Aus der Wörtersammlung: frage

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amsterdam

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sier­ra : 7.05 — Immer wie­der wun­de­re ich mich dar­über, wie ein Bild, eine Vor­stel­lung, eine Idee, ohne mein Zutun, ohne dass ich also den Ein­druck haben wür­de, Arbeit ver­rich­tet zu haben, wei­te­re Bil­der erzeugt, Geschich­ten, Fil­me, Zeit­räu­me von Abwe­sen­heit. Ich erin­ne­re mich, in einem die­ser Räu­me kürz­lich in Ams­ter­dam gewe­sen zu sein, wäh­rend ich zur sel­ben Zeit im Zug durch süd­li­che Land­schaft reis­te. Ich hat­te das Bild eines Läd­chens vor Augen, in wel­chem in einer Pfan­ne mensch­li­che Ohren gerös­tet wur­den. Es roch gut nach gebra­te­nem Fleisch und natür­lich fra­ge ich mich, woher ich die­se Vor­stel­lung genom­men habe. Men­schen stan­den bis auf die Stra­ße hin­aus, war­te­ten gedul­dig, bis sie an der Rei­he waren, eine Por­ti­on der gerös­te­ten Ohren in einer Papier­tü­te ent­ge­gen­zu­neh­men. 100 Gramm kos­te­ten 72 eng­li­sche Pfund, viel­leicht war es des­halb, in Anbe­tracht des Prei­ses, so still im Laden, man hör­te nur ein Zischen, sobald aus einem Schäu­fel­chen eine wei­te­re Por­ti­on Ohren in die Pfan­ne fiel. Aber drau­ßen auf der Stra­ße war Tumult ent­stan­den. Wäh­rend die einen sich über den enor­men Preis der Ohren beschwer­ten, waren ande­re sehr deut­lich gegen den Ver­kauf mensch­li­cher Ohren über­haupt ein­ge­stellt. Das sind gezüch­te­te Orga­ne, sag­ten sie, sie waren nie an einem mensch­li­chen Kopf befes­tigt. Ande­re hin­ge­gen empör­ten sich dar­über, dass es doch ver­rückt sei, für etwas, das nie­mals echt gewe­sen war, eine der­art exzel­len­te Sum­me Gel­des pro Gramm bezah­len zu müs­sen. Die einen wie die ande­ren schie­nen mir recht zu haben. Fens­ter gin­gen zu Bruch, berit­te­ne Poli­zei feg­te über eine Brü­cke. Und wie ich in die­ser Wei­se in einem Zug sit­zend einen Film erleb­te aus dem Nichts, beob­ach­te­te mich ein Freund. Ich bemerk­te ihn nicht. Als ich ihm spä­ter erzähl­te, was ich erlebt hat­te, sag­te er, er habe indes­sen, in der Beob­ach­tung mei­ner Per­son, nicht den gerings­ten Laut gehört. — stop

ping

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ameisengeschichte

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india : 6.15 — Die müde Stim­me eines Freun­des ges­tern Abend auf dem Anruf­be­ant­wor­ter. Ich hat­te um einen Rück­ruf gebe­ten, der Rück­ruf kam bald. Er mel­de­te, er sei gera­de auf dem Land in sei­nem Haus und kämp­fe mit Amei­sen. In den dar­auf­fol­gen­den Minu­ten hat­ten wir mehr­fach kür­ze­re Ver­bin­dun­gen, die je nur Sekun­den­zeit dau­er­ten. Das waren Ver­bin­dun­gen einer Art gewe­sen, die man viel­leicht von frü­her her kennt, Stör­ge­räu­sche, Wort­fet­zen, Stim­men von sehr weit her, geheim­nis­voll. Nach eini­gen Minu­ten war dann end­lich eine sta­bi­le Ver­bin­dung erreicht. Ich hör­te einen Bericht jener Vor­gän­ge, die sich fern, im Rhein­gau, in einem klei­nen Haus, das sich in der Nähe eines Wal­des befin­det, abspiel­ten. Möbel wur­den ver­rückt, in Mau­er­spal­ten geleuch­tet, Die­len ange­ho­ben, um das Nest der Amei­sen­tie­re, die wie­der ein­mal in das Haus ein­ge­wan­dert waren, auf­zu­spü­ren. Zu die­sem Zeit­punkt hat­te ich noch immer die Vor­stel­lung eines Kamp­fes, der mit den Werk­zeu­gen der Uhr­ma­cher gefoch­ten wur­de, Lupen, Pin­zet­ten, dazu feins­te Net­ze, Nadeln, Honig­trop­fen. Rasch wur­de deut­lich, dass ich mich in Dimen­sio­nen der Vor­stel­lung beweg­te, die mit der Wirk­lich­keit mei­nes Freun­des nichts zu tun hat­ten, mein Freund kämpf­te mit Schau­feln, mit Besen, mit Gif­ten, mit Feu­er, mit Was­ser. Er sag­te, er habe ein­zel­ne Tie­re bereits vor Wochen wahr­ge­nom­men, sie aber zunächst nicht ernst genom­men. Ich stell­te mir vor, wie sie nun über­all sind, ein Haus, das von Amei­sen geflu­tet wird, ein Haus, das eine Haut von Amei­sen­kör­pern trägt. Sie sol­len als Staats­we­sen ohne beson­de­re Intel­li­genz sein. Sie bemer­ken nicht, dass man sie bekämpft, sie wer­den weni­ger, aber sie hören nicht auf, sie flüch­ten nicht, gera­de des­halb sind sie viel­leicht nicht zu bezwin­gen. Und wie­der die Fra­ge, neh­men wir ein­mal an, ein Volk von Wan­der­amei­sen näher­te sich, was wür­de ich hören? Viel­leicht ein gut sicht­ba­res Geräusch? — stop

