plus minus

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alpha : 5.32 — Ein weit­eres Jahr gelebt, ohne einen Fin­ger ver­loren oder um einen Fin­ger zugenom­men zu haben.

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flugglas

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nord­pol : 22.05 — Lag nach­mit­tags unter Sonne vor Ameisen­stadt. Beobachtete, wie Bewohn­er, nein, Kon­struk­teure der knis­tern­den Metro­pole, Käfer, Spin­nen, Fliegen, Rau­pen, Rosen­blät­ter, auch men­schliche Papiere ins Wohnge­häuse trans­portierten. Was, fragte ich mich, wird mit ein­er getöteten oder ein­er gelähmte Fliege, mit schlafend­en Käfern und schlafend­en Spin­nen geschehen hin­ter der Fichten­nadel­haut? Vielle­icht ein­mal mit ein­er sehr kleinen Kam­era ein­tauchen und schauen. Ich würde wohl auf eine Halle tre­f­fen, auf einen Ort der Zer­legung, des Tranchierens am laufend­en Band. Hier also wer­den Pracht­fliegen zerteilt und dort noch lebende Spin­nen fein­sortiert. In tiefer gele­ge­nen Arse­nalen dann die Kam­mer der Flug­geräte, die Kam­mer der Fliegen-, der Libel­len­flügel, bit­ter duf­tende Luft, leicht­es Flug­glas bis unter die Decke geschichtet. In ein­er weit­eren Höh­lung sind ihrer Länge und Stärke nach Spin­nen­beine aufgestapelt, Baum­stämme, haarig, noch immer in zit­tern­der Bewe­gung. Stun­den werde ich in Mag­a­zi­nen schillern­der Augen ver­weilen, ein begeis­tert­er Zeuge in Fab­riken gefan­gener Spin­nen, man hat ihnen die Beine abgenom­men, aber sie leben und sin­gen fein­ste Sei­de in die warme Ameisen­haus­luft. Wer­den sie müde, wer­den sie an Sol­dat­en ver­füt­tert. — Kurz nach elf Uhr. Abend. Ger­ade eben hörte ich vom Tod des rus­sis­chen Schrift­stellers Alexan­der Solsch­enizyn.

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kampftrinken zu dublin

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MELDUNG. Trotz behördlichen Ver­botes wird am kom­menden Abend in der Princess of Dublin weit­eres Kampftrinken vol­l­zo­gen. Gefocht­en wer­den schwere Ben­zine ab 22.30 Uhr. Mit Toten darf gerech­net wer­den. Pearse St., 8. Ein­tritt frei. — stop
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lucie

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sier­ra : 6.02 — Das sind lustige Tage, Tage wie dieser hier nach dur­char­beit­eter Nacht. Noch immer, drin­nen wie draußen, sehr warme und feuchte Hitze. In der Däm­merung schloss ich die Fen­ster. Auf das Bett waren leichte Tüch­er gelegt, das luftig­ste Mate­r­i­al, das zu find­en gewe­sen ist, die Fen­ster ver­dunkelt, alles bere­it den begin­nen­den Tag sofort zur Nacht zu machen. Ich lag bald unterm Buch, das mir den Kopf müde machte,  dachte, dass ich nichts denken sollte, schaute nach Lichtern, die unter den Lid­ern in Schlafau­gen wan­dern. Fast war ich weggekom­men, als eine Fliege auf mein­er Schul­ter lan­dete und sofort mit dem Mund­stem­pel nach Salz und anderen Din­gen zu forschen begann. Ich sagte, bitte, bitte nicht, Lucie, heute bitte nicht, ich muss schlafen. Und so erhob sich Lucie in die Luft und ich hörte, wie sie eine langsame, trau­rig sum­mende Runde linksherum durch mein Zim­mer flog. Dann schlief ich ein und träumte zwei blaue Sch­neck­en. Sie waren von küh­ler Tem­per­atur und hat­ten sich wie Polar­füchse in ein­er Schnee­höh­le, in meine Augen­höhlen gelegt. Als ich wach wurde, als ich zunächst wach gewor­den war, wie immer mit geschlosse­nen Augen, hörte ich Gewit­ter­don­ner, dann ent­deck­te ich Lucie in näch­ster Nähe. Sie hat­te sich, während ich träumte, vor­sichtig auf den Rück­en mein­er linken Hand geset­zt und ihre Beine ange­zo­gen, so dass sie nicht saß, vielmehr auf mir lag. Ja ist es denn Fliegen möglich, die Augen zu schliessen?

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letztes licht

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delta : 0.06 — Die let­zte Fotografie eines Men­schen, aufgenom­men zu einem Zeit­punkt, als dieser fotografierte Men­sch noch lebte. Oder jen­er let­zte Film, der Benazir Bhut­to zeigt, das let­zte bewegte Bild. Ich beobachte eine Frau, die lächel­nd durch eine Men­schen­menge schre­it­et. Während ich sie betra­chte, weiß ich, dass sie in weni­gen Sekun­den getötet wer­den wird. Was sehe ich?

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langustenfliege

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india : 6.20 — Früh­mor­gens im Pal­men­garten spaziert. Ich ging ein­hun­dert Schritte nord­wärts, dann zwei­hun­dert Schritte süd­wärts, lag bald in ein­er Wiese herum und dachte, hier schlafe ich zwei Tage, hier genau an dieser Stelle schlafe ich zwei Tage unterm Zirp­gril­len­schirm. Wenn man so in ein­er Wiese liegt, kommt man aus dem Staunen nicht her­aus, man kann nicht schlafen, weil man Natur beobacht­en und sich wun­dern muss, wie das alles möglich gewor­den ist. Habe auf ein­er schwarz und weiß gestreiften Blume ein Liebe­spaar beobachtet, ein merk­würdi­ges Gebilde, ein oder zwei Mil­lime­ter hoch, nicht höher, ganz gewiss. Eine sehr beson­dere Vari­ante war das gewe­sen, zwei Haifis­che [Kopf], zwei Lan­gusten [Schwanz] und zwei Fliegen [Flügel und Beine], delikat ineinan­der geset­zt, volu­minöse Augen­paare auf bewegliche Stäbchen mon­tiert, die sich im Spiel zärtlich betasteten, als ob sich vier sehende Mundw­erke küssten. Das alles war sehr schön, auch in der Farbe gestal­tet, je ein leuch­t­end gel­ber Kopf, zwei feuer­rote Brüste und Hin­terteile von einem Umbrablau, wie ich es so prächtig noch nie zuvor gese­hen habe. Genau dort hat­te heftiges Pumpen einge­set­zt, während das Flügel­w­erk schillerte im fein­sten Pris­men­licht. Selt­sam, auch bei diesen sehr kleinen, wilden Wesen war nichts zu hören, nicht das min­deste Geräusch, da war Bewe­gung, nur Bewe­gung. Und ich dachte noch, sehr ele­gant, wie das dort an einem frühen Fre­itag­mor­gen schon gemacht wird, ohne sich von den Augen eines Riesen stören zu lassen. Es ist jet­zt 5 Uhr und dreißig Minuten. Es sind Spin­nen, die mor­gens das Nacht­wass­er von den Wiesen saufen.

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schuhwerk

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echo : 5.22 — Eimal wartete ich im Regen ste­hend auf eine Straßen­bahn. Das war ein sehr angenehmer, warmer, nach Steinen duf­ten­der Regen, eine Art Regen, bei der ich an das Wort Mon­sun denke, wenn ich seine Geräusche höre. Ich stand also im Regen und dachte an das Wort Mon­sun, als genau um 22 Uhr und 18 Minuten die Straßen­bahn, die ich erwartete, vor mir hielt. Die Türen öffneten sich und ein Herr stieg aus der Straßen­bahn, der eine Zigarre rauchte. Er trug einen grauen Anzug, ein weißes Hemd, eine hell­grüne Krawat­te, keine Schuhe, aber Strümpfe. Für einen kurzen Moment, ich hat­te einen Fuß bere­its in den Wag­gon der Straßen­bahn gestellt, stand der Mann direkt neben mir. Ich sagte: Sie haben keine Schuhe an, mein Herr. So, erwiderte der Mann, blick­te dann erstaunt an sich herab, sah mir in die Augen und fragte mit ein­er sehr hellen Stimme: Warum?

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memory

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oli­mam­bo : 3.02 — Vor ein­er Stunde unge­fähr, aus heit­erem Him­mel, erin­nerte ich mich an eine Brief­marke, die sich zu ein­er Zeit in meinem Besitz befun­den hat­te, als ich noch ein Kind gewe­sen war. Diese Marke, obwohl sehr viele Jahre weit von mir ent­fer­nt, war so gegen­wär­tig von ein­er Sekunde zur anderen, als hätte ich sie wenige Minuten zuvor einem Sam­me­lal­bum ent­nom­men und auf einen Luft­post­brief gek­lebt. Zu Ehren des Schim­pansen Ham, der in den Wel­traum gereist war, um dort einige Übun­gen in der Schw­erelosigkeit zu absolvieren, war sie in ein­er begren­zten Auflage gedruckt gewor­den. Das Beson­dere an Ham war ohne Frage seine Men­schenähn­lichkeit gewe­sen, auch dass Ham, im Gegen­satz zu Leica, ein­er rus­sis­chen Hundedame, seinen Aus­flug in den Kos­mos über­lebte. Der kleine Brief­marke­naffe trug einen Helm, genau genom­men einen weißen Astro­naut­en­helm, der unglück­licher­weise von einem Stem­pel getrof­fen wor­den war. In diesem Moment, da ich notiere, erin­nere mich an einen Riss, der mein Brief­marke­nal­bum bedro­hte, weil er mit jed­er Besich­ti­gung der Samm­lung, knis­ternd wuchs. Ein­mal habe ich einem Mäd­chen, in das ich ver­liebt gewe­sen war, mein Album mit Riss gezeigt, eine selt­same Erfahrung, weshalb ich das Sam­meln der Brief­marken aufgeben habe und mich den Schallplat­ten zu wid­men begann. Dieses Mäd­chen, das mich von den Brief­marken ent­fer­nte, hieß Patrizia und trug sehr kleine blaue Knöpfe in bei­den Ohren, die her­rlich funkel­ten, sobald sie sich bewegte. Ja, sie funkel­ten damals bis in meine Träume hinein und sie funkeln noch heute oder wieder, während ich hier still in ein­er kühlen Nacht herum­sitze und mich wun­dere, dass ich an Dinge denke, die ich vor ein­er Stunde noch nicht wusste.

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radar

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echo : 0.05 — Ist es vielle­icht möglich, mit ein­er sehr feinen Waage zu messen, um wie viele Piko­gramm mein Gehirn schw­er­er gewor­den ist, weil ich Ray Lori­ga gele­sen habe. Wird eventuell mein Gehirn leichter, wenn ich ein Tele­fon­buch auswendig lerne? Wie viel wiegt die Nachricht auf dieser Welt, dass Zeng Jinyan ( Bürg­er­recht­lerin / Peking ) ver­schwun­den ist? — stop

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vögel

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echo : 6.05 — Eine Frau, sehr alt, sitzt in einem ver­wüsteten Zim­mer auf dem Boden. Ihr Gesicht ist ver­let­zt, das linke Auge erblind­et, eine tief­blaue, geschwol­lene Wunde. Dann ist eine Straße zu sehen. Auto­mo­bile fahren im Schritt­tem­po schw­er bepackt nach Nor­den oder Süden. Ein Hub­schrauber der rus­sis­chen Armee jagt über diese Straße hin, als würde ein Kinofilm gedreht. Ich schalte das Fernse­hgerät aus, schließe die Woh­nungstür und trete vor das Haus. Vögel pfeifen, immer pfeifen im Som­mer Vögel, wenn ich auf die Straße trete, auch gestern, als woll­ten sie mir etwas sagen. Vielle­icht woll­ten sie sagen, dreh dich um, setz Dich an Deine Schreib­mas­chine, denk nach, ver­suche her­auszufind­en im Such­er Deines Sea­mon­key­browsers was dort geschieht vor den kauka­sis­chen Bergen. Gestern, nach­mit­tags, habe ich mich also doch auf den Weg gemacht, um in einem Waren­haus ein weißes Hemd zu kaufen. Zwei Stun­den später saß ich im Café vor ein­er Tasse Schoko­lade und notierte warum ich wegen aus­gedehn­ter Beobach­tungstätigkeit scheit­erte in dem Ver­such ein weißes Her­ren­hemd zu kaufen. — stop

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speed

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lima : 0.01 — Ich hörte im Radio, ein Mann aus Jamai­ka sei eine Strecke von 100 Metern in 9.69 Sekun­den gelaufen. Sofort set­zte ich mich vor das Fernse­hgerät und beobachtete diesen Mann, von dem ich gehörte hat­te, und ich dachte, dass ich ihn gerne ein­mal berühren würde, abklopfen, oder mein Ohr auf einen sein­er Ober­schenkel leg­en und lauschen.

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operation

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sier­ra : 0.12 — Ist es Men­schen möglich, einen müde gewor­de­nen Fal­ter am offe­nen Herzen solange zu operieren, bis er wieder fliegen kann? Wie betäubt, wie beat­met, wie näht man eine Fal­ter­brust?

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leuchtstoffe

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tan­go : 2.33 — Wieder wun­der­bare Wörter gele­sen: Man­del­brot­struk­tur Lebens­baum Augapfel Pyra­mi­den­bahn Venen­stern Liquor Medi­anus­ga­bel Herzbeu­tel. – stop.

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yanuk : kulinarien

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oli­mam­bo

~ : yanuk le
to : louis
sub­ject : MOLLUSKEN
date : aug 23 08 2.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, wir hat­ten hefti­gen Sturm, waren aber gut befes­tigt. Seit gestern funk­tion­iert meine Kurbel­mas­chine wieder und ich kann Strom erzeu­gen, so dass ich schreiben und Nachricht­en emp­fan­gen kann. Habe scheue Zikaden ent­deckt, die Feuer entzün­den, und schlo­hweiße Geck­os, die vorzüglich schmeck­en. Bald meld ich mich wieder. — Yanuk

einge­fan­gen
16.07 UTC
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handspiel

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echo : 0.08 – Wenn ich sage: meine schlafend­en Hände, spreche ich von Hän­den, die ich nie gese­hen habe.

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sand

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india : 0.02 — Auf­gabe : Eine Bib­lio­thek erfind­en, eine Sub­stanz, die in kle­in­sten Teilen von Ameisen durch einen Wald getra­gen wer­den kann.

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lebenszeichen

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alpha : 5.56 – Ich habe heute Nacht eine Ton­band­mas­chine, einen Notizblock, Bleis­tifte, einen Radier­gum­mi und einen geze­ich­neten Grun­driss jenes Ortes, von dem ich erzäh­le, auf den Tisch vor mir abgelegt, auch einen hölz­er­nen Kas­ten, in dem ich Karteikarten ver­wahre, die ich im Prä­pari­er­saal rasch beschrieben habe, Sekun­den­ware, ein Verze­ich­nis der Geräusche, der Bewe­gun­gen, der Fra­gen, Atmo­sphären, Gedanken, die ich mit unruhi­gen Hän­den in meine geöffnete Hand­fläche notierte. Ich meine, einen feinen Geruch von For­ma­lin zu vernehmen, der noch immer von den Kärtchen aufzusteigen scheint. Jet­zt schreibe ich das Wort Meer und sofort danach das Wort Atlantik. Eine junge Frau sitzt vor diesem atlantis­chen Meer an Deck eines sehr großen Schiffes. Sie unter­hält sich mit einem Matrosen, der ihr eine Zeitung brachte. Wenn ich sie so heim­lich beobachte, meine ich zu erken­nen, dass sie ver­liebt ist. Sie errötet, wenn der junge Mann zu ihr spricht, schlägt die Augen nieder, dann wirft sie Brot in die Luft zu den Möwen hin. — 5 Uhr 18. Seit Mon­tag 25.8. wieder Funkze­ichen aus Peking > Zeng Jinyan ( chi­nese : eng­lish by babelfish )

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