echo : 6.57 — Als Kind beobachtete ich meinen Vater manchmal, wenn er schlief. Aber eigentlich schlief mein Vater damals nie, weil ich glaubte, dass mein Vater, sobald er seine Augen schloss, zu rechnen begann. Das waren komplizierte Prozeduren der Algebra, weswegen mein Vater für viele Stunden seine Augen nicht wieder öffnen konnte. Er lag ganz still rechnend auf dem Sofa im Wohnzimmer, vor allem an Sonntagnachmittagen oder an Wochentagen abends. Meistens hatte er zum Rechnen seine Schuhe ausgezogen. Ich erinnere mich an graue oder schwarze Strümpfe, die sich ein wenig bewegten. Natürlich rechnete mein Vater auch dann, wenn er wieder wach geworden war. Er besaß eine Handcomputermaschine von Texas Instruments, die über Leuchtschrift verfügte in roter Farbe, kleine Zeichen, die sich arbeitend so schnell bewegten, dass sie unbewegten Kreisen ähnlich wurden. Wenn mein Vater mit dieser Maschine rechnete, machte er sich Notizen mittels eines Bleistiftes auf kariertes Papier. Das schien sehr viel mühsamer zu sein, als mit geschlossenen Augen auf dem Sofa zu liegen, weil man sich in dieser Weise Notizen machen musste. Wenn ich wie mein Vater sein wollte, legte ich mich auf mein Bett und machte die Augen zu. Damals war bereits deutlich geworden, dass ich kein guter Mathematiker werden würde. Anstatt zu rechnen, träumte ich. Ich träumte vielleicht davon, dass ich nicht rechnen konnte. Gestern habe ich von etwas anderem geträumt. Ich habe geträumt, wie ich die Augenlider meines Vaters wenige Minuten nachdem er gestorben war mit zitternden Händen berührte. — stop