polaroidstrand

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ryūnosuke akutagawa

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char­lie : 5.05 — Nach der mög­li­chen Exis­tenz von Droh­nen im New Yor­ker Luft­raum gefragt, soll der Bür­ger­meis­ter der Stadt geant­wor­tet haben, dass man sol­che Ent­wick­lun­gen nicht auf­hal­ten kön­ne. „Wir wer­den mehr Sicht­bar­keit und weni­ger Pri­vat­sphä­re haben”. Es sei kei­ne Fra­ge, ob er selbst das gut oder schlecht fin­de. Das sei beängs­ti­gend, aber er sehe letzt­lich kaum einen Unter­schied zwi­schen einer Droh­ne in der Luft und einer Kame­ra auf einem Gebäu­de.“ — In die­sem Moment, es ist kurz nach drei Uhr, ver­lässt die Vor­stel­lung eines Posau­nis­ten, der früh­mor­gens an Bord der Fäh­re MS John F. Ken­ne­dy spie­lend einen neu­en Mor­gen begrüßt, wäh­rend er von einem sum­men­den Flug­ob­jekt in der Grö­ße einer Man­da­ri­ne umrun­det wird, ihren poe­ti­schen Raum. — stop. — Minus 5 Grad Cel­si­us. — stop. — Weit unter mir, auf einer Stra­ßen­la­ter­ne, sitzt eine Amsel. Ich neh­me an, dass sie mich sehen kann. Aber es ist noch zu kalt oder zu früh, um zu sin­gen. Ich habe eine hal­be Stun­de lang in der Beob­ach­tung des klei­nen dunk­len Vogel­schat­tens mein Gedächt­nis trai­niert, indem ich ver­such­te, den Namen eines japa­ni­schen Dich­ters zu ler­nen, der seit dem 24. Juli 1927 nicht mehr am Leben ist. Er heißt Ryū­no­suke Aku­tag­awa. Jetzt ist es kurz vor vier. Nichts wei­ter. — stop

