Aus der Wörtersammlung: falle

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an martha

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tan­go : 12.15 — Im Gespräch mit einer alten Dame über das Ver­ges­sen. Sie sag­te, dass man, wenn man wirk­lich ver­gess­lich wird, die­se Ver­gess­lich­keit nur dann bemerkt, wenn man dar­auf auf­merk­sam gemacht wird. An Tagen, da sie sich allein in ihrer Woh­nung auf­hal­te, kön­ne sie ver­ges­sen, soviel sie wol­le, es wür­de ihr selbst nicht und nie­mand ande­rem auf­fal­len, dass sie eigent­lich einen Film betrach­ten woll­te, aber auf dem Weg zum Fern­seh­ge­rät plötz­lich ein Buch auf dem Tisch ent­deck­te, wes­halb ihr Film­wunsch ver­lo­ren ging. — Lie­be Mar­tha, Du hast ver­säumt, nach einem Text zu suchen, von dem ich Dir erzähl­te. Ich sen­de die­sen Text noch ein­mal und rufe Dich gleich an, damit Du ihn für mich vor­le­sen wirst. Hier ist er: Eines der letz­ten beweg­ten Bil­der, die ich von mei­nem Vater in Erin­ne­rung habe, zeigt ihn, wie er in sei­nem Arbeits­zim­mer am Com­pu­ter arbei­tet. Auf dem Bild­schirm sind dut­zen­de Pro­gramm­fens­ter geöff­net. Der alte Mann sitzt fast bewe­gungs­los in sei­nem Ses­sel. Manch­mal tas­tet eine Hand durch die Luft, greift unsi­cher nach einem Glas Milch, bald stellt sie das Glas wie­der auf den Tisch zurück. Ich sehe einen Zei­ger über den Bild­schirm fah­ren. Ein wei­te­res Pro­gramm­fens­ter öff­net sich. Ein klei­nes Mäd­chen fährt in die­sem Fens­ter auf einem Fahr­rad über einen san­di­gen Weg. Sie bewegt sich in Schlan­gen­li­ni­en dahin, lacht hoch zur Kame­ra, die rück­wärts durch die Luft zu flie­gen scheint. Es ist ein hei­te­rer Film. Sobald der Film zu Ende ist, spielt ihn mein Vater von vorn ab. Aber dann öff­net sich wie von Geis­ter­hand noch ein Fens­ter, das den hei­te­ren Film ver­deckt. Eine Foto­gra­fie, Mut­ter nahe Lis­sa­bon an einem Strand. Neben ihr liegt der Mann, der vor dem Com­pu­ter sitzt, im Sand. Er trägt Turn­schu­he. Auch mei­ne Mut­ter trägt Turn­schu­he. Ich frag­te mich, wer die­se Auf­nah­me mach­te, und kom­me nicht dar­auf. Ein Schat­ten ist zu erken­nen, der Schat­ten eines Foto­gra­fen viel­leicht. In die­sem Moment ruft die Frau, die auf der Foto­gra­fie zu sehen ist, von unten, vom Wohn­zim­mer her, dass das Mit­tag­essen bald fer­tig sei. Wie nun mein Vater sich an die Arbeit macht, alle Fens­ter, die er im Lau­fe des Vor­mit­ta­ges geöff­net hat­te, wie­der zu schlie­ßen. Nein, alles muss auf­ge­räumt wer­den. Mein Vater steht nicht ein­fach auf, um sich sofort unsi­che­ren Schrit­tes auf die Trep­pe zu wagen. Ich sehe, wie sich der Zei­ger auf dem Bild­schirm den Rah­men der Pro­gramm­fens­ter nähert. Er scheint das Sym­bol für das Schlie­ßen der Fens­ter zu suchen, aber das Sym­bol ist nicht zu ent­de­cken, nicht zu erken­nen. Der Zei­ger irrt auf dem Bild­schirm her­um, Fens­ter drän­gen sich in den Vor­der­grund und ver­schwin­den wie­der. Dann kommt Mut­ter her­bei, sie ruft zärt­lich: Komm, komm, das Essen ist fer­tig. Schrit­te auf der Trep­pe. Das Geräusch der Bestecke. Das Zwit­schern der Vögel vom Gar­ten her. Im Zim­mer auf dem Schreib­tisch ist der Com­pu­ter längst ein­ge­schla­fen. — stop