Aus der Wörtersammlung: weise
doppellunge
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~ : louis
to : daisy und violet hilton
subject : DOPPELLUNGE
Heute, liebe Daisy, liebe Violet, als ich im Park spazierte, hab ich an Euch gedacht. Das war nämlich so gewesen, dass ich wieder einmal übte, im Wandern die Luft anzuhalten. Ich versuchte 100 Meter weit zu kommen, langsam, sehr langsam, dann etwas schneller gehend. Es ist möglich, heute endlich ist es möglich geworden. Plötzlich fragte ich mich, welche Wirkungen die Übung des Luftanhaltens bei Euch früher einmal gezeitigt haben könnte. Ich überlegte, ob ihr Euch über das Luftanhalten verständigt haben würdet. Es ist immerhin denkbar, dass das Anhalten der Luft in Euerem Falle, bei der einen wie der anderen eine gewisse Kurzatmigkeit hervorgerufen haben müsste. Vielleicht werdet Ihr Euch erinnern? Wenn ja, dann gebt mir recht bald Bescheid. Ich arbeite zurzeit sehr hart in diesen Dingen. Vor einigen Tagen habe ich mir eine Passage der Kleinen Erinnerungen José Saramago’s laut vorgelesen, und zwar in der Art und Weise langsamen Ausatmens. Das ist folgendermaßen vorzustellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich konnte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manchmal frage ich mich, ob bestimmte Erinnerungen wirklich meine eigenen sind oder vielleicht eher fremde, in denen ich unbewusst mitgespielt habe. Ich las so lange ich konnte, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft verloren hatte. Im ersten Versuch kam ich 11 Zeilen weit. Das war natürlich nicht befriedigend. Also setzte ich noch einmal von vorn an, ich hatte eine entspannte Position des Sitzens eingenommen und füllte meine Brust mit Luft und begann zu sprechen. Dieses Mal las ich mit leiser Stimme, wie geflüstert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weiter. Kurz darauf war zu beobachten gewesen, wie ich mich rücklings auf mein Sofa legte und denselben Text noch einmal hauchte. Das liegende atemlose Lesen ermöglichte nun eine weitere Zeile a 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fortschritte in dieser Kunst des Lesens, ich vermochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu erreichen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mitdenken konnte. Nach einer Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kommenden Nachtzeit fortzufahren. — Herzlichst grüßt Euch Euer Louis. Ahoi! – stop
gesendet am
10.07.2012
22.01 MESZ
2252 zeichen
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apfelohren
delta : 6.35 — Gestern hab ich eine lustige E‑Mail bekommen. Sie war irgendwann, während ich schlief, auf meinem Computer lautlos eingetroffen. Die Person, die mir geschrieben hatte, wollte wissen, wie ich vorgehe, wenn ich nachts einen Apfel oder eine Aprikose oder Bananen belausche. Ich hatte zunächst einige triftige Gründe auf diese Frage nicht einzugehen, gerade auch deshalb, weil der Absender der E‑Mail, einen seltsamen Namen angegeben hatte, dessen Existenz ich über die Google – Suchmaschine vergeblich zu prüfen suchte. Aber dann schien mir doch reizvoll zu sein, dem Absender der E‑Mail zu antworten. Ich notierte kurz und bündig, dass ich, wenn ich einen Apfel belausche, den Apfel in eine meiner Hände nehme, um ihn tatsächlich an eines meiner Ohren zu führen. Was man, wenn man in dieser Weise vorgeht, hören kann, ist natürlich zunächst das Rauschen des Blutes in den eigenen Ohrgefäßen, sonst aber nichts, abgesehen von Geräuschen vielleicht, die man sich gründlich vorzustellen vermag, Geräuschen organischen Zerfalls zum Beispiel, einem Pfeifen, einem Sausen oder den Beißgeräuschen eines Wurmkiefers in größerer Apfeltiefe. Ich attestierte in einem Antwortschreiben sehr ernsthaft, dass ein Apfel ein stilles Wesen sei, immerhin habe ich nicht nur einen, ich habe mindestens fünf Äpfel belauscht, Birnen, Trauben, Bananen, Pfirsiche, alle sind sie ohne tatsächliche Geräusche in den Frequenzen menschlichen Hörvermögens. Dafür leg ich eine Hand ins Feuer, jawohl, es ist Montag: Rasende Wolken. — stop

brennender vogel
echo : 0.10 — Ich bin noch immer leicht verwirrt von dem, was vor wenigen Minuten passierte. Ein Blitz ist möglicherweise in nächster Nähe eingeschlagen. Ich erinnere mich, ich hatte meine Fenster geöffnet, es begann heftig zu regnen, dann wurde es plötzlich still. Ich lehnte noch an der Wand meines Arbeitszimmers. Es roch ein wenig nach Metall, meine Zunge schmeckte nach einem Löffel von Zinn, wie früher, sobald ich ein Frühstücksei öffnete. Wenn ich mir Mühe gebe, kann ich mit meinem linken Ohr ein leises Summen vernehmen, das eventuell nicht außen, sondern innen in meinem Kopf sich ereignet. Rechts ist wirkliche Stille. Aber ich kann sehen, mit beiden Augen sehen. Ein Vogel sitzt auf meinem Sofa, er scheint zu brennen, weswegen ich mich sofort auf den Weg machen werde, ein Glas Wasser zu holen. Es ist seltsam, tatsächlich ist die Erfahrung der Gehörlosigkeit in dieser Nacht, die Erfahrung vollständiger Abwesenheit eines Teiles meines Kopfes. – stop