ping

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nachtameise

14

alpha

~ : sam
to : Mr. louis
sub­ject : WANDERAMEISE

Mein lie­ber Freund Lou­is, es gibt Neu­es zu berich­ten. Ich bin näm­lich umge­zo­gen, von einer Woh­nung in eine ande­re Woh­nung, bei­de befin­den sich in dem­sel­ben Haus. Jah­re­lang, wie Du weißt, leb­te ich im 3. Stock, jetzt schaue ich vom 25. Stock­werk auf die Stra­ße hin­un­ter. Die Men­schen sind noch klei­ner gewor­den, ihre Stim­men nicht län­ger zu hören. Ich woh­ne unter dem Dach. Manch­mal lie­ge ich rück­lings auf dem Boden und den­ke, dass es hier ganz wun­der­bar ist, weil ich nie wie­der von Schrit­ten geweckt wer­de, wenn ich schla­fe. Natür­lich ist der Auf­stieg beschwer­lich, kein Lift nach wie vor, aber die Luft scheint hell zu sein, auch nachts, weil sie so gut riecht, nach See­luft, ja, nach See­luft. Vor weni­gen Stun­den öff­ne­te ich das Fens­ter nach Süden hin und füt­ter­te Möwen mit Brot, seit­her umkrei­sen sie lau­ernd das Haus. Die Woh­nung neben­an scheint leer zu ste­hen, von unten ist lei­se Kla­vier­mu­sik zu hören, nichts wei­ter. Es ist über­haupt sehr still hier oben. Wäh­rend ich nachts, eine Wan­der­amei­se, mei­ne Bücher und Papie­re nach oben schlepp­te, war ich kei­ner Men­schen­see­le begeg­net. Aber ich hör­te Stim­men, nicht von den Türen, von irgend­wo her, als wären Men­schen in den Stu­fen, dem Holz des Trep­pen­ge­län­ders, den Wän­den des alten Hau­ses gefan­gen. In den höhe­ren Stock­wer­ken befin­den sich Brief­käs­ten mit schwe­ren, eiser­nen Deckeln, in wel­che man Bot­schaf­ten abwer­fen kann. Natür­lich bin ich nicht sicher, ob sie noch funk­tio­nie­ren. Ich habe zur Pro­be eine Nach­richt fol­gen­den Inhal­tes an mich selbst abge­schickt: Etwas Selt­sa­mes ist gesche­hen. Bin ges­tern Abend ein­ge­schla­fen, obwohl ich in einem äußerst span­nen­den Buch geblät­tert hat­te. Viel­leicht war’s die schwe­re, war­me Luft oder eine schlaf­lo­se Nacht der ver­gan­ge­nen Jah­re, die rasch noch nach­ge­holt wer­den muss­te. So oder so schlum­mer­te ich eine Stun­de tief und fest im Gras und wäre ver­mut­lich bis zum frü­hen Mor­gen hin in die­ser Wei­se anwe­send und abwe­send zur glei­chen Zeit auf dem Boden gele­gen, wenn ich nicht sanft von einer nacht­wan­deln­den Amei­se geweckt wor­den wäre. Kaum hat­te ich die Augen geöff­net, war ich schon mit einer Fra­ge beschäf­tigt, die ich erst weni­ge Stun­den zuvor ent­deckt hat­te, mit der Fra­ge näm­lich, wie Tief­see­ele­fan­ten hören, was sie mit­ein­an­der spre­chen, da doch die Sprech­ge­räu­sche ihrer Rüs­sel sehr weit von ihren Ohren ent­fernt jen­seits der Was­ser­ober­flä­che zur Welt kom­men und rasch in alle Him­mels­rich­tun­gen ver­schwin­den. Eine dif­fi­zi­le Fra­ge, eine Fra­ge, auf die ich bis­her viel­leicht des­halb kei­ne Ant­wort gefun­den habe, weil ich eine Ant­wort nur im Schlaf fin­den kann, wenn mein Gehirn machen darf, was es will. – Dein Sam. Guten Mor­gen! — stop

gesen­det am
17.03.2013
8.15 pm
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polaroidmusiker