polaroidkolibris

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hummergeschichte

9

alpha : 20.16 — Ich habe ges­tern mit K. gespro­chen. Er erzähl­te, er habe unlängst ver­suchs­wei­se online von Ham­burg aus einen gekoch­ten Hum­mer in Man­hat­tan bestellt. Das Tier kos­te­te 28 Dol­lar, alle not­wen­di­gen Anga­ben waren bald aus­ge­füllt, Name, Adres­se, Kre­dit­kar­ten­num­mer. Es war ein spä­ter Abend gewe­sen. K. erhielt einen Anruf. Er plau­der­te eini­ge Zeit mit einem Freund. Als er an den Com­pu­ter zurück­kehr­te, war sei­ne Maschi­ne ein­ge­schla­fen, sie erwach­te sofort, als er eine Tas­te beweg­te. In die­sem Moment muss es gesche­hen sein. K. berühr­te die wei­ter­hin geöff­ne­te Bestell­form an ent­schei­den­der Stel­le mit sei­ner Mou­se, kurz dar­auf erreich­te ihn per E‑Mail eine Bestä­ti­gung, der Hum­mer sei (Ship­ping) auf dem Weg. Ver­su­che K.’s, die Bestel­lung tele­fo­nisch rück­gän­gig zu machen, schlu­gen fehl, der Betrag von 28 Dol­lar für das Tier plus 25 Dol­lar Trans­port­ge­bühr wur­den von sei­nem Kre­dit­kar­ten­kon­to abge­bucht. Zwei Wochen spä­ter erhielt K. Nach­richt von hie­si­ger Zoll­be­hör­de, eine Sen­dung lie­ge für ihn am Hafen zur Abho­lung bereit. Ein fla­ches Gebäu­de, Import, meh­re­re Schal­ter, Trans­port­bän­der, Beam­te in grü­nen Uni­for­men. Als K. vor Ort erschien, wur­de gera­de eine Per­son, die hef­tig dis­ku­tier­te, in Hand­schel­len abge­führt. K. war­te­te. Nach einer Stun­de wur­de er zu einem Schal­ter geru­fen. Man über­reich­te ihm ein For­mu­lar, dem eine Foto­gra­fie bei­gefügt wor­den war. Das Doku­ment zeig­te ein geöff­ne­tes Paket von Sty­ro­por, dar­in einen Sud, in wel­chem wesent­li­che Tei­le eines Hum­mers schwam­men, Füh­ler, Schwanz, Augen­stie­le, Zan­gen, alles war noch gut zu erken­nen gewe­sen. Hän­de, die in Hand­schu­hen steck­ten, hiel­ten das Paket ins Licht. Auf beglei­ten­dem Schrei­ben wur­den Ver­bren­nungs­kos­ten von 118 EUR für impor­tier­te Son­der­müll­wa­re ange­mahnt. Ein Beam­ter berich­te­te, einer sei­ner Kol­le­gen sei wäh­rend der Öff­nung des Pake­tes umge­fal­len, die­ser habe sich am Kopf ver­letzt, wei­te­re Kos­ten wären denk­bar. – Sonn­tag. stop. Viel­leicht. stop. Guten Abend! — stop
ping

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rooseveltblüte

2

sier­ra

~ : malcolm
to : louis
sub­ject : ROOSEVELTBLÜTE
date : nov 22 13 8.15 p.m.