luftgespräch
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tango : 15.01 — Eine Notiz wiedergefunden, die Mr. Salter vor einigen Jahren unter dem Titel Elephantisland notierte. Er schrieb Folgendes: Kurz nach acht Uhr. Kalte, trockene Luft, ich notiere mit klammen Händen. Um 7 Uhr heute Morgen haben wir bei stürmischer See Elephantisland erreicht. Suche nach Miller unverzüglich aufgenommen. Südwestliche Bewegung die Küste entlang. Gegen 9 Uhr erste größere Seeelefantengruppen gesichtet. Heftiger Schneefall. Mittags dann auf menschliche Spuren gestoßen. Eine Mulde von zwei Fuß Tiefe im groben Untergrund, hüfthoher Steinwall nordwärts. Im Windschatten: drei gebleichte Walknochen, ein halbes Dutzend fingerdicker Hautstücke, ein Kamm, zwei rostige Kugelschreiber, eine Blechtasse, zwölf Pinguinschnäbel, fünf Batterien, drei Klumpen ranzigen Fettes, Bruchstücke eines Sonneneillektors und einer Schreibmaschine. Das Werkzeug war in einer Weise sorgfältig demoliert, als sei eine Dampfwalze darüber hin und her gefahren. Dann weitere zehn Minuten die Küste entlang, dann auf Miller gestoßen. Der Dichter stand mit dem Rücken zu einem Felsen hin und richtete ein Messer gegen einen Seeelefanten. Das Tier, das sehr gewaltig vor unserem Mann in den Himmel ragte, war nur noch zwei Armeslängen entfernt und scheuerte mit dem Rücken über den Felsen. Eigenartige Geräusche. Geräusche wohl der Lust. Geräusche, als habe das Tier eine verbeulte Trompete verschluckt. Geräusche auch von Miller. Helle Geräusche, kreischende, irre Töne. Wir haben zu diesem Zeitpunkt das Folgende über Miller zu sagen: Unser Mann ist entkräftet und stark verschmutzt. Zwei Finger der linken Hand sind erfroren. Kopfwärts wandernde Spuren von Dehydration. Miller spricht nur einen Satz: All for nothing. Wir haben den Rückweg angetreten, indessen, bei genauerer Betrachtung unserer Umgebung, auf Felsformationen entlang der Küste Fragmente von Zeichenketten entdeckt. Eindeutig Millers Handschrift. Bringen Dichter Miller jetzt nach Hause. — Mittwoch: Ein wispernder, knatternder, singender, knirschender, lirrpender, pfeifender, sirrender Bauch. Tiere von Luft sind zu Besuch gekommen, hüpfen, springen, seilen unter dem Zwergfelldach. Gespräche tatsächlich, die ich hören kann. — stop

koralle
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himalaya : 6.45 — In den vergangenen Stunden über Gestalt und Leben der Wasserengel nachgedacht. Wenn ich mich mit einer Erfindung beschäftige, die von einem frisch entdeckten Wort ausgegangen ist, öffnen sich Räume von enormer, von unbekannter Weite. Mit jedem Satz, den ich daraufhin notiere, werden diese Räume sichtbar und seltsamerweise enger, als ob jeder Wasserengel im Moment seiner Erfindung bereits über einen persönlichen Raum verfügte, der von den Gesetzen der Logik beschränkt wird oder von meiner Begabung. – Früher Morgen. Gewitterhimmel. Wolken spazieren über die Straße. — stop

ohrentraum
bamako : 5.55 — War im Restaurant. Dort schritt die Zeit sehr viel schneller als üblicherweise voran. Jeder eintretende Besucher wurde gewarnt, ungefähr so: Guten Abend, mein Herr, wir wollen sie darauf hinweisen, dass ein Abend bei uns sie um etwa ein Jahr älter werden lässt. Tatsächlich flackerte im Saal das Licht aufgeregt, das waren vielleicht Dämmerungen, Nächte und Tage. Auch mein Herz schlug wie verrückt und das Blut zischte durch meine Blutgefäße. Ich verspeiste 250 Gramm gerösteter menschlicher Ohren in einer sanften Zitronensauce. Als ich erwachte, hörte ich meine eigene Stimme, die etwas sagte, das ich nicht verstand. Ich machte Kaffee und ich notierte meinen Traum unverzüglich. Über die Notiz setzte ich das Wort: Ohrentraum. — stop