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auf der roseninsel

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india : 5.15 — Ich habe etwas Lus­ti­ges geträumt. War nachts mit einem Zug nach Pos­sen­ho­fen gefah­ren. Ein har­ter Win­ter, ich schlen­der­te am Ufer des Starn­ber­ger Sees. Man­schet­ten von Eis umsäum­ten Stei­ne und Höl­zer, die im Nied­rig­was­ser sicht­bar gewor­den waren. Ich erin­ne­re mich, dass ich ver­such­te Wör­ter zu fin­den für Geräu­sche, die mei­ne Schrit­te auf dem gefro­re­nen Boden erzeug­ten. Ich hat­te viel Zeit, ich war auf dem Weg zur Rosen­in­sel. Eich­hörn­chen flitz­ten durchs Unter­holz, auf Bän­ken, wel­che ich pas­sier­te, saßen gefro­re­ne Men­schen, das war selt­sam, weil sie alle lächel­ten, als wäre das Erfrie­ren ein ange­neh­mer Vor­gang gewe­sen. Außer­dem konn­ten sie lei­se spre­chen. Wenn ich ihnen eine Fra­ge stell­te, näm­lich, ob ich auf dem rich­ti­gen Weg zur Rosen­in­sel sei, ant­wor­te­ten sie, ja ja, ihre Stim­men kamen aus den Ohren der gefro­re­nen Gestal­ten her­aus, sodass ich den Ein­druck hat­te, in den mensch­li­chen Kör­pern wür­den wei­te­re Kör­per sit­zen. Auch Fische spa­zier­ten im Traum her­um, auf Füs­sen, an wel­chen sie Wan­der­schu­he tru­gen. Dann war ich irgend­wann ange­kom­men und war­te­te am Ufer, ob mich jemand holen wür­de. Das Was­ser an die­ser Stel­le leuch­te­te, ein Licht, das sich beweg­te. Plötz­lich tauch­te ein klei­nes U‑Boot aus dem Was­ser. Es hat­te die Form einer Zigar­re und war durch­sich­tig und kam sehr nah an das Ufer her­an. Eine Luke öff­ne­te sich. Robert De Niro wink­te und er sag­te, ich sol­le zu ihm ins Boot stei­gen. Wir tauch­ten dann rüber zur Insel, es war Tag als wir ange­kom­men waren, Som­mer. Auf einer Bank saß mein Vater, er las in einer Zei­tung. Hier, in sei­ner Nähe, wach­te ich auf, weil mein Wecker klin­gel­te. Ich nahm den Wecker in die Hand, und als ich drei Stun­den spä­ter wie­der ein­mal wach gewor­den war, hat­te ich den Wecker noch immer der Hand, so wie es sein muss, mit den Weckern, wenn man sie träumt. — stop

polaroidwolken

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daniel pearl

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nord­pol : 6.22 — In weni­gen Tagen wer­de ich die Woh­nung, in der ich lan­ge Zeit leb­te, ver­las­sen, um in eine ande­re, grö­ße­re Woh­nung zu zie­hen. Es wird eine Woh­nung unter dem Dach sein, ver­mut­lich wer­de ich Tau­ben hören, wie sie über mir plau­dernd spa­zie­ren. Ich habe erfah­ren, dass Tau­ben­paa­re auch nachts mit­ein­an­der spre­chen, wäh­rend ande­re Vögel still oder stumm zu sein schei­nen. Aber viel­leicht zwit­schern die­se Vögel, die nicht Tau­ben sind, doch, wenn sie träu­men. Es ist selt­sam, wie ein Frem­der füh­le ich mich nach und nach, wenn ich mich in mei­ner eige­nen Woh­nung bewe­ge. Ich über­leg­te, wer in weni­gen Wochen hier von einem Zim­mer in ein ande­res Zim­mer lau­fen wird. Die­ser Mensch oder die­se Men­schen wer­den zunächst kei­ne Ahnung haben, kei­ne Vor­stel­lung, sagen wir, wer vor ihnen in die­sen Räu­men wohn­te. Es ist denk­bar, dass sie viel­leicht mei­ne Nach­barn fra­gen wer­den. Ich könn­te eine Foto­gra­fie mit mei­nem Namen und einer Bot­schaft hin­ter­las­sen: Hal­lo, hier wohn­te Lou­is, hier an die­ser Stel­le stand mein Schreib­tisch, hier habe ich Tex­te notiert. In einem Win­ter vor lan­ger Zeit, ich ahn­te nicht, dass ich die­se mei­ne Woh­nung ein­mal auf­ge­ben wür­de, hat­te ich die Zeit ver­ges­sen. Ich schrieb Fol­gen­des: Was haben wir heu­te eigent­lich für einen Tag, Sonn­tag viel­leicht, oder Mon­tag? Abend jeden­falls, einen schwie­ri­gen Abend. Wür­de ich aus mei­ner Haut fah­ren, sagen wir, oder mit einem Auge mei­nen Kör­per ver­las­sen und etwas in der Zeit zurück­rei­sen, dann könn­te ich mich selbst beob­ach­ten, einen Mann, der gegen sechs Uhr in der Küche steht und spricht. Der Mann spricht mit sich selbst, wäh­rend er Tee zube­rei­tet, er sagt: Heu­te machen wir das, heu­te ist es rich­tig. Ein Bün­del von Melis­se zieht durchs hei­ße, sam­tig flim­mern­de Was­ser. Jetzt trägt er sei­ne damp­fen­de Tas­se durch den Flur ins Arbeits­zim­mer, schal­tet den Bild­schirm an, sitzt auf einem Gar­ten­stuhl vor dem Schreib­tisch und arbei­tet sich durch elek­tri­sche Ord­ner in die Tie­fe. Dann steht der Mann, er steht zwei Meter vom Bild­schirm ent­fernt, ein Mensch kniet dort auf dem Boden, ein Mensch, der sich fürch­tet. Da ist eine Stim­me. Eine schril­le Stim­me spricht schep­pernd Sät­ze in ara­bi­scher Spra­che, uner­träg­lich die­se Töne, sodass der Mann vor dem Schreib­tisch einen Schritt zurück­tritt. Er scheint sich zur Betrach­tung zu zwin­gen. Zwei Fin­ger der rech­ten Hand bil­den einen Ring. Er hält ihn vor sein lin­kes Auge, das ande­re Auge geschlos­sen, und sieht hin­durch. So ver­harrt er, leicht vor­ge­beugt, bewe­gungs­los, zwei Minu­ten, drei Minu­ten. Ein­mal ist sein Atmen hef­tig zu hören. Kurz dar­auf steht er wie­der in der Küche, lehnt mit dem Rücken am Kühl­schrank, denkt, dass es schneit und spürt eine Unru­he, die lan­ge Zeit in die­ser Hef­tig­keit nicht wahr­zu­neh­men gewe­sen war. Ein Mensch, Dani­el Pearl, wur­de zur Ansicht getö­tet. – Was machen wir jetzt? - stop