Am 22. Novem­ber berich­tet die New York Times über Eich­hörn­chen Fran­kie, das seit Wochen auf dem Hur­ri­ka­ne Deck der Sta­ten Island Fäh­re John F. Ken­ne­dy lebt. Wir konn­ten das nicht auf­hal­ten. Weder den Bericht selbst, noch eine Foto­gra­fie, die das Eich­hörn­chen zeigt, wie es auf einer Sitz­bank nach einem Fin­ger greift. Fran­kie scheint sich auf dem Schiff wohl­zu­füh­len. Viel­leicht ist es die Wär­me, viel­leicht sind es die Bewe­gun­gen der Fäh­re auf dem Meer, die ihm gefal­len. Natür­lich ist er längst zur Attrak­ti­on gewor­den, zum Stadt­ge­spräch, wird foto­gra­fiert und mit fri­schen Erd­nüs­sen ver­sorgt. Seit eini­gen Tagen nimmt Fran­kie gleich­wohl Bana­nen zu sich, zutrau­lich wagt er sich nah an die Pas­sa­gie­re der Fäh­re her­an, greift mit sei­nen Hän­den nach den Früch­ten, ver­mag sie zu öff­nen, duckt sich, has­tet mit sei­ner Beu­te je unter eine der Sitz­bän­ke, wes­halb zahl­rei­che Pas­sa­gie­re nie­der­knien, um Fran­kie nicht aus den Augen zu ver­lie­ren. Ges­tern beob­ach­te­ten wir, wie ein Mäd­chen Fran­kie berüh­ren durf­te. Er zit­ter­te leicht, als das Kind mit einer Hand über sei­nen Rücken fuhr. Das Mäd­chen bemerk­te Fran­kies Sen­der, der dicht unter sei­ner Haut ver­bor­gen liegt, rasch zog es sei­ne Hand zurück. Es ist beun­ru­hi­gend, welch gro­ße Auf­merk­sam­keit Fran­kie genießt. Wir haben den Ein­druck, man­che der Pas­sa­gie­re fah­ren nur des­halb mit der Fäh­re, um Fran­kie besich­ti­gen zu kön­nen. Kaum noch kom­men wir an ihn her­an, ohne selbst foto­gra­fiert zu wer­den. Heu­te ist es sehr win­dig. Brook­lyn und New Jer­sey lie­gen im Nebel. Man könn­te glau­ben, dass wir uns auf hoher See befin­den. Die Schei­ben des Schif­fes schep­pern. Was­ser peitscht über die Vor­decks der Fäh­re. Men­schen mit Foto­ap­pa­ra­ten ste­hen im Wind und suchen nach Man­hat­tan. Etwas see­krank sen­de ich aller­bes­te Grü­ße aus New York – Mal­colm / code­wort : rooseveltblüte

emp­fan­gen am
23.11.2013
1855 zeichen

mal­colm to louis »

