­männ­chen. Aber eben ohne Bauch. Ich erin­ne­re mich in die­sem Moment sehr gut an eine merk­wür­di­ge Geschich­te aus der Anfangs­zeit des Kur­ses. Ich war schon sehr früh am Mor­gen im Prä­pa­rier­saal des Insti­tu­tes. Ich hat­te schlecht geschla­fen wegen einer leich­ten Grip­pe, und so war ich eine der ers­ten Stu­den­tin­nen gewe­sen, die an die­sem Tag die Arbeit an ihrem Leich­nam auf­ge­nom­men haben. Ich prä­pa­rier­te an einem der Arme, eine recht kom­pli­zier­te Ange­le­gen­heit war das gewe­sen, und ich dach­te immer wie­der, dass mei­ne Hand nicht ruhig genug wäre, um eine so fei­ne Auf­ga­be aus­zu­füh­ren. Ich fluch­te also ein wenig vor mich hin und dann ent­schul­dig­te ich mich plötz­lich. Ganz im Ernst. Ich ent­schul­dig­te mich bei dem Leich­nam für mei­ne unfreund­li­chen Wor­te. Ich höre das jetzt noch. Ich höre mich sagen: Sor­ry! Und ich sage Dir, ich habe mich gut gefühlt. Ich habe, nach­dem mir bewusst gewor­den war, dass ich zur Lei­che gespro­chen hat­te, noch ein wenig so wei­ter­ge­macht. Eine Unter­hal­tung war das natür­lich nicht. Ein Mono­log. One way! Aber gut. — stop

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koffer

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echo : 0.28 — Die Vor­stel­lung, man könn­te viel­leicht bald ein­mal Gegen­stän­de mit geeig­ne­ten Appa­ra­tu­ren betas­ten und durch­leuch­ten, um sie Mole­kül für Mole­kül in den Spei­cher eines Com­pu­ters abzu­le­gen. Ich könn­te nun die Gegen­stän­de mei­ner Zim­mer, all die Lam­pen, Bücher, Stüh­le, Tische, Kak­teen, Tel­ler, Kis­sen, Löf­fel, Tas­sen unter den Arm neh­men, alle zur glei­chen Zeit, um sie an einen ande­ren Ort zu trans­fe­rie­ren, von einem Stock­werk in ein ande­res Stock­werk, oder von einer Stadt in eine ande­re Stadt. Dort könn­te ich sie aus­pa­cken, das heißt, ich könn­te sie mit geeig­ne­ten Appa­ra­tu­ren aus Mole­kü­len der Luft wie­der­erste­hen zu las­sen, ein Pro­zess, der so prä­zi­se funk­tio­nie­ren müss­te, dass selbst hand­schrift­li­che Noti­zen, die sich in mei­nen Büchern befin­den, nicht ver­lo­ren sein wer­den. Neh­men wir ein­mal an, ich wür­de nun selbst, ob mit oder ohne Absicht, in mei­ner Com­pu­ter­ma­schi­ne lan­den, dann könn­te man mich, das heißt genau­er, mei­ne Infor­ma­ti­on als E‑Mail ver­schi­cken, Augen, Hän­de, Ohren, auch mei­ne Erin­ne­run­gen, mei­ne Wün­sche, mei­ne Hoff­nun­gen, selbst die Erin­ne­rung an die­se klei­ne Geschich­te hier, wie ich sie gera­de erzähl­te. — Guten Mor­gen! Es ist Mon­tag. Die Luft duf­tet nach Schnee. — stop
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tod in peking 2