ping

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chile

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echo : 6.05 — Der Spatz, der ges­tern Nach­mit­tag auf dem Brett vor dem Fens­ter saß, war ein küh­ler Vogel gewe­sen. Von der Käl­te der Luft so lang­sam gewor­den, konn­te ich ihn ohne Gegen­wehr in mei­ne Hän­de neh­men. Drau­ßen ist es jetzt schon lan­ge dun­kel gewor­den. Der klei­ne Vogel kau­ert in der Nähe der Hei­zung in einem Körb­chen auf einem Tuch und scheint zu schla­fen. Ich fra­ge mich, wie er den Novem­ber, den Dezem­ber, den Janu­ar über­le­ben konn­te. Es ist über­haupt seit län­ge­rer Zeit der ers­te Spatz, der mir begeg­net. Wenn ich dar­über nach­den­ke, weiß ich nicht ein­mal mehr, über wel­che Stim­me Spat­zen oder Sper­lin­ge gebie­ten. Ich höre hier in der Stadt im Som­mer noch das sir­ren­de Gespräch der Schwal­ben und im Win­ter das Gur­ren der Tau­ben vom Dach her und mor­gens ein­sa­me Amseln sin­gen. Die Stim­men der Sper­lin­ge aber sind ver­lo­ren gegan­gen. Gera­de noch habe ich in den Brief­mar­ken­samm­lun­gen mei­nes Vaters geblät­tert, die zu einer Zeit ange­legt wor­den waren, als in Mit­tel­eu­ro­pa noch Wol­ken von Spat­zen durch die Gär­ten wir­bel­ten. Es ist ein eigen­tüm­li­cher Geruch, der von den Alben aus­geht, lan­ge wur­den sie nicht geöff­net. Auch Brie­fe sind dort archi­viert, kost­ba­re Schrift­stü­cke einer Zeit, da mein Vater noch lan­ge nicht exis­tier­te. In die­ser Minu­te erin­ne­re ich mich an einen beson­de­ren Brief, den ich vor Jah­ren ein­mal auf mei­nem Schreib­tisch gefun­den hat­te, ich berich­te­te bereits, es war ein Luft­post­brief. Als ich das Cou­vert des Brie­fes genau­er betrach­te­te, das heißt, als ich den Brief so nahe an mei­ne Augen her­an­führ­te, dass ich die Stem­pel­ein­trä­ge sei­ner Anschrif­ten­sei­te ent­zif­fern konn­te, bemerk­te ich, dass der Luft­post­brief bereits vor lan­ger Zeit in Euro­pa auf­ge­ge­ben und über den Atlan­tik geflo­gen wor­den war. In Sant­ia­go de Chi­le dann ange­kom­men, konn­te der Brief nicht zuge­stellt wer­den, ver­mut­lich weil die Zei­chen, die den Brief beschrif­te­ten, kaum zu ent­zif­fern gewe­sen waren. Nach eini­gen Wochen War­te­zeit, reis­te der Brief, nun mar­kiert mit einem Schild­chen in blau­er, spa­ni­scher Far­be: Impo­si­ble de ent­re­gar! *, über den Atlan­tik zurück, um sich nur weni­ge Tage spä­ter erneut auf den Weg über das Meer nach Chi­le zu bege­ben. Ein wei­te­rer Schrift­zug war hin­zu­ge­kom­men, ein fei­ner, aber groß­zü­gi­ger Stem­pel­auf­druck: -Die­se Sen­dung wur­de von einem Blin­den geschrie­ben!- Zwei fri­sche Wert­mar­ken, nichts sonst ver­än­dert. Und so mach­te sich der Brief bald dar­auf ein vier­tes Mal auf den Weg über das Meer wie­der nach Euro­pa zurück und lan­de­te, weiß der Him­mel, war­um, in mei­ner Nähe, in der Nähe mei­ner Schreib­ma­schi­ne.- stop

* Nicht zustellbar

polaroidlouisa

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sarajevo

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gink­go : 6.38 — Ich habe die­se Geschich­te ges­tern Abend selbst erlebt. Wenn sie mir jemand ande­res als ich selbst erzählt haben wür­de, hät­te ich sie viel­leicht nicht geglaubt, weil sie schon ein wenig ver­rückt ist. Die Geschich­te beginnt damit, dass ich in einem Café sit­ze und auf einen jun­gen Mann war­te, der mir etwas erzäh­len will. Ich bin früh­zei­tig gekom­men, bestel­le einen Cap­puc­ci­no und schal­te mein klei­nes Hand­ki­no an, beob­ach­te eine Doku­men­ta­ti­on der Arbeit Maceo Par­kers in New York, mit­rei­ßen­de Musik, soeben umarmt die Sän­ge­rin Kym Mazel­le den Posau­nis­ten Fred Wes­ley, als der jun­ge Mann, den ich erwar­te­te, plötz­lich neben mir sitzt. Er schaut wie ich auf den klei­nen Bild­schirm. Sofort kom­men wir ins Gespräch. Ich fra­ge ihn, wel­che Musik er gehört habe, als Kind in der bela­ger­ten Stadt Sara­je­vo. Jeden­falls nicht sol­che Musik, ant­wor­tet er, und lacht, no Funk, wir hat­ten kei­nen Strom. Avi ist heu­te Anfang drei­ßig, dass er noch lebt ist ein Wun­der. Tat­säch­lich steht ihm jetzt Schweiß auf der Stirn, wie immer, wenn er von der Stadt Sara­je­vo erzählt. Ein­mal frag­te ich ihn, was er emp­fun­den habe, als er von Karad­zics Ver­haf­tung hör­te. Anstatt zu ant­wor­ten, perl­te in Sekun­den­schnel­le Schweiß von Avis Stirn. Heu­te schwitzt er schon, ehe er über­haupt zu erzäh­len beginnt, weil er weiß, dass er gleich wie­der berich­ten wird von den Stra­ßen sei­ner Hei­mat­stadt, die nicht mehr pas­sier­bar waren, weil Scharf­schüt­zen sie ins Visier genom­men hat­ten. Man schleu­der­te Papie­re, Ziga­ret­ten, Bro­te, Was­ser­fla­schen in Kör­ben von einer Sei­te der Stra­ße zu ande­ren. Die­se Kör­be wur­den nicht beschos­sen, aber sobald ein Mensch auch nur eine Hand aus der Deckung hielt, ja, aber dann. Avi war ein klei­ner Jun­ge. Er war so klein, dass er nicht ver­ste­hen konn­te, was mit ihm und um ihn her­um geschah, auch dass ein Holz­split­ter sein lin­kes Auge so schwer ver­letz­te, dass er jetzt ein Glas­au­ge tra­gen muss, das so gut gestal­tet ist, dass man schon genau hin­se­hen muss, um sein künst­li­ches Wesen zu erken­nen. Er sagt, er könn­te, wenn ich möch­te, das Auge für mich her­aus­neh­men. Aber das will ich nicht. Ich erzäh­le ihm, dass ich damals, als er klein gewe­sen war, jeden Abend Bil­der aus Sara­je­vo im Fern­se­hen beob­ach­tet habe. Was das für Bil­der gewe­sen sei­en, will Avi wis­sen. Ich sage: Das waren Bil­der, die ren­nen­de Men­schen zeig­ten. Avi schwitzt. Und er lacht: Das Fern­se­hen kann nicht gezeigt haben, was geschah, weil es immer schnell und über­all pas­sier­te. Und die­se Geräu­sche. Plötz­lich nimmt der jun­ge Mann mein klei­nes Kino in die Hand zurück, setzt sich die Kopf­hö­rer in sei­ne Ohren ein, hört Maceo Par­ker, Kim Macel­le, Fred Wes­ley, Pee Wee Ellis, nickt im Rhyth­mus der Musik mit dem Kopf. Ein Wis­pern. — stop

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australien

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oli­mam­bo : 3.26 — Im ana­to­mi­schen Insti­tut, unter dem Prä­pa­rier­saal, befin­den sich Arbeits­räu­me für Prä­pa­ra­to­ren, das sind klei­ne­re Zim­mer, in wel­chen metal­le­ne Tische ste­hen, hel­les Licht, sehr hel­les Licht, Lupen­leuch­ten, Pin­zet­ten, Skal­pel­le, Gefä­ße aller Art. Ich besuch­te dort meh­re­re Male einen älte­ren Herrn, durf­te ihm gegen­über Platz neh­men, beob­ach­te­te ihn bei der Arbeit an einem Herz, das vor uns auf dem Tisch ruh­te. Ich erin­ne­re mich noch gut an sei­ne hel­len, fein­glied­ri­gen Hän­de, wie sie rasend schnell Gewe­be vom Herz­kör­per zupf­ten. Der alte Mann war sehr erfah­ren in der Prä­pa­ra­ti­on, und er war schweig­sam, also spra­chen wir wenig. Ges­tern Abend habe ich an ihn gedacht, weil ich nach einem Tele­fon­ge­spräch eine Fra­ge ent­deck­te, die ich nun ger­ne sofort an ihn rich­ten wür­de, wenn ich nur wüss­te, ob er noch exis­tiert. Ich wür­de näm­lich ger­ne erfah­ren, wie es mög­lich sein kann, das Ske­lett eines Men­schen, der gera­de erst gestor­ben ist, sei­nem Kör­per zu ent­neh­men und auf dem Luft­post­weg von Aus­tra­li­en nach Euro­pa zu sen­den. Genau das ist näm­lich vor nicht ein­mal einem hal­ben Jahr­hun­dert gesche­hen. Eine Freun­din, die in Grie­chen­land auf­ge­wach­sen war, eine Grie­chin also, erzähl­te mir ges­tern, sie habe in ihrer Schul­zeit ein mensch­li­ches Ske­lett vor Augen gehabt, von dem sie wuss­te, dass es echt gewe­sen war, dass es zu einem Bür­ger der Stadt, in der sie leb­te, gehör­te. Die­ser Mann war nach Aus­tra­li­en aus­ge­wan­dert, um vor der Armut und Hoff­nungs­lo­sig­keit, in der er leb­te, zu flüch­ten. Kaum in Aus­tra­li­en ange­kom­men, starb der Mann. Und weil er nichts wei­ter zu ver­schen­ken hat­te, ver­mach­te er sein Ske­lett der Schu­le sei­ner Stadt. Der Mann hieß mit Vor­na­men Teofa­nis, wes­halb auch das Ske­lett die­sen Namen trug. Teofa­nis kehr­te also an den Ort zurück, an dem er gebo­ren wor­den war, genau­er sogar in das Klas­sen­zim­mer, in dem er sei­ne Matu­ra abge­legt hat­te, um dort dau­er­haft zu ver­wei­len in einer fei­nen Geschich­te, deren eigent­li­ches Ende in der Zeit bis­her nicht abzu­se­hen ist. — stop

polaroidtraumbild

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ein anderes zimmer

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tan­go : 6.30 — Wie­der die Fra­ge, wie lan­ge Zeit ich bereits über Augen ver­fü­ge? Wann genau schal­te­te sich die Über­tra­gung des Lichts für mich ein? Exis­tie­ren noch Erin­ne­run­gen an die­sen ers­ten Moment, Erin­ne­rung von Far­be, Schat­ten, Bewe­gung? Wel­ches Geräusch war ers­te das Geräusch gewe­sen, das ich hör­te? Ein Herz­po­chen, ein Rau­schen viel­leicht, oder ein Stan­dard von Ben­ny Good­man, Musik in aller­nächs­te Nähe, und doch wie aus einem ande­ren Zim­mer kom­mend? — stop

polaroidvogelflug



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