polaroidbadende

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paris — kigali

9

tan­go : 2.22 — Stil­le Nacht. Leich­ter Regen. Die Luft riecht nach Schnee. Ich schrei­be wie­der einen Brief an Hen­ry. Ich weiß, dass er mei­ne Brie­fe schätzt, Orte, Städ­te, Stra­ßen, Land­schaf­ten, Häfen. Lie­ber Hen­ry, anbei die Stre­cke Paris — Kiga­li in Wor­ten, so wie sie der Com­pu­ter aus­ge­rech­net hat. Ich habe für das mit­tel­mee­ri­sche Gebiet eine Lücke gelas­sen, da ich authen­ti­sche nau­ti­sche Begrif­fe nicht ent­de­cken konn­te. Von die­sem Gebie­ten ein­mal abge­se­hen, soll­te Dei­ne Rou­te voll­stän­dig vor­ge­schrie­ben sein. Du wirst, sofern alles gut gehen wird, nach 133 Stun­den Kiga­li errei­chen. Natür­lich darfst Du, wie immer, nicht anhal­ten, um die Zeit­vor­ga­be ein­hal­ten zu kön­nen, am bes­ten reist Du wie­der in Beglei­tung. Das Pro­gramm gab fol­gen­den war­nen­den Hin­weis: Unse­re Anga­ben die­nen nur zu Pla­nungs­zwe­cken. Es ist mög­lich, dass die Ver­kehrs­ver­hält­nisse auf­grund von Bau­stel­len, Ver­kehr, Wet­ter oder ande­ren Fak­to­ren von den hier dar­ge­stell­ten Vor­schlä­gen abwei­chen. Sie soll­ten daher Ihre Rei­se ent­spre­chend pla­nen und alle Ver­kehrs­schil­der oder Hin­weise bezüg­lich Ihrer Rou­te beach­ten. Ich setz­te hin­zu, lie­ber Hen­ri, das Wüs­ten­ge­biet der Saha­ra gilt als äußerst gefähr­lich. Blitz­fal­len süd­lich der Stadt Paris. Ich wün­sche Dir eine gute Rei­se. Dein Lou­is > 1. Auf Rue de Rivo­li nach Wes­ten Rich­tung Rue du Renard star­ten 69 m wei­ter gesamt 69 m 2. Leicht links abbie­gen auf Rue de la Cou­tel­le­rie Ca. 56 Sekunden140 m wei­ter gesamt 210 m 3. Rechts abbie­gen auf Av. Vic­to­ria 32 m wei­ter gesamt 240 m 4. 1. Abzwei­gung links neh­men, um auf Rue Saint-Mar­tin zu wech­seln 71 m wei­ter gesamt 300 m 5. 1. Abzwei­gung links neh­men, um auf Quai de Gesvres zu wech­seln Ca. 1 Minu­te 160 m wei­ter gesamt 450 6. Wei­ter auf Quai de l’Hô­tel de ville Ca. 53 Sekun­den 350 m wei­ter gesamt 800 m 7. Rechts abbie­gen auf Pont Lou­is Phil­ip­pe 15 m wei­ter gesamt 850 m 8. 1. Abzwei­gung links neh­men, um auf Voie Geor­ges Pom­pi­dou zu wech­seln Ca. 3 Minu­ten 1,2 km wei­ter gesamt 2,0 km 9. Wei­ter auf Voie Mazas Ca. 1 Minu­te 1,0 km wei­ter gesamt 3,0 km 10. Gera­de­aus auf Quai de Ber­cy Ca. 2 Minu­ten 1,5 km wei­ter gesamt 4,5 km 11. A3 A6 Péri­phé­ri­que Por­te de Ber­cy Cha­ren­ton Die Auf­fahrt Rich­tung A3/A6/Périphérique/Porte de Bercy/Charenton neh­men 270 m wei­ter gesamt 4,8 km 12. Aéro­port Orly Lyon Péri­phé­ri­que Inte­ri­eur Quai d’I­vry Por­te d’I­ta­lie An der Gabe­lung links hal­ten, Beschil­de­rung in Rich­tung Aéro­port Orly/Lyon/Périphérique Interieur/Quai d’Ivry/Porte d’I­ta­lie fol­gen und wei­ter auf Bd Péri­phé­ri­que Blitz­ge­rät nach 1,2 km Ca. 2 Minu­ten 2,4 km wei­ter gesamt 7,2 km 13. A6B A10 Bor­deaux Nan­tes Lyon Évry Aéro­port Orly-Run­gis Bei Aus­fahrt A6B Rich­tung A10/Bordeaux/Nantes/Lyon/Évry/Aéroport Orly-Run­gis fah­ren Ca. 7 Minu­ten 9,6 km wei­ter gesamt 16,8 km 14. A10 E5 Palai­se­au Étam­pes Bor­deaux-Nan­tes Mas­sy Longju­meau Rechts hal­ten, Beschil­de­rung in Rich­tung A10/E5/­Pa­lai­se­au/É­tam­pes/­Bor­deaux-Nan­tes­/­Mas­sy/­Longju­meau fol­gen 800 m wei­ter gesamt 17,6 km 15. Auf A10/E50 fah­ren Teil­wei­se gebüh­ren­pflich­ti­ge Stra­ße Blitz­ge­rä­te ab 2,6 km Ca. 23 Minu­ten 39,1 km wei­ter gesamt 56,7 km 16. A71 Tou­lou­se Cler­mont-Fer­rand Bor­deaux Orlé­ans A20 Links hal­ten, Beschil­de­rung in Rich­tung A71/­Tou­lou­se/Cler­mont-Fer­ran­d/­Bor­deau­x/Or­lé­an­s/A20 fol­gen Gebüh­ren­pflich­ti­ge Stra­ße Blitz­ge­rä­te ab 61,9 km Ca. 34 Minu­ten 71,7 km wei­ter gesamt 128 km >
ping

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im telefon

9

nord­pol : 6.55 — Ich habe eine lus­ti­ge Geschich­te erlebt. In die­ser Geschich­te kom­men ein Mäd­chen vor, die Mut­ter des Mäd­chens, die mei­ne Schwes­ter ist, ein Tele­fon, ein Foto­ap­pa­rat, ein Fahr­rad, das pink ist, und ich. Die Geschich­te ereig­ne­te sich vor weni­gen Tagen abends. Das Mäd­chen rief mich an. Sie sag­te ihren Namen und dann erzähl­te sie ein­fach dar­auf los, zum Bei­spiel, dass sie ein Fahr­rad besit­ze, das pink­far­ben ist, und dass sie mit dem Fahr­rad schon allei­ne her­um­fah­ren kön­ne, ohne umzu­fal­len, und zwar durch den Wald. Plötz­lich spricht sie nicht mehr, es ist still, aber ich höre sie atmen. Ich den­ke noch: Vor weni­gen Mona­ten konn­te sie nicht so gut erzäh­len, wie rasend schnell das geht, dass sich die Wör­ter for­mie­ren. Das Mäd­chen erzähl­te jetzt in gan­zen Sät­zen, es scheint so zu sein, dass sie nun, da sie über gan­ze Sät­ze ver­fü­gen kann, end­lich alle ihre Geschich­ten sofort erzäh­len möch­te. Eine hel­le, fröh­li­che Stim­me. Aber dann doch die­se selt­sa­me Stil­le am Tele­fon, nur ihr Atem. Ich fra­ge: Bist Du noch dran? Hal­lo! Kannst Du mich hören? Aber das Mäd­chen ant­wor­tet nicht. Immer noch ihr Atmen. Nach einer Minu­te plötz­lich wie­der ihre Stim­me. Ich erfah­re, dass ihre Mut­ter sie gera­de foto­gra­fiert, wie sie mit mir tele­fo­niert. Ich sage: Das freut mich. Wun­der­bar, wir wer­den foto­gra­fiert, Du und ich, ich bin in dem Tele­fon. Wie­der Stil­le. Eine Pau­se. Eine sehr kur­ze Pau­se. Sagt das Mäd­chen: Quatsch mit Soße. — stop
ping