transit
alpha : 1.30 — Es ist still im Haus. Draußen zaust ein kühler Wind Bäume und Sträucher, während die Venus, ein Punkt, über den abgedunkelten Sonnenball auf dem Bildschirm meines Computers wandert. Das sind Bilder, die von der NASA gesendet werden, das beobachtende Maschinenauge befindet sich auf dem Mauna Kea, Hawaii. Ich habe die Sonne noch nie zuvor in dieser Weise betrachtet, Echtzeit, in dem Sinne Echtzeit, dass ich die Sonne betrachten kann, ohne meine Augen schließen zu müssen und in dieser Weise wahrzunehmen vermag, wie sich ihre Oberfläche tatsächlich bewegt. Oder irre ich mich? Alles das, was ich sehe, liegt bereits 8 Minuten in der Zeit zurück. Es ist denkbar, dass ich die Bewegung nur deshalb zu erkennen meine, weil ich weiß, dass diese Bewegung existiert. Ja, es ist still im Haus. Der Regen peitscht gegen die Scheiben. Ich bin ruhig. Alles schläft. — stop

falterherz
lima : 5.48 — Ich erinnere mich, im August des Jahres 2008 einen Strauß Fragen notiert zu haben. Ich wollte wissen, ob es Menschen möglich ist, einen alt und müde gewordenen Falter am offenen Herzen so lange zu operieren, bis er wieder fliegen kann? Wie also betäubt, wie beatmet man einen Falter? Mit welchen Materialien werden geöffnete Falterbrustkörbe günstigerweise wieder geschlossen? Ich habe auf diese Fragen bisher keine Antworten gefunden. Manchmal denke ich, dass das Sammeln seltener Fragen an sich ein großes Vergnügen bedeutet. Meine Fragen haben jedenfalls einen derart nachhaltigen Eindruck hinterlassen, dass ich keinen Falter, der seither nachts zu mir zu Besuch gekommen ist, betrachten konnte, ohne sofort an die Möglichkeit einer Notoperation zu denken. – Freitag. Regen. Kühle Luft. — stop

atem
tango : 6.52 — In der vergangenen Nacht von 2 bis 3 Uhr habe ich mir eine Passage der Kleinen Erinnerungen José Saramago’s laut vorgelesen, und zwar in der Art und Weise langsamen Ausatmens. Das ist folgendermaßen vorzustellen: Ich fasste das erste Wort der ersten Zeile des kleinen Textes ins Auge, schöpfte Luft so tief ich konnte und begann zu lesen. Ich sprach zunächst laut: Manchmal frage ich mich, ob bestimmte Erinnerungen wirklich meine eigenen sind oder vielleicht eher fremde, in denen ich unbewusst mitgespielt habe. Ich las so lange ich konnte, ich las, ohne zu atmen, ich las, bis ich alle Luft verloren hatte. Im ersten Versuch kam ich 11 Zeilen weit. Das war natürlich nicht befriedigend. Also setzte ich noch einmal von vorn an, ich hatte eine entspannte Position des Sitzens eingenommen und füllte meine Brust mit Luft und begann zu sprechen. Dieses Mal las ich mit leiser Stimme, wie geflüstert. Ich kam exakt 1 Zeile, also 55 Zeichen weiter. Kurz darauf war zu beobachten gewesen, wie ich mich rücklings auf mein Sofa legte und denselben Text noch einmal hauchte. Das liegende atemlose Lesen ermöglichte nun eine weitere Zeile à 55 Zeichen. Ich machte also kleine Fortschritte in dieser Kunst des Lesens, ich vermochte bald die Zeile 14 des kleinen Textes zu erreichen in einem Zustand, da ich Wort für Wort noch mitdenken konnte. Nach einer Stunde des Übens hörte ich für diese Nacht auf, um in der kommenden Nachtzeit fortzufahren. – stop