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india : 0.28 — Es ist nicht lang her, es war im Dezem­ber gewe­sen, als ich einen Text notier­te, der vom Tod eines Freun­des erzähl­te. Ich hat­te damals noch kei­ne wirk­li­che Erklä­rung, wes­we­gen das Leben mei­nes Freun­des ende­te, aber eine Ver­mu­tung, eine Befürch­tung. Ich notier­te so: „Ich war ein­mal dabei, wie Ted­dy sei­ne Kame­ra in den Park spa­zie­ren führ­te, an einem kal­ten, win­ter­li­chen Tag, es hat­te geschneit. In den Hän­den des statt­li­chen run­den Man­nes sah der Foto­ap­pa­rat, der einen Com­pu­ter ent­hielt, klein aus, zer­brech­lich. Unent­wegt berich­te­te sein stol­zer Besit­zer von den Mög­lich­kei­ten der Foto­gra­fie, die die­se Kame­ra in Zukunft für ihn eröff­nen wür­de. Es war eine Art Lie­bes­be­zie­hung, die ich damals beob­ach­te­te, Ted­dy und sei­ne klei­ne Licht­fang­ma­schi­ne, wie er mit sei­nem drit­ten Auge den Schnee betas­te­te, wie er mir erzähl­te, dass man Schnee eigent­lich nicht foto­gra­fie­ren kön­ne. Das war vor vier oder fünf Jah­ren gewe­sen. Seit­her sind Ted­dy und sei­ne Kame­ra weit her­um­ge­kom­men in der Welt, vor­wie­gend reis­ten sie nach Peking, ver­brach­ten dort meh­re­re Mona­te im Jahr, wan­der­ten durch die gro­ße Stadt auf der Suche nach Augen­bli­cken, die Ted­dy sam­mel­te. Es war ein Foto­gra­fie­ren wie ein Gespräch, auch ein Selbst­ge­spräch gegen die Ver­lo­ren­heit, gegen die Angst viel­leicht ein­mal wie­der in den Alko­hol zurück­zu­fal­len, jedes Bild ein Beweis für die eige­ne Exis­tenz. Eine sei­ner Foto­gra­fien aus dem Som­mer 2012 zeigt zwei Jun­gen, wie sie dem rie­si­gen, run­den Mann mit dem klei­nen Foto­ap­pa­rat begeg­ne­ten. Der eine Jun­ge scheint zu stau­nen, der ande­re will die rech­te, seit­wärts aus­ge­streck­te Hand des Foto­gra­fen berüh­ren. Es ist eine typi­sche Foto­gra­fie, das Werk eines Künst­lers, der manch­mal in Euro­pa anrief, weil er sich ein­sam fühl­te in irgend­ei­nem Hotel der chi­ne­si­schen Pro­vinz bei Eis und Schnee. Auch in Peking hat­te er Freun­de, gute, wirk­li­che Freun­de, in sei­ner klei­nen Woh­nung dort wohn­ten eine jun­ge Stu­den­tin und ihre Mut­ter. Vor weni­gen Tagen erreich­te mich nun die Nach­richt sei­nes Todes, für den es zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Erklä­rung gibt. Auf Face­book notier­te er noch: Bit­te beach­te, dass ich prin­zi­pi­ell kei­ne Nach­rich­ten schrei­be oder beant­wor­te. Ver­wen­de bit­te immer mei­ne E‑Mail-Adres­se, um mich zu errei­chen. Per Mail bin ich stets zu errei­chen.“ – Nun habe ich eben genau durch eine E‑Mail erfah­ren, wor­an Ted­dy gestor­ben ist. Eine chi­ne­si­sche Freun­din Ted­dys schrieb: Hal­lo! Ich bin Li Bin. Erin­nerst du dich an mich, die gute chi­ne­si­sche Freun­din von Ted­dy. Es tut mir so Leid, dass Ted­dy am 22. Novem­ber in Peking gestor­ben ist, weil er zu viel Alko­hol getrun­ken hat. Als ich die Nach­richt gehört habe, fand ich mich sehr über­rascht. Eigent­lich hat­te ich mich mit Ted­dy ver­ab­re­det, am 22. Novem­ber nach Peking zu fah­ren und sei­ne Foto­aus­stel­lung zu besu­chen. Aber noch vor der Abfahrt haben ande­re Freun­de mich ange­ru­fen, dass Ted­dy schon gestor­ben ist. Sofern ich das beur­tei­len kann, hat er nicht für lan­ge Zeit Alko­hol getrun­ken, aber sehr viel. Des­we­gen war er schon ein­mal im Kran­ken­haus in Peking. Damals war es schon sehr schlimm, trotz­dem hat er nicht auf­ge­hört, zu trin­ken. Ande­re Freun­de haben erzählt, er hat­te frü­her die Krank­heit, die Abhän­gig­keit vom Alko­hol. Aber Ted­dy hat mit mir das nie bespro­chen. So war­ten wir jetzt auf das Ergeb­nis der Poli­zei. — stop
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lufträume

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bamako : 6.30 — Der Stuhl mei­nes Vaters im Zim­mer vor den Bäu­men. Sobald ich mich set­ze, spü­re ich sei­ne Gegen­wart, als wäre er gera­de erst auf­ge­stan­den, um kurz in ein ande­res Zim­mer zu gehen. Genau die­ser Ort, ja, die­ser Raum, so vie­le Jah­re, so vie­le Stun­den lang hat­te mein Vater an die­ser Stel­le ver­bracht, dass er nur sehr lang­sam wei­chen kann in der Wahr­neh­mung sei­nes Soh­nes. Da ist sei­ne Schub­la­de, sein Licht­mess­ge­rät, sein Brief­öff­ner, sein Radier­gum­mi, sein Blei­stift, sei­ne Lupe, sein Foto­ap­pa­rat. Und das hier ist sei­ne Aus­sicht auf den win­ter­li­chen Gar­ten, auf den Com­pu­ter­bild­schirm, auf die Tas­ta­tur sei­ner Schreib­ma­schi­ne, auf sei­ne Lam­pe, die noch immer war­mes Licht ins Zim­mer sen­det, Licht, das mein Vater sich wünsch­te. Es ist eine selt­sa­me Erfah­rung, dass sich mit den Spu­ren eines Men­schen spür­ba­re Gegen­wart ver­bin­det. Das Geräusch einer Zei­tung, die raschelt. Eine Tür, die sich öff­net. Vor weni­gen Tagen noch hör­te ich mei­ne Mut­ter davon erzäh­len, wie sehr ihr mein Vater feh­le. Und weil die Wor­te nicht aus­reich­ten, die­ses Feh­len zu beschrei­ben, mach­te sie eine seh­nen­de Ges­te, als wür­de sie einen unsicht­ba­ren Mann umar­men, einen Raum, der nur noch Erin­ne­rung ist, einen Raum, der weder mit Hän­den noch Lip­pen berührt wer­den kann. — stop
polaroidunterwasserblume



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