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innenohrmuscheln

9

echo : 6.22 — Lud­wig, der mich ges­tern Abend besuch­te, hat­te einen klei­nen Rausch mit­ge­bracht, an dem woll­te er wei­ter vor­an arbei­ten. Er hat­te dar­um eine Fla­sche bil­li­gen Cognacs in eine Papier­tü­te gesteckt, um sie den Abend über an sei­nem Bauch zu wär­men. Wenn er ab und zu einen Schluck aus der Fla­sche nahm, mach­te er sei­ne Augen zu Schlit­zen, er konn­te dann nicht mehr sehen, obwohl er eigent­lich nichts schme­cken woll­te. Es war ein lus­ti­ger Abend, ein­mal schlief Lud­wig ein im Bad, ich weck­te ihn und führ­te ihn zurück in die Küche. Das war gegen 22 Uhr gewe­sen. Ich konn­te zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Bewei­se dafür fin­den, dass Lud­wig mir noch immer zuhör­te oder mich über­haupt noch hören konn­te. Aber sich selbst schien er noch wahr­neh­men zu kön­nen. Wör­ter ent­gleis­ten, die Sät­ze, die sei­ne Geschich­ten erzähl­ten, waren jedoch mit­tels Kom­bi­na­ti­on ver­ständ­lich. Um kurz vor Mit­ter­nacht berich­te­te Lud­wig von einer Frau, die er ein­mal lieb­te. Sie wohn­te lan­ge Zeit in Lis­sa­bon, was sie dort mach­te, wovon sie leb­te, wuss­te Lud­wig nicht zu berich­ten, aber dass sie über beson­de­re Ohren ver­füg­te. In ihren Ohr­mu­scheln links und rechts sol­len sich wei­te­re klei­ne Ohr­mu­scheln befin­den, exakt in der­sel­ben Form ange­legt, nur eben klei­ner. Aber nicht genug damit, wenn man mit einer Taschen­lam­pe in die Innen­ohr­mu­scheln der Frau leuch­te­te, waren ein wei­te­res Paar noch klei­ne­rer Ohr­mu­scheln zu ent­de­cken. Das war eine sel­te­ne ana­to­mi­sche Erschei­nung. Als ich wis­sen woll­te, wie sich Lud­wig impli­zier­te Muschel­for­ma­tio­nen erklär­te, war der ver­lieb­te Mann bereits ein­ge­schla­fen. Er saß vor mei­nem Küchen­tisch, die Fla­sche war geleert, der Kopf auf sei­ne schma­le Brust gesun­ken, so schlief er, ohne vom Stuhl zu fal­len. Als ich am frü­hen Mor­gen die Küche betrat, saß er noch immer in die­ser Hal­tung am Tisch. Bei­na­he hät­te ich ihn für ein Kunst­werk gehal­ten, für eine beklei­de­te Gips­fi­gur: Trin­ken­der Freund. Aber Lud­wig atme­te. Der Atem war flach. Es war ein Atem, der gera­de noch zum Leben reich­te. Ich muss­te Lud­wig wecken, ich muss­te ihn wecken, um nicht schul­dig zu wer­den. – Guten Mor­gen. Es ist Mon­tag. — stop
ping

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manitoba

9

del­ta : 2.15 — Vor weni­gen Minu­ten erreicht mich eine E‑Mail. Ein Freund notiert, er habe von der kana­di­schen Fir­ma Metro­melt Inc. vor lan­ger Zeit bereits einen Auf­trag erhal­ten, der sehr anspruchs­voll sei. Es gin­ge dar­um, eine Vor­rich­tung zu kon­stru­ie­ren, die in der Lage sei, Infor­ma­ti­on der Wet­ter­diens­te so zu bear­bei­ten, dass sie mit­tels eines spe­zi­el­len Funk­ge­rä­tes in die Gehir­ne schla­fen­der Mit­ar­bei­ter gesen­det wer­den könn­ten. Die­se Mit­ar­bei­ter sei­en zustän­dig für die Alar­mie­rung zahl­rei­cher Schnee­räum­ko­lon­nen in den Pro­vin­zen Bri­tish Colum­bia sowie Mani­to­ba. Ins­be­son­de­re sei es not­wen­dig, Mess­füh­ler, die der Kon­zern in den betrof­fe­nen Gebie­ten instal­liert habe, aus­zu­le­sen und zu ana­ly­sie­ren, um zu einem defi­nier­ten Zeit­punkt, Träu­me von Schnee in den Schlaf­kam­mern der Ange­stell­ten des Unter­neh­mens zu erzeu­gen, sodass sie, einem Reflex fol­gend, inmit­ten der Nacht unver­züg­lich erwa­chen und zu ihren Tele­fo­nen grei­fen wür­den. Mein Freund berich­te­te, er habe sei­nen Auf­trag­ge­bern ange­bo­ten, ein Sys­tem zu for­mu­lie­ren, das geeig­net sei, im Fal­le von Schnee, Glo­cken­wer­ke in Betrieb zu set­zen, die jeden, der Schnee räu­men­den Ange­stell­ten unmit­tel­bar und recht­zei­tig wecken wür­den. Die­sen sei­nen Vor­schlag habe man abge­lehnt. Nun wüss­te er nicht wei­ter, er tra­ge seit Wochen ein ungu­tes Gefühl mit sich her­um. – Zwei Stun­den nach Mit­ter­nacht. 3° Cel­si­us Außen­tem­pe­ra­tur. Ers­te Gedan­ken. — stop
ping

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regenschirm

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hima­la­ya : 1.32 — Ich stell­te mir einen Schrift­stel­ler des digi­ta­len Zeit­al­ters vor, der täg­lich öffent­lich Gedan­ken in digi­ta­ler Wei­se notiert. Geschich­ten, die sich nicht immer tat­säch­lich ereig­net haben müs­sen. Ein­mal sitzt er vor der Schreib­ma­schi­ne, er bewegt sich nicht, scheint müde zu sein, nie­der­ge­schla­gen. Weni­ge Stun­den zuvor hat­te er bemerkt, dass er sich fürch­te­te. Den gan­zen Tag über ver­such­te er die­se Erkennt­nis wie ein Geheim­nis vor sich selbst zu ver­ste­cken. Es ging um nicht ande­res, als um sei­nen Wunsch, einen Satz oder Gedan­ken des ame­ri­ka­ni­schen Jour­na­lis­ten Dani­el Ells­berg zu zitie­ren. Die­ser Gedan­ke war ein nicht sehr kom­pli­zier­ter Gedan­ke, 34 Zei­chen, aber einer, der in der Nähe eines Namens sich ent­fal­te­te, des­sen Zei­chen­fol­ge sicher von gehei­men Robots bemerkt wer­den wür­de, einem Namen, der einem Signal­feu­er ähnelt. Der Gedan­ke geht so: Sec­re­cy cor­rupts, just as power cor­rupts. Der Schrift­stel­ler, der sich eigent­lich für eine muti­ge Per­son gehal­ten hat­te, ent­deck­te sein Unbe­ha­gen ange­sichts der Mög­lich­keit, auf­zu­fal­len, indem er den Namen Dani­el Ellsberg’s in sei­nen Text ein­fü­gen wür­de. Er saß auf einem har­ten Stuhl vor sei­nem Schreib­tisch. Regen pras­sel­te gegen die Schei­ben des Zim­mers. Er war­te­te eine hal­be Stun­de. Dann stand er auf, warf sich sei­nen Man­tel über, hol­te einen Regen­schirm aus dem Schrank und ging spa­zie­ren. Nach fünf Stun­den kehr­te er zurück und setz­te sich wie­der vor die Schreib­ma­schi­ne. — stop
polaroidmalerei

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marlen

2

sier­ra

~ : oe som
to : louis
sub­ject : MARLEN
date : nov 03 13 8.15 p.m.

Zum ers­ten Mal in die­sem Herbst ist Schnee gefal­len. Hel­les Licht am Nach­mit­tag, aber die Son­ne war nicht zu sehen gewe­sen. Wol­ken, fei­nes Gewe­be, berühr­ten das Was­ser, als sie sich lös­ten, begann es zu schnei­en. – Ver­gan­ge­ne Woche ist Mar­len an Bord gekom­men. Sie wird sich Noe kom­men­de Woche in einem schwe­ren Tau­cher­an­zug nähern. Wir haben dar­über gespro­chen, ob sie nicht eini­ge Tage in der Tie­fe blei­ben soll­te, ein Gespräch füh­ren Auge in Auge. Sie scheint sich zu fürch­ten vor der Enge, die sie erwar­tet, eine fröh­li­che, jun­ge Frau. Sie ver­bringt vie­le Stun­den Zeit damit, das Was­ser zu beob­ach­ten, das fast ohne Bewe­gung zu sein scheint. Aber es ist eine star­ke Strö­mung auf­ge­kom­men, wir haben zwei Moto­ren ange­wor­fen, um unse­re Posi­ti­on hal­ten zu kön­nen, das Schiff bebt. Noe berich­tet, dass er uns in der Tie­fe hören kön­ne. Noch weiß er nicht, dass er bald Besuch bekom­men wird. Er liest in die­sen Tagen Wal­ter Ben­ja­mins Geschich­ten einer Ber­li­ner Kind­heit, sehr lang­sam. Dann wie­der, nach Pau­se, Noe’s Selbst­ge­spräch: Lan­ge Zei­ten ohne einen Gedan­ken ohne einen Wunsch ohne eine Erin­ne­rung. Der Blick ins Was­ser. Zar­te Fin­ger von Licht. Höre das Geräusch der Luft. Wünsch­te, ich hät­te eine Uhr. — Ahoi, lie­ber Lou­is, DEIN OE SOM – stop

gesen­det am
3.11.2013
1311 zeichen

oe som to louis »

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analog

9

echo : 22.58 — In dem unter­ir­disch im Ver­bor­ge­nen lie­gen­den Saal, von dem ich berich­te, arbei­ten 5756 Men­schen. Gera­de eben hat die Nacht­schicht begon­nen. Es ist feucht und warm, 36° Cel­si­us, fei­ner war­mer Regen hängt in der Luft, auch ein Rau­schen viel­fäl­ti­ger Stim­men, die flüs­tern. Man sitzt vor klei­nen Tischen, wel­che mit dem Boden ver­schraubt wor­den sind, wie auch die Stüh­le, auf wel­chen man arbei­tet in allen mög­li­chen Posi­tio­nen. Über jedem der 5756 Tische befin­det sich ein Körb­chen, dort ruhen Brie­fe, die schein­bar end­los von der Decke wie vom Him­mel fal­len. Beob­ach­tet man nun einen der Tische genau­er und für eine gewis­se Zeit, wird man bemer­ken, dass es sich bei der Arbeit der Men­schen, die sich im Saal ein­ge­fun­den haben, um die Arbeit des Brief­öff­nens han­delt, kei­ne kör­per­lich schwe­re Arbeit, weil die Luft des Saa­les so feucht ist, dass sich die Brief­um­schlä­ge in den Hän­den der arbei­ten­den Men­schen wie von selbst öff­nen wol­len. Kaum lie­gen die Ein­ge­wei­de eines der Brie­fe flach auf dem Tisch, wer­den sie foto­gra­fiert von allen Sei­ten her, um sodann wie­der in ihren Umschlag gelegt und ver­schlos­sen zu wer­den. Eine Wol­ke von Kleb­stoff tritt zu die­sem Zweck aus einer Düse, die sich je an der rech­ten Sei­te der Tische befin­det, eine Art Rüs­sel, aus wel­chem kurz dar­auf ein hei­ßer Luft­strom pfeift. Prü­fen­de Bli­cke, ist alles so gefal­tet und beschrif­tet wie vor der Öff­nung gewe­sen? Und schon fällt der nächs­te Brief auf den Tisch, wird geöff­net, belich­tet, ver­schlos­sen, in Form gepresst, Minu­te um Minu­te, ein Brief und noch ein Brief, gele­sen wird an ande­rer Stel­le, es ist viel zu warm hier, um noch stu­die­ren und nach­den­ken zu kön­nen, rasen­de Pul­se. Da und dort fal­len Sand, fal­len glit­zern­de Papier­her­zen aus den geöff­ne­ten Kuverts, Schlüs­sel, Gebets­ket­ten, Bank­no­ten, Federn, digi­ta­le Spei­cher­kärt­chen, auf wel­chen, fas­zi­nie­rend, wei­te­re gehei­me Schrift­stü­cke zu ent­de­cken sind. – stop / Ver­suchs­an­ord­nung
polaroidlesender



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