flugglas

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nordpol : 22.05 – Lag nach­mit­tags unter Sonne vor Amei­sen­stadt. Beob­ach­tete, wie Bewohner, nein, Konstruk­teure der knis­ternden Metro­pole, Käfer, Spinnen, Fliegen, Raupen, Rosen­blätter, auch mensch­liche Papiere ins Wohn­ge­häuse trans­por­tierten. Was, fragte ich mich, wird mit einer getö­teten oder einer gelähmte Fliege, mit schla­fenden Käfern und schla­fenden Spinnen geschehen hinter der Fich­ten­na­del­haut? Viel­leicht einmal mit einer sehr kleinen Kamera eintau­chen und schauen. Ich würde wohl auf eine Halle treffen, auf einen Ort der Zerle­gung, des Tran­chie­rens am laufenden Band. Hier also werden Pracht­fliegen zerteilt und dort noch lebende Spinnen fein­sor­tiert. In tiefer gele­genen Arse­nalen dann die Kammer der Flug­ge­räte, die Kammer der Fliegen-, der Libel­len­flügel, bitter duftende Luft, leichtes Flug­glas bis unter die Decke geschichtet. In einer weiteren Höhlung sind ihrer Länge und Stärke nach Spin­nen­beine aufge­sta­pelt, Baum­stämme, haarig, noch immer in zitternder Bewe­gung. Stunden werde ich in Maga­zinen schil­lernder Augen verweilen, ein begeis­terter Zeuge in Fabriken gefan­gener Spinnen, man hat ihnen die Beine abge­nommen, aber sie leben und singen feinste Seide in die warme Amei­sen­haus­luft. Werden sie müde, werden sie an Soldaten verfüt­tert. – Kurz nach elf Uhr. Abend. Gerade eben hörte ich vom Tod des russi­schen Schrift­stel­lers Alex­ander Solsche­nizyn.

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kampftrinken zu dublin

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MELDUNG. Trotz behörd­li­chen Verbotes wird am kommenden Abend in der Princess of Dublin weiteres Kampf­trinken voll­zogen. Gefochten werden schwere Benzine ab 22.30 Uhr. Mit Toten darf gerechnet werden. Pearse St., 8. Eintritt frei. – stop
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lucie

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sierra : 6.02 – Das sind lustige Tage, Tage wie dieser hier nach durch­ar­bei­teter Nacht. Noch immer, drinnen wie draußen, sehr warme und feuchte Hitze. In der Dämme­rung schloss ich die Fenster. Auf das Bett waren leichte Tücher gelegt, das luftigste Mate­rial, das zu finden gewesen ist, die Fenster verdun­kelt, alles bereit den begin­nenden Tag sofort zur Nacht zu machen. Ich lag bald unterm Buch, das mir den Kopf müde machte,  dachte, dass ich nichts denken sollte, schaute nach Lich­tern, die unter den Lidern in Schlaf­augen wandern. Fast war ich wegge­kommen, als eine Fliege auf meiner Schulter landete und sofort mit dem Munds­tempel nach Salz und anderen Dingen zu forschen begann. Ich sagte, bitte, bitte nicht, Lucie, heute bitte nicht, ich muss schlafen. Und so erhob sich Lucie in die Luft und ich hörte, wie sie eine lang­same, traurig summende Runde links­herum durch mein Zimmer flog. Dann schlief ich ein und träumte zwei blaue Schne­cken. Sie waren von kühler Tempe­ratur und hatten sich wie Polar­füchse in einer Schnee­höhle, in meine Augen­höhlen gelegt. Als ich wach wurde, als ich zunächst wach geworden war, wie immer mit geschlos­senen Augen, hörte ich Gewit­ter­donner, dann entdeckte ich Lucie in nächster Nähe. Sie hatte sich, während ich träumte, vorsichtig auf den Rücken meiner linken Hand gesetzt und ihre Beine ange­zogen, so dass sie nicht saß, viel­mehr auf mir lag. Ja ist es denn Fliegen möglich, die Augen zu schliessen?

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letztes licht

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delta : 0.06 – Die letzte Foto­grafie eines Menschen, aufge­nommen zu einem Zeit­punkt, als dieser foto­gra­fierte Mensch noch lebte. Oder jener letzte Film, der Benazir Bhutto zeigt, das letzte bewegte Bild. Ich beob­achte eine Frau, die lächelnd durch eine Menschen­menge schreitet. Während ich sie betrachte, weiß ich, dass sie in wenigen Sekunden getötet werden wird. Was sehe ich?

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langustenfliege

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india : 6.20 – Früh­mor­gens im Palmen­garten spaziert. Ich ging einhun­dert Schritte nord­wärts, dann zwei­hun­dert Schritte südwärts, lag bald in einer Wiese herum und dachte, hier schlafe ich zwei Tage, hier genau an dieser Stelle schlafe ich zwei Tage unterm Zirp­gril­len­schirm. Wenn man so in einer Wiese liegt, kommt man aus dem Staunen nicht heraus, man kann nicht schlafen, weil man Natur beob­achten und sich wundern muss, wie das alles möglich geworden ist. Habe auf einer schwarz und weiß gestreiften Blume ein Liebes­paar beob­achtet, ein merk­wür­diges Gebilde, ein oder zwei Milli­meter hoch, nicht höher, ganz gewiss. Eine sehr beson­dere Vari­ante war das gewesen, zwei Haifi­sche [Kopf], zwei Langusten [Schwanz] und zwei Fliegen [Flügel und Beine], delikat inein­ander gesetzt, volu­mi­nöse Augen­paare auf beweg­liche Stäb­chen montiert, die sich im Spiel zärt­lich betas­teten, als ob sich vier sehende Mund­werke küssten. Das alles war sehr schön, auch in der Farbe gestaltet, je ein leuch­tend gelber Kopf, zwei feuer­rote Brüste und Hinter­teile von einem Umbrablau, wie ich es so prächtig noch nie zuvor gesehen habe. Genau dort hatte heftiges Pumpen einge­setzt, während das Flügel­werk schil­lerte im feinsten Pris­men­licht. Seltsam, auch bei diesen sehr kleinen, wilden Wesen war nichts zu hören, nicht das mindeste Geräusch, da war Bewe­gung, nur Bewe­gung. Und ich dachte noch, sehr elegant, wie das dort an einem frühen Frei­tag­morgen schon gemacht wird, ohne sich von den Augen eines Riesen stören zu lassen. Es ist jetzt 5 Uhr und dreißig Minuten. Es sind Spinnen, die morgens das Nacht­wasser von den Wiesen saufen.

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schuhwerk

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echo : 5.22 – Eimal wartete ich im Regen stehend auf eine Stra­ßen­bahn. Das war ein sehr ange­nehmer, warmer, nach Steinen duftender Regen, eine Art Regen, bei der ich an das Wort Monsun denke, wenn ich seine Geräu­sche höre. Ich stand also im Regen und dachte an das Wort Monsun, als genau um 22 Uhr und 18 Minuten die Stra­ßen­bahn, die ich erwar­tete, vor mir hielt. Die Türen öffneten sich und ein Herr stieg aus der Stra­ßen­bahn, der eine Zigarre rauchte. Er trug einen grauen Anzug, ein weißes Hemd, eine hell­grüne Krawatte, keine Schuhe, aber Strümpfe. Für einen kurzen Moment, ich hatte einen Fuß bereits in den Waggon der Stra­ßen­bahn gestellt, stand der Mann direkt neben mir. Ich sagte: Sie haben keine Schuhe an, mein Herr. So, erwi­derte der Mann, blickte dann erstaunt an sich herab, sah mir in die Augen und fragte mit einer sehr hellen Stimme: Warum?

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memory

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olimambo : 3.02 – Vor einer Stunde unge­fähr, aus heiterem Himmel, erin­nerte ich mich an eine Brief­marke, die sich zu einer Zeit in meinem Besitz befunden hatte, als ich noch ein Kind gewesen war. Diese Marke, obwohl sehr viele Jahre weit von mir entfernt, war so gegen­wärtig von einer Sekunde zur anderen, als hätte ich sie wenige Minuten zuvor einem Sammel­album entnommen und auf einen Luft­post­brief geklebt. Zu Ehren des Schim­pansen Ham, der in den Welt­raum gereist war, um dort einige Übungen in der Schwe­re­lo­sig­keit zu absol­vieren, war sie in einer begrenzten Auflage gedruckt geworden. Das Beson­dere an Ham war ohne Frage seine Menschen­ähn­lich­keit gewesen, auch dass Ham, im Gegen­satz zu Leica, einer russi­schen Hunde­dame, seinen Ausflug in den Kosmos über­lebte. Der kleine Brief­mar­ken­affe trug einen Helm, genau genommen einen weißen Astro­nau­ten­helm, der unglück­li­cher­weise von einem Stempel getroffen worden war. In diesem Moment, da ich notiere, erin­nere mich an einen Riss, der mein Brief­mar­ken­album bedrohte, weil er mit jeder Besich­ti­gung der Samm­lung, knis­ternd wuchs. Einmal habe ich einem Mädchen, in das ich verliebt gewesen war, mein Album mit Riss gezeigt, eine selt­same Erfah­rung, weshalb ich das Sammeln der Brief­marken aufgeben habe und mich den Schall­platten zu widmen begann. Dieses Mädchen, das mich von den Brief­marken entfernte, hieß Patrizia und trug sehr kleine blaue Knöpfe in beiden Ohren, die herr­lich funkelten, sobald sie sich bewegte. Ja, sie funkelten damals bis in meine Träume hinein und sie funkeln noch heute oder wieder, während ich hier still in einer kühlen Nacht herum­sitze und mich wundere, dass ich an Dinge denke, die ich vor einer Stunde noch nicht wusste.

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radar

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echo : 0.05 – Ist es viel­leicht möglich, mit einer sehr feinen Waage zu messen, um wie viele Piko­gramm mein Gehirn schwerer geworden ist, weil ich Ray Loriga gelesen habe. Wird even­tuell mein Gehirn leichter, wenn ich ein Tele­fon­buch auswendig lerne? Wie viel wiegt die Nach­richt auf dieser Welt, dass Zeng Jinyan ( Bürger­recht­lerin / Peking ) verschwunden ist? – stop

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vögel

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echo : 6.05 – Eine Frau, sehr alt, sitzt in einem verwüs­teten Zimmer auf dem Boden. Ihr Gesicht ist verletzt, das linke Auge erblindet, eine tief­blaue, geschwol­lene Wunde. Dann ist eine Straße zu sehen. Auto­mo­bile fahren im Schritt­tempo schwer bepackt nach Norden oder Süden. Ein Hubschrauber der russi­schen Armee jagt über diese Straße hin, als würde ein Kino­film gedreht. Ich schalte das Fern­seh­gerät aus, schließe die Wohnungstür und trete vor das Haus. Vögel pfeifen, immer pfeifen im Sommer Vögel, wenn ich auf die Straße trete, auch gestern, als wollten sie mir etwas sagen. Viel­leicht wollten sie sagen, dreh dich um, setz Dich an Deine Schreib­ma­schine, denk nach, versuche heraus­zu­finden im Sucher Deines Seam­on­key­brow­sers was dort geschieht vor den kauka­si­schen Bergen. Gestern, nach­mit­tags, habe ich mich also doch auf den Weg gemacht, um in einem Waren­haus ein weißes Hemd zu kaufen. Zwei Stunden später saß ich im Café vor einer Tasse Scho­ko­lade und notierte warum ich wegen ausge­dehnter Beob­ach­tungs­tä­tig­keit schei­terte in dem Versuch ein weißes Herren­hemd zu kaufen. – stop

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speed

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lima : 0.01 – Ich hörte im Radio, ein Mann aus Jamaika sei eine Strecke von 100 Metern in 9.69 Sekunden gelaufen. Sofort setzte ich mich vor das Fern­seh­gerät und beob­ach­tete diesen Mann, von dem ich gehörte hatte, und ich dachte, dass ich ihn gerne einmal berühren würde, abklopfen, oder mein Ohr auf einen seiner Ober­schenkel legen und lauschen.

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operation

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sierra : 0.12 – Ist es Menschen möglich, einen müde gewor­denen Falter am offenen Herzen solange zu operieren, bis er wieder fliegen kann? Wie betäubt, wie beatmet, wie näht man eine Falter­brust?

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leuchtstoffe

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tango : 2.33 – Wieder wunder­bare Wörter gelesen: Mandel­brot­struktur Lebens­baum Augapfel Pyra­mi­den­bahn Venens­tern Liquor Media­nus­gabel Herz­beutel. – stop.

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yanuk : kulinarien

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olimambo

~ : yanuk le
to : louis
subject : MOLLUSKEN
date : aug 23 08 2.15 p.m.

Lieber Mr. Louis, wir hatten heftigen Sturm, waren aber gut befes­tigt. Seit gestern funk­tio­niert meine Kurbel­ma­schine wieder und ich kann Strom erzeugen, so dass ich schreiben und Nach­richten empfangen kann. Habe scheue Zikaden entdeckt, die Feuer entzünden, und schloh­weiße Geckos, die vorzüg­lich schme­cken. Bald meld ich mich wieder. – Yanuk

einge­fangen
16.07 UTC
352 Zeichen

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sand

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india : 0.02 – Aufgabe : Eine Biblio­thek erfinden, eine Substanz, die in kleinsten Teilen von Ameisen durch einen Wald getragen werden kann.

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lebenszeichen

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alpha : 5.56 – Ich habe heute Nacht eine Tonband­ma­schine, einen Notiz­block, Blei­stifte, einen Radier­gummi und einen gezeich­neten Grund­riss jenes Ortes, von dem ich erzähle, auf den Tisch vor mir abge­legt, auch einen hölzernen Kasten, in dem ich Kartei­karten verwahre, die ich im Präpa­rier­saal rasch beschrieben habe, Sekun­den­ware, ein Verzeichnis der Geräu­sche, der Bewe­gungen, der Fragen, Atmo­sphären, Gedanken, die ich mit unru­higen Händen in meine geöff­nete Hand­fläche notierte. Ich meine, einen feinen Geruch von Formalin zu vernehmen, der noch immer von den Kärt­chen aufzu­steigen scheint. Jetzt schreibe ich das Wort Meer und sofort danach das Wort Atlantik. Eine junge Frau sitzt vor diesem atlan­ti­schen Meer an Deck eines sehr großen Schiffes. Sie unter­hält sich mit einem Matrosen, der ihr eine Zeitung brachte. Wenn ich sie so heim­lich beob­achte, meine ich zu erkennen, dass sie verliebt ist. Sie errötet, wenn der junge Mann zu ihr spricht, schlägt die Augen nieder, dann wirft sie Brot in die Luft zu den Möwen hin. – 5 Uhr 18. Seit Montag 25.8. wieder Funk­zei­chen aus Peking > Zeng Jinyan ( chinese : english by babel­fish )